28.08.1967

DDR / FÜNF-TAGE-WOCHESamstags nie

Von der Sowjet-Union lernen", so lernten und glaubten die Genossen jahrzehntelang, "heißt siegen lernen."
Doch seit Beginn dieser Woche stimmt der SED-Wahlspruch nicht mehr: Zum 28. August wurde in Walter Ulbrichts Republik per Regierungs-Dekret die Fünf-Tage-Woche eingeführt und damit zum erstenmal das westliche Beispiel dem Moskauer Vorbild vorgezogen. Denn in der Sowjet-Union und allen anderen Ostblockstaaten wird weitgehend noch immer an sechs Tagen in der Woche gearbeitet, in der DDR jedoch vom Montag dieser Woche an samstags nie**.
Formal geht diese neue Arbeitszeitregelung sogar über den sozialen Fortschritt westlicher Länder hinaus. In der Bundesrepublik beruht die Fünf-Tage-Woche (bei durchschnittlicher Arbeitszeit von 41,62 Wochenstunden) auf freier -- und darum theoretisch revidierbarer -- Vereinbarung zwischen Unternehmern und Gewerkschaften. Die DDR aber, so renommierte das SED-Zentralblatt "Neues Deutschland" in Ost-Berlin, "ist heute das einzige Land in Europa, in der diese volle Fünf-Tage-Arbeitswoche gesetzlich verbrieftes Recht der Werktätigen ist".
Chronischer Arbeitskräftemangel, veraltete Produktionsmethoden und unmoderne Betriebsausrüstungen standen jahrelang dem Wunsch der DDR-Werktätigen nach mehr Freizeit entgegen. Erst als die SED-Führer eine Stabilisierung der DDR-Wirtschaft -- späte Folge des Mauerbaus -- und Erfolge bei der Rationalisierung in der Industrie feststellen konnten, kürzte Ost-Berlin zu Ostern 1966 die Arbeitszeit von durchschnittlich 48 auf 45 Wochenstunden. Jeder zweite Sonnabend blieb fortan arbeitsfrei.
Und schon ein Jahr später waren die Pläne für den zweiten Schritt fertig: Auf Ulbrichts Vorschlag präsentierten die Delegierten des VII. SED-Parteitags im April dieses Jahres dem DDR-Volk gleich ein ganzes Sozialpaket. Es enthielt neben der Einführung der Fünf-Tage-Woche zum 28. August
> die generelle Verkürzung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich (bei Arbeitern mit 45 Wochenstunden auf 433/4 Stunden, bei Arbeitern mit 44 Wochenstunden auf 42 Stunden),
> die Erhöhung des gesetzlichen Mindesturlaubs von zwölf auf 15 Tage,
> die Erhöhung der Mindestbruttolöhne von 220 auf 300 Mark sowie eine "differenzierte Erhöhung" aller Einkommen, die unter 400 Mark liegen,
> die Erhöhung des staatlichen Kindergeldes für das vierte Kind von monatlich 40 auf 60 Mark und für jedes weitere Kind von 45 auf 70 Mark und
> (zum 1. Juli 1968) die Erhöhung der Mindestrenten von 129 auf 150 Mark.
Um allerdings wenigstens einen Teil der ausfallenden Arbeitszeit wieder wettzumachen, arbeitete Ost-Berlins Regierung zugleich eine neue Feiertagsordnung aus. Sie bestimmt, daß am "Tag der Befreiung" (8. Mai), an Ostermontag, Himmelfahrt, Fronleichnam, Reformationstag und Bußtag fortan wie an Werktagen gearbeitet wird. Wer an den kirchlichen Feiertagen "religiöse Veranstaltungen" besuchen will, kann "dafür unbezahlte Freizeit in Anspruch nehmen".
Seit diesem Parteitagsbeschluß werden die DDR-Werktätigen mit Direktiven, Plankorrekturen und Informationsmaterial überschüttet. Dennoch befürchtet die SED, daß diese bisher komplizierteste aller DDR-Aktionen nicht ohne Reibungsverluste ablaufen wird. "Neues Deutschland" vorsichtig: "Natürlich sind mit der Einführung dieser großen sozialen Maßnahme vielfältige Probleme verbunden."
Ungewiß ist, ob die Arbeiter auf Staatsgütern für die sommers unvermeidliche Mehrarbeit tatsächlich, wie versprochen, im Winter entschädigt werden können. So gut wie sicher dagegen ist, daß zahlreiche Einzelhandeisgeschäfte ihre Verkaufszeiten an Sonnabenden reduzieren müssen, weil aus Mangel an Personal kein Schichtdienst eingeführt werden kann.
Und um die Kontinuität der Dienstleistungen etwa im Transportwesen oder in der medizinischen Versorgung zu sichern, wird ein Teil der DDR-Bürger nicht jeweils am Sonnabend und Sonntag, sondern an wechselnden Wochentagen frei haben.
Das wird zu Komplikationen vor allem wegen des hohen Anteils arbeitender Frauen (47 Prozent aller Werktätigen) führen***. Denn wenn in einer Familie auch nur einer der Ehepartner im durchgehenden Schichtdienst arbeitet und folglich die beiden freien Tage zumeist außerhalb des Wochenendes nehmen muß, hat das Ehepaar nur selten gemeinsame Freizeit.
Das alles plagt Partei- und Staatsführung ebenso wie die Frage, was die DDR-Bürger mit ihrer neugewonnenen Freizeit anfangen werden. Vom Wunsch nach der verplanten Gesellschaft besessen, haben Ost-Berlins Fünf-Tage-Strategen deshalb umfangreiche Vorbereitungen getroffen.
Um die Freizeitler von Beat und Bummelei abzuhalten, sollen beispielsweise in den Naherholungsgebieten politisch-kulturelle Bildungsveranstaltungen organisiert und in den Städten Studienzirkel gegründet werden. Außerdem wurden Funk und Fernsehen, Kinos und Theater angewiesen, ideologisch aufbauende Wochenendprogramme darzubieten.
"Neues Deutschland" gab sich nach einer Umfrage optimistisch: "Wenn ... 77 Prozent der Befragten Goethes "Faust" gelesen oder auf der Bühne gesehen haben, dann ist anzunehmen, daß die Mehrheit der Bevölkerung mit der in Kürze anfallenden zusätzlichen
* Ost-Berlin, Unter den Linden.
** In der Sowjet-Union soll bis zum 7. November zur 50-Jahr-Feier der Oktober-Revolution für rund ein Drittel der werktätigen die Fünf-Tage-Woche eingeführt werden.
*** Mit 47 Prozent weiblichen Berufstätigen steht die DDR nach der Sowjet-Union (51,7 Prozent) an der zweiten Stelle der Weltstatistik. Zum Vergleich: Von den Berufstätigen der Bundesrepublik sind 36,7 Prozent Frauen.
Freizeit durchaus etwas Nützliches anzufangen weiß."
In einer Umfrage der (Ost-)"Berliner Zeitung" hingegen war von Goethe gar nicht und von Bildung kaum die Rede. Für die Meinung der Mehrheit stand vielmehr die Antwort der Ost-Berliner Ärztin Dr. Gisela Krone, 31.
Sie sagte: "Ich habe viele Wünsche für die freien Sonnabende: Ausschlafen, lesen, spazierengehen, ins Grüne fahren und auch hin und wieder einmal eine Bar besuchen."

DER SPIEGEL 36/1967
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