07.02.1966

INDUSTRIE / CHEMIEUngeheure Geschäfte

Im holzgetäfelten Sitzungszimmer
der Badischen Anilin- & Soda-Fabrik (BASF) zu Ludwigshafen blickten die Direktoren fröhlich auf die Wandkarte. Finanzchef Dr. Rolf Magener war gerade bemüht, seinen Kollegen die jüngsten Erfolge im Düngemittel-, Pflanzenschutz- und Kunststoffgeschäft aufzumalen.
Magener - 1,88 Meter groß - erhob sich auf die Zehenspitzen und reckte den Schreibarm, aber er konnte seine Zeichnung nicht vollenden. Die Kuryen stießen an den Oberrand seines Schaubildes, Umsätze und Gewinne des Chemiekonzerns waren höher emporgeschnellt als es die Karte zuließ.
Der Generaldirektor der BASF, Dr. Bernhard Timm, 56, rettete die Situation: "Alle Generalstäbler der Chemie müssen ihre Karten umzeichnen. Die Geschäfte sind eben überall besser als erwartet."
Ebenso zügig wie in Ludwigshafen lief in Frankfurt-Hoechst bei den Farbwerken Hoechst das Geschäft mit Kunststoffen, Arzneimitteln und synthetischen Fasern. In Leverkusen bei den Farbenfabriken Bayer, dem größten Chemietrust Westdeutschlands, überstieg der Umsatz im vergangenen Jahr sechs Milliarden Mark.
Kaum ein Industriezweig hat seine Umsätze so schnell vervielfacht wie Deutschlands Großchemie, und keiner blickt ruhiger in die Zukunft. Seit 1952 wuchs das - Geschäft der Chemieküchen von neun Milliarden auf 34 Milliarden Mark. Alle dreieinhalb Jahre verdoppeln die Nachfolgegesellschaften des ehemaligen Supertrusts IG-Farben ihre Umsätze von Chemiefasern, alle fünf Jahre die von Kunststoffen. Dazu benötigte der deutsche Maschinenbau elf Jahre, die Elektro-Industrie sieben Jahre, und sogar die Automobilfirmen konnten trotz eines beispiellosen Kraftfahrzeug-Booms ihre Umsätze erst in sechs Jahren um 100 Prozent steigern. Wegen, der steil ansteigenden Umsätze, hoher Gewinne und einer Flut immer neuer Erfindungen zählen Chemieaktien heute zu den Spitzenwerten der Börse. Schering, Goldschmidt und Vereinigte Glanzstoff schütten 17 Prozent Dividende aus, Degussa und Beiersdorf (Nivea) 18 Prozent. Farben Hoechst zahlen 19 Prozent und die BASF sogar 20 Prozent. Bayer gab jedem Aktionär, der zwei Bayer-Papiere in der Schatulle hatte, eine Aktie gratis.
Während Kohle- und Stahlindustrie, die traditionellen Profit-Zellen des
Kapitalismus, die Zukunft düster malen
und sogar die Automobilindustrie, um Lohnforderungen abzuwehren, Molltöne anschlägt, hängt der Kunstfaser -Himmel voller Geigen. Westdeutschlands mächtigster Chemie-Chef, Bayer -Generaldirektor Kurt Hansen, 56, versichert: "Wir haben trotz zu erwartender harter Konkurrenzkämpfe keine ernsten Sorgen für die Zukunft." -
Nicht einmal die Tatsache, daß Westdeutschland 1965 für nahezu fünf Milliarden Mark Chemie-Erzeugnisse einführte - etwa ebensoviel wie Hoechst umsetzte -, kann die Firmen schrecken. Hoechst-Generaldirektor Professor Karl Winnacker beurteilte die Lage als "anhaltend günstig"; aus dem Einfuhrzuwachs von 21 Prozent im vergangenen Jahr solle man keine "übertriebenen Schlüsse ziehen". Die Umsätze der Farbwerke Hoechst stiegen im vergangenen Jahr um 16 Prozent, die Exporte gar um 19 Prozent.
Im oberen Dutzend der Weltchemie behaupten sich selbstbewußt drei westdeutsche Unternehmen. Die BASF hält die zehnte, Hoechst die sechste und Bayer die vierte Position. Zusammen wären sie sogar stärker als der US-Chemiegigant du Pont, der mit elf Milliarden Mark Jahresumsatz der mit Abstand größte Chemiekonzern der Erde ist.
Längst haben die Synthetiker die Grenzen des organischen Vaterlandes gesprengt. Im steuergünstigen Ausland errichteten sie sogenannte Holdinggesellschaften, denen sie die Führung ihrer ausländischen Firmen übertrugen, und legten sich Produktionsstätten zu, die sie von Westdeutschland aus dirigieren.
In Toronto hat Bayer seine Industrieprovinz "Bayer Foreign Investments Limited (Bayforin)" errichtet, deren Prokonsuln 77 Firmen in aller Welt, davon vier in Nord- und 27 in Lateinamerika, beherrschen. Zur Befestigung seiner Chemie-Kastelle gab Bayforin bisher 219 Millionen Mark aus. Für 240 Millionen Mark baut Bayer gegenwärtig in Antwerpen ein neues Zweigwerk.
BASF hat Holdings in der Schweiz, Curacao und in Panama. In Luxemburg gründete der Konzern kürzlich eine "Basf Holding Luxemburg Société Anonyme", die "keine industrielle Tätigkeit entfalten", sondern nur Beteiligungen an anderen Firmen erwerben und verwalten soll. Auch die BASF errichtet in Antwerpen ein Zweigwerk für den Export über See. Kosten für die erste Ausbaustufe: 200 Millionen Mark.
Die Chemischen Werke Hüls sind an Firmen in Indien, Brasilien und Belgien beteiligt. Kürzlich kauften Agenten des Hüls-Generaldirektors Dr. Franz Broich die Hälfte einer schwedischen Chemiefirma auf. Scherings Konzernbild zeigt sogar mehr ausländische als westdeutsche Betriebe.
