24.01.1966

VERGNÜGUNGSSTEUERSchierer Lärm

Das Münchner Gastspiel der "Rolling Stones" vom September 1965 war kein Puppenspiel. Es war keine gesangliche Aufführung, und "insbesondere handelte es sich nicht um Konzerte oder sonstige musikalische Aufführungen".
So stellte jetzt - unter dem Aktenzeichen II/5-8623/56 - die Regierung von Oberbayern fest. Sie bestätigte damit einen Bescheid der Landeshauptstadt München, die der Nürnberger Gastspieldirektion Buchmann für das Beat-Konzert nachträglich 14 158 Mark Vergnügungssteuer abnehmen will.
Was die Wackelsteine damals im Circus Krone darboten, war laut Regierungsdirektor Frohn ein "nach Art. 2 VgnStG steuerpflichtiges Vergnügen". Artikel 2 läßt die Wahl zwischen "Zirkusvorstellung", "Sport", "Faschings - und Tanzveranstaltung" und "Schaustellung zur Unterhaltung ..."
Die Behörde klassifiziert den Beat -Auftritt als Schaustellung. Denn das "showartige Gebaren" und die "artistischen Beigaben" der Londoner Heulbojen wirkten laut Frohn "stärker" als die "musikalischen Darbietungen".
Damit fachte die Regierung von Oberbayern einen Streit auf andere Weise wieder an, den Bayern im April 1965 mit einer liberalen Neufassung seines Vergnügungssteuergesetzes gerade hatte beilegen wollen: Da die alte Fassung nur Musikveranstaltungen von "künstlerisch hohem Wert" nicht besteuerte, gab es ständig Auseinandersetzungen um eben diesen Wert. Das neue Gesetz nimmt daher "Konzerte und sonstige musikalische und gesangliche Aufführungen" von der Steuer aus.
Doch nun befanden die Oberbayern, die "Anziehungskraft" eines Konzertes beruhe "im wesentlichen auf musikalischen Darbietungen von gewisser (gehobener) Qualität". Und für die Wackelstein-Darbietungen ließen sie diese Definition nicht gelten: "Durch zahlreiche elektrische Tongeräte wird die Musik in einem Maße verstärkt, das sie des Charakters-der Musik im üblichen Sinne weitgehend entkleidet und schier als Lärm erscheinen läßt."
Gastspiel-Organisator Buchmann, der ohnehin durch eine Rechnung des Berliner Senats für die Demolierung der Waldbühne durch "Stones"-Anhänger um 300 000 Mark ärmer zu werden droht, ließ Klage beim Verwaltungsgericht erheben. Für ihn und seinen Anwalt machen die Steine doch Musik.
"Rolling Stones" im Münchner Circus Krone: Elektrisch entkleidet

DER SPIEGEL 5/1966
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