05.06.1967

MANAGER / SALAMANDERSchöne Krönung

Als Hermann Josef Abs in der Obersekunda des humanistischen Gymnasiums zu Bonn saß, würdigte er den Sextaner Theo Hieronimi keines Blicks. Doch dieser Tage machte der Senior-Chef der Deutschen Bank, der dem Aufsichtsrat der Salamander AG vorsitzt, den unbekannten Schulkameraden zum Generaldirektor des größten europäischen Schuhkonzerns.
Das 1891 gegründete Unternehmen in Kornwestheim bei Stuttgart produzierte im vergangenen Jahr 14 Millionen Paar Schuhe. Über 75 eigene Läden sowie 1600 Vertragshändler -- sie sollen in der Preisklasse zwischen 30 Mark und 60 Mark nur Salamander-Schuhwerk führen -- setzte die Fabrik 1966 rund eine halbe Milliarde Mark um. Salamander hat eigene Geschäfte in Paris, Brüssel und Amsterdam sowie mehrere Fabriken in Frankreich, Italien und Österreich.
Unter den 16 000 Beschäftigten ist der neue Mann an der Spitze der einzige, der von Schuhen nichts versteht. Theo Hieronimi, 58, hat auch noch nie eine Ware verkauft und leitete niemals ein Unternehmen.
Freilich hat kaum ein westdeutscher Manager so viele Firmen besucht, so viele Verbände kontaktiert und bei so vielen Ministerien angeklopft wie Hieronimi. Zwanzig Jahre lang diente der hochgewachsene Mann mit der weißen Kranzglatze, der aus Elberfeld an der Wupper stammt, dem Kölner Warenhauskonzern Kaufhof AG.
Als Fachmann für Tarif- und Arbeitsrecht hielt er Kontakt zum Betriebsrat und zu den Gewerkschaften, vor allein aber vertrat Hieronimi die Geschäftsinteressen des Kaufhofs als Chef-Lobbyist in Bonn und Brüssel. In der Kölner Kaufhaus-Zentrale galt der Manager, der seit 1962 offiziell den Titel "Generalbevollmächtigter" führt, als "unser Außenminister".
So selten der Berufsweg eines Chefkontakters im Chefzimmer mündet, so sehr sticht der wortgewandte Wirtschaftsdiplomat von der Spezialistenriege deutscher Top-Manager ab: Der Katholik Hieronimi ist -- laut eigenem Zeugnis "ein durch und durch politischer Mensch mit ausgemachtem Linksdrall".
Zu Höherem schien schon der Student der Jurisprudenz, Volkswirtschaft und politischen Wissenschaften nicht berufen; Hieronimi wollte Journalist werden. Heinrich ("Papa") Krone, einst Zentrumspolitiker und später Unions-Fraktionschef und Minister in Bonn, korrigierte 1932 Hieronimis Weg nach links, Der Zentrumsmann machte den Hochschul-Absolventen zum Reichsgeschäftsführer der Windthorstbünde, der Jugend-Organisation des Zentrums; außerdem redigierte Hieronimi die Windthorst-Monatszeitschrift.
1933 endete der Ausflug in den Journalismus, ein Polizist sperrte die Zentrums-Redaktion zu.
Der politisch Heimatlose ging als Privatsekretär bei dem japanischen Handelsattaché Dr. Nagal, mit dem er entfernt verwandt war, in Stellung. Später gab ihm die ehemalige Vorsitzende der kommunistischen Hochschulgruppe in Berlin den Tip, das gerade arisierte Warenhaus Kaufhalle sei der günstigste Unterschlupf für politisch Mißliebige. Hieronimi wurde Substitut, und bis Kriegsende verglich er die Kaufhalle-Preise mit der NS-Preisstopp-Verordnung. Vor dem Militär bewahrte ihn das Gutachten eines befreundeten Arztes, Hieronimi habe es am Magen.
1945 waren weiße Westen zunächst sehr begehrt. Die Militärregierung und die deutsche Verwaltung der britischen Zone machten den Substituten zum Leiter ihrer Handelsabteilungen. Doch als die Übernahme ins Beamten-Verhältnis drohte, ging Hieronimi 1947 zur Kölner Kaufhof AG, der Mutterfirma seiner alten Kaufhalle.
Erst auf der Handeisstufe kam Hieronimis Verhandlungstalent ans Licht. Laut Anordnung der Besatzungsmächte durften die einzelnen westdeutschen Branchen damals keine Wirtschaftsvereinigungen gründen. Da jedoch die Kaufhäuser ihre Expansionspläne mit dem greinenden Mittelstand abstimmen mußten, waren Spitzengespräche dringend vonnöten.
Hieronimi wußte Rat. Der Kaufhof AG gehörte eine Immobilienfirma "Handeisstätte Mauritius GmbH", von der freilich nur noch der Name bestand. In den Verwaltungsrat dieses Firmenschattens holte er die Repräsentanten des Handels zu vertraulichen Spitzengesprächen. Später vereinbarte der Mauritius-Chef mit den Konzernen Karstadt, Horten und Hertie zum Beispiel, bis 1967 in Städten, die weniger als 200 000 Einwohner haben, keine weiteren Warenhäuser zu errichten.
Kaufhof -- Generalbevollmächtigter Hieronimi heute: "Vor 1933 hatten die Großbetriebe des Handels eine nicht sehr rücksichtsvolle Politik praktiziert und viele Einzelhändler in die NSDAP getrieben. Das waren Fehler, die nicht wiederholt werden durften."
Einen Mann mit besten Kontakten zu Klein- und Großhändlern, zu Arbeitgebern und -nehmern wollte Konrad Adenauer 1961 für seine Partei in den Bundestag holen. Der Umworbene, den seine Freunde einen "Marienkäfer, rot mit schwarzen Punkten" nennen, nahm die Kandidatur unter der Bedingung an, daß er für seine Wahl keinerlei Anstrengungen zu unternehmen brauche. Als ihn die rheinischen Christen auf einen unsicheren Platz ihrer Landesliste setzen wollten, wurde es nichts mit dem Abgeordneten Hieronimi.
Der Zufall half ihm jetzt höher hinauf. Anfang 1966 trat das neue Aktiengesetz in Kraft, nach dem kein Manager mehr als zehn Aufsichtsratsmandate in der Wirtschaft haben darf. Bankier Hermann Josef Abs. der sich bei mehr als zwei Dutzend Spitzengremien festgesetzt hatte, mußte die überzähligen Plätze frei machen, darunter auch seinen Aufsichts-Stuhl bei Salamander. Absens Nachfolger wird der derzeitige Salamander-Generaldirektor Dr. Elmar Michel, der wiederum seinen Freund Hieronimi für die Generaldirektion nominierte.
Salamanders neuer Chef, der im Januar nächsten Jahres in Kornwestheim sein Amt antritt, nahm den Job nach kurzer Überlegung und dem Rat seiner Frau Gustel an: "Das ist eine schöne Krönung deiner Laufbahn."

DER SPIEGEL 24/1967
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