Die großen drei der Branche - Bayer, Hoechst und BASF -, die zwischen; 1952 und 1964 pro Jahr durchschnittlich je 300 Millionen Mark investierten, wollen bis 1968 jeweils nahezu eine Milliarde - Mark jährlich in ihre Werke stecken. Schon heute kostet jeder neue Arbeitsplatz bei Bayer etwa 400 000 Mark (1938: 30 000 Mark).
Doch obwohl das gigantische Ausmaß kaum noch überbietbar zu sein scheint und obwohl die Atomindustrie immer stärker aufkommt, glauben die Industriellen, die Zukunft der Chemie habe eben erst begonnen. Nach wie vor sehen sie ihre Aufgabe "in der Auffindung von Unbekanntem" (BASF-Generaldirektor Timm). Die Forschung habe eben angefangen, "in die Rohstoffmonopole der Natur einzudringen" (BASFAufsichtsratsvorsitzer Professor Carl Wurster).
Der Naturwissenschaft winkten, so Wurster, "unverändert Chancen, bisher Verborgenes in der Schöpfung zu erkennen und den (göttlichen) Schöpfungsprozeß gleichsam fortzusetzen". Allein die Entwicklung der Kunststoffe verlaufe so rasch, "daß wir vielleicht einmal von einer Neo-Materie sprechen können".
Fast jeden Monat wird irgendwo in der Welt ein neuer Kunststoff, eine Fasernovität oder ein neues Verfahren zur Herstellung synthetischer Stoffe patentiert.
Der US-Konzern General Electric Corporation führte vor etwa Jahresfrist im New Yorker Sheraton East Hotel ein Whiskyglas aus Kunststoff vor, das allen Strapazen standhält. Der Vizepräsident der Gesellschaft, Charles E. Reed, sprang auf dem Glas herum und balancierte seine 80 Kilogramm über das Gemäß, das äußerlich nicht von einem normalen Whiskyglas zu unterscheiden war. Hergestellt wurde es aus Polyphenyloxyd (PPO), dem härtesten Material, das die Kunststoffchemie bisher hervorgebracht hat.
Polarforscher verschmähen heute das Iglu und ziehen wärmespeichernde Behausungen aus dem Schaumstoff Styropor vor, in denen es sich selbst bei minus 40 Grad Außentemperatur monatelang kommod leben läßt. Weniger als ein Pfund Gewebe aus modernen Fasern reichen einer Frau, sich durchaus züchtig zu bekleiden. Und bei der Kölner Möbelmesse forderten die Hersteller von Holzfurnieren Ende Januar die Kunststoff-Konkurrenz dringend auf, ihre Edelholz-Imitationen als solche zu kennzeichnen: Sie seien sonst vom Echten nicht zu unterscheiden.
Aus Polyäthylen und Polyester preßte die deutsche Industrie 1964 allein eine Million Wäschekörbe, anderthalb Millionen Waschwannen, fünf Millionen Haushaltsschüsseln und sechs Millionen Eimer; ähnliche Produktionsziffern hat die Metallindustrie niemals erreicht. Den Rohstoff bringen Hoechst und
BASF unter Markenbezeichnungen wie
"Hostalen" und "Lupolen" heraus: ein linsenförmiges Granulat, das von Spezialmaschinen zu Haushaltsgeräten verarbeitet wird.
Mit einem Jahresverbrauch von 50 Pfund Kunststoff pro Kopf halten die Bundesbürger derzeit den synthetischen Weltrekord. Kunststoffe dienen als Fundamentwannen im Hochbau, als Isoliermaterial für Wände und Dächer, als Fußbodenbeläge, Möbellack und Polsterauflagen.
Mehr als die Hälfte aller Lebensmittel wird heute in Plastikfolien verpackt, die Hälfte aller Haushaltsgeräte ist aus Kunststoffen gefertigt. Dem Kunststoff-Ski folgten Motorboote *und Segeljachten aus Polyester, Automobil-Karosserien und sogar ganze Häuser aus Kunststoff, wie sie etwa der Biberacher Bauingenieur Schmid anpreist.
Rund 80 Prozent der heute in Deutschland angebotenen Küchenmöbel werden synthetisch hergestellt. Von insgesamt 79 Kajüten-Segelbooten, die dieser Tage auf der Hamburger Bootsausstellung gezeigt wurden, waren allein 45 aus Kunststoff angefertigt.
Die Firma Erler & Zimmer in Lauf (Baden) bastelt aus Polyvinylchlorid naturgetreue menschliche Skelette. Die Knochenmänner aus Kunststoff finden an Universitäten und Schulen reißend Absatz, weil Original-Gerippe Mangelware sind und laut Preisliste komplett 715 Mark kosten.
Schon vor Jahrzehnten schwante dem Brettldichter Fred Endrikat:
Bald fällt wieder Schnee. Ich bin mir nicht
im klaren,
ob dieser Schnee so echt ist wie vor Jahren.
Wer weiß - vielleicht wird er synthetisch hergestellt.
Die Gummiplantagen dämmern schlechten Tagen entgegen, denn die Hälfte des Kautschuk-Bedarfs der Welt stammt heute schon aus Kunstkautschuk-Fabriken. Und nur die steil ansteigende Produktion synthetischer Fasern vermöchte den schnell wachsenden Textilbedarf zu decken, denn seit langem stagniert die Produktion natürlicher Wolle bei 1,5 Millionen Tonnen im Jahr. Die rund 600 Kunstfaserfabriken in aller Welt produzierten 1964 insgesamt 1,7 Millionen Tonnen Synthetic-Fasern, so viel Spinnstoffe wie eine Milliarde Schafe.
Ohne den künstlichen Dünger (Stickstoff, Phosphat und Kali) würde heute weit mehr als nur die Hälfte der Menschheit Hunger leiden. Dank dem künstlichen Dünger, den die deutschen Chemiker Fritz Haber und Carl Bosch 1912 durch die Ammoniak-Synthese aus Luft und Wasser gewannen, können heute in der Bundesrepublik zehn Menschen von einem Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche ernährt werden
- dreimal mehr als 1910.
Schon in naher Zukunft wird es den Chemikern möglich sein, Werkstoffe und Kunstfasern gleichsam am Reißbrett zu entwerfen. Ein Material mit bestimmten Kombinationen von Eigenschaften wird gefordert - und die Chemiker bauen die gewünschten Produkteigenschaften in der Retorte zusammen.
