19.06.1967

USA / NEGER-SOLDATENBlack and White

Sechs Monate lang kämpfte Gefreiter Milton Olive, 19, mit der 173. US-Luftlande-Brigade im Dschungel von Vietnam. Dann wurde er ein Held.
Als Vietcong-Guerillas seinen Trupp im Phu-Cuong-Gebiet überfielen und eine Granate zwischen die Amerikaner schleuderten, warf sich Olive auf das Geschoß und begrub es mit seinem Körper. Seinen Kameraden rettete er das Leben, er selbst wurde zerfetzt.
Für sein "außerordentliches Heldentum" belohnte US-Präsident Lyndon B. Johnson den Gefreiten -- posthum -- mit der "Medal of Honor".
Milton Olive war ein Neger. Er war der erste farbige Soldat im Vietnam-Krieg, der die höchste amerikanische Kriegsauszeichnung erhielt.
Der farbige Sanitätsfeldwebel Lawrence Joel, 39, war mit einer Kompanie des 1. Luftlande-Bataillons in einen Hinterhalt geraten. Mehrere GIs fielen unter den Kugeln der Roten, die meisten wurden verwundet. Trotz schweren Maschinengewehrfeuers kroch Joel zu seinen blessierten Kameraden, verband farbige wie weiße Krieger und spritzte Morphium.
Zweimal wurde der Helfer selbst getroffen und brach zusammen. Dann wurde er geborgen. Amerikas Oberbefehlshaber Lyndon B. Johnson persönlich heftete ihm die "Medal of Honor" an den Uniformrock. Der Orden wurde in Vietnam bislang erst 14mal verliehen.
Gefreiter Olive und Feldwebel Joel waren unter die Soldaten gegangen, weil sie "als Neger im Zivillehen nichts Richtiges werden konnten".
"Die Neger haben ein für allemal den Mythos zerschlagen, daß sie minderwertige Soldaten seien", stellte das Soldatenblatt "Stars and Stripes" fest. Und US-Brigade -- General Willard Pearson lobte: "Sie zählen zu unseren besten Kämpfern."
Das war nicht immer so. Zwar kämpften im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg etwa 5000 Farbige gegen die britischen Besatzer. Zwar fochten 180 000 Neger während des Bürgerkrieges in farbigen Einheiten auf der Seite des Nordens für ihre Gleichberechtigung. Zwar zogen die Schwarzen an der Seite der Weißen in vier Schwarz-Regimentern auch gegen die Rothäute zu Felde. Doch wie im Zivilleben, so galten sie beim Militär als Menschen zweiter Klasse.
Deshalb vertraute das Verteidigungsministerium im Ersten Weltkrieg seinen 400 000 farbigen Soldaten und 1300 Offizieren zumeist nur Posten im Nachschub an. Lediglich zwei Infanterie-Einheiten wurden zum Kampf gegen die Deutschen nach Frankreich geschickt -- wo ein Regiment der 92. Infanterie-Division ohne großen Widerstand an der Maas vor den Deutschen flüchtete. Amerikas weiße Militärs sahen sich in ihrem Urteil bestätigt.
Elf Prozent der US-Bürger sind Farbige. Als die Japaner Pearl Harbor überfielen, dienten aber kaum sechs Prozent Farbige in der Armee. Nur fünf Neger trugen die Offiziersuniform, drei von ihnen als Seelsorger.
Später wuchsen die US-Streitkräfte auf 4,5 Millionen Mann an -- doch nur 92 000 schwarze Soldaten standen an der vordersten Front. Etwa 800 Farbige waren Offiziere. Noch 1945 empfahl eine Untersuchungskommission der Streitkräfte, Negersoldaten nur beim Nachschub einzusetzen.
Zwar ordnete Präsident Truman drei Jahre später in der "Executive Order 9981" die Integration der Streitkräfte an. Aber noch im Korea-Krieg marschierten die Neger zumeist in geschlossenen farbigen Einheiten.
Auch dort konnten sie sich vom Odium des schlechten Soldaten nicht befreien. Der Divisions-Kommandeur des schwarzen 24. Infanterie-Regiments war über die Leistungen seiner Krieger so entsetzt, daß er Washington empfahl, die Truppe so schnell wie möglich aufzulösen.
Tapferer fochten die Farbigen, wenn sie an der Seite weißer Soldaten standen. Neun von zehn weißen Offizieren der ersten integrierten Einheiten waren mit ihren farbigen. Untergebenen zufrieden, und zwei Schwarze gewannen im Korea-Krieg gar die "Medal of Honor".
Nach dem Korea-Krieg wurden die Neger-Einheiten aufgelöst, die Integration setzte sich durch -- gegen den Widerstand vieler konservativer Militärs. Immer mehr Farbige meldeten sich nun freiwillig zu den Waffen.
Im Marinekorps wuchs der Anteil der Neger von weniger als zwei Prozent (1949) auf neun Prozent im Jahre 1965, in der Air Force verdoppelte er sich: Jeder zehnte Luftkämpfer war 1965 nicht mehr weiß. Beim Heer stellten die Farbigen 1949 lediglich 1,8 Prozent der Offiziere, 1965 waren es bereits 3,6 Prozent.
Jetzt konnten die Neger in den Streitkräften tun, was sie im Zivilleben nur erträumen durften: Weißen Befehle erteilen. Farbige Offiziere oder Unteroffiziere führen weiße Einheiten, auch wenn deren Stamm aus dem negerfeindlichen Süden kommt.
Das Militär bietet den Diskriminierten auch sonst Möglichkeiten, die ihnen im Zivilleben oft verwehrt werden. In den Streitkräften sind sie sozial gesichert und -- wenigstens während des Dienstbetriebs -- gleichberechtigt. Sie haben Aufstiegsmöglichkeiten, können einen Beruf erlernen, zur Schule gehen und an allen gesellschaftlichen Veranstaltungen teilnehmen.
"Im Zivilleben", so erklärte der aus dem negerfeindlichen Südstaat Tennessee stammende Navy-Leutnant Friedel Greene, 25, "sieht man dich an und sagt: Der ist Neger. Hier in den Streitkräften zählt nur die Leistung."
Nur in der Etappe und beim Fronturlaub brechen oft die noch nicht vergessenen Gegensätze auf. Farbige und Weiße besuchen, nach Rassen getrennt, ihre Bars, essen in verschiedenen Restaurants und meiden den Umgang miteinander.
Gelegentlich kommt es in den Straßen des Nachtklubviertels der südvietnamesischen Hauptstadt zu Schlägereien zwischen Schwarz und Weiß. "Saigon", so klagte der Negersoldat Michael Kelly, 21, "ist wie Mississippi."
Der steigende Soldaten-Bedarf in Vietnam läßt die Zahl der dunklen Krieger unaufhörlich steigen. Bis zum vergangenen Jahr fielen noch mehr als zwei Drittel der wehrpflichtigen Neger wegen geistiger Mängel aus -- sie bestanden den simplen Intelligenztest der Streitkräfte nicht. Im Südstaat South Carolina waren es gar 85,6 Prozent. Populärster Versager: Ex-Box-Weltmeister Cassius Clay (SPIEGEL 23/1967).
Seit aber die Denk-Anforderungen gesenkt wurden, müssen immer mehr Farbige den olivgrünen Kampfanzug anziehen.
Die Schwarzen werden bevorzugt zur kämpfenden Truppe abkommandiert, da sie den Militärs wegen ihres geringeren Bildungsgrades oft allein für Kampfeinsätze geeignet scheinen.
So stellen sie in den Kampfeinheiten knapp ein Viertel der Mannschaft, in manchen Verbänden an vorderster Vietnam-Front fechten mehr Schwarze als Weiße.
Anfang 1966 dienten etwa 240 000 farbige Soldaten, darunter knapp 6000 Offiziere, in der 2,8-Millionen-Streitmacht. Etwa jeder zehnte Feldwebel, jeder siebte Armeekorporal ist schwarz.
Sie fallen häufiger als die Weißen. Rund 40 000 Farbige kämpfen in Vietnam, das sind knapp zehn Prozent der dort stationierten Einheiten, Von ihnen fielen zwischen 1961 und 1966 rund tausend -- 16 Prozent des amerikanischen Gesamtverlusts.
Zumeist werden die farbigen GIs noch von weißen Offizieren kommandiert: Von 380 kämpfenden Bataillonskommandeuren in Vietnam sind lediglich zwei Farbige. Nur ein Neger namens Benjamin Davis brachte es -- in der Luftwaffe -- zum Generalleutnant; sein Vater war bereits der erste Negergeneral in der Geschichte der USA.
Oft allerdings behandeln die farbigen Offiziere ihre farbigen Soldaten schroffer als die weißen GIs. "Ich bin stolz, wenn ich einen Negeroffizier sehe", erklärte ein farbiger GI, "doch lieber nicht in meiner Einheit."

DER SPIEGEL 26/1967
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