03.07.1967

LITERATUR / KRIMINALROMANBankrott des Denkens

Der Mörder stammt vom Affen ab, genauer: von einem riesigen Orang-Utan aus Borneo. Diese Bestie -Edgar Allan Poe hat es 1841 erzählt -- verübte "Die Morde in der Rue Morgue" und ging so als Missetäter in die erste mustergültige Detektivgeschichte ein.
Seither sind die Kapitalverbrecher dieser Literaturgattung menschlicher geworden. Sie handwerken, zum ergötzlichen Schauder ihres Publikums, mit Revolvern und Arsen, Nylon-
* Illustration aus der Erstausgabe des Doyle-Romans "Studie in Scharlachrot" von 1881.
** Schauspieler Randall in dein Film "Die Morde des Herrn ABC".
*** Pierre Boileau und Thomas Narcejac: "Der Detektivroman". Luchterhand Verlag, Neuwied; 262 Seiten; 19.80 Mark.
strümpfen und Harpunen, mit Papierscheren, Stopfnadeln und Eiszapfen.
Und dennoch: So raffiniert sie auch zu Werke gehen -- ganz zum Schluß, so verlangt es die Spielregel, werden sie nach spitzfindigster Kombinationsarbeit und vielerlei Verfolgungsjagd allemal entlarvt, und das letzte Wort hat zumeist der Detektiv.
Doch dieses Wort soll ihm nun entzogen werden, die altbewährte Spielregel soll nicht mehr gelten, denn: "Der sogenannte 'klassische' Detektivroman ist endgültig überholt."
So jedenfalls behaupten die französischen Thriller-Autoren ("Die Teuflischen") Pierre Boileau, 61, und Thomas Narcejac, 59, in ihrer Studie "Der Detektivroman". Sie erschien jetzt bei Luchterhand und soll über "bestimmte Konstanten" und die "mannigfaltigen Verwandlungen" in der mehr als hundertjährigen Geschichte des Schreibtisch-Mordens informieren***. Das erfolgreiche Autoren-Duo Boileau-Narcejac, das seit über 20 Jahren den Mord als schöne Kunst beschreibt, hat sich selbst über die ältesten Vorläufer der Gattung seine Gedanken gemacht. Resultat: "Die archaische Form des Detektivromans ist das Orakel." Und der erste Detektiv (das heißt: Ermittler) der Weltliteratur war König Ödipus -- er löste das Rätsel der Sphinx von Theben.
Denn Rätsel und "Roman Policier" haben eines gemeinsam. Beide "putzen einen banalen Bezug so außerordentlich auf, daß er fabelhaft erscheint". Beide sind außerdem von der Lösung her konstruiert: "Ein Rätsel erfinden, heißt bereits, eine Geschichte von hinten schreiben und vom Epilog ausgehen, um den Prolog auszudenken." Genau das tat als erster Krimi-Verfasser der Amerikaner Edgar Allan Poe (1809 bis 1849).
Elemente des Kriminalromans hatten bereits Voltaire, Beaumarchais und Schiller angewandt. 1841 veröffentlichte Balzac den Ermittlungsroman "Eine dunkle Begebenheit". Dennoch waren Schiller oder Balzac von der spezifischen Detektivliteratur so weit entfernt wie später etwa Dostojewski in seinem Mörder-Roman "Schuld und Sühne". Bei ihnen nämlich steht die unberechenbare, widersprüchliche, lebenswahrscheinliche Romanfigur im Vordergrund.
Im klassischen Kriminalroman hingegen -- und das unterscheidet ihn von der hohen Literatur -- dominiert nicht die Person, sondern das Rätsel, das "Problem", und jener Übermensch, der es elegant und mit der Leidenschaft eines Schachspielers löst. Bolleau-Narcejac: "Die Ermittlung hat alles aufgeschluckt, Personen und Situationen. Übrig bleibt der Detektiv." Bisher berühmtester: Sherlock Holmes, ein Wesen ohne Blut, doch mit viel Gehirn und einigen Marotten, Ausgehurt des britischen Arztes Conan Doyle (1859 bis 1930).
"Conan Doyle", belehren Boileau-Narcejac, "wäre ein vollkommener Schriftsteller gewesen, wenn er wirkliche Personen geschaffen hätte. Er hat es nicht vermocht, weil die Detektivnovelle es nicht zuließ. Sie verlangt eine rasche Handlung