Zu Beginn der Kunststoff- und Faserchemie während der zwanziger und dreißiger Jahre hatten die Chemiker noch Rohstoffe verwendet, die bereits in der Natur in Großmolekülen (Makromolekülen) gewachsen waren, so etwa die Zellulose, die Gerüstsubstanz des Pflanzenreichs, die sich aus Holz, Stroh oder den kurzen Haaren der Baumwollsamen (Linters) gewinnen ließ. Diese Rohstoffe wurden dann in den Chemiewerken verflüssigt und zur gewünschten Form abgewandelt. So entstanden etwa aus Zellulose-Lösung, die durch feine Spinndüsen gepreßt und dabei zu langen Fäden gesponnen wurde, halbsynthetische Fasern wie Kunstseide und Zellwolle.
Nach ähnlichen Verfahren brauten die Alchimisten der Neuzeit halbsynthetische Kunststoffe wie Vulkanfiber, Zelluloid und Zellglas (Cellophan). Als Rohstoff dafür diente wiederum Zellulose, aber auch der Saft des Kautschukbaums oder Käsestoff der Milch (Kasein), aus dem zum Beispiel Hosenknöpfe oder Pfeifenmundstücke gefertigt werden.
Der endgültige Durchbruch aber gelang der Kunststoff- und Kunstfaserchemie kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs auf beiden Seiten des Atlantiks. In den Laboratorien von du Pont und des IG-Farben-Konzerns holten sich die Chemiker aus einfachsten Urstoffen meist aus Kohle, Wasser und Luft - die Bausteine für vollsynthetische Fasern und Kunststoffe. In zahlreichen, komplizierten chemischen Ulmsetzungsschritten wurden mit Hilfe von Druck und Wärme die Einzelmoleküle der Ausgangsstoffe zu kettenförmigen Riesenmolekülen aneinandergehäkelt (Polymerisation).
So entsteht beispielsweise aus dem gasförmigen Rohstoff, Äthylen, dessen Moleküle aus nur zwei Kohlenstoff- und vier Wasserstoffatomen zusammengesetzt sind, am Ende ein Kunststoff namens Polyäthylen, dessen Moleküle jeweils 2000 bis 3000 Atome enthalten. Aus Polyäthylen werden im Spritzgußverfahren Weichplastiken, etwa Trinkbecher, Kinderbadewannen und Eimer,
Folien, Kunststoffrohre, Isolierungen, Höhenballons, Eiswürfelbehälter, Spielzeug und Verpackungsmaterial gewonnen,
Durch Verschweißen von Molekülen war es möglich, dem Sortiment der bekannten und aus der Natur gewinnbaren Werk- und Faserstoffe neue Materialien mit bis dahin unbekannten Eigenschaftskombinationen hinzuzufügen. Die PVC-Folie zum Beispiel ist wasserfest, dekorativ und hochgeschmeidig, je nach Verwendungszweck kann sie leder- oder gummiartig, aber auch durchsichtig als "gläserner Gummi" hergestellt werden.
In der Natur gibt es keinen hochelastischen Stoff, der nicht durch Öle, Fäulnisbakterien oder Insekten zerstört wird. Erst durch die chemische Montage von Molekülen unter hohem Druck und Hitze entstanden Stoffe von nahezu unbegrenzter Haltbarkeit.
Gut 3000 verschiedene Kunststoffe und Fasern werden heute industriell genutzt, darunter
- hochgradig hitzebeständiger Kunststoff für Raketennasen,
- Kunstgummi, der an Abriebfestigkeit und Elastizität Naturgummi weit übertrifft und zudem ölbeständig ist,
- zugfeste, glasfaserverstärkte Kunstharze für weitgespannte Hallendächer, Motorboote und Automobilkarosserien,
- Spezialklebstoffe aus Phenolharzen, mit denen beispielsweise das in deutsch-französischer - Gemeinschaftsarbeit projektierte Transportflugzeug Transall zusammengeleimt wird, sowie
- Kunstharz - Lacke
und -Beschichtungen (Resopal), die kratz-, stoß- und hitzefest sind wie kein Schutzüberzug zuvor.
Jüngste Produkte der Kunststoffchemie sind die Wunderfasern Lycra, deren enorme Elastizität die Kurven der weiblichen Anatomie umschmeichelt (Lastexhosen oder der sogenannte No-bra bra), und Corfam; ein in Amerika entwikkelter Kunststoff, der an Schönheit und Elastizität dem Leder gleichkommt, aber erheblich haltbarer und leichter zu pflegen ist. Bereits in der Retorte werden die Chemiefasern dem geplanten Verwendungszweck angepaßt. Während der Herstellung beeinflussen die Chemiker Feinheit und Länge der Faser, sie bestimmen den Mattgrad (hochglänzend bis stumpf), den Kräuselungsgrad (wollig oder glatt) und die Festigkeit. Chemiefasern können buchstäblich in der Wolle
gefärbt werden, denn bereits der flüssigen Spinnmasse fügen die Chemiker den Farbstoff zu. Schließlich werden die Eigenschaften unterschiedlicher Fasern miteinander kombiniert? Insbesondere haben sich "Textillegierungen" aus Chemie- und Naturfasern bewährt. Noch vor 15 Jahren hatten Deutschlands Chemiebosse nicht mehr an die Zukunft geglaubt. 1953 seufzte der Physiker Max von Laue, Nobelpreisträger von 1914: "Wenn das so weitergeht, dann haben binnen drei Generationen die Deutschen für die Welt die Bedeutung eines Bantustammes."
Gleich nach der Besetzung Deutschlands hatten die Alliierten des Dritten Reiches Wirtschaftsmacht zerhackt: den Kohlebergbau, die Vereinigten Stahlwerke und die IG-Farbenindustrie. In der Zerschlagung des IG-Trusts, des damals größten Chemieunternehmens der Welt, sieht Hoechst-Chef Winnacker noch heute "eines der alliierten Kriegsziele".
Das Vermögen des Trusts, zu dem 405 Beteiligungsfirmen in der ganzen Welt gehörten, wurde beschlagnahmt, und die Alliierten entzogen den Werken das Arbeitspermit. Die Herstellung beispielsweise von Synthesekautschuk (Buna) bei den Chemischen Werken Hüls wurde sogar generell verboten. In Frankfurt etablierten sich die Sieger
im IG-Hochhaus, das zum GI-Hochhaus wurde: General Eisenhowers Hauptquartier.
