10.01.1966

HALLO NACHBARN!Gute Nacht

Wenn einer bei uns einen guten politischen Witz macht, dann sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel.
Kurt Tucholsky.
Der Kanzler sprach: "Du bist ein armer Hund, du hast nichts zu verlieren, deshalb wirst du mir die Wahrheit sagen: Was siehst du auf jenem Denkmal?" Der Arme: "Die Formierte Gesellschaft." Der Kanzler: "Du lügst! In Wahrheit siehst du gar nichts." Der Arme: "Doch, Euer Gewichtigkeit ... ich sehe ein zauberhaftes spinnwebartiges Durcheinander, wie güldener Sauerkohl ..."
Dieser Fernseh-Dialog, dem Märchen von des Kaisers neuen Kleidern nachgeformt, kam den Deutschen nicht ins Haus. Die satirische NDR-Sendung "Hallo Nachbarn!", in der dieser güldene Sauerkohl serviert werden sollte, wurde abgesetzt. Kein "spinnwebartiges Durcheinander" flimmerte über den Bildschirm; statt dessen jappten flüchtige Füchse auf der Mattscheibe - in einem Film über britische Jagdtraditionen ("Tod im Morgengrauen").
Deutsche Nachbarn waren verstimmt. Denn die "Televisionen eines Untertanen" - nicht immer feinfühlig hergerichtet, aber doch die einzige fernseheigene satirische Sendereihe - lockte jeweils ungewöhnlich viele Bürger vor das Bildgerät: 6,7 Millionen.
Bis in die Nacht hinein blockierten zornige Zuschauer die Telephone im NDR-Funkhaus an der Hamburger Rothenbaumchaussee. Fernmündlich und -schriftlich wurde den norddeutschen Funkherren Mord und Totschlag zugesichert.
Einige Anrufer begehrten höflich Auskunft, ließen sich die Kurzmeldung noch einmal vorlesen und verabschiedeten sich: "Vielen Dank und Heil Hitler!" Dem stellvertretenden NDR-Intendanten von Hammerstein-Equord wurde fernmündlich ein Sprengstoff-Anschlag angekündigt. Auf die Frage nach seinem Namen versprach der Attentäter: "Den schreibe ich auf die Bombe."
Nächtens versammelten sich zwölf Hamburger zu einer Demonstration vor dem Funkhaus - geführt von dem Poeten Peter Rühmkorf und dem Chef der Zeitschrift "Konkret", Rainer Röhl. Dichter Rühmkorf: "Während wir uns wegen der Kälte noch die Hände um den Leib schlugen, stand schon die Polizei vor uns." Drei Peterwagen-Besatzungen hielten die frierenden Aufrührer in Schach.
Die Kabarettisten von der Münchner "Lach- und Schießgesellschaft" und den Berliner "Stachelschweinen" schließlich beschlossen, fortan nicht mehr im NDR aufzutreten.
Satiriker und Diplom-Ingenieur Roering, 31, der "Hallo Nachbarn!" zumeist allein schrieb und seit drei Jahren auch die Mittelwellen-Mitternachtssendung "Adrian und Alexander" produziert, protestierte mit seinem Rundfunk-Produkt gegen den NDR-Maulkorb. Am Sonnabend nach dem Verbot ließ er seinen "Adrian" plaudern: "Gut, dann werde ich ein besonders hartes Gedicht rezitieren - Ehne-Mehne-Muh, Müllers Kuh, Müllers Esel ..." Und auf fragendes Geschnatter des Fabelwesens "Alexander": "Ich glaube, unsere Freunde haben Verständnis dafür, wenn wir dieses Gedicht ein wenig entschärfen - Müllers Grautier, das bist du."
Einen Tag vor dem geplanten Sendetermin, am 28. Dezember, hatte die reguläre Abnahme der 17. "Hallo Nachbarn!" -Fortsetzung durch den NDR-Programmdirektor Dr. Hans Arnold stattgefunden. Er muß jede Sendung freigeben und darf gegebenenfalls Korrekturen anordnen. Um 18.30 Uhr versammelten sich Arnold, die Hauptabteilungsleiter Henri Regnier (Unterhaltung) und Joachim Fest (Zeitgeschehen) sowie Autor Roering im Studio Hamburg-Lokstedt. Sie sahen:
- eine Einleitung durch den "Hallo Nachbarn!"-Moderator und Schauspieler Richard Münch, der die Übergabe einer Freiheitsglocke durch Berliner Verleger in Amerika glossierte;
- einen Song über den Erhard-Besuch bei US-Präsident Johnson ("Statt Atom-Munition, statt Nuklear-Division ein gold'nes Gasfeuerzeug");
- ein Zwischenspiel über die Kommentare eines westdeutschen Blattes zum Selbstmord des DDR-Ministers Erich Apel;
