10.07.1967

Nichts wäre schlimmer als der Sieg

Ich gestehe: Als ich im Februar 1967 nach Vietnam reiste, suchte ich nach Material, das die amerikanischen Interessen schädigen würde -- und ich habe es gefunden, freilich oft durch Zufall oder auf die natürlichste Weise im Gang offizieller Informationsgespräche.
Das Finden ist weiter nicht schwierig; die Amerikaner verhehlen nicht, was sie im Schild führen. Es scheint, sie halten es gar nicht für notwendig, ausgenommen die Tarnung durch ihren camouflierenden Wortschwall. So wurde aus Napalm "Incinder-jell" -- eine Art Brenngelee, das freilich mehr wie "Jello" (Götterspeise) klingt. Die Kampfmittel zur Entlaubung des Dschungels nennt man Unkrautvertilger -- als handle es sich um eine Chemikalie, mit der man den Weg zur Garage sauberhält.
© 1967 Mary McCarthy. Der von Klaus Harpprecht ins Deutsche übersetzte Text erscheint im Verlag Droemer/Knaur. Ohne Zweifel deutet die Flucht in den Euphemismus ein schlechtes Gewissen an oder -- heute ist es das gleiche -- einen Stich in den Nerv der Public Relations. Die generelle Ahnungslosigkeit ist die größte Überraschung für den Neuangekommenen in Saigon -- fast eine Art von Unschuld, die es nicht begreifen will, wie es auf einen Außenseiter wirkt, was "wir" unternehmen.
Auf dem Flugplatz von Bangkok grüßte der Krieg die Passagiere der Air France zunächst durch starken Benzingeruch, der uns schnüffelnd die Nase hochziehen ließ, als wir an einem langen Tisch beim Frühstück saßen, fast wie eine Delegation, mit dem Wimpel der Air France in der Mitte. Draußen waren hinter Gitterblenden riesige Esso-Tanks sichtbar; fabrikneue amerikanische Bomber standen aufgereiht wie zum Verkauf.
Auf dem Flugfeld selbst liefen nur wenige Meter neben unserer Caravelle amerikanische Frachtmaschinen warm; amerikanische Hubschrauber flitzten zwischen den Schwärmen der Schwalben hin und her, während US-Militärtransporter ihre Lasten ah luden.
Diese völlige Offenheit war erstaunlich, denn damals hatte man noch nicht offiziell zugegeben, daß die Vereinigten Staaten Thailand als Basis für die Bombenangriffe auf Nordvietnam benutzten. Zu einem deutschen Korrespondenten sagte ich, man hätte wenigstens gedacht, sie würden eine Tarnung vor den Touristen versuchen.
Als die Caravelle in Richtung Saigon weiterflog, konnten die Touristen (auf ihrem Weg nach Tokio oder Manila) das Feuer auf einem südvietnamesischen Hügel beobachten, während sie einen "cool drink" zu sich nahmen, den die Hostess servierte. Von oben sahen die hellen Flammen wie ein Waldbrand im Sommer aus.
Der Flugplatz in Saigon war übersät mit Militärmaschinen. Im "zivilen" Bereich, wo wir landeten, nahm ein Passagier-Jet GIs an Bord, um sie nach Hawaii für einige Tage der Rast und Ruhe zu bringen.
Die Anwesenheit Amerikas war überwältigend. Obwohl man genug darüber gelesen hatte und sich nur allzu gewärtig war, daß hier Krieg sei (wie sie gern sagen), nahm uns der Anblick und die geräuschvolle Gegenwart dieser massierten amerikanischen Macht den Atem.
Wie unbekümmert sie sich auf dieser fremden Erde zur Schau stellte, lässig wie ein Korporal, der sich die Schuhe putzen läßt. "Sie versuchen nicht einmal, es zu verbergen", sagte ich wieder und wieder zu mir selber, als verlange dieser Aufwand an nackter Macht und Kraft wenigstens eine Hülle der Bescheidenheit.
Aber nach wenigen Stunden hatte ich das Gefühl der ungläubigen Überraschung verloren, und als ich am nächsten Morgen in meinem Hotelzimmer das Wort "tarnen" auf einem Notizblock fand, wußte ich nicht mehr, was ich damit gemeint haben könnte (wie das Fragment eines Traums, von dem man beim Aufwachen rasch ein Stichwort auf ein Stück Papier gekritzelt hat, das anderntags nicht mehr zu entziffern ist). Warum sollte übrigens mich, eine Amerikanerin, diese Sichtbarkeit schmerzen?
Als wir durch der. dichten und oft gestauten Verkehr zum Zentrum von Saigon fuhren, traf mich der Schock von neuem: Ich fand mich wieder in einer amerikanischen Stadt, einem schäbigen Nest an der Westküste mit Chinesenviertel und einer schrägäugigen asiatischen Minderheitsgruppe. Nicht nur Militärfahrzeuge jeden Typs und jeder Marke, auch Chevrolets, Chryslers, Mercedes, Volkswagen, Triumphs und überall die weißen Männer in Sporthemden und Jeans.
Die zivile Besatzung wirkt fast noch erstaunlicher als die militärische. Für einen Amerikaner ist Saigon heute weniger exotisch als Florenz oder die Place de la Concorde.
Neue Verwaltungsgebäude in einem billigen, modernen Stil, überschwemmt von aufgeblasenen und aufgedonnerten Sekretärinnen und ihren Chefs aus Washington sind durch Sandsackbarrieren eingemauert und bewacht von der Militärpolizei. Neue, unsolid gebaute Villen für die Amerikaner, in Pastelltönen gestrichen, stehen noch unfertig in der Landschaft, oder der Verputz beginnt schon abzublättern und blasser zu werden.