Hinter dem Eisernen Vorhang verstaatlichten die Kommunisten ein IG -Vermögen im Buchwert von 300 Millionen Mark. Die weltberühmten Stickstoff-Werke in Leuna wurden mehrmals demontiert und wiederaufgebaut, ehe sie unter dem Namen "Leuna-Werke Walter Ulbricht" Düngemittel zu produzieren begannen.
Im Westen lagen die Chemiefabriken in Trümmern. Über das Leverkusener Bayer-Werk waren 40 Luftangriffe hinweggegangen; bei der Ludwigshafener BASF, Ziel von 125 Bombenangriffen. waren nur 90 von 1470 Fabrikationsgebäuden unbeschädigt.
Die Safes, in denen Patente und Forschungsarbeiten von Jahrzehnten lagerten, wurden leergeräumt. Allein beim IG-Trust fanden die alliierten Suchtrupps 9000 in Deutschland erteilte Patente und Ausarbeitungen für weitere 6000 Anmeldungen; insgesamt verlor Deutschlands Chemie 200 000 Auslandspatente.
"Aber schlimmer noch als die Patentfledderei", sagte Hoechst-Chef Professor Winnacker, "war der Verlust unserer Warenzeichen und Schutzmarken." 24 000 international registrierte Warenzeichen und fast 200 000 im Ausland eingetragene Schutzmarken wurden konfisziert Präparatsbezeichnungen wie "Bayer" wurden vogelfrei. Der Chemie -Verband schätzt den Wert der verlorenen Schutzrechte "auf etwa zehn Milliarden Dollar". Selbst in spanischen Waschküchen wurde fortan das Anti -Schmerzmittel Pyramidon gebraut.
Während Direktoren und Manager wegen Beihilfe zu Hitlers Kriegstreiben einsaßen, übernahmen alliierte Offiziere die Kontrolle der Chemie-Reste. Ein dreiviertel Jahrhundert deutscher Industriemacht und Herrlichkeit war zu Ende.
Bis zum Zweiten Weltkrieg war die deutsche chemische Industrie durch richtungweisende Erfindungen und Entdeckungen führend in der Welt gewesen. Sie begründete ihren Ruf - und die Exportmärkte - schon Ende des vorigen Jahrhunderts mit der Farbenchemie. Leuchtende Färbemittel, für die bis dahin Luxuspreise bezahlt worden waren (für wenige Tropfen des lichtechten natürlichen Purpurs mußten 12 000 Purpurschnecken ihr Leben lassen), wurden nun billig aus einem überaus schmutzigen und stinkenden Abfallprodukt der Kohleverarbeitung hergestellt: dem Teer.
In den Laboratorien der BASF, der Farbwerke Hoechst vormals Meister Lucius & Brüning sowie von Bayer und Kalle, die bereits zwischen 1861 und 1863 entstanden waren, wurden bis 1914 praktisch alle wichtigen Farbstoffklassen erfunden oder für die industrielle Fertigung aufgeschlossen. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges beherrschte Deutschland 85 Prozent des Farbenmarkts der Welt.
Durch Preiskartelle und Aufteilung der Interessensphären hielt Deutschlands Großchemie, die sich bereits 1904 zum "Dreibund 04" (Bayer, BASF, Agfa) und zwei Jahre später zum "Dreibund 06" (Hoechst, Cassella, Kalle) konzentriert hatte, die Konkurrenz des Auslands nieder. Durch gezielt billige Exporte, etwa in die USA, und durch Vereinbarungen wie "Abnahme der Gesamtproduktion" wurden die ausländischen Unternehmen von ihren eigenen Märkten verdrängt und in ihrem Wachstum gebremst.
Den Welterfolg der Farben konnten die deutschen Chemiker durch die Entdeckung und Massenfabrikation medizinischer Heilmittel sogar noch übertrumpfen. Die Pharmazeutika wurden zur zweiten Säule der Chemie-Industrie.
Zwischen Feuerland und Spitzbergen verschrieben die Ärzte ihren Kranken deutsche Medikamente, und das Bayer-Kreuz war in Iglu und Negerhütte bekannt.
Emil von Behring entdeckte 1893 das Diphtherie-Serum, Paul Ehrlich fand 1910 das Lues-Heilmittel Salvarsan, "das heilende Arsen". Bei den Bayer-Werken wurden gegen die Schlafkrankheit das Germanin und gegen die Malaria das Atebrin entwickelt. Präparate wie Pyramidon, Aspirin, Veronal und Luminal trugen Deutschlands Forscherruhm um die Welt.
In den ersten 15 Jahren dieses Jahrhunderts bekamen zehn deutsche Chemiker und Mediziner den Nobelpreis - nach 1945 wurden nur drei Chemie-Nobelpreise an Deutsche verliehen. Ohne die Ammoniak-Synthese von Haber und Bosch, die den Grundstoff für künstlichen Dünger wie für Sprengstoffe lieferte, hätte die Oberste Heeresleitung spätestens Ende 1915 die Waffen strecken müssen. Die lebenserhaltende Ammoniak-Synthese verlängerte den Krieg und verkürzte das Leben von einigen Millionen Menschen.
Trotz der Patentverluste blieb Deutschlands Chemiemacht auch nach dem Ersten Weltkrieg ungebrochen. Während deutsche Forscher ihre Analysen kochten, verschmolz der Bayer-Chef Carl Duisberg 1925 die beiden Dreibünde zur IG-Farbenindustrie AG, kurz IG Farben genannt. Erster Trust-Präsident wurde der Forscher und BASF-Chef Carl Bosch, ein Neffe des Stuttgarter Industriellen Robert Bosch; 1931 bekam Carl Bosch den Nobelpreis.
