13.03.2006

NORDKOREAFerien im Gulag

Hyundai, der Konzern-Gigant aus dem Süden, organisiert Urlaubsreisen in das geheimnisvolle Reich des Diktators Kim Jong Il. Zu Hunderttausenden strömen die Touristen in den bislang streng abgeschotteten Norden.
Ein neuer Morgen dämmert über Nordkoreas Ostküste, er taucht Kumgangsan, die Region des Diamanten-Gebirges, in ein feuriges Rot. Im Tal strömen Werktätige aus einer Kaserne. Sie haben sich vermummt gegen die schneidende Kälte. Nur ein riesiger Wandspruch, den alle passieren müssen, verheißt Wärme: "Zehntausend Leben für General Kim Jong Il, die Sonne des 21. Jahrhunderts".
Der Arbeitstag im Reich des "lieben Führers" beginnt mit Regeln, deren Sinn für Außenstehende schwer erkennbar ist, die aber jeder streng befolgt. Bis zum Kasernentor dürfen alle mit dem Fahrrad fahren, dann steigen sie wie auf Befehl ab und gehen langsam an der Wache vorbei. Anschließend schieben sie ihr Rad entlang der Straße, auf der fast kein Auto fährt, noch etwa 200 Meter weiter. Erst dann steigen alle wieder auf.
Das Ritual kann man vom Kumgang-Hotel aus beobachten. Vor Jahrzehnten ließ Nordkoreas Staatsgründer Kim Il Sung das zwölfstöckige Gebäude als staatliches Erholungsheim für verdiente Funktionäre errichten. Ein Propagandagemälde vor dem Gebäude - es zeigt Kim als gütigen Landesvater inmitten einer Kinderschar - erinnert an den göttlichen Führer, der vor fast zwölf Jahren starb, offiziell aber auch als Toter weiterhin das Amt des Präsidenten bekleidet.
Unter seinem Sohn, dem heutigen Diktator Kim Jong Il, kam das Kumgang-
Hotel arg herunter. Jetzt aber glänzt es wie neu, grundrenoviert von der südkoreanischen Firma Hyundai Asan - als adäquate Herberge für Touristen aus dem kapitalistischen Bruderland.
Für Gäste aus dem Süden ist Kumgangsan, das Hyundai mit Erlaubnis des "lieben Führers" verwaltet, ein äußerst begehrtes Reiseziel. Allein dieses Jahr werden 400 000 Touristen anreisen, ein Drittel mehr als im Vorjahr, sagt Hyundai-Manager Kim Young Hyun voraus. Viele hoffen, einen Blick in den geheimnisvollen Norden werfen zu können, mit dem ihr Landesteil offiziell noch immer verfeindet ist. Gleichzeitig können die Besucher hier erleben, wie rasant beide Koreas immer enger zusammenwachsen, weitgehend unbeachtet vom Rest der Welt.
Streit über Nordkoreas Atomprogramm? Wirtschaftliche Sanktionen durch die USA, weil der klamme Despot aus Pjöngjang angeblich Dollarnoten fälschen lässt? In Kumgangsan wird von globalen Besorgnissen über den Krisenherd Korea nur am Rande geredet. Umso eifriger wird gebaut, denn das renovierte Hotel ist nur eines von zahlreichen Projekten, mit denen Hyundai die Gegend in eine blühende Exklave des Südens verwandelt.
Hinter einem grünen Zaun hievt ein Kran Baumaterial für einen politisch höchst symbolträchtigen Neubau heran. Im kommenden Jahr soll eine Begegnungsstätte für Familien, die der KoreaKrieg zwischen 1950 und 1953 auseinandergerissen hat, den Betrieb aufnehmen. In einem Seitental macht ein weiteres Projekt Fortschritte, das für Kims Gulagstaat höchst ungewöhnlich ist. Zwei buddhistische Mönche aus Südkorea überwachen den Wiederaufbau eines historischen Tempels, der im Krieg zerstört wurde.
Im September will Hyundai in Kumgangsan überdies einen Golfplatz eröffnen. Der bourgeoise Sport galt im gelobten Land der Arbeiter und Bauern bislang als höchst dekadent. Vergnügen sollen sich auf der Anlage allerdings auch keine nordkoreanischen Werktätigen; sie dürfen nur den Rasen mähen und die Bälle einsammeln für ihre reichen Brüder und Schwestern aus dem Süden. Denen stehen schon
heute ein elegantes Strandhotel, mehrere Restaurants und Filialen einer Supermarktkette zur Verfügung.
Anfangs durften die Kumgangsan-Touristen nur in Dollar zahlen. Inzwischen aber akzeptiert das klamme Regime in Pjöngjang auch südkoreanische Won. Wie ein bankrotter Gutsherr, der brache Ländereien als Campingplätze verpachtet, lässt Kim notgedrungen zu, dass die wenigen Schneisen, die durch den einst fast unüberwindlichen Grenzstreifen am 38. Breitengrad in sein Hungerreich führen, sich immer weiter dehnen.
