19.06.1967

STUDENTEN / PROTESTHaß in der Mitte

(siehe Titelbild)
Der schwarze Cadillac passierte den West-Berliner Grenzkontrollpunkt Babelsberg. 150 Automobile, Trauerflor an den Antennen, folgten ihm -- ohne Aufenthalt, ohne Grenzkontrolle. Junge Pioniere standen Spalier. FDJ-Mädchen warfen Blüten. DDR-Offiziere legten rote Nelken auf den Sarg des Studenten Benno Ohnesorg -- Kondolenz für einen Deutschen, den nicht rote Wächter an der Mauer, sondern West-Berliner Polizei vor der Oper erschossen hatte.
Drei Stunden später, gegen 21 Uhr am Donnerstag vorletzter Woche, erreichte der Trauer-Konvoi bei Helmstedt die Bundesrepublik. Er signalisierte für die westdeutsche Studentenschaft die Ankunft eines neuen, geschärften Bewußtseins. "Mit dem Sarg", schrieb die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "ist mehr als nur ein Toter in die Bundesrepublik übergeführt worden ... Der Funke wird aus Berlin überspringen."
Es ist der Funke des politischen Engagements, der die Studenten der Freien Universität Berlin (FU) aufsässig werden ließ. "Es wird Unruhe geben", prophezeit der SPD-Bundestagsabgeordnete Dr. Günther Müller, Vorsitzender der "Jungsozialisten". "Ansätze für politisches Engagement allgemeiner Art an allen Orten" sieht der Rektor der Universität München, Professor Ludwig Kotter. "Wir registrieren eine unheimliche politische Aktivität, wie wir sie noch nie erlebt haben", sagt der Vorsitzende des Verbandes Deutscher Studentenschaften (VDS), Hans-Joachim Haubold.
Und im Bundestag warnte der SPD-Fraktionschef Helmut Schmidt, einst politischer Studentenführer: "Es ist ganz offensichtlich, daß ein Teil unserer akademischen Jugend -- und nicht nur der akademischen Jugend -- ergriffen ist von Unzufriedenheit und zum Teil von Verzweiflung über die Selbstzufriedenheit des deutschen Kleinbürgers."
Denn die rund 100 000 Studenten, die Anfang dieses Monats in Schweigemärschen durch westdeutsche Universitätsstädte zogen oder sich zu Massenkundgebungen zusammenfanden, trauerten nicht nur um ihren Kommilitonen Benno Ohnesorg. Viele, wohl die meisten von ihnen, protestierten gegen deutsche Polizei und deutsche Obrigkeit, gegen eine Gesellschaft, die -- wie der Berliner Philosophie-Professor Dr. Wilhelm Weischedel schrieb -- "bereits das Demonstrieren von Studenten als unverantwortlichen Müßiggang oder gar als Ausübung von Terror aufzufassen pflegt".
Schwach erst in der Provinz, aber deutlich in den Mammut-Hochschulen der Großstädte waren die ersten Leuchtspuren des Funkenschlages aus Berlin zu erkennen. Gisela Tamm" stellvertretende AStA-Vorsitzende der Pädagogischen Hochschule Göttingen: "Bisher haben wir alles kritiklos übernommen, aber jetzt nicht mehr." Polit-Referent Peter Heinzerling vom AStA der Technischen Hochschule Hannover: "Die Aktion Ohnesorg geht indirekt weiter. Die Leute haben jetzt wenigstens zu diskutieren angefangen."
Ein beachtlicher Teil der westdeutschen Studentenschaft scheint aufgeschreckt aus dem akademischen Halbschlaf, in dem die Hochschüler normalerweise heranreifen zu tüchtigen Patent-Demokraten mit -- wie eine SPIEGEL-Umfrage bestätigte (siehe Seite 28) -- fast denselben politischen Leitvorstellungen und fast denselben gesellschaftlichen Vorurteilen wie die übrigen Deutschen; durchaus besser informiert zwar, stärker interessiert an Staat und Gesellschaft -- aber eben nur ein wenig stärker.
Denn die Jahre zwischen Anpassung in Schule wie Elternhaus und Anpassung in Beruf wie Familie verbringen Westdeutschlands Studenten lieber zwischen Fleiß im Seminar und Fleisch im Strandbad. An den Wahlen zu den Studentenparlamenten, die ihrerseits die Organe studentischer Selbstverwaltung -- die Allgemeinen Studentenausschüsse (AStA) -- wählen, beteiligten sich bislang oft nur 40 Prozent der akademischen Stimmbürger.