Deutschlands Chef-Chemiker waren, wie fast alle Industriellen jener Tage, deutschnationale, stramm reaktionäre Gegner der Weimarer Republik. Welcher politische Geist die deutsche Industrie beherrschte, zeigt eine Rede, die Carl Duisberg 1925 vor dem Reichsverband der deutschen Industrie hielt: "Seid einig, einig, einig! Das sollte der ununterbrochene Appell an alle Reichstagsparteien sein ... Wir hoffen, daß unsere Worte heute auf ein Echo stoßen und daß wir den starken Mann finden werden, der uns endlich alle unter einen Hut bringt."
Im Gegensatz zur Ruhr-Industrie zögerten die Chemie-Chefs freilich lange, bis sie den braunen Führer mit Geldmitteln unterstützten. Erst nachdem 1932 Hitler 34 Reichstagssitze eingebüßt hatte, entschloß sich - auch die IG-Farbenindustrie, 300 000 Mark zu einer politischen Tellersammlung beizusteuern.
Während der Kriegsvorbereitungen Hitlers wurden die IG-Farben zum gehätschelten Konzern des Dritten Reiches. Die Arbeiter der Stirn halfen Deutschlands Kriegswirtschaft auf die Beine und bestärkten Hitler in seiner Vulgärphilosophie von der Überlegenheit der germanischen Rasse.
In Forschungsarbeiten, die in der Geschichte der Chemie ohne Beispiel waren, beseitigten deutsche Wissenschaftler jene beiden Rohstoff-Engpässe, die Hitlers Kriegswirtschaft gefährdeten: den Mangel an Benzin und Kautschuk.
1935 gelang den Chemikern der IG Farben, durch Hydrierung von Braunkohle Benzin zu produzieren, und bald darauf wurde in den neuen Werken Schkopau in Sachsen und Hüls in Westfalen die Kautschuk-Synthese industriell genutzt, die Deutschland unabhängig vom tropischen Naturkautschuk machte. Der neue Stoff wurde Buna genannt.
Auch im Wettlauf um die Synthese von Kunststoffen behauptete sich die omnipotente IG gegenüber der amerikanischen Konkurrenz. 1935 hatte der Du-Pont-Chemiker Wallace Hume Carothers nach jahrelangen Experimenten, für die du Pont 110 Millionen Mark ausgegeben hatte, eine neue Kunstfaser entdeckt. Der neue Faden war elastischer als Baumwolle und reißfester als Seide, für die Japans Seidenhändler damals eine Art Monopol hatten. Erfreut, so berichtet die Chemie-Legende, rief Carothers aus: "Now, you lousy old Nipponese!" ("Nun, ihr lausigen alten Nipponsöhne!"). Aus den Anfangsbuchstaben dieses Satzes soll der neue Name "Nylon" entstanden sein.
Du-Pont-Emissäre reisten stolz über den Atlantik ins IG-Hochhaus nach Frankfurt, um die neue Wunderfaser gegen viel Geld der deutschen Konkurrenz anzubieten. Doch die IG-Manager lächelten abgründig, führten ihre Gäste in den Berliner Farbenbetrieb "Azeta" und zeigten ihnen eine Faser, die dem Nylon durchaus ebenbürtig war. Durch Polymerisation von Caprolactam, das aus dem Steinkohlendestillat Phenol gewonnen wird, hatte der deutsche Chemiker Dr. Paul Schlack, der heute an der Technischen Hochschule Stuttgart lehrt, die Faser "Perlon" gefunden.
Carothers konnte diese Enttäuschung nicht verwinden. Wenige Monate später nahm der Erfinder Zyankali. Du Pont und IG-Farben aber einigten sich in aller Stille und tauschten die Fabrikationsgeheimnisse der beiden Fasern aus. Während des Krieges erfanden beide Konzerne unabhängig voneinander aus Acetylen und Blausäure eine noch feinere Faser, die später unter dem Namen "Orlon" auf den Markt kam. Das neue Garn war so fein gesponnen, daß ein Kilogramm ausreichte, den Erdball zu umspannen.
Mit der erdumspannenden deutschen Chemiemacht war es 1945 freilich zunächst zu Ende. Für die amerikanischen Besatzer galt das Wort des US-Senators William Benton: "Die USA fürchten den deutschen Radikalismus weniger als die IG-Farbenindustrie."
Noch 1952 dekretierten die Besatzer, daß der mächtige Trust in zwölf Nachfolgegesellschaften zerlegt werde. Das geschah - aber nur für kurze Zeit: 1953, als Konrad Adenauer mit den Westalliierten die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik betrieb, konnten die drei stärksten IG-Nachfolger (Bayer, Hoechst und die BASF) verlorengegangene Firmen wieder an sich ziehen und erneut die Führungspositionen der westdeutschen Chemie gewinnen. Konzernfrei blieben nur wenige alte IG-Ableger.
Selbst die Alliierten hatten die drei Konzerne nicht ganz trennen können. Sie blieben als Aktionäre der Bunawerke Hüls GmbH, der Duisburger Kupferhütte AG und der Cassella Farbwerke Mainkur AG bis heute miteinander verbunden.
Freilich ging jeder der drei Großen seinen eigenen Weg. Die Entflechtung hatte die BASF zum Beispiel zum reinen Rohstoffproduzenten ohne lukrative Weiterverarbeitung degradiert. Die Farbwerke Hoechst, Deutschlands größte Arzneimittel-Herstellerin, besaßen weder ein eigenes Markenzeichen noch einen eigenen Verkaufsapparat. Am besten war Bayer davongekommen, denn die alte IG hatte jahrzehntelang mit dem Bayer-Kreuz geworben.
Schwerwiegender als die Zerschlagung des alten Trusts aber wog der Vorsprung, den die Amerikaner in der Forschung gewannen. Noch 1935 hatte der deutsche Forscher Gerhard Domagk die Sulfonamid-Therapie entdeckt und damit das Zeitalter der Antibiotika vorbereitet. An den antibiotischen Neuerungen der Kriegs- und Nachkriegszeit aber hatten die deutschen Forscher kaum noch Anteil: Penicillin, Tetracyclin, Streptomycin und Chloramphenicol, mit denen erstmals seit Beginn der modernen Medizin bakterielle Erkrankungen, wie etwa Tuberkulose, Typhus und Lungenentzündung, gezielt behandelt werden können, wurden ausnahmslos in England und Amerika entwickelt.