Auch wenn man Sandsäcke und Maschinengewehre beiseite schaffte, wenn man die Bäume wieder einpflanzte, die hastig umgehackt wurden, um die Straße zum Flugplatz zu erweitern -- auch dann vermag die Phantasie nicht jenes Saigon auszugraben, wie es "davor" gewesen ist. Jetzt erinnert es nur an einen gigantischen PK -- einen Supermarkt für GIs.
Alle diese weißen Männer scheinen braune Einkaufstüten mit Whisky-Flaschen und anderen Köstlichkeiten zu schleppen. Ganze Reihen von Kugelschreibern blitzen in den Brusttaschen ihrer gescheckten Hemden. Ein lederhäutiger Alter -- die Mütze mit dem Zellophanschild ins Gesicht gezogen -- packte vor seiner Villa Golfschläger in den Kombiwagen, während die Frau mit baumwollweißen Haaren und einem billigen Blumenkleid ihn beobachtete, Hände in den Hüften und die Brille an einer Kette um den Nacken hängend.
Wie in den Ferienparadiesen Amerikas trägt man sich nur salopp: Keiner außer den Asiaten bindet je eine Krawatte um den Kragen eines weißen Hemdes.
Alte Vietnamesen und junge mit den breiten konischen Hüten, die ihre "Cyclos" (eine moderne Version der Rikscha) durch die Wirren des Verkehrs treten, vietnamesische Frauen mit hohen Absätzen und ihren hauchdünnen rosa-, lavendel- und malvenfarbigen "Ao Dais" (Schlitzröcken), Straßenzeichen und Transparente in vietnamesischer Schrift -- das alles prägt den Eindruck der Amerikanisierung; mit ein wenig "Lokalkolorit" wirkt es noch stärker, als sei man drüben in einem chinesischen Restaurant von San Francisco oder in einem japanischen Sukiyaki-Haus, unter leise schwingenden Papierlaternen, von Frauen im Kimono bedient, während man auf Matten hockt und "Mit-Stäbchen-Essen" spielt.
Womöglich gleicht Saigon am ehesten Los Angeles und dessen Stadtteilen Hollywood, Venice Beach und Watts. Die alten Marktbuden an der Le Loi und Nguyen-Hué-Straße sind geöffnet, und sie machen noch immer ihre Geschäfte, aber die Waren, die sie handeln, sind für Asiaten exotisch.
Es gibt kaum etwas echt Vietnamesisches zu kaufen, Blumen ausgenommen, Näschereien und Feuerwerk * Mit dem Vietnam-Experten Bernard Fall.
während des Neujahrsfestes (Tet) und -- natürlich -- Souvenierpuppen. Straßenhändler und Kinder bieten ganze Bauchläden voll amerikanischer Zigaretten an und ganze Kästen Johnnie Walker, Haig & Haig, Black & White (entweder vom Schwarzen Markt, also im PK gestohlen, oder gefälscht und gepanscht -- je nach Preis).
Reklametafeln an den Geschäften der Autohändler annoncieren Triumph-, Thunderbird-, MG- und Corvette-Modelle: "Auslieferung hier oder in den Staaten! Bequeme Ratenzahlung!" Nicht-Weiße oder doch die Bürger von Saigon, die nicht im Überfluß wandeln, brausen auf Honda- und Lambretta-Motorrollern durch die Straßen.
Photokopierdienste, Photolabors, Schneidereien nach westlichem Stil, Reinigungsanstalten, Radio- und Fernseh-Reparaturwerkstätten, Klimaanlagen, Olivetti-Schreibmaschinen, Comic Books, die Magazine "Time", "Life" und "Newsweek", Luftpostpapier -- Sie nennen Ihren Wunsch, und er ist erfüllt.
In den Spielzeugläden für die Vietnamesen-Kinder -- es leben kaum amerikanische Kinder in Vietnam -- fehlen natürlich amerikanische Klappmesser nicht, Revolver, Kunstledergürtel mit Pistolenhalftern; freilich sah ich keine Cowboy-Anzüge und keinen indianischen Federschmuck.
Für pharmazeutische Artikel herrscht Hochkonjunktur, und ein Riesenschild, so lang wie das gesamte Dach eines Gebäudes auf dem Marktplatz, zeigt -- weiß der Himmel warum -- einen lächelnden Neger mit sehr weißen Zähnen: Er wirbt für die Zahnpasta Hynos.
Am Tag ist Saigon ein PK, doch in der Nacht, wenn die Lichtreklamen aufstrahlen, gleicht es einer Weltausstellung, vielleicht auch einer Messe in einer ordinären amerikanischen Stadt. Chinesische Restaurants und ungezählte französische (was nicht weiter überrascht), aber auch ein "Dolce Vita" "Guillaume Teil" und das "Paprika" -- -in spanisches Lokal unter dem Dach eines Hochhauses, Spezialitäten: Paella und Sangria.
Die einheimische Küche, die kein Amerikaner probieren möchte, ist mit Verlaub vietnamesisch. Im Februar gastierte ein deutscher Zirkus in der Stadt, "französische" Weine werden in Cholon, dem Chinesenviertel, produziert.
In den Nachtklubs fühlte man sich wie in der Bar eines Luxus-Dampfers auf Kreuzfahrt, böten die Barmädchen nicht eine Orientierung; eine Chanteuse aus Singapur haucht, populäre französische, italienische und amerikanische Schlager ins Mikrophon, ein italienischer Zauberer läßt die Uhr eines älteren vietnamesischen Herrn verschwinden; die Kapelle schmettert "Happy Birthday to You", und die Geburtstagstorte wird aufgetragen.
Das "Laster" in Saigon oder doch, was ich davon gesehen habe, hat den schalen, müden Geschmack des "Playboy"-Magazins. Und was die Tugend betrifft: Ich ging am Sonntag in die Kathedrale am John-F.-Kennedy-Platz (ein Stilgemisch von gotischen, romanischen und leicht maurischen Elementen).