Eine zweite Insel des Kapitalismus betreibt Hyundai weiter westlich. In der industriellen Sonderzone Kaesong, eine Autostunde von der südkoreanischen Hauptstadt Seoul entfernt. Dort lassen 16 Firmen aus dem Süden von rund 6000 nordkoreanischen Arbeitern einfache Produkte wie Kleidung, Kochtöpfe und Kosmetikbehälter zu Billiglöhnen fertigen.
Welch große Hoffnungen die Regierung in Seoul auf eine Aussöhnung mit dem Norden setzt, zeigt sich am Grenzübergang Goseong an der Ostküste. Von hier aus reisen die Kumgangsan-Touristen in den Norden. Die neue Abfertigungshalle, so geräumig wie ein Flughafen-Terminal, ist auf Zuwachs angelegt. Der ersehnte Autoverkehr zwischen Nord und Süd soll durch fünf Kontrollspuren fließen. Bislang ist allerdings erst ein Schlagbaum geöffnet, den passieren die Touristenbusse von Hyundai.
In nur 15 Minuten erreichen die Südkoreaner ihr Ziel. Die Straße führt durch die mit Minen, Starkstrom und Stacheldraht bewehrte entmilitarisierte Zone. Behutsam wie auf einer exotischen Safari rollen die Busse durch das Niemandsland, parallel zu einer neuen Eisenbahnlinie. Alle paar hundert Meter wachen vom Bahndamm aus finster dreinblickende nordkoreanische Soldaten darüber, dass die Wagen nicht von der vorgeschriebenen Route abweichen.
Den Urlaubern bietet Kumgangsan Erholung in einer Traumlandschaft, aber auch die zwangsverordnete Ruhe vor westlicher Informationstechnologie. Schon bei der Einreise wird ihr Gepäck auf Handys durchleuchtet, denn die Benutzung dieses elektronischen Teufelszeugs hat der "liebe Führer" strikt verboten. Auch Kameras mit starkem Tele-Zoom knöpfen Kims Grenzbeamte den Reisenden ab. Aus den Bussen heraus ist das Fotografieren ohnehin untersagt.
Kumgangsan ist für Nordkorea nach wie vor ein Testgebiet: Wie weit kann der erste Thronfolger einer stalinistischen Dynastie die Öffnung treiben, ohne die Herrschaft über sein riesiges Gefängnis zu gefährden? Zwar dürfte es Kim wenig scheren, dass seine zahlenden Gäste während ihrer Anfahrt neugierige Blicke auf das Elend im Steinzeit-Kommunismus werfen können.
Auf den Feldern ziehen dürre Ochsen die Karren, ein Traktor ist nirgendwo zu sehen, nur wenige Autos fahren auf den Straßen, die Kims Untertanen meist als Fußwege nutzen, nur ein paar Privilegierte haben Fahrräder. Die Fenster der Häuser sind oft mit Plastikplanen abgedichtet. Abends versinken die Dörfer wegen Strommangels in tiefer Finsternis.
Dafür leuchtet Hyundais Ferienparadies dank eigener Energieversorgung umso greller. Weithin sichtbar kündet es von einem Trubel wie im kapitalistischen Süden. Nur etwas mehr als tausend streng ausgewählte nordkoreanische Arbeitskräfte haben Zugang zu dem Areal, das wie ein Militärlager abgeriegelt ist. Doch nirgendwo sonst in dem isolierten Land, dessen Insassen weder frei von Stadt zu Stadt reisen noch ausländisches Fernsehen empfangen dürfen, kommen sich Landsleute aus Süd und Nord so faszinierend nah.
Eine ganz spezielle Stätte der Begegnung ist die Karaoke-Bar im zwölften Stock des Kumgang-Hotels. Dort klatscht Hwang Sang Yoon, Ingenieur einer Messgerätefirma aus Seoul, mit seinen Kollegen begeistert im Takt der Musik - eine der jungen nordkoreanischen Hostessen ergreift gerade das Mikrofon. Am Revers ihres roten Kostüms trägt sie die obligate Anstecknadel mit dem Konterfei des "Ewigen" Präsidenten Kim Il Sung.
Die Entertainerin stimmt einen politisch korrekten Liebessong aus dem Reich der Kims an, die Südkoreaner drängeln begeistert nach vorn und singen mit. Eine kleine ausgelassene Party beginnt, man stellt sich gegenseitig vor und stößt an. Erst als einige Gäste Fotos von den Hostessen machen - auch das ist streng verboten -, kühlt die Stimmung ab. Aufgeschreckt springen die Nordkoreanerinnen aus dem Bild.
Gleichwohl genießt Ingenieur Hwang das seltene Rendezvous mit den Schönheiten aus dem Norden. "Wir sind ein Korea", ruft er fröhlich und hebt sein Glas. Die Damen nicken huldvoll zurück. In kleinerer Runde sagt Hwang dann allerdings, dass sich kaum ein Südkoreaner eine allzu schnelle Wiedervereinigung mit dem bitterarmen Norden wünsche, schon aus Sorge um den eigenen Wohlstand.