Die deutsche Pharmazie verdankte ihre überragende Position bis zum Zweiten Weltkrieg dem Umstand, daß die Firmen forschungsintensiver waren als ihre Konkurrenten. Kennzeichnend für die starke Position der Forscher in der Firmenhierarchie war, daß etwa ein Wissenschaftler und Nobelpreisträger wie Carl Bosch Chef der IG-Farben wurde.
Heute hingegen kämpft die deutsche Pharma-Forschung um den Anschluß an die entlaufene Konkurrenz, und die Wissenschaftler sind längst durch Chemiekaufleute und Manager aus der Firmenspitze verdrängt. Zwar geben Deutschlands Chemiefirmen, so Bayer-Chef Hansen, bis zu zehn Prozent des Pharma-Umsatzes für die Forschung aus. Häufig aber scheinen die wissenschaftlichen Arbeiten nicht mehr so sehr auf die Grundlagen als vielmehr auf Umgehung von Konkurrenz-Gebrauchsmustern zu zielen: Dem bekannten-Wirkstoff wird irgendeine chemische Gruppe angehängt, selbst wenn diese am Effekt des Medikaments nichts ändert.
Nur in wenigen Fällen gelangen deutschen Pharma-Forschern nach dem Krieg international beachtete Erfolge; frischen Lorbeer sammelten beispielsweise Hoechst und Boehringer mit der Entwicklung oraler Medikamente (Tabletten) zur Behandlung der Zuckerkrankheit. Im Ausland aber entdeckte die Forschung völlig neue Medikamenten-Gruppen: in Frankreich etwa die sogenannten Psycho-Pharmaka, in Amerika die Cortisone, die aus der Nebennierenrinde gewonnen werden und zur Behandlung von Operations- und Unfallschocks sowie von Rheuma dienen.
In anderen Bereichen der Chemie haben Deutschlands Forscher den Anschluß an Amerika wiederhergestellt, vor allem bei Farben aller Art, Lacken, Kunstfasern, Kunststoffen und Pflanzenschutzmitteln. Mit dem Insektengift E 605 etwa, das der IG-Chemiker Dr. Gerhard Schrader 1944 erfand, leitete Bayer eine neue Phase der Schädlingsbekämpfung ein.
Bis nach dem Krieg hatte die Chemie Pflanzenschädlinge, aber auch die Malaria übertragende Anopheles-Mücke, mit dem Chlorkohlenwasserstoff DDT bekämpft. Doch mit der Zeit wurden die Insektenstämme gegen DDT immun. Das E 605 aus den Bayer-Werken setzte das Vernichtungswerk fort. Heute ist Bayer, das E 605 und andere Pflanzenschutzmittel aus der Gruppe der Phosphorsäureester im Werk Dormagen bei Köln herstellt, in der Schädlingsbekämpfung wieder führend. Um so grotesker ist es, daß das Werk für das im eigenen Hause erfundene Insektengift niemals Lizenzgebühren bekommen hat: Die Alliierten hatten das Patent im Jahre 1945 gefleddert.
Jeder neue Erfolg muß mit ungeheuren Investitionen erkauft werden. So erklärte Professor Dr. Leo Brandt, Forschungsbeauftragter des Landes Nordrhein-Westfalen. "Das Laboratorium von Michael Faraday (1791 bis 1867), der die Grundgesetze der Elektrotechnik fand, würde, wenn es heute eingerichtet werden müßte, nur 100 Mark kosten, das Labor von Heinrich Hertz, der die Grundlagen für die drahtlose Telegraphie legte, nur 10 000 Mark. Vor 30 Jahren war man bestens bedient, wenn man für ein Labor 100 000 Mark aufwendete." Heute jedoch kostet schon jeder einzelne Arbeitsplatz in der chemischen Produktion viermal mehr.
Bereits vor dem Kriege zirkulierte bei der BASF in Ludwigshafen ein Ausspruch des Chefs Carl Wurster, für ihn sei ein Betriebsleiter, der nicht alle drei Jahre seine Fabrik völlig neu bauen wolle, eine Schlafmütze. Sein Nachfolger Timm, der sechs Sprachen beherrscht, hantiert nur noch mit neun- und zehnstelligen Zahlen: "Bei uns werden alljährlich so viel vernünftige Ideen produziert, daß wir gut und gern zwei Milliarden Mark brauchten, um sie zu realisieren. Aber wir können in unserem Werk Ludwigshafen nur für 500 bis 700 Millionen Mark jährlich bauen."
Alljährlich schwingt die Finanzschaukel der Konzerne höher. Insgesamt wendete die Branche für Investitionen in den letzten 13 Jahren 21,8 Milliarden Mark auf (siehe Graphik Seite 51); Bayer gab für Sachanlagen und Beteiligungen 4,416 Milliarden Mark, Hoechst 4,023 Milliarden und BASF 3,928 Milliarden aus. Allein 1966 will die BASF 1,18 Milliarden Mark in ihre Anlagen stecken - den größten Betrag, den ein deutsches Industrie-Unternehmen jemals im Zeitraum eines Jahres investiert hat.
Den Geldhunger der Konzerne bekommen die Aktionäre fast in jedem Bilanzjahr zu spüren. Kaum haben sie ihre Dividenden kassiert, werden sie von ihren Firmenvorständen aufgefordert, junge Aktien zu kaufen. Bayer etwa gab in den Jahren von 1952 bis 1964 Dividenden in Höhe von 1,15 Milliarden Mark aus und holte 898,5 Millionen Mark durch Kapitalerhöhungen wieder in die Konzernkasse zurück.
Hoechst und BASF machten ihren jeweils etwa 240 000 Aktionären das Gefühl; Realitäten-Eigentümer zu sein, ebenfalls nicht leicht. Hoechst schüttete in den letzten 13 Jahren eine Gesamtdividende von 990 Millionen Mark aus und kassierte durch Kapitalaufstokkungen wieder 1,24 Milliarden Mark. Die BASF-Aktionäre bekamen 1,1 Milliarden Mark Dividende und mußten 1,285 Milliarden Mark Kapitalerhöhungen an den Konzern zurückgeben.
