08.05.1967

ZEITGESCHICHTE / NATIONALSOZIALISTENHoch und hehr

Mit "freundlichen Grüßen zur Wintersonnenwende" rief Friedrich Karl Florian, 73, einst Gauleiter und heute Rentner, 150 "ehemalige Mitkämpfer und Mitkämpferinnen im Gau Düsseldorf der NSDAP" auf, "nichts als nur die reine Wahrheit" über den Nationalsozialismus niederzuschreiben.
Gegen dieses Gebot werde, so fand Florian, seit über 20 Jahren verstoßen: "Vorwiegend wesensfremde Elemente" und von der Fahne gewichene Hitler-Vasallen wie Albert Speer und Baldur von Schirach diffamierten "den hohen und hehren Begriff des Nationalsozialismus". Nun hielt der Alt-Pg. (NSDAP-Eintritt 1925, Gauleiter von 1929 bis 1945) die Zeit für gekommen, aus der Sicht der Mitkämpfer zu berichten, wie es "wirklich war".
Drei Monate nach diesem Aufruf, im vergangenen März, durchsuchten ein Staatsanwalt und drei Kriminalpolizisten (Florian: "Ein gewaltiges Aufgebot") die Etagenwohnung des alten Kämpfers im Dorf Unterbach bei Düsseldorf. Der Ex-Gauleiter bot Bier an. Doch die Herren lehnten ab -- was Florian ihnen nicht übelnahm: "Ich wäre ein schlechter Preuße, wenn ich dafür kein Verständnis hätte."
Als das Kommando abrückte, nahm es laut Florian außer "völlig belanglosen Schriftstücken" auch "Aufzeichnungen aus der alten Zeit" und eine Liste mit rund 200 Namen und Adressen alter und neuer Gefährten mit. Ein Hitlerbild mit eigenhändiger Widmung und ein Goldenes Parteiabzeichen wurden dem Hausherrn auf seine Bitte wieder ausgehändigt.
Seitdem prüft die Staatsanwaltschaft, ob Florian sich der "Verbreitung verfassungsverräterischer Publikationen" und der "Volksverhetzung" schuldig gemacht habe -- wofür dem Ex-Gauleiter nun allerdings jegliches Verständnis fehlt. Schließlich habe ihn Düsseldorfs Staatsarchivdirektor Friedrich Wilhelm Oediger doch -- "in einer mich beglückenden Art" -- aufgefordert, über alles zu berichten, "was an guten Dingen für die Bevölkerung getan wurde".
Freilich: Professor Oediger ("Ich habe deswegen schon viel Arger gehabt") ging es nicht um die guten NS-Dinge. Vielmehr wollte er zwei dunkle Düsseldorfer Affären aufhellen: die Verhaftung des damaligen Oberbürgermeisters und späteren Bundesinnenministers Dr. Robert Lehr zu Beginn und die Erschießung von fünf Bürgern am Ende der NS-Ära.
Der Gauleiter hatte den OB im April 1933 wegen des Verdachts der Beamtenbestechung verhaften lassen. Lehr war, wie Florian berichtete, von einem Düsseldorfer Bankdirektor denunziert worden, eine fünfstellige Summe angenommen zu haben. Noch bevor ein Gericht den Vorwurf klären konnte, wurde Lehr amnestiert und aus der Haft entlassen. Unklar blieb auch Florians Beteiligung an dem Standgericht, das im April 1945 einen Polizeioffizier und vier Bürger erschießen ließ, die sich geweigert hatten, die Rheinmetropole bis zur letzten Patrone zu verteidigen.
Florians Durchhaltewille überdauerte auch das Kriegsende. Als er 1951 aus sechsjähriger Gefängnishaft, zu der ihn ein Bielefelder Gericht wegen seiner Zugehörigkeit zum NS-Führungskorps verurteilt hatte, vorzeitig nach Düsseldorf zurückkehrte, war er ungebrochen: "In meiner Gesinnung hatte ich mich keineswegs geändert." Er knüpfte neue Kontakte zu alten Gefährten und richtete Freunde von ehedem sowie "Studenten und viele junge Leute" von heute wieder auf, die bei ihm "Trost und Rat" suchten und wissen wollten, wie es bei den Nazis "wirklich war".
Wie es wirklich gewesen sein soll, umriß der Ex-Gauleiter in vervielfältigten Botschaften, die er an seine früheren Untergebenen verschickte. Darin hieß es:
> Die NSDAP habe nach "unermeßlich großen und schweren Opfern an Gut und Blut eine Pyramide des deutschen Idealismus so hoch aufgebaut, daß Adolf Hitler an ihrer Spitze legal zur Macht" kommen konnte.
> Die Nationalsozialisten hätten sich lediglich von der Einsicht leiten lassen, daß es "der unabänderliche Wille der Schöpfung ist, daß sich alle Lebewesen, auch die Menschen. durch Wesenstreue und Kampfesleistung aufopfernd für die Erhaltung, Förderung und Mehrung der gottgewollten eigenen Art einsetzen".
> Hätte nicht das ganze Volk "in dem uns aufgezwungenen Krieg ... in beispielhafter und einmaliger Hingabe" gekämpft und wäre nicht der "idealistische Einsatz" der NSDAP gewesen, dann säßen die Bolschewisten heute am Atlantik und die "offiziellen Stellen der Bundesrepublik mit ihren Massenmedien" hätten "keine Gelegenheit, den Nationalsozialismus ... zu verteufeln". "Verhelft der Wahrheit zum Siege". forderte der Ex-Gauleiter die alten Kämpfer auf. Und den Ängstlichen unter ihnen erlaubte er, ihr NS-Bekenntnis anonym abzuliefern -- "angesichts der obwaltenden Intrigen und Hinterhältigkeiten".

DER SPIEGEL 20/1967
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