Ich hoffte, eine Messe in vietnamesischer Sprache zu hören. Doch ein irisch-amerikanischer Priester predigte zu einer großen weißen und vorwiegend männlichen Gemeinde von Soldaten, Montagearbeitern und Zeitungskorrespondenten. In den Kirchenstühlen an der Seite ein paar Sekretärinnen von der Botschaft und anderen amerikanischen Dienststellen, dazu eine Anzahl von besseren Vietnamesen beider Geschlechter.
Thema der Ansprache: die Länge der Röcke. Den anwesenden Männern, hob der Pfarrer an, brauche man nicht zu erzählen, daß diese jährliche Verkürzung oder Verlängerung der Röcke eine "traumatische Erfahrung" für jede Frau sei; er verglich die Modezentren unserer Zeit -- New York, Chicago und San Francisco -- mit den alten "Modezentren" der Kirche, nämlich Rom, Antiochia und Jerusalem, und er schien die Einsicht anzuvisieren, daß die verschiedenen Liturgien der Kirche (zum Beispiel die lateinische, koptische, armenische oder maronitische Ordnung -- er war da sehr gründlich) nur Moden, nur wandelbare Sitten des Gottesdienstes seien.
Was wohl die Vietnamesen in ihrem Sonntagsstaat, die eine lateinische Messe auf amerikanisch anhörten, mit dieser Auslegung der Schrift anfangen sollten, denn die Länge ihrer Röcke ist dem Einfluß und den Launen der Modezentren entzogen.
Und was sich die vietnamesischen Kinder, die ich in den Kriegswaisenhäusern sah -- die Kleinsten nackt wie aus dem Mutterschoß -, aus amerikanischen Fernsehprogrammen für Erwachsene machten, auf die sie am Abend vor dem Einschlafen starrten? Doch womöglich ist auch das Fernsehen katholisch; die Worte spielen dann keine Rolle.
Auch Saigon hat sein Smog-Problem. Wie in New York und Los Angeles ist der Himmel von Benzindunst und Zivilisationsdreck verdüstert; es hat sein Müllabfuhrproblem, sein Verkehrsproblem, Stromausfall, Inflation und Jugendkriminalität, kurz: Es beherbergt die Zustände und erfüllt die meisten Kriterien einer modernen westlichen Stadt.
Die jungen Soldaten mögen Saigon, seine Nepplokale und die hohen Preise nicht. Jeder versucht, ihnen etwas anzudrehen oder etwas abzuhandeln. Sechsjährige Jungen, aufgeweckt und scharf wie Stecknadeln, zerren an ihren Ärmeln: "Komm" zu Schwester. Beste Nutte in der Stadt."
Damit die GIs den Versuchungen der Händler leichter widerstehen -- und damit einiges von der Kaufkraft abgesaugt wird -, bietet man ihnen im PK Diamanten und Nerze, steuerfrei (freilich, an dem Tag, als ich dort war, gab es keine Nerze, doch ich sah eine Kassette mit Diamantringen für Preise bis zu 900 Dollar und mehr).
Zum Unglück präsentiert der PK eine eigene Versuchung -- nämlich den Weiterverkauf. Die Taxichauffeure umschmeicheln unseren GI, vor den Cyclo-Fahrern (Vietcong, wer weiß) wird er gewarnt -- leicht kann es passieren, daß er sich in einem vietnamesischen Gefängnis wiederfindet, wie es manchen seiner Kumpels erging, nur weil er tat, was jedermann tut: Schwarzhandel -- illegale Währungstransaktion.
Wenn er beim Einbruch der Nacht durchs Zentrum geht, muß er sich den Weg durch vielköpfige Familien bahnen, die ihre ungesunden Mahlzeiten kochen oder sich sogar schlafen legen, mitten auf der Straße, mitten im Dreck. Wenn er vom Flugplatz hereinfährt, kreuzt er eine Biegung des Flusses, dessen Ufer mit Slum-Hütten übersät ist; man nennt die Siedlung mit würzigem amerikanischen Humor "Cholera Creek".
Für den Soldaten stinkt Saigon. Er ist lieber draußen im Feldcamp. Dort ist es sauber. Für neu eingetroffene Korrespondenten hält der Presseoffizier des amerikanischen Vietnam-Kommandos eine Routineansprache parat: "Bleiben Sie nicht in Saigon: Das ist mein Rat. Gehen Sie hinaus ins Land!" Als ob die Luft reiner sei, wo gekämpft wird.
In mancher Hinsicht ist das wahr. Der Prozeß der Amerikanisierung riecht für die Amerikaner draußen besser, selbst wenn er mit dem Aroma der Napalmbombe parfümiert ist. Draußen steht ein Feind, den ein Mann zu respektieren vermag.
Für viele Soldaten im Einsatz, besonders die jüngeren Offiziere, ist der Vietcong der einzige Vietnamese, der es wert ist, daß man Notiz von ihm nimmt. "Wenn sie nur auf unserer Seite kämpfen würden anstatt dieser gottverdammten ARVIN (Army of the Vietnamese Republic Armee der Südvietnamesischen Republik), dann ·würden wir diesen Krieg gewinnen." Zeitungsleute zitieren diesen Satz gern.
Ich hörte ihn niemals in diesen Wochen, aber ich wurde gewahr, daß Amerikaner nach ihrer Haltung gegenüber den Vietcong beurteilt werden können. Wer die Vietcong "Charile" nennt (wie zum Beispiel der amerikanische Schriftsteller John Steinbeck), ist entweder ein törichter Zivilist, ein unterbelichteter Primitivling in Uniform oder ein einfältiger Nachschwätzer der militärischen Propaganda.
Anständige Soldaten und Offiziere reden vom "V.C." (Vietcong). Der gleiche Ehrenkodex gilt auch in südvietnamesischen Kreisen. V.C. wurde für die Vietnamesen, die zur Ironie neigen, fast eine Art Kosename des Gegners.
Die meisten amerikanischen Militärs zeigen eine hohe Meinung über die kämpferischen Qualitäten der Vietcong, und die Intellektuellen -- sie sind nicht notwendig die besten -- sprechen anerkennend von deren "Motivation".
Die Neugier der Amerikaner ist schon lange eingeschlafen, aber die Vietcong verstanden es, sie bei den Männern der kämpfenden Truppe wieder zu wecken. Aus dem sicheren Umkreis des Lagers hinter Stacheldraht und Sandsäcken studieren sie ihre Gewohnheiten, halb amüsiert und halb bewundernd; es wuchs eine behutsame Beziehung zum unsichtbaren Feind, der vermutlich nur ein paar hundert Meter entfernt sorgsam eine Minenfalle präpariert.
Dieses Verhältnis scheint sich nicht auf nordvietnamesische Truppen zu übertragen; freilich hat man mit ihnen seltener Kontakt. Die Militärs reagieren auf die Vietcong mit angebrachter Nervosität. Wenn sie nicht auf Patrouille verwundet wurden, wenn ihr nächster Kamerad nicht durch eine Mine oder ein Granatwerfergeschoß getötet wurde, zeigen sie keinen Haß, und sie malen den Saboteur in seinem schwarzen Pyjama auch nicht als "Monstrum" -- ein Wort, das man in den Büros von Saigon des öfteren hört.
Überdies wird der Krieg draußen im Feld nicht in Frage gestellt; er ist eine Tatsache. Der Job muß gemacht, die Arbeit beendet werden -- das ist die Haltung der Soldaten. In Saigon erscheint der Gedanke, daß dieser Krieg je zu einem Ende kommt, nur phantastisch. Man spürt, daß die Amerikaner für immer da sein werden; würden sie gehen, bräche die Wirtschaft zusammen.
Welches Hilfsprogramm müßte für die Nachkriegszeit ausgedacht werden -- und den Kongreß passieren! -, um die Luft in diesem Ballon zu halten? Die bürgerlichen, mittleren Schichten meinen, wenn die Amerikaner gehen würden, kämen die Vietcong ganz gewiß zurück, in zwei Jahren, in fünf oder zehn. Genau wie sie zu den "befriedeten" Dörfern zum Neujahrsfest zurückkehren, um eine Visitenkarte, eine Erinnerung zurückzulassen: Wir sind immer noch da
Doch zugleich wird in Saigon der Nutzen der amerikanischen Präsenz, also der Sinn des Krieges, immer zweifelhafter, denn seine wirklichen Folgen, die moralischen und physischen Verwüstungen, sind für jedermann offenbar.
Der amerikanische Soldat, der in seinem Jeep oder seinem Militärtransporter über die schlechten Straßen rattert, beobachtet all diese Asiaten am Steuer ihrer neuen Cadillacs mit Haß. Er weiß Bescheid über die Korruption, oft genug aus erster Hand, weil auch er seinen kleinen Beitrag geleistet hat.
Er kennt die Schiebereien, die Diebereien beim Hilfsprogramm und beim militärischen Nachschub am Hafen. Ihn stößt es ab, daß die eingeborenen Angestellten im PK klauen und sofort einen Streik organisieren, wenn die Managerin sie in Reihe antreten läßt, damit sie beim Verlassen des Gebäudes durchsucht werden.
Und er ließ sich sagen, daß diese "Affen" (wie manche sie nennen) ihre Profite in die Schweiz verschieben oder nach Frankreich, wo de Gaulle -- der für die Vietcong ist! -- gerade die Army hinausgejagt hat.
Natürlich produziert jeder Krieg seine Profitmacher, aber das war für gewöhnlich nicht so sichtbar und kein so unausweichliches Faktum. Eben daß es keine Einschränkungen gibt, wie sie zu Kriegen gehören, daß der Zivilbevölkerung keine Opfer zugemutet werden, keine Rationierung, keine Verknappung, keine Stromsperren (man wage nur einen Vergleich mit London oder auch New York vor 25 Jahren im Krieg) -- eben das läßt diesen Krieg auf einmalige Weise so unmoralisch und so unheroisch werden, und dies vor allem für die Männer, die am ehesten den Tod finden.
Wofür? Damit die Saigonesen und die anderen Zivilisten ein fettes Leben führen? Die Soldaten und Offiziere leben selber ganz nett, doch das versöhnt sie nicht mit der Übersättigung Saigons, eher im Gegenteil.
Mehr noch: Die Atmosphäre des Opfersinns berauscht; Gefahr dreht die Stimmung der Hauptstädte in Kriegszeiten auf. Saigon ist alles andere als aufgedreht.
Merkwürdig ist vielmehr, daß diese Stadt mit den jungen Soldaten, die sie durchstreifen, den jungen Journalisten auf der Nachrichten-Jagd so matronenhaft wirkt -- leblos, lustlos, gelangweilt. Vielleicht weil jedermann zuerst und vor allem am Geld interessiert ist, diesem einzigen Wert, der zirkuliert wie abgestandene Luft in den Hotels und Büros, die von Ventilatoren und Klimamaschinen bewegt wird.
Der Krieg, sagen sie, wird nicht in Saigon gewonnen, auch nicht auf dem Schlachtfeld, sondern in den Dörfern und den Nestern auf dem Land. Dieses Konzept, obwohl abgedroschen (denn es wurde zuerst unter der Präsidentschaft von Ngo Dinh Diem entdeckt und mehr als einmal umgetauft) und unter vielen Namen bekannt: Neues Dorfleben, Aufbausiedlung, Gegenrebellion, Bau der Nation, Revolutionäre Entwicklung, Herz- und Hirn-Programm -- es ist noch immer die bedeutendste Quelle der Inspiration für jene Gruppen der Missionare, der militärischen und zivilen, die meinen, sie dienten einem Kreuzzug. Nicht nur einem Kreuzzug gegen den Kommunismus, sondern für etwas Positives.
In den frühen fünfziger und den ersten sechziger Jahren propagierte man den Krieg als ein Investitionsprogramm. Dem Steuerzahler wurde eingeredet, wenn er den Kommunismus jetzt in Vietnam aufhalte, bleibe es ihm erspart, dem Gegner in Thailand, in Burma usw. entgegenzutreten.
Das war die "Domino"-Theorie, die unsere führenden Staatsmänner heute -- es ist nachgerade komisch -~- vor den Kongreß-Ausschüssen mit großer Geschäftigkeit ableugnen. Plötzlich will keiner zugeben, daß er je ihr Advokat war.
Der Gedanke, daß eine teure Investition am Ende Geld spart, übt auf die Nation der Eigenheimbesitzer eine natürliche Anziehung aus; aber jetzt, da Einsatz und Risiko steigen ("Wann zahlt es sich aus?"), wirkt die Behauptung, Amerika habe Interessen in Vietnam, ein wenig zu spekulativ und auch zu schmutzig und nimmt an Vernichtungskraft zu.
So erklärt sich der "andere Krieg", den Präsident Lyndon B. Johnson in Honolulu proklamierte, ein Krieg, der gleichzeitig als psychologische Strategie für den Sieg im Krieg Nummer Eins und als ein Primärziel für sich selbst beschrieben wird.
In der Tat scheint man in Vietnam von Zeit zu Zeit den "anderen Krieg" als das einzige Motiv für den amerikanischen Einsatz zu erkennen. Dabei wird es den amerikanischen Beamten und Offizieren, in denen der Bürgersinn munter sprudelt, zweifellos wohler ums Herz als bei dem Krieg, den sie vorn Himmel herabbrechen lassen. Amerikaner mögen es nicht, negativ zu sein: Der "andere Krieg" ist konstruktiv.
Um das zu begreifen, muß man aus Saigon heraus, doch bevor man sich auf den Weg macht, hat man sich in einem der neuen Administrationsgebäude darüber unterrichten lassen, was man draußen sehen wird. Freilich wird man draußen wieder unterrichtet, diesmal durch Militärs im Hauptquartier eines Distrikts oder einer Provinz.
Oft genug bekommt man vom "Neuen Dorfleben", den Aufbau- und Befestigungs-Siedlungen" nur die Kurven, Tabellen, Karten und Zeichnungen zu Gesicht, die irgendein eifernder Oberst oder ein frischer Bürokrat mit dem Zeigestock vorführt; vielleicht steckt man auch nur eine photokopierte Broschüre voller Statistiken ein, mit einem Anhang über den Terror der Vietcong.
Auf dem Papier, in Kurven und Tabellen, nimmt sich das alles recht lobenswert aus, besonders wenn man es zuwege bringt, den Bomben-Krach der B-52-Maschinen zu überhören, der die Fenster klirren und die statistischen Tafeln klappern läßt.
Der unterrichtende Offizier zeigt mit Enthusiasmus die erreichten Fortschritte auf: Unternehmen, bisher von der Entwicklungshilfe-Organisation AID organisiert, werden nun unter den Auspizien von OCO (Office of Civilian Operations = Büro für Ziviloperationen) reorganisiert.
Man starrt auf die Tabellen an der Bürowand, in denen auch nicht der Schein einer Logik oder Konsequenz erkennbar ist. "Warum", fragt man sich, "sollen die Jugend-Angelegenheiten der. Abteilung Städtebau-Entwicklung zugeteilt werden?"
Doch der offizielle Herr reibt sich die Hände vor Vergnügen. "Zuerst organisierten wir das Unternehmen vertikal, jetzt ist es horizontal organisiert!" Draußen erfährt man von einem mürrischen Offizier, daß die Vertreter des AID-Programms, die jetzt, womöglich ohne es zu ahnen, dem OCO-Programm dienen, seit einem halben Jahr nicht bezahlt worden sind.
In einem "background"-Gespräch in Saigon ließ man sich erzählen, welche Gesundheitsprogramme von der "Free World Forces", der "Hilfsorganisation Freie Welt", in Angriff genommen wurden.
Wiederum ein Bild leuchtenden Fortschritts: 1965 registrierte man 180 Ärzte, Assistenten, Pfleger und Schwestern der "Freien Welt". 1966 waren es 700 -- in der Tat eine ganz nette Eskalation, eine fast vierfache Steigerung. Aber das militärische Engagement, das der Sprecher nicht erwähnte, schnellte von 60 000 auf 400 000 -- mehr als das Sechseinhalbfache.
Es war auch nicht davon die Rede, daß mit der Verstärkung der Truppe auch die Zahl der zivilen Patienten und Behandlungsfälle wachsen müsse. Unter dem Druck unserer Fragen leicht irritiert, wagte der Beamte die Schätzung, der Anteil der Zivilbevölkerung an den chirurgischen Behandlungsfällen in den Hospitälern mache siebeneinhalb bis fünfzehn Prozent aus.
Er hatte sich -- "bis zu diesem Furore" -- auch nicht übermäßig interessiert, welcher Prozentsatz dieser Patienten Kriegsverletzungen erlitten hatte. Und natürlich interessierte es ihn ebensowenig, welcher Prozentsatz der verwundeten Zivilisten niemals ein Hospital erreichte.
Aber es ergab sich, daß die medizinische Behandlung der Kriegsopfer nicht so sehr zu den Zielen der psychologischen Strategie des "anderen Krieges" gehörte -- sie guck eher einer normalen Entwicklungshilfe in friedlichen Zeiten: Medizinische Ausbildungsstätten sollten hochgepäppelt, die Einrichtung der Hospitäler verbessert werden; man schüttete Spenden von Medikamenten und Antibiotika aus.
Später erfuhr ich von einem Helfer, der draußen Dienst tat, die Arzneien würden unverzüglich von den Krankenpflegerinnen an die Patienten verkauft, denen sie verschrieben seien. Es galt, Kontrolle über epidemische Krankheiten wie Pest und Cholera zu gewinnen und die Bevölkerung zur Gesundheitspflege zu erziehen.
Amerikanische und verbündete Helfer, hört man, bringen den Vietnamesen In den Regierungsdörfern bei, daß Wasser stets abgekocht werden muß und daß die Kinder ihre Zähne putzen sollen. Zahnbürsten werden ausgeteilt, und man zeigt den Kleinen, wie man den besten Gebrauch davon macht. Hätten sich die Kinder daran gewöhnt, machten es die Eltern nach, erklärt ein früherer Sozialfürsorger, der seine amerikanischen Erfahrungen mit Emigranten der ersten Generation auf dieses Land überträgt.
In einer wahren Kampagne bemüht man sich, jeden zu impfen und zu immunisieren, der freiwillig dazu bereit ist: Flüchtlinge und Zwangs-Evakuierte sind, es versteht sich, leichte Opfer, denn man läßt sie für die Spritzen in Reihe antreten, den Durchleuchtungsprozeß passieren und auf ihren Personalausweis warten -- die politischen Gesundheits-Zertifikate.
All das steht keineswegs nur auf dem Papier. Draußen findet man tatsächlich medizinische Hilfstrupps an der Arbeit. Sie stellen bei den wöchentlichen oder 14tägigen "Krankenbesuchen" transportable Polikliniken unter den Bäumen der kleinen Dörfer und Siedlungen auf, geben Arzneien aus, klopfen und horchen ab, sterilisieren und bandagieren.
Die häufigste Diagnose: Tuberkulose-Verdacht. In der Provinz Tay Ninh beobachtete ich ein "Philcag"Team (einen Hilfstrupp von den Philippinen) bei der Arbeit in einem buddhistischen Weiler. Ein Arzt untersuchte einen mageren alten Mann, der sich bis zum Gürtel ausgezogen hatte. "Vermutlich tuberkulös", sagte der Doktor zu mir und schrieb etwas auf eine kleine Karte, die er dem Mann übergab.
"Und was geschieht dann?" wollte ich wissen. Der alte Mann sollte zum Provinzhospital gehen, um sich röntgen zu lassen (das besagte die Karte). Wenn der Befund positiv sei, müsse eine Behandlung folgen.
Ich war beeindruckt, aber -- ich ließ es mir später bei einem Informationsgespräch sagen -- es gibt in Südvietnam nur 60 Zivilkrankenhäuser für beinahe 16 Millionen Menschen. Was hatte am Ende der alte Mann davon? Vermutlich nichts anderes als eine Freilicht-Untersuchung, die ihn gratis darüber informierte, daß er wohl Tuberkulose habe.
Auf der anderen Straßenseite wurden Zahnarzt-Sessel etabliert und Frauen und Kindern jeden Alters mit Tüchtigkeit die Zähne gezogen. Ich fragte nach den Zahnbürsten, von denen man mir in Saigon erzählt hatte.
Der Filipino-Major lachte: "Richtig, wir teilten Zahnbürsten aus. Aber für sie ist das Spielzeug." Dann langte er, ein freundlicher junger Mann, der selber Kinder hatte, in die Tasche, holte Scheine und Münzen heraus, genug, daß sich die Jungen und Mädchen, die sich um ihn drängten, Popcorn (vietnamesischer Art) kaufen konnten.
Später beobachtete ich einen Filipino-General, einen großen und schmucken Mann mit kahlrasiertem Yul-Brynner-Schädel, wie er Tet-Geschenke und Bonbons an die Kinder eines Waisenhauses in Cao Dal verteilte; er nahm ein kleines, blindes Mädchen in den Arm und ließ sich mit ihm photographieren.
Ein paar Stunden zuvor zeigte er sich den Reportern, als er Lebensmittel in einem katholischen Dorf ausgab -- "Free World"- Oberschüsse, zum Beispiel: rote Beete in Büchsen. Die Bilder, erzählte man mir, sollten helfen, das "Philcag"-Programm im Parlament von Manila durchzusetzen, denn Links-Elemente versuchten, die Mittel zu blockieren.
Ich fand nicht, daß der General Schaden anrichte -- es sei denn, man wirft ihm vor, er tue nicht genug, aber dann sind wir alle schuldig; im Gegenteil, er war zweifellos unternehmender als andere Führer der "Aktion" zur Stärkung der staatsbürgerlichen Gesinnung.
Seine Truppe hatte gerade einen breiten Streifen im Dschungel niedergeholzt, durch den wir vorrückten: im Konvoi, von kugelsicheren Westen geschützt, von Karabinern und Maschinengewehren starrend. Hier sollte eine Siedlung des Programms "Neues Leben" für Flüchtlinge entstehen. Die Filipinos hatten auch eine Schule gebaut, und wir hielten an, um sie zu besichtigen. Zur Überraschung des Generals entdeckten wir, daß sie der Distrikt-Chef besetzt und in den Schulstuben sein Quartier aufgeschlagen hatte.
Das Filipino-Team schien ein gutes Einvernehmen mit der Bevölkerung gefunden zu haben, vielleicht, weil seine Mitglieder Asiaten waren. Anderswo, zum Beispiel in Go Cong im Mekong-Delta" beobachtete ich Mißtrauen in den Gesichtern der Patienten; man erzählte mir lange Geschichten von den Rivalitäten zwischen dem vietnamesischen Arzt, einem Gynäkologen, und dem medizinischen Hilfstrupp der Spanier und Amerikaner.
Man sagte uns, wir seien die ersten "Außenseiter" (die ortsansässigen Ärzte machten keine Ausnahme), denen der Vietnamese den Eintritt in seinen Flügel des Hospitals erlaube, in die Wochenstation, die bei weitem die sauberste und modernste im Krankenhaus war -- belegt mit einer Patientin.
Der medizinische Hilfsstab der Deutschen in Hué begegnete ähnlichen Eifersüchteleien. In dem eher schmutzigen Flügel des Go-Cong-Hospitals fand ich zwei Kinder mit bösen Brandverletzungen. "Kriegsverletzungen?" fragte ich den Beamten, der uns führte. Ja, räumte er ein, das seien sie.
Ich wollte wissen, wie viele der Patienten durch Kriegshandlungen verletzt seien. "Etwa vier der Kinder", zählte er nach. "Und ein alter Mann", fügte er hinzu, nach einigem Nachdenken.
Die Filipinos verstehen ihre "Befriedungs"-Aufgabe recht leidenschaftslos: vielleicht weil ihre Truppen in diesem Krieg nicht mit der Waffe kämpfen (der linke Flügel im Parlament!) und weil sie sich eben darum nicht als die Retter des vietnamesischen Volkes aufzuführen brauchen.
Die Amerikaner zum anderen sind wahre Zeloten, am schlimmsten die Schreibtisch-Strategen in Saigon, obwohl man auch draußen im Feld gelegentlich auf Erzgläubige stößt. Etwa auf jenen blöndlichen, bürstenköpfigen Armee-Obersten mit dem feurigen Blick, der gern von den "Nieten und Bolzen" seines Programms sprach, das, wie er glücklich feststellen dürfe, endlich "Wurzeln schlage" und auch im kleinen "von unten" die Unterstützung finde, die es brauche.
Von einem solchen Mann zu erfahren, was er tatsächlich macht -- konkret -, ist völlig ausgeschlossen. Einer seiner Assistenten schiebt sich nach vorn und teilt mit, sie sterilisierten dieses Gebiet als Vorkommando für den Einsatz von RD-Teams (RD Rural Development, Landentwicklung).
"Deren Aufgabe wiederum ist es", fügt der Oberst hinzu, "die Wünsche der Bevölkerung zu ermitteln." Er vermag nicht zu sagen, ob in diesem Bereich eine Landreform stattfand das sei strikt Sache der Vietnamesen; er habe nicht die geringste Idee, wie das Land verteilt sei und wem es gehöre.
Aber die Koordination, das ist sein Feld, hier ist er stark auf der Brust: Alle seine vietnamesischen Partner, jener Oberst zum Beispiel, der "zwei Hüte trägt" (als Provinzchef und Militär), der Bürgermeister und ein abgesetzter General -- sie alle sind "sehr feine und vernünftige Männer".
Diese federnden, eifernden, blitzäugigen Krieger, ob Militärs oder Zivilisten, rührten in mir entlegene Erinnerungen an amerikanische College-Präsidenten auf, die hohe Spenden für ihre Universitäten einzutreiben verstehen. Ihre Diktion ist mit Sauerstoff aufgeladen -- "wenn der Frieden ausbricht", "dann endlich kann das Zeug an Land".
Sie reden eben ganz, wie der College-Präsident zu einer Alt-Herren-Versammlung spricht. Und sie sehen sich selber in der Tat als Erzieher, denen es aufgetragen ist, die Botschaft des "American Way of Life" über alle Länder zu streuen eine neue Propaganda fide.
Als ich einen Vertreter der OCO-Organisation, in Saigon fragte, was seine Leute in den vietnamesischen Dörfern nun wirklich versuchten, um (ich rede in seinen Worten) "das Volk auf Wahlen vorzubereiten", antwortete er knapp: "Wir bringen ihnen Bürgerkunde, Paragraph 101, bei."
Ein amerikanischer Steuerzahler, der meint, Hilfe bedeute Hilfe (aid means help), hat sich entschieden getäuscht. Erstes Ziel der Hilfe ist unter dem herrschenden Regierungssystem: wirtschaftliche Stabilität. In anderen Worten: politische Stabilität für die herrschenden Kräfte.
Hilfe heißt zum zweiten: Erziehung, nämlich Verteilung von Konservennahrung (Einführung neuer Eßgewohnheiten), Verteilung von Saatkorn, Kaugummi und Candy (die Vietnamesen klagen, die GIs feuerten Bonbons wie einen Kugelregen auf ihre Kinder), Unterweisung in Hygiene, Schweinezucht und Fruchtwechsel-Wirtschaft.
Das Programm zielt keineswegs nur darauf hin, die Amerikaner beliebt zu machen -- es soll vielmehr die Vietnamesen aufrütteln, wie ein "stimulierendes" Kolleg fürs erste Semester, das den Studenten beibringt, "Vorurteile" in Frage zu stellen, die Ihnen von den Eltern eingepflanzt worden sind. "Wir versuchen, ihnen die alte Tauschwirtschaft abzugewöhnen und ihnen Vorteile der Marktwirtschaft zu zeigen. Wenn sie"s begreifen, dann marschieren sie ab wie der Teufel!" Ein vor Eifer atemloser US-Funktionär in der düsteren Stadt Phu Cuong erklärte uns: "Wir bringen ihnen bei, was freies Unternehmertum heißt."
Er redet von den "Flüchtlingen" aus dem Eisernen Dreieck, die man mit Gewalt zur Räumung ihrer Dörfer zwang -- durch die "Operation Cedar Falls" ("Räumung und Zerstörung") wurden die Hütten hinter ihnen niedergebrannt und dem Erdboden gleichgemacht.
Man hatte sie gerade in ein Lager gebracht, das südvietnamesische Streitkräfte hastig zusammengezimmert hatten: Die Blechdächer, rot und weiß bemalt, wirkten von oben wie ein riesiges rotes Kreuz. Hier hausten 1651 Frauen, 3754 Kinder und 582 meist alte Männer.
Man hatte ihnen erlaubt, ein paar Möbel, Töpfe, Pfannen, Schweine, Hühner und ein paar Sack Reis mitzuschleppen; auch ihre Rinder waren auf Kähnen hertransportiert worden und siechten nun auf der trockenen, stoppligen, sandigen Ebene dahin.
"Hier haben wir ein Publikum. das sich nicht von der Stelle rühren kann schwätzte der Beamte begeistert weiter: "Das ist unsere große Chance!" Die Chance, Vertriebenen den Geist des freien Unternehmertums und, es ist anzunehmen, Bürgerkunde (Paragraph 101) beizubringen, wenn sie erst "reif" dazu sind.
Zunächst betrachtete sie die Regierung als "feindliche Zivilisten. Noch vor wenigen Wochen waren sie Reisbauern: Frauen, Kinder und Väter der Männer, die man nahezu alle bei den Vietcong vermutete. Nun sollten sie sich ins Zeug legen und Gemüseanbau lernen, denn das Gebiet, das man für ihre schließliche Wiederansiedlung ausgewählt hatte, eignete sich unglücklicherweise -- für Reispflanzungen nicht.
Das wahre Glück schien den armen Leuten vom Lande zu winken, dank des Entwurzelungsprozesses, den sie gerade überstanden hatten. Man würde ihnen die Chance bieten, eigene Hütten zu kaufen und zu bauen -- nach einem Entwurf und mit Materialien, die schon für sie ausgesucht waren.
Die Regierung ließ ihnen 1700 Piaster vom Endpreis nach. Für ein neues Haus gar nichts zu zahlen, das wäre -- auch nur als abstrakte Erwägung -- nicht fair: Es verletzte ihre Menschenwürde. Nur wenn sie ihr Haus mit eigenen Händen und mit eigenem Geld erbauten, würde ihnen das Gefühl zuteil, es sei wirklich ihr Besitz.
Im Lager hatte man ein Schulzimmer eingerichtet. Gespräche mit den Eltern sollen verraten haben, sie wünschten mehr als alles andere Unterricht für die Kinder; fünf Jahre lang hätten sie keine Schule gekannt.
Ich bemerkte, das erschiene mir seltsam, denn die Kommunisten billigten der Schulbildung besondere Wichtigkeit zu. Der Beamte bestand darauf: Fünf Jahre lang keine Schule." Doch ein anderer, jüngerer Amerikaner, der tatsächlich im Lager arbeitete, erzählte mir, daß die Kleinen -- seltsam genug -- durchaus ihre Rechentafel und womöglich auch ihre Fibel kannten. Er habe keine Erklärung dafür. In einem der ausradierten Dörfer, berichtete er weiter, seien Amerikanern Lehrbücher in die Hände gefallen, die bewiesen, daß dort jemand das Partizip Perfekt auf englisch anhand lateinischer Beispiele erklärt haben müsse; Deserteure sprachen von einem Oberschullehrer mit dem Doktortitel us Hanoi.
Vielleicht sagten die Eltern in den Interviews nur das, was die Amerikaner eben zu hören wünschten. In jedem Flecken und Winkel von Vietnam, wo immer der Frieden ausbricht (und sei es nur für eine Atempause), führen die Offiziere der Armee und Marine-Infanterie mit Stolz die Schulhäuser in den Siedlungen vor, die ihre Patrouillen mit geschultertem Gewehr durchstreifen -- jedes von ihren Leuten aufgebaut oder repariert.
In Rach Kien, einem Ort im Mekong-Delta (ein Musterprojekt des Pentagon, jedenfalls vor einigen Monaten), sah ich jenes kleine Schulhaus, das John Steinbeck beschrieb, als er im Januar dort war; ich sah die blauen Pulte, die von den Soldaten unter seinen Augen angemalt wurden. Sie standen draußen in der Sonne; die Schule war, einen Monat danach, noch immer nicht fertig.
In diesem Dorf schien alles stillzustehen -- wie bei "Dornröschen" -, seit dem verzauberten Tag, an dem Steinbeck davonging; nichts war vorangekommen, nichts schien sich mehr bewegt zu haben. Das Bild, das Steinbeck skizzierte: eine Geisterstadt, die langsam wieder zu einem bürgerlichen Leben erwacht, ließ seine Gastgeber lächeln: "Er gebrauchte halt seine Phantasie."
In anderen Dörfern sah ich Schulhäuser, deren Bau zu Ende gekommen war, und sogar eines, in dem unterrichtet wurde.
Ein junger vietnamesischer Sozialhelfer sagte nur traurig, er wünschte, die Amerikaner würden aufhören, Schulen zu bauen: "Sie denken nicht daran, daß wir keine Lehrer haben." Doch das kleine, helle Schulhaus -- für den amerikanischen Traum von unserem Auftrag in Vietnam hat es entscheidende Bedeutung; und entscheidend ist es für den Soldaten, fest daran zu glauben, daß in Vietcong-Dörfern kein Schulunterricht erlaubt sei.
Ich äußerte einige Zweifel, als mir in Rach Kien ein Hauptmann mit allen Zeichen der Berufsentrüstung bewies, daß die "Charlies" die Schule als Stützpunkt gebrauchten.
"Denken Sie wirklich, daß die Kinder unter den Vietcong nichts, aber auch gar nichts lernten?"
"O doch, man hat ihnen die Ideologie eingepaukt", antwortete er hinter würzigen Rauchschwaden aus seiner Pfeife. Mit anderen Worten: V. C.-Bürgerkunde, Paragraph 101.
IM NÄCHSTEN HEFT
Amerikanische Glücksritter und Spekulanten in Vietnam -- Der Krieg als Massentourismus -- Spitzel unter den Flüchtlingen -- Abkürzung des Krieges durch Konzentrationslager?

DER SPIEGEL 29/1967
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