Die drei Großen der westdeutschen Chemie haben bisher für Forschung und Entwicklung neuer Produkte und Verfahren vier Milliarden Mark aufgewendet - mehr als ihr gesamtes Aktienkapital. Hoechst-Chef Winnacker läßt derzeit auf der südlichen Mainseite in Frankfurt-Hoechst auf einer Fläche von 30 Hektar ein Forschungszentrum errichten, dessen Kosten er überschlägig mit 230 Millionen Mark beziffert. Obwohl die chemische Industrie in der Bundesrepublik nur mit acht Prozent am Industrie-Umsatz beteiligt ist, bestreitet sie 33 Prozent des industriellen Forschungsaufwands.
Selbst die zweite Chemie-Garnitur pumpt große Summen in ihre Forschung: Die Vereinigten Glanzstoff-Fabriken wendeten dafür im Jahre 1964 allein fast 40 Millionen Mark auf, und die Berliner Pharmazie-Firma Schering, deren Jahresumsatz nur 329 Millionen Mark beträgt, warf mehr als 25 Millionen Mark für Forschung aus.
Die Masse des Geldes nutzten die Chemieküchen zur Verfeinerung zweier neuer Gerichte: der Synthesefasern und der Kunststoffe, die in fremden Betrieben zu Fertigfabrikaten verarbeitet werden. Westdeutschlands gesamter Maschinenbau hat sich auf die Herstellung von Kunststoffverarbeitungs-Maschinen gestürzt und erzielte Umsätze "von mehreren hundert Millionen Mark im Jahr", so Dr. Werner Kneip, Chef des Flick-Unternehmens Dynamit Nobel AG, das früher allein Schießzeug zubereitete und heute ein Drittel seines Umsatzes mit Kunststoffen macht.
Im Kunststoff- und Kunstfasergeschäft sehen auch die anderen Chemie-Firmen die größten Zukunftschancen. Während im Zeitraum 1918 bis 1938 neun deutsche Chemiker der unterschiedlichsten Disziplinen Nobelpreise erhielten, gingen die am meisten beachteten Ehrungen dieser Art nach dem Krieg an Kunststoff-Forscher:
1953 ging der Nobelpreis an den Freiburger Chemiker Hermann Staudinger, der die Struktur der Riesenmoleküle entschlüsselt hatte, 1963 wurde dem Mülheimer Professor Karl Ziegler für seine Arbeiten auf dem Gebiet der Chemie und Technologie der Hochpolymere die gleiche Ehrung zuteil.
Die Rückkehr zur alten Macht und der Vorstoß in neue Märkte hat im In- und Ausland die Angst vor den aggressiven Chemiegiganten geweckt. Wortreich bannen die Firmenchefs das Schreckgespenst, einen Zusammenschluß der drei Nachfolger des alten IG-Trusts zu einem Mammutkonzern zu planen.
Bayer-Chef Kurt Hansen - er sitzt im alten Arbeitszimmer des IG-Gründers Carl Duisberg, dessen Porträt noch in allen Werkskasinos aushängt - hält die Rückverflechtung für den "größten Blödsinn, den wir machen könnten. Wir sind allein stark genug". Sein Kollege Winnacker aus Hoechst lehnt einen Zusammenschluß auch aus anderen Erwägungen ab: "Es würde ein solcher Machtblock entstehen, daß die Politik dagegen einschreiten müßte. Wir haben andere Sorgen."
Tatsächlich sind sich die Konzerne oft auch ohne direkte Kooperation einig. Wie von ungefähr fertigen beispielsweise die Bayer-Werke Antibiotika, Schlafmittel und Psycho-Pharmaka - aber kaum Herzmittel, Diabetesmedikamente und Cortisone, die wiederum vor allem von den Farbwerken Hoechst produziert werden. Dafür verzichtet Hoechst auf die Herstellung von Schlafmitteln und Psycho-Pharmaka. Dieser seltsame Produktionsverzicht einer Weltfirma ist etwa der Sortimentspolitik eines Lebensmittel-Supermarkts vergleichbar, der Butter aus seinem Angebot streichen würde.
In anderen Produktionsbereichen freilich tobt zwischen den Konzernen ein erbitterter Kampf. Als die "Hostalen" -Kanister der Farbwerke Hoechst unlängst als erste und bisher einzige Kunststoffbehälter für Benzin zugelassen wurden, verbreiteten Werbetexter die Botschaft mit einem Aufwand von einigen Millionen. Die BASF propagiert unterdessen unverdrossen: "Verpakkungsprobleme löst man mit Lupolen"; ihre Flaschen fassen Motorenöle, Spül- und Reinigungsmittel ebenso wie Kosmetika.
Ein immer größerer Anteil der Lupolen-Produktion der BASF geht in die Herstellung von Säcken; viele Chemikalien, früher umständlich in Eisenfässern verpackt und mit hohen Frachtkosten belastet, werden in flüssigem Zustand in Lupolen-Säcke gefüllt und weltweit transportiert. Bierkästen aus Polyäthylen gefallen den Bierkutschern wegen ihres geringen Gewichts. Viele Hausfrauen hamstern die Kisten als Vorratsbehälter.
Die herkömmlichen Verpackungsmittel haben ausgedient. Die Hoechst-Tochterfirma Kalle AG in Wiesbaden (Markenname: Cellophan), die bereits Ende der zwanziger Jahre eine synthetische Wursthaut erfand, stieg zur führenden Folienherstellerin Europas auf und erwartet für die Zukunft "überdurchschnittliche Wachstumsraten" (Kalle -Generaldirektor Dr. Josef Nowotny).
Wie in der Kunststoffproduktion, hält die Bundesrepublik auch in der Kunstfaserherstellung mit Abstand den ersten Platz in der EWG. Marktanteil: 40 Prozent. In den vergangenen zehn Jahren steigerte sie die Produktion um das Elffache; allein die Farbwerke Hoechst konnten im Jahre 1964 ihre Syntheticfaserherstellung um 50 Prozent erhöhen. Die Vereinigten Glanzstoff-Fabriken wollen bis Ende 1966 ihr Synthetic-Programm im Vergleich zu 1963 sogar verdoppeln.
Marken wie "Dralon" (Bayer), "Trevira" (Hoechst), "Diolen" (Glanzstoff), "Redon" (Phrix-Werke AG) und "Vestan" (Chemische Werke Hüls) sind heute in der Welt so bekannt wie "Stille Nacht, heilige Nacht".