- einen Song über Turteleien zwischen
CDU und SPD;
- ein Spiel über die Fleischpreise sowie zwei unpolitische Beiträge: über den Handel mit Fußballern und Behördendeutsch;
- eine Szene über den ehemaligen Bonner Außenamtsbeamten Graf Huyn, der mit Franz-Josef Strauß gemein wurde;
- ein verfremdetes Andersen-Märchen
("Des Kanzlers neue Wunder") über
Erhards "Formierte Gesellschaft".
Nach der Vorführung saß die Runde kaum einige Minuten beisammen, um die Frage zu erörtern, ob Schnitte erforderlich seien, da wurde der Programmdirektor zum Telephon gebeten. Er kam zurück mit dem Bescheid, die Sendung sei abgesetzt.
Wie stets bei unheilschwangeren TV -Programmen - etwa "Panorama" oder "Hallo Nachbarn!" - hatte die Intendanz im fünf Kilometer entfernten NDR-Trakt an der Rothenbaumchaussee die Kontroll-Darbietung mitempfangen.
Über Hausleitung sahen die Sendung
- jeder für sich - der stellvertretende
Intendant und Christdemokrat Ludwig Freiherr von Hammerstein-Equord, 46, und NDR-Chef Gerhard Schröder (SPD), 44, der eben von einem Herzinfarkt genesen war und die Geschäfte noch nicht wieder aufgenommen hatte: Mithin trug an diesem Tage von Hammerstein für das Programm die Verantwortung. Gutachter von Hammerstein fand das, was er sah; "zu 50 Prozent unsendbar, zu 50 Prozent schwach". Unsendbar: die Szenen mit der Freiheitsglocke, über Apels Tod und den Strauß-Grafen Huyn.
Dem Vize-Intendanten hatte "Hallo Nachbarn!" schon lange mißfallen: "Wenn Satire so sein muß, dann nicht bei uns in einer öffentlichen Anstalt, sondern im Kellertheater." Zudem behagte ihm nicht, daß die Sendung stets erst kurz vor Erscheinen zur Prüfung vorgeführt wurde: Korrekturen seien so kaum noch möglich gewesen.
Dennoch hatte sich der Edelmann, dessen Vater bis 1934 Chef der Heeresleitung war, bislang immer als ein Mann von Zivilcourage erwiesen, wenn es galt, besonders boshafte Sendungen freizugeben oder Attacken von Satire-Opfern abzuwehren. Diesmal aber war er entschlossen, nein zu sagen. CDU-Hammerstein eilte zu seinem SPD-Intendanten - der zwar leibhaftig, aber nicht dienstlich anwesend war.
NDR-Chef Schröder, dessen Wiederwahl im nächsten Jahr ansteht, dachte auf dem gleichen Kanal. Beide telephonierten unverzüglich mit dem Programmchef Dr. Arnold: Sendeverbot. Eine Begründung erhielt bisher nur Arnold, nicht aber der verantwortliche Redakteur, NDR-Unterhaltungschef Henri Regnier, und der freie Mitarbeiter Roering - obwohl Roering laut Mitarbeitervertrag einen Anspruch darauf hat.
Intendant Schröder hielt sich zunächst im Hintergrund. So mußte Hammerstein den Absage-Text unterschreiben und die Schmähungen der aufgebrachten Nachbarn allein über sich ergehen lassen. Auch anderntags noch gab sich der Intendant desinteressiert. Er bestellte Unterhaltungschef Regnier zu sich, um mit ihm über Organisationsfragen zu reden, und erkundigte sich nebenbei: was denn nun eigentlich mit "Hallo Nachbarn!" los sei?
Als Schröder - obwohl offiziell noch nicht wieder im Amt - dann aber den Leiter der Hauptabteilung Zeitgeschehen, Joachim Fest, aufforderte, seine Meinung über die abgesetzte Sendung schriftlich darzutun, wurde seine Mittäterschaft offenbar. Das Funkhaus -Volk sah in dem Verbot nun nicht mehr allein das Werk des CDU-Vize-Intendanten, sondern einer vorformierten Großen Koalition.
Der Opposition im eigenen Hause gewärtig, erinnerte die Intendanz ihre Mitarbeiter an die Schweigepflicht gegenüber Außenstehenden. Sendeleiter Svoboda bekam Order, alle Überbleibsel der Sendung (etwa herausgeschnittenes Filmmaterial) sicherzustellen. Svoboda (tschechisch: "Freiheit") säuberte gründlich die Schneidetische, und im Funkhaus herrschte Funkstille. Mitarbeiter baten auskunftheischende Journalisten, nicht über Diensttelephon anzuläuten - es könne noch jemand in der Leitung lauschen.