Die politischen Studentenverbände -- sie machen mit 10 080 Mitgliedern ohnedies nur 3,7 Prozent der westdeutschen Studentenschaft aus -- bestanden lange Zeit vornehmlich aus Karteileichen. Während sich die Studentenvertreter jahrelang darum stritten, ob sie nur zu studentischen oder auch zu politischen Fragen Stellung nehmen sollten und dürften, waren die Studenten vornehmlich mit der Qualität von "Sozialfraß" -- so der Jargon für staatlich subventioniertes Mittagessen -- beschäftigt.
Wie die AStA ihre Aufgabe vornehmlich darin erblickten, den Studenten verbilligte Kinokarten und Auslandsreisen zu vermitteln, so beschränkten sich die Studenten-Zeitungen darauf, Zimmerpreise und Mensamahl ("mens sana in corpore sanella") zu kritisieren. Interesse weckten Studenten-Blätter, die eine verschwiemelte Pennäler-Polltik betrieben, fast nur mit Sex-Themen.
Erst als -- Anfang der sechziger Jahre -- überfüllte Hörsäle, Bibliotheken und Seminare, verlängerte Studienzeiten, mangelnder Kontakt zu den Professoren und veraltete Lehr-
* Am 9. Juni, dem Tage der Beerdigung Benno Ohnesorgs, in Rannover.
methoden den Studenten die bald vielbeschworene "deutsche Bildungskatastrophe" verdeutlichten, ergaben sich gesellschaftspolitische Reibungspunkte. Und im Juli 1965 gingen Studenten aller deutschen Hochschulen auf die Straße -- aufgerufen vom VDS und aufgebracht über "die Verhältnisse im Lehr- und Lernbetrieb der Universität".
Doch die Verhältnisse, die sind noch so. Noch immer teilen deutsche Professoren, göttergleich, wissenschaftlichen Lehrstoff wie Manna an ihre Studenten aus. Noch immer denkt die Mehrheit wie der Göttinger Historiker Hermann Heimpel, für den die deutsche Universität "im Kern gesund" ist. 82 Prozent der Hochschullehrer, im Studenten-Jargon "Heimpel-Männer" genannt, wandten sich bei einer Umfrage gegen jegliche studentische Mitbestimmung.
Den Studenten blieben als Stoßkeil für Reformation allenfalls die -- meist linksorientierten -- politischen Studentenverbände, wo sich denn auch das Unbehagen am akademischen Betrieb in Reden, Referate und Resolutionen umsetzte.
Doch das "verhaltene Rumoren", das damals der hessische Kultusminister Ernst Schütte wahrnahm, signalisierte noch keinen politischen Protest.
Wohl zerflossen um diese Zeit schon die Konturen der politischen Parteien, aber noch schien dem Gros der Jungakademiker das Gleichgewicht der Kräfte im Staate gewahrt. "Als zwischen den Parteien noch Gegensätze bestanden", so erinnert sich jetzt der Kölner Ordinarius für Soziologie, Professor Erwin Scheuch, "da war an den Hochschulen mehr Ruhe als heute."
Die Ruhe wich, als sich in Bonn die Große Koalition etablierte. Und seither entlädt sich das "Unbehagen an der Entdramatisierung des politischen Lebens" (so Tübingens Polit-Professor Theodor Eschenburg) in studentischem Protest. Verlassen vom Parlament, verfemt von den Sozialdemokraten, denen der Burgersinn nicht mehr nach sozialer Revolution stand, verfolgt vom Argwohn einer Wohlstandsgesellschaft, wähnten sich viele Studenten nun selber in einer Oppositionsrolle.
Ihre Gefühle wurden von Professor Scheuch letzte Woche nachempfunden: "Wo sonst kann heute noch über wirkliche Gegensätze gestritten werden, und wo kann heute noch auf unerfreuliche Wandlungen in der Gesellschaft öffentlich reagiert werden, wenn nicht in unseren Hochschulen?" Und genauso sieht es Tübingens AStA-Vorsitzender Rüdiger Höhne: "Wenn die parlamentarische Opposition im Eimer ist, aber noch immer brennende Fragen da sind, zu denen etwas gesagt werden muß, dann müssen es doch die Studenten tun."