Bayer stellte vor wenigen Monaten seine neu entwickelte Textil-Kunstfaser-Kombination "Vistram" vor. Vistram ist wasserdicht, aber luft- und wasserdampf-durchlässig, sehr leicht und - laut Firmenwerbung - "dennoch widerstandsfähig". In dieser Frühjahrssaison kommt der neue Stoff gleichzeitig in Westdeutschland, Belgien und Italien auf den Markt.
Daß auch die amerikanische Konkurrenz nicht ruht, bekamen die Synthetic-Firmen schon durch die Wunderfaser "Lycra" zu spüren, die den weiblichen Formen die ideale Kurvenführung gibt. In den USA machte im vergangenen Jahr eine weitere Kunststoffneuheit Sensation: "die gemalte Leitung". Der Miterfinder Lupinski
führte einen Kunststoff vor, der elektrische Energie zu leiten vermag. Die flüssige Masse kann mit einem Pinsel auf jede Fläche aufgetragen werden. Die Paste erstarrt rasch und verträgt jede Spannung sowie Temperaturen bis 150 Grad.
Möglicherweise kann die Elektro -Industrie schon in naher Zukunft auf Kupferdrähte in Radios, Telephonen, Flugzeugen und Schiffen verzichten. Die gemalte Leitung könnte in Kunststoff-Folien eingedrückt oder in vorbereitete Matrizen gespritzt werden. Schadhafte Leitungen im Haushalt könnten vermittels einer Tube mit flüssigem Elektrodraht repariert werden.
Der US-Trust General Electric will mit den Leitfäden aus Kunststoff die gesamte Beleuchtungstechnik umstürzen. Elektrisch aufgeladener Kunststoff strahlt ein mildes Licht aus, mithin könnten Lampen mit einem Pinsel an Wände und Decken gemalt werden. Geplant ist, auch die herkömmliche Straßenbeleuchtung durch einen "Lichtanstrich" der Bürgersteige zu ersetzen.
In Amerikas Laboratorien wurde auch jene hauchdünne, spezial-poröse Folie entwickelt, die den Menschen - Darwin zum Trotz - die Rückkehr ins Wasser gestatten soll. Der Stoff ist so dünn ausgerollt, daß der Sportfreund ohne Schnorchel und Atemgerät wie ein Fisch dem Wasser Sauerstoff zu entziehen vermag.
Als sich der US-Chemiegigant du Pont im vergangenen Jahr daranmachte, im westfälischen Uentrop die Claims für sein erstes Chemiefaserwerk in der Bundesrepublik abzustecken, lamentierte die örtliche Wirtschaft zwischen Münster und Dortmund, nach Ständen geordnet, als stehe die Apokalypse des Kapitalismus bevor.
Unter den Protest-Adressen fehlte der Name eines deutschen Chemie-Unternehmens. BASF-Generaldirektor Timm erklärte, warum: "Einmal haben wir vor den Amerikanern keine Angst, zum anderen nehmen wir selbst für unsere Auslandsprojekte weltweite Freizügigkeit in Anspruch."
Mehr Sorge als die US-Konkurrenz bereitet den Konzernherren die hausgemachte Bildungskatastrophe. Von den 16 000 Chemikern in der Bundesrepublik ist nur die Hälfte in der Industrie tätig. Da jährlich nur etwa 550 Studiker promovieren, werden 1975 mindestens 65 Prozent der Industrie-Arbeitsplätze für den akademischen Nachwuchs leerstehen. Statt der erforderlichen 3,5 Prozent der Abiturienten studieren zur Zeit nur 2,4 Prozent Chemie. Seit Jahren keilen daher Abwerber der Industrie Universitäts -Approbanden gegen ein Handgeld sowie Zahlung eines monatlichen Wechsels. Künftig sollen aus dem "Fonds der chemischen Industrie" alle jene Kandidaten, die ihre Diplomarbeit bereits nach zehn Semestern machen, eine Chemiespende von 1000 Mark empfangen. 2000 Mark winken jenen, die schon nach neun Semestern zum Diplom antreten.
Im übrigen blicken die Bosse sorglos in den schwefelgelben Himmel über sich. Bayer-Chef Kurt Hansen verwunderte sich: "Erfolg wo? - Auf der ganzen Linie!" Und der Professor Carl Winnacker, Herr über, Hoechst und Hostalen, flüsterte versonnen: "Wir werden in ungeheure Mengen hineinwachsen."
Möbel aus Kunststoff
Kunststoff-Segeljacht
Plastik-Geschirr
Kunststoff-Wohnhaus
Swimmingpool mit Plastikdach
Styropor-Isoliermaterial
Synthetic-Wäsche
Kunststoff-Karosserie
Kunststoff-Produkte: Mit 50 Pfund pro Jahr holt der Deutsche den Weltrekord
Bayer-Zentrale In Leverkusen
BASF-Zentrale In Ludwigshafen
Hoechst-Zentrale In Frankfurt
Westdeutschlands Chemie-Hauptquartiere: "Wir werden in kolossale Mengen hineinwachsen"
Chemie-Chefs Hansen (Bayer), Timm (BASF), Winnacker (Hoechst) "Erfolg wo? - Auf der ganzen Linie"
IG-Farben-Gründer Duisberg
"Seid einig, einig, einig!"
Deutsche Artillerie 1914, Anlage zur Ammoniak-Synthese: Ohne die Großchemie hätte das Reich . . -
... zwei Weltkriege nicht führen können Benzin-Produktion im Leuna-Werk, deutsche Bomber 1941
Amerikanische Bomber über BASF
"Die USA fürchteten . . .
... die IG-Farben mehr als den deutschen Radikalismus": Bayer in Trümmern, IG-Farben-Prozeß in Nürnberg
Bayer-Faser Dralon
Glanzstoff-Faser Diolen
Hoechst-Faser Trevira
Deutsche Synthetic-Weltmarken
Bekannt wie "Stille Nacht"
Chemie-Labor in Ludwigshafen: Für reden Arbeitsplatz 400 000 Mark
Chemie-Studenten in Hamburg: Für pünktliches Examen 1000 Mark

DER SPIEGEL 7/1966
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