24.01.1966

JOHANN STRAUSSSo deutsch

Mit Plakaten an Wiener Litfaßsäulen warb "Der Stürmer" im Anschluß -Sommer 1938 in schlechtem Deutsch für eine dreiteilige "Stürmer"-Serie. Das Antisemiten-Blatt feierte Johann Strauß: "Es gibt wohl kaum noch eine andere Musik, die so deutsch und so volksnah ist, als die des großen Walzerkönigs."
Zur gleichen Zeit - Österreich war kaum dem Deutschen Reich einverleibt worden - durchforschten die Wiener Familienforscher Hans Bourcy und Hanns Jäger-Sunstenau die Ahnenreihe des Strauß-Klans. Sie machten eine für nationalsozialistische Kultur-Funktionäre besonders heikle Entdeckung: Die Strauß-Musikanten von Johann Vater ("Radetzky-Marsch") über Johann Sohn ("An der schönen blauen Donau") bis Josef ("Dorfschwalben aus Österreich") waren jüdischer Abkunft.
Bourcy meldete das Forschungsergebnis umgehend dem Wiener Gausippenamt, das wiederum das Reichssippenamt und die Reichskulturkammer in Berlin verständigte. Und Reichspropagandaminister Goebbels erkannte, daß er die populären Volksweisen unmöglich durch ministeriellen Ukas aus den Konzertsälen würde fernhalten können.
Fazit: Goebbels erklärte den Strauß-Stammbaum zur "Geheimen Reichssache", vergatterte die Strauß-Forscher zu Verschwiegenheit - und arisierte kurzerhand die Musikerfamilie.
Ein Vierteljahrhundert danach brachte es Familienforscher Jäger-Sunstenau an den Tag. In einer Untersuchung** hat er jetzt Strauß-Stammbaum und einschlägige Urkunden veröffentlicht.
"Wäre nun die Abstammung der Familie Strauß damals publik geworden", so Jäger-Sunstenau heute, "hätte das für den Musikbetrieb im 'Dritten Reich' eine Katastrophe bedeutet."
Schlüssel-Urkunde für den Familien -Forscher ist die Eintragung auf Seite 210 im Trauungsbuch Nr. 60 des Dompfarramts St. Stephan zu Wien vom 11. Februar 1762. Der Vermerk belegt, daß des Walzerkönigs Urur-Großvater Wolf Strauß, Urur-Großmutter Therese und Ur-Großvater Johann Michael Strauß mosaischen Glaubens waren:
"Der ehrbare Johann Michael Strauß, Bedienter bey titl. Excell. H Feld-Marschall Grafen v. Roggendorf, ein getauffter Jud, ledig, zu Ofen gebürtig, des Wolf Strauß und Theresiae ux. beyden jüdisch abgelebten Eher Sohn. Mit der Ehr- und Tugendsamen Rosalia Buschinin zu Gföll in U.Ö. gebürtig ..."
Am 10. Oktober 1764 meldeten Johann Michael Strauß und Ehefrau Rosalia bei der Pfarre St. Leopold in der Wiener Leopoldstadt die Geburt des Sohnes Franz Borgias - Großvater des Walzerkönigs, nach brauner Rassenlehre "Halbjude" oder "Mischling 1. Grades".
Großvater Franz Borgias pachtete als 39jähriger Kellner die Gastwirtschaft in der Floßgasse 7 und zahlte, laut Notiz in den städtischen Steuerbüchern, eine jährliche Gewerbesteuer von fünf Gulden. Seine Ehefrau, die Kutschers -Waise Barbara, geborene Dollmann, starb 1811 an schleichendem Fieber. Franz Borgias, den häufiges Zapfen vom eigenen Schankhahn zu übermäßigem Trinken verleitet hatte, wurde vier Jahre später tot aus der blauen Donau gefischt.
Sein Sohn Johann, am 14. März 1804 geboren, ging als Johann Strauß Vater in die Annalen der Musikgeschichte ein. Nach NS-Definition war er "Vierteljude" oder "Mischling 2. Grades".
Johann Strauß Vater zeugte sechs eheliche und sieben uneheliche Kinder. Ehelicher Erstling war der spätere Walzerkönig, geboren am 25. Oktober 1825. Selbst nach nationalsozialistischer Bruchrechnung mußte Johann Strauß als "deutsch-blütig" gelten, denn "Achteljuden" wurden nicht registriert.
Gleichwohl schockte es die NS-Kultur-Funktionäre, daß der Walzerkönig entfernt jüdischer Abstammung war. So ließ Goebbels den Matrikelband samt Register der Pfarre St. Stephan nach Berlin holen und photokopieren. Die Photokopien brachten Reichssippenamts-Beamte an die Pfarre zurück*. Allerdings: Die Schlüssel-Urkunde im Trauungsbuch Nr. 60 von St. Stephan, aus dem die jüdische Abkunft der Musiker -Dynastie hervorgeht, wie - auch den Rückverweis im Register hinter dem Namen des Walzerkönigs auf die Seite 210, wo sich die Trauungs-Eintragung befand, waren in der Photokopie gelöscht.
Und die "Geheime Reichssache" blieb vorerst wirklich geheim. Selbst Wiener Bürger, die von der sippenamtlichen Aktion erfuhren, schöpften keinen Verdacht. Sie vermuteten, die Urkunden -Manipulation hätte einem angeblich jüdischen Ahnherrn des Wiener Gauleiters Baldur von Schirach gegolten.
** Hanns Jäger-Sunstenau: Johann Strauß. Der Walzerkönig und seine Dynastie", Verlag für Jugend und Volk, Wien; 476 Seiten; 16 Mark.
* Der Originalband wurde im Wiener Haus, Hof- und Staatsarchiv unter Verschluß genommen.
Komponist Johann Strauß Sohn
Der Stammbaum wurde ...
... zur Geheimen Reichssache erklärt. Strauß-Urkunde (r.), gefälschte Photokopie*
* Auf der Photokopie wurde die Eintragung über die Eheschließung von Johann Michael Strauß gelöscht und der dieser Eintragung ursprünglich folgende Vermerk nach oben gerückt.

DER SPIEGEL 5/1966
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