22.05.1967

HONGKONG / UNRUHENHand am Hahn

Von den Balkons zwölfgeschossiger Wohnhochhäuser dröhnten dumpfe Trommelsignale. Von den Dächern hagelten Ziegelsteine und Molotow-Cocktails. In den Straßen legten randalierende Demonstranten Feuer an Autos und Bankhäuser; im beißenden Rauch von Tränengasbomben wälzten sich Verletzte -- Chinas Kulturrevolution hatte die britische Kronkolonie Hongkong erreicht.
In der Kolonie an der Südküste Chinas -- der Fläche nach so groß wie Hamburg und Bremen zusammen -- brach die Revolution über Blumen aus.
Wochenlang hatten sich etwa hundert chinesische Arbeiter einer Kunstblumen-Fabrik im Stadtteil Kowloon mit ihrem Arbeitgeber über Löhne und Arbeitsbedingungen gezankt. Dann sperrte der Unternehmer die Unzufriedenen aus.
Angeführt von kommunistischen Gewerkschaftsführern, versuchten die Ausgesperrten, die Fabrik zu stürmen. Der Arbeitskonflikt wurde zum Straßenkampf. Doch er entwickelte sich anders als die vielen Krawalle, die Hongkong schon erlebt hat, seit die Briten die Stadt 1898 von den Mandarinen in Peking für 99 Jahre pachteten.
Noch im Vorjahr hatte sich Rotchina neutral verhalten, als chinesische Bewohner der 3,8-Millionen-Stadt gegen eine Erhöhung der Fahrpreise ankämpften. Denn für die roten Mandarine in Peking ist das britische Hongkong lebenswichtig.
Englands Mini-Kolonie ist Chinas zweitwichtigster Außenhandelspartner. Aus oder über Hongkong bezieht Peking fast die Hälfte seiner jährlichen Devisen-Einnahmen: rund drei Milliarden Mark. Die rotchinesische Bank in Hongkong kontrolliert 14 der insgesamt 89 großen Bankhäuser in der zollfreien Kronkolonie. In 30 Warenhäusern werden originalchinesische Güter verkauft.
In den letzten Monaten mehrten sich jedoch Anzeichen einer härteren Haltung der chinesischen Kulturrevolutionäre gegen den kolonialen Fremdkörper auf Chinas Boden:
> Im Dezember 1966 zwangen die Rotchinesen dem Hongkong-Nachbarn Macao -- einer portugiesischen Enklave -- nach inszenierten Arbeiter-Unruhen eine demütigende Unterwerfung auf;
> seit Jahresbeginn warnte Peking die Briten wiederholt davor, Hongkong weiterhin den USA als "Aggresssionsbasis gegen Vietnam" zu überlassen -- ein Vorwurf, der darauf beruht, daß sich Tausende US-Soldaten in der Kronkolonie vom Dschungelkrieg erholen und Hongkong Lebensmittel sowie Nachschubgüter an die Amerikaner in Vietnam liefert.
"Die britische Regierung", stellte Peking fest, "wird letztlich ihre eigenen Interessen schwer schädigen, wenn sie sklavisch der amerikanischen Aggressionspolitik folgt."
Im Vertrauen auf den Nutzen, den China aus Hongkong zieht, ignorierten die Briten die gelben Drohungen. Als die Krawalle um die Plastikblumen ausbrachen" sahen Gouverneur und Polizei darin ein Routine-Ärgernis.
Doch binnen weniger Tage verbreitete sich der Aufruhr über den ganzen Stadtteil Kowloon; die Briten mußten sechs Kompanien Bereitschaftspolizei einsetzen und eine nächtliche Ausgangssperre über die Stadt verhängen.
Dennoch tauchten täglich neue Demonstranten auf -- sie trugen die Uniformen von Maos Roter Garde, sie hielten Mao-Bibeln in der Hand. Im Kampf mit der Polizei fiel ein 18jähriger Rotgardist.
"Blutschuld kann nur mit Blut getilgt werden", hetzte daraufhin eine pekingtreue Hongkonger Zeitung. Radio Peking befand: "Die Briten in Hongkong haben angesichts der Kulturrevolution den Verstand verloren."
Dann blies Peking selbst zum Angriff. In Schanghai verwüsteten Jugendliche die Wohnung eines britischen Diplomaten. In Peking zwangen Rotgardisten einen englischen Diplomaten, unter einem Mao-Porträt durchzukriechen. Vor dem Gebäude der britischen Gesandtschaft verbrannten Rotgardisten Wilson-Puppen.
Am letzten Montag wurde der britische Geschäftsträger Donald Hopson um sieben Uhr morgens ins Pekinger Außenministerium zitiert. Maos Diplomaten überreichten ihm ein "sofort und bedingungslos zu erfüllendes" Ultimatum:
> unverzügliche Einstellung aller "faschistischen Unterdrückungsmaßnahmen" in Hongkong,
> sofortige Freilassung aller Inhaftierten,
> Bestrafung der Schuldigen für "die blutigen Grausamkeiten".
"Diese Forderungen sollen offenbar klarstellen, daß der einst mächtige britische Löwe nur noch ein Papiertiger ist", kommentierte der Londoner "Guardian".
Noch antwortete London nicht auf die Pekinger Bedingungen, obwohl sie letzten Donnerstag auf einer Massenversammlung in. Peking wiederholt wurden. Aber die ersten negativen Folgen für Hongkong zeigten sich bereits: Tausende Touristen stornierten ihre Buchungen, Hongkong-Werte an den Börsen fielen.
Falls die Briten die chinesischen Forderungen zurückweisen, hat Peking die Möglichkeit, der Kronkolonie den Hahn abzudrehen: Hongkong bezieht fast die Hälfte seines Trinkwassers aus China.

DER SPIEGEL 22/1967
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