Höhernorts und anderwärts aber ist dem Christdemokraten von Hammerstein wie dem Sozialdemokraten Schröder Zuspruch sicher: Seit am 30. Oktober 1963 die erste "Hallo Nachbarn!" -Sendung ausgestrahlt wurde, rieben sich SPD und CDU an den "Televisionen eines Untertanen". Denn "die vom Fernseh-Steuerzahler besoldeten, sozialversicherten 'Spaßmacher' (so "Welt am Sonntag") trampelten auf allem herum".
CDU-Sprecher Arthur Rathke fand es "unverständlich, wie eine öffentlich rechtliche Rundfunkanstalt sich dazu hergeben kann, eine solche schamlose Mischung von Infamie und Albernheit dem Publikum vorzusetzen".
Hamburgs SPD-Landesvorsitzender Vittinghoff giftete in einem Brief an Intendant Schröder gegen den "schwarzen Kanal des NDR" und wollte wissen, weshalb "dann nicht gleich der Herr von Schnitzler hergeholt" werde. Vittinghoff zum SPIEGEL: "Was ich gesehen habe, paßte mir nicht."
Bauernverband, Vertriebene, Soldatenverband, Deutsches Industrieinstitut und andere Institutionen stimmten von Fall zu Fall ein. Der Verteidigungsausschuß des Bundestages ließ sich gar In einer Sitzung eine "Hallo Nachbarn!" -Produktion vorführen, in der die Bundeswehr anvisiert worden war.
Bereits Anfang vorigen Jahres sollte die Sendung - geschätzt von vielen Zuschauern, gehaßt in Parteien und Verbänden - sanft entschlummern. Unterhaltungschef Regnier aber gelang es noch einmal, die Austreibung der Fernseh-Nachbarn zu vermeiden. Er vereinbarte mit Intendant Schröder, "der Sendung unter Wahrung des satirischen Niveaus einen liebenswürdigen Charakter zu geben, den Themenkreis nicht zu eng und einseitig zu ziehen und die Sendung nicht immer nur in unmittelbarer Nähe der Grenze zu halten, bis zu der es der Leitung des Hauses noch möglich ist, dieses Programm in jeder Hinsicht und nach allen Seiten hin zu verantworten".
Noch einmal, in einer Sendung am 11. November, schossen Regnier und Roering scharf. Mit einem Beitrag über die Vertriebenen-Briefmarken der Bundespost bereiteten sie dem Intendanten Hammerstein erneut Verdruß. Am 29. Dezember aber sollte zum erstenmal eine lockerer gewirkte Fortsetzung ausgestrahlt werden. Regnier: "Eine harmlose Kinderstunde."
Kein Zweifel: So gewiß ein Fernseh -Intendant Programmstücke absetzen darf, so gewiß man über einige Passagen jener Sendung (siehe Auszüge Seite 24) hätte streiten können - so gewiß ist auch, daß ein derart dramatischer Eingriff nicht gerechtfertigt war.
Die TV-Helden sind müde. Regnier: "Die Entscheidung ist katastrophal. Ich werde keine solche Sendung mehr machen." Autor Roering: "Mit gebremstem Schaum geht's ja nicht."
Zwar bedauerte der SPD-Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des NDR -Verwaltungsrats Peter Blachstein den Exitus der "verdienten Sendung" (Blachstein zum SPIEGEL: "Ich halte die Absetzung für falsch").
Doch es scheint, als habe der Nachrichtensprecher des Zweiten Deutschen Fernsehens die Zukunft der Satire trefflicher gedeutet. An dem Abend, an dem die ARD-Konkurrenz das "Hallo Nachbarn!"-Verbot kundgetan hatte, verabschiedete sich der Mainzer mit den Worten: "Gute Nacht, Nachbarn!"
NDR-Intendant Schröder
Statt güldenen Sauerkohls ...
NDR-Vize-Intendant von Hammerstein
... eine Fuchsjagd im Morgengrauen
"Hallo Nachbarn!"-Demonstranten vor dem NDR-Funkhaus: "Mit gebremstem Schaum"

DER SPIEGEL 3/1966
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 3/1966
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

HALLO NACHBARN!:
Gute Nacht

  • Filmstarts: Kinder mit Kanonen
  • Zu viele Verletzungen: NFL-Star Andrew Luck beendet mit 29 Karriere
  • Im Autopilot-Modus: Tesla-Fahrer schläft hinter dem Steuer ein
  • Brände im Amazonas: "Wir verlieren ein wesentliches Ökosystem unserer Erde"