Doyle, der die Detective Story in aller Welt berühmt machte, lieferte das klassische Muster für den Kriminalroman -- der fast ausschließlich in der englisch und französisch schreibenden Welt gedieh.
In Frankreich -- Boileau-Narcejac widmen der Kriminalliteratur ihres Landes besondere Aufmerksamkeit -- bewegte sich ab 1907 der Gentleman-Einbrecher Arsène Lupin durch Grand Hotels und Gefängnishöfe, per Fiaker, Schnellzug und Torpedo. Der geniale Verbrecher Fantomas tauchte auf und immer wieder unter. Und 1931 ließ der Belgier Georges Simenon seinen alles verstehenden Jules Maigret -- "Er ist mehr Beichtvater als Kommissar" -- die erste Pfeife stopfen.
In den über 60 Büchern der Engländerin Agatha Christie (Gesamtauflage: 60 Millionen), deren Detektiv Hercule Poirot sich vor allem auf die "grauen Zellen" seines Hirns verläßt, gedieh der Krimi vollends zum "Problemroman", zu einer gekünstelten Konstruktion, die von engen Regeln beherrscht wurde (Beispiel: Der Schuldige darf sich niemals hinter der Ge-talt des Detektivs selbst verbergen). Und da der Leser rasch die Kniffe des Autors erriet, galt es, immer ausgefallenere Verbrechen, phantastischere Waffen, unwahrscheinlichere Umstände zu erfinden.
"Der Begriff des perfekten Verbrechens", erläutern Boileau-Narcejac, "beherrscht die gesamte Detektivroman-Literatur vor dem Kriege."
Zwar wurde die Sherlock-Holmes-Methode gründlich variiert: Im hartgesottenen amerikanischen Krimi regiert als Held ein armer, ehrlicher, zynischer Spürhund, der oft genug Dresche bezieht, bis er dann doch den
* Schauspieler Davies in der Fernsehserie "Kommissar Maigret".
Verbrecher nicht nur entdeckt, sondern auch vernichtet -- die Gewalttätigkeit brach sich Bahn. Später, nach dem Zweiten Weltkrieg, kamen noch Sex und Sadismus hinzu.
Doch noch immer kam der superkluge und omnipotente Detektiv, Agent oder Polizist zu des Rätsels Lösung und zum Happy-End. Noch immer wurde von der Mehrheit der Leser und Autoren "der Problemroman als die reine und definitive Form des Detektivromans betrachtet".
Eben diese Form jedoch wird von Boileau-Narcejac verworfen. Längst schon glauben die beiden Franzosen eines erkannt zu haben: "Ein Roman, dessen Held ein Detektiv ist, das heißt ein Beobachter, ein Mensch, der von dem Verbrechen nicht in Mitleidenschaft gezogen wird ..., ist fatalerweise ein der Erregung beraubter Roman."
Und so plädieren denn die Autoren dieser Krimi-Studie zur Errettung des Krimis für einen möglichst ungekünstelten Roman aus der Perspektive des verstrickten Leidtragenden -- Opfer oder Täter -, wie ihn heute etwa die in England lebende und Schnecken züchtende Texanerin Patricia Highsmith ("Nur die Sonne war Zeuge") schreibt, und wie ihn Boileau-Narcejac selber in Rowohlts Thriller-Serie offerieren. Beispiel: ihr Roman "Die Gesichter des Schattens", der von einem Blinden erzählt, der von seiner Frau sogar über seinen Aufenthaltsort getäuscht wird.
Zwar schreiben auch Boileau-Narcejac weiter "von hinten", doch ihr Ziel ist nicht die "dem Detektivroman eignende Künstlichkeit", sondern ein "wahrhaft sinnverwirrender Roman", der den Leser "an die Grenzen des Verstandes und der Wirklichkeit führt" -- also eine Art Nouveau Roman Policier.
Ihre -- zeitgemäße -- Lösung des Problems: "Der Detektivroman muß, anstatt den Triumph der Logik zu bezeichnen, nun den Bankrott des Denkens zelebrieren."

DER SPIEGEL 28/1967
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