28.02.1966

GATTIVor dem Endpunkt

Rolf Hochhuth schrieb den "Stellvertreter", Heinar Kipphardt den "Joel Brand", Peter Weiss die "Ermittlung". Der Franzose Armand Gatti, 42, schrieb alle drei Stücke in einem. In der letzten Woche wurde es - vom Ulmer Theater - erstmals deutsch aufgeführt.
Was Hochhuth, Kipphardt und Weiss dem Publikum an Problemen nahebrachten, müssen die Zuschauer bei Gatti von fern betrachten: Weltraumsonden übermitteln auf die als Fernsehschirm verkleidete Bühne "Berichte von einem provisorischen Planeten" (so der Titel des Stücks).
Gattis Fernberichte, techno-theatralische Rückblicke auf NS- und SS-Staat, verwirrten die Ulmer. Die ersten Zuschauer verließen ihr Turnhallen-Theater schon nach dem vierten Bild (von 33). Die "Süddeutsche Zeitung" blieb und sah einen "kühnen und kraftvollen Versuch".
Experimente hat Gatti auf der Bühne immer gern gemacht; politisch hat er Neues nicht probiert: Der "Vulkan in dauernder Eruption" ("Le Monde") steht seit je links. Gattis Vater fegte Straßen in Monaco und erlitt einen linken Tod: Er fiel bei einem Streik durch eine Polizeikugel. Gatti ging mit 18 Jahren in die Resistance gegen die Deutschen, die ihn fingen und zum Tod verurteilten.
Seiner Jugend wegen wurde er zu Deportation begnadigt. Aus dem Arbeitslager der Firma Lindemann (in Hamburg) floh Gatti nach London, und die englische Armee ließ ihn als Fallschirmjäger springen.
"Nach der Befreiung", sagte Gatti, "schrieb ich an einem Stück über ein Konzentrationslager." Gatti verlor das Manuskript und die Lust am Drama - er schrieb für Zeitungen, dressierte Zirkuslöwen und schoß (1954) im guatemaltekischen Krieg. Auf einer seiner Reportage-Weltreisen kam ihm in China die "Erleuchtung" - er verfaßte seinen zweiten (erhaltenen) Bühnenerstling.
Das Stück, 1957 fertig, hieß "Der schwarze Fisch"; es spielte im China des kaiserlichen Mauerbauers Ts'in Schihuang-ti (221 bis 210 vor Christus) und drehte "zwanzig Themen hin und her: Diktatur, Krieg, intellektuelle Revolte, Wert des Attentats ..." ("L'Express"). Die Chinesen-Chronik, noch von lyrischen Verbalnebeln durchzogen, eiferte schon Brechts Lehrstücken und Brechts "Elektrifizierung der Bühne" nach: Was auf der Bühne geschieht, wird mit Film -Projektionen kommentiert.
Die Diktatur-Groteske "Ochsenfrosch" (Gatti: "Ein furchtbarer Reinfall"), das Sterbebett-Stück "Das imaginäre Leben des Straßenfegers August G." (ein Epitaph auf den Vater) und das KZ- und Krieg-Memorial "Die zweite Existenz des Lagers Tatenberg" waren dann Montage-Arbeiten - aus Vor- und Rückblenden, Surrealismus und Sozialismus, aus Agitprop und Total-Theater. Sie waren Gatti nicht total genug. Als "Eigentümlichkeit" seines nächsten Stücks erkannte er, "daß es gar nicht existiert" (Gatti). Der "Öffentliche Gesang vor zwei elektrischen Stühlen" wurde im Januar von Gatti selbst am Pariser "Théâtre National Populaire" inszeniert. Die verblüfften Zuschauer sahen auf der Bühne nur Zuschauer der Theater von Boston, Lyon, Hamburg, Turin und Los Angeles, die ein (unsichtbares) Stück über eine amerikanische Justizaffäre sehen: die umstrittene Hinrichtung der links-anarchistischen Immigranten Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti im Jahre 1927.
Gatti über das Theater im Theater, in dem Zuschauer Zuschauern zuschauen: "Damit habe ich einen Endpunkt erreicht."
Die "Berichte von einem provisorischen Planeten" sind vor dem Punkt geschrieben. Sie enthalten alle Spiel -Arten des Gatti-Theaters. Und sie gehen vom Agitprop- zum Agit-Pop-Theater über.
An einem Schaltpult im Zuschauerraum beobachten drei Techniker, was eine Weltraumsonde von einem fremden Planeten sendet. Die Zuschauer sehen es auch - die Bühne ist als Fernsehschirm hergerichtet.
Sie betrachten, was ihnen andere Theater schon gezeigt haben: das Tauschgeschäft Juden gegen Lastwagen aus dem "Joel Brand" des Kipphardt; KZ-Ermittlungen des Peter Weiss; die nazistischen und kirchlichen Unwürdenträger Hochhuths.
Das Fernseh-Bild ist allerdings grotesk verzerrt. Die "Barbarotier" (Deutsche) wollen "fleischfressende Pflanzen" eintauschen; die KZ-Höhenversuche mit "Tolstojewskiern" (Russen) sind surrealistische Max-Ernst -Visionen; und die "Barbarotier" gehören ins Panoptikum: der "Erste Führer" erscheint als Hund und bellt.
Mit den Namens-Camouflagen, Science-fiction-Verfremdungen und Schock-Chaplinaden vermied Gatti die simple Dokumentar-Dramatik - auch die historische Eindeutigkeit; denn "alle fünf Jahre wechselt die SS die Nationalität" (Gatti).
Daß seine "Berichte" kein herkömmliches Stück ergeben, ist Absicht. Gatti: "Man kann kein revolutionäres Theater machen, das der Form nach klassisch ist." Gatti bietet nur "Vorschläge" und "Material". Bühne und "talentierte Zuschauer" (Gatti) sollen die Revolution vollenden.
Der Autor kam zu den letzten Ulmer Proben und wollte seine Vorschläge "phantastischer und grotesker" haben. Dann reiste er, vor der Premiere, wieder ab.
Claus Bremer, Ulmer Chefdramaturg und Gatti-Übersetzer, las die "Berichte" genau. "Das Ganze", sagte er, "ist ein Happening."
Dramatiker Gatti
Von Agit-Prop zu Agit-Pop
Gatti-Stück "Berichte" in Ulm: Der Führer bellt

DER SPIEGEL 10/1966
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Parabel-Flug: Promi-Party in der Schwerelosigkeit
  • Slackline-Artistik: Messerscharfer Salto auf der Wäscheleine
  • Ungewöhnlicher Trip: Weltreise für 50 Euro
  • "Horrorhaus" in Kalifornien