14.02.1966

MOND-ERKUNDUNGLandung auf Schneeschuhen

Der Mond", ließen die Sowjet -Wissenschaftler nach der historischen "Luna 9"-Landung verkünden, "spricht Russisch."
Die Konkurrenz im Westen hörte mit, übersetzte sich die Funksprache in Bilder und ging ans Werk, die kosmische Botschaft für die eigenen Raum-Pläne auszumünzen.
Eine Zeitungs-Redaktion - der Londoner "Daily Express" - half den Mond-Kiebitzen im britischen Observatorium Jodrell Bank, die Luna-9 -Signale zu entschlüsseln. Die Express - Redakteure schickten den Astronomen per Lastwagen ein Bildfunkgerät, wie es zur Übermittlung von Pressephotos benutzt wird; damit wurden die Funkzeichen in Bilder zurückverwandelt.
So wußte die Welt schon am vorletzten Wochenende, was dann mit einiger Verspätung auch die Sowjet-Wissenschaftler ihren kosmischen Schnappschüssen entnahmen: Die Oberfläche des Mondes, so formulierte der sowjetische Astronom Nikolai Barabaschow, bestehe "aus einer schwammähnlich porösen, aber harten, rauhen Gesteinsmasse, übersät von scharfkantigen Bruchstücken verschiedener Größe".
Nicht nur in Jodrell Bank, auch an "verschiedenen anderen geheimen Horchplätzen rund um die Welt" (so die "New York Times") hatten westliche Wissenschaftler die TV-Sendung vom Mond empfangen. Und überall in den Konstruktionsbüros der US-Raumfahrtindustrie gingen letzte Woche die Weltraum-Designer daran, ihre bisherigen Entwürfe für Mondlande- und -Erkundungsfahrzeuge, für Astronauten-Schuhzeug und für Raumkleidung zu überprüfen.
Die seltsamsten Konfigurationen hatten die US-Raumfahrtingenieure ersonnen, solange sie noch auf die widersprüchlichen Spekulationen der Mondforscher hatten hören müssen.
Immer wieder rätselten die Nasa -Konstrukteure, ob die vier Tellerfüße der spinnenbeinigen Mondlandefähre "LEM" ("Lunar Excursion Module"), aus dem die ersten US-Astronauten auf das lunare Neuland klettern sollen, groß genug seien. Strittig war, ob das "Mond -Moped", das die Raumfahrtabteilung der US-Firma North American Aviation entwarf, mondtauglich sei; der Düsenstrahl, auf dem die Moped-Astronauten schweben sollen, würde, so unkten Pessimisten, gewaltige Staubwolken aufwirbeln und dem Mondfahrer die Sicht nehmen.
Staubigen Untergrund und rundliche Steinblöcke sollte das auf sechs Ballon-ähnlichen Kunststoffreifen rollende Mond-Erkundungsfahrzeug meistern können, das Ingenieure von General Motors entwarfen. Die GM-Konstrukteure hatten auch für den Fall, daß der Mond von einer mehrere Meter dicken Staubschicht bedeckt sei, Robot -Fahrzeuge entworfen, die sich nach dem Prinzip der Archimedes-Schraube hätten vorwärtswühlen können, ähnlich der Spindel eines Fleischwolfs, die sich durch Fleischbrocken hindurchwindet.
An den bereits im Bau befindlichen Mond-Vehikeln - dem Landefahrzeug LEM und dem amerikanischen Luna-9 -Pendant "Surveyor" - werden die Ingenieure, wie sie anhand der Nahphotos vom Mond beruhigt feststellten, kaum etwas ändern müssen.
Demgegenüber soll die persönliche Ausrüstung der ersten amerikanischen Mondfahrer, wie letzte Woche der US -Astronom Dr. Gerard Kuiper ankündigte, um einige zusätzliche Accessoires, bereichert werden: Die Raumanzüge sollen eine Kunststoffschicht bekommen, die sich selbsttätig wieder luftdicht zusammenzieht, sollte einer der spitzigen Mondkiesel, die auf den Luna-9 -Photos zu sehen waren, den Raumanzug durchbohrt haben. Zudem empfahl Kuiper, die künftigen Mond-Eroberer mit schneeschuhähnlichen Fußbrettern auszustatten, damit sie auf der mit Splitt übersäten Mondoberfläche leichter vorankämen.
Bedeutsame Veränderungen freilich könnten, sich aufgrund des russischen Zwischensiegs im Mondphoto-Finish in der zeitlichen Abfolge der US-Mond -Erkundungsprojekte ergeben.
Letzte Woche brachte ein Spezialflugzeug das erste Exemplar des amerikanischen Mond-Satelliten "Lunar Orbiter" nach Cape Kennedy. Eine Atlas -Agena-Rakete soll ihn in eine Umlaufbahn um den Mond befördern, von wo aus er Nahaufnahmen der Mondoberfläche erdwärts funken soll.
Ursprünglich hatten die Mond-Unrunder - insgesamt acht werden gebaut - erst dann auf Kundfahrt geschickt werden sollen, wenn die erste stationäre Mondsonde vom Typ Surveyor erfolgreich auf dem Erdtrabanten gelandet sein würde. Grund: Die Nahphotos vom Mond lassen sich nur dann ganz maßgenau auswerten, wenn ein von der Erde entsandtes Objekt, dessen Maße bekannt sind, mit im Bild ist.
Noch läßt sich nicht absehen, ob das nun schon um Jahre verschleppte Surveyor-Programm, wie vorgesehen, im Mai zum Erfolg führen wird. Deshalb erwägen die amerikanischen Mond-Planer, ob sie anstelle eines eigenen Surveyor-Sendlings die inzwischen verstummte Sowjet-Sonde als lunaren Hilfsmaßstab verwenden sollen.
Schon in wenigen Monaten, so plädierten Nasa-Planer, könnte ein Kamerabestückter amerikanischer Mond-Umrunder gestartet werden und die ersten Photos von der bislang nur auf Phantasiezeichnungen vorgeführten sowjetischen Luna-9-Sonde zur Erde funken.
Amerikanisches Mond-Moped
Im Schwebeflug ...
US-Mondlandefahrzeug "LEM"
... über steinerne Schwamme

DER SPIEGEL 8/1966
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