08.05.1967

BANKEN / ROTHSCHILDAbschied vom Topf

Eineinhalb Jahrhunderte lang waren die Rothschilds die Bankherren der Reichen und Mächtigen. Jetzt bitten sie den kleinen Mann an ihre Kassenschalter.
Über die Mikrophone von Radio Luxemburg biederte sich Baron Guy de Rothschild, 57, Chef des Pariser Bankhauses "Messieurs de Rothschild Frères", in der vorletzten Woche bei seinen künftigen Mini-Kunden an: "Auch Einlagen von fünf Franc sind willkommen."
Ein Rothschild. der zum Volke spricht und seine eigene Bedeutung herabmindert ("Wir sind nicht die Größten"), wäre vor drei Generationen undenkbar gewesen. Als Heinrich Heine 1832 das Pariser Bankhaus besichtigte, beobachtete er "einen galonierten Bedienten", der das Nachtgeschirr des Firmengründers James über den Korridor trug, "und ein Börsenspekulant, der in demselben Augenblick vorbeiging, zog ehrfurchtsvoll seinen Hut ab vor dem mächtigen Topfe". Heine damals: "So weit geht, mit Respekt zu sagen, der Respekt gewisser Leute.
Urenkel Guy de Rothschild bricht mit der Tradition und wandelt, das Familienunternehmen -- rechtzeitiger als beispielsweise Krupp -- in eine Aktiengesellschaft um. Aus der exklusiven Privatbank wird eine Depositenkasse für jedermann. Baron Guy: "Die AG ist heute die einzig mögliche Form des Familienbesitzes."
Solange sich Kaiserreiche und Republiken der Rothschild-Talente bedienten, war das Bankhaus an Finanzgeschäften en détail nicht interessiert. Die Rothschilds finanzierten nur en gros, zum Beispiel
> 1830 die französische Burgerrevolution unter dem Wahlkönig Louis-Philippe;
> 1831 die Gründung des belgischen Königreiches unter Leopold I.;
> 1852 das zweite französische Kaiserreich unter Napoleon III.;
> 1861 die Einigung Italiens unter Viktor Emanuel II.;
> 1871 die Kriegsschuld Frankreichs an das Deutsche Reich.
Bis 1868 verdiente sich das Pariser Haus ein Vermögen von rund zwei Milliarden Goldfranc (nach heutiger Währung: 2,6 Milliarden Mark). Allein durch Vorfinanzierung der 1871er französischen Kriegsschuld von fünf Milliarden Goldfranc an Bismarck strich die Bank 75 Millionen Goldfranc Gewinn ein.
Aus den Erträgen konnten die Rothschilds mühelos ihre weltweiten Wirtschaftsinteressen finanzieren, die noch heute Grundstock ihres Vermögens sind. Baron Guy, der 50 Prozent der Firmen-Anteile hält**, kontrolliert heute beispielsweise
> die Rio Tinto-Zinc Corporation, den größten Uranproduzenten der westlichen Welt;
> die Bergwerks- und Veredlungsgesellschaft Le Nickel, die als einzige europäische Firma Nickel gewinnt;
> das Montan-Unternehmen Penarroya, den größten Blei-Erzeuger der Welt;
vier Erdölgesellschaften, die in Frankreich und Nordafrika Öl fördern;
> die Großreederei Saga mit 17 Untergesellschaften;
> eine Finanzierungsgesellschaft für den geplanten Bau des Kanaltunnels zwischen Frankreich und England.
Seit sich jedoch die europäischen Länder Staatsbanken zugelegt haben. * Mit Ehefrau Marie-Hélène.
** Die restlichen 50 Prozent teilen sich seine beiden Vettern Eile und Alain je zur Hälfte.
ist das Rothschild-Geld bei den Regierenden nicht mehr gefragt. "Mit einer kleinen Zahl von großen Kunden lassen sich heute keine Geschäfte mehr machen", sinniert Baron Guy." Wenn der Beruf des Bankiers darin besteht, den einen das Geld der anderen zu leihen, dann muß man möglichst viele Quellen anzapfen, um möglichst viele Gräben zu bewässern."
Zu diesem Zweck gehen die Rothschilds sogar auf das flache Land. In der Provinz sollen Filialen eröffnet werden, in denen das einfache Volk seine fünf Franc einzahlen oder einen Kleinkredit beantragen kann
Über das modernisierte Bankgeschäft will der Rothschild-Boß das Geld der Kleinanleger auf die weitverzweigten Familiengesellschaften des Konzerns verteilen. Eine Holding-Gesellschaft -- ebenfalls in der Form einer AG -- soll die Rothschild-Töchter kontrollieren.
Dem neuen Image seines Konzerns will Guy de Rothschild sogar das Stammhaus opfern. Das verwinkelte Palais aus dem 18. Jahrhundert soll abgerissen, ein neuer Glaspalast errichtet werden. Baron Guy über den neuen Stil des Hauses: "Im Keller die Elektronenrechner und ringsherum grüne Bäume.

DER SPIEGEL 20/1967
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