Die brennenden Fragen freilich waren auf den ersten Blick schwer auszumachen. In Berlin und andernorts reagierten sich Studenten gegen Fern-Ost und Wild-West ab -- gegen den Krieg in Vietnam, die Rassenverfolgung in den USA oder ein Gewaltregime in Persien.
Doch "die Themen der einzelnen Protestaktionen sind nur Symptome, mehr oder minder zufällige Kristallisationen einer allgemeinen Spannung" -- so diagnostizierte es der sozialdemokratische Berliner Senatsdirektor und Hochschul-Fachmann Harald Ingensand (siehe Kasten): Es sind "Proteste gegen einen Staat, der laut Grundgesetz ein sozialer Rechtsstaat werden wollte, sich aber bürgerlich restaurierte. Es ist Enttäuschung über Parteien, die Honoratioren-Politik betreiben, Kritik an der Sozialdemokratie, die sich dem Establishment zugesellte".
Gleichwohl war es bis zum Tode Benno Ohnesorgs nur eine gefühlsstarke Minderheit, die solche Enttäuschung empfand, ihrer Kritik im Krawall Luft machte. Und erst seit der Polizei-Prügelei vor der Berliner Oper zeichnet sich, wie der Frankfurter Professor Theodor Adorno erkannt hat, "über die Demarkationslinien hinaus eine politische Solidarität der Studenten" ab.
"Die Erschütterung", so Frankfurts Magnifizenz Professor Walter Rüegg, "hat die politische Erstarrung der Studenten ins Wanken gebracht -- der Boden ist jetzt aufgebrochen." Denn nun, so scheint es, dämmert auch politisch unlustigen Studikern, daß der scheinbar demokratischen westdeutschen Gesellschaft "obrigkeitliche Verfügungen, wenn sie nur Ruhe und Ordnung garantieren, lieber sind als die Ausübung von Freiheitsrechten" (der Berliner Professor Wilhelm Weischedel).
Denen, die sich nicht mit den wirrköpfigen Kommunarden in Berlin gemein machen wollten, scheint aufzugehen, daß "die Schuldigen an jenen Geschehnissen" weniger unter den Kommilitonen zu suchen sind, die eine heile Welt mit fliegenden Pflastersteinen erstreiten wollen, sondern unter den "Politikern und Administratoren, die seit längerer Zeit immer wieder nach staatlicher Autorität und nach einer Ordnung rufen" (Göttingens Professor Bahrdt) und dafür auch mal einen toten Studenten in Kauf nehmen.
Die Staatsbürger in Universitäten wurden gewahr, daß Bundesbürger dazu neigen, oppositionelles Verhalten in kriminelles Verhalten umzuwerten, und vielen wurde klar, daß die Studenten in dieser Gesellschaft "so ein wenig die Rolle der Juden übernommen haben" (Professor Adorno). Denn es scheint, wie Kölns Scheuch sagt, "als ob eine jede Industriegesellschaft Hallobjekte braucht. Wir haben in Deutschland keine Neger, und in unserer Mitte weilen nicht mehr diejenigen, die einmal als Haßobjekte dienten, aber in diese Rolle scheinen jetzt die Studenten gedrängt zu werden
Und viele Studenten wurden hellsichtig für eine Polizei, die mit Knüppeln auf Grundrechte drosch, die sie schützen sollte. Medizin-Professor Alexander Mitscherlich: "Die Studenten passen in das Traditionsschema der deutschen Polizei, die den Feind ja immer links sucht. Solche Feindschemata gibt es in Amsterdam auch, aber dort wird niemand umgebracht. Das gilt natürlich immer als Zufall -- faktisch ist es aber kein Zufall."
Und in der "Abwehr der autoritären, obrigkeitsstaatlichen, einem falschen Ordnungsideal huldigenden Innenpolitik, die sich mehr und mehr breitmacht" (Professor Bahrdt), formierten sich auch die Studenten in Berlin vor der Oper.
Dort machte der Schuß eines Polizisten offenbar, wie weit sich Deutschlands Studenten von der etablierten Gesellschaft entfernt haben. Dort in der Krummen Straße wurde, wie Alexander Mitscherlich sagt, "ein junger Mensch blödsinnigerweise für einen blödsinnigen Gast aufgrund einer blödsinnigen Politik erschossen".

DER SPIEGEL 26/1967
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