Ähnlich denkt auch die Regierung von Südkoreas Präsident Roh Moo Hyun. Sie unterstützt Hyundai bei seinen Projekten im Norden vor allem, um einen Kollaps der Kim-Dynastie zu verhindern.
Mit Blick auf eine künftige Vereinigung baut der Süden die Grenzprovinz Gyeonggi aus und siedelt dort Fabriken an. Lange war die industrielle Nutzung des unmittelbaren Grenzgebiets praktisch untersagt, die Region verödete - ähnlich wie einst die Zonenrandgebiete in Westdeutschland. Doch nun werden neue Investitionen als Signale der Entspannung gefeiert, unabhängig davon, ob die Sechsergespräche über Nordkoreas Atomrüstung weitergehen.
Aber auch mit direkten Hilfen stützt Seoul den notleidenden Nachbarn. Allein im vorigen Jahr lieferte der Süden den armen Verwandten 500 000 Tonnen Reis und 350 000 Tonnen Düngemittel. Generäle aus Nord und Süd verhandelten über die Vermeidung von Grenzzwischenfällen.
Dass die USA, Südkoreas wichtigster Verbündeter, Kims Reich nach wie vor zur "Achse des Bösen" zählen, verstehen die Menschen im Süden immer weniger. Die Mehrheit der Bevölkerung hat den gemeinsam mit den USA geführten KoreaKrieg nicht mehr persönlich erlebt. Sie sieht kaum noch einen Grund, die Kim-Dynastie zu hassen. Fast die Hälfte der Südkoreaner zwischen 17 und 23 findet laut Umfrage, ihr Land solle Nordkorea beistehen, falls die USA den Nachbarn angriffen.
Hyundai fühlt sich daher ermutigt, seine Ferienexklaven auszubauen. Kim Young Hyun, der Kumgang-Manager vor Ort, zeigt begeistert auf die schroffen Felsen: "Als Nächstes wollen wir das innere Gebirge für Urlauber erschließen." Mit einer neuen, anspruchsvollen Bergroute will die Firma auch ehrgeizige Kletterer in das Resort locken.
Vor allem aber ehren die Hyundai-Leute mit ihren Plänen das Vermächtnis des Konzerngründers Chung Ju Yung. Der inzwischen verstorbene Patriot überquerte 1998 mit Hilfslieferungen von insgesamt 1001 Kühen die Grenze zu Nordkorea. Bei spektakulären Treffen mit Diktator Kim fädelte er gemeinsame Projekte ein.
Über den Konzern flossen später auch geheime Gelder in den Norden, mit denen sich der südkoreanische Ex-Präsident Kim Dae Jung im Juni 2000 seinen legendären Gipfel mit Kim Jong Il in Pjöngjang regelrecht erkaufte. Nachdem der Deal ans Licht kam, stürzte sich der Chef von Hyundai Asan, Chungs Sohn Mong Hun, im August 2003 aus seiner Firmenzentrale in Seoul in den Tod.
Nun setzt seine Witwe Hyun Jeong Eun das große Versöhnungswerk fort. Im vergangenen Juli empfing der "liebe Führer" sie zu einer Audienz. Doch wenig später erfuhr Hyun, wie unberechenbar der Geschäftspartner Nordkorea nach wie vor sein kann.
Weil Hyundai seinen wichtigsten Verbindungsmann zum Regime als stellvertretenden Vorstandschef absetzte - der Manager soll 700 000 Dollar veruntreut haben -, rächte sich der tyrannische Kim an Hyundai. Vorübergehend reduzierte er die tägliche Touristenquote nach Kumgangsan auf 600 Reisende. Überdies bot er einem südkoreanischen Konkurrenzunternehmen an, für Hyundai einzuspringen - doch die Firma lehnte ab.
Also macht Hyundai weiter. Inzwischen erwirtschafte der Konzern mit seinen Urlaubsreisen in den Norden erste Gewinne, sagt Manager Kim. Doch das sei gar nicht so wichtig im Vergleich zu dem Beitrag für den Frieden auf der geteilten Halbinsel.
An den glaubt auch die Vorstandsvorsitzende Hyun. Zwar filzten nordkoreanische Grenzsoldaten bei ihrem Kumgangsan-Besuch im vergangenen Jahr die Handtasche der Konzernleiterin aus dem Süden wie bei jedem anderen Touristen auch. Doch trotz dieser Demütigung, so ließ Hyun später wissen, habe sie nur an eins gedacht: "Ich werde nicht aufgeben." WIELAND WAGNER
* Vorstandsvorsitzende Hyun Jeong Eun, Stellvertreter Kim Yun Kyu am 16. Juli 2005 in Wonsan.
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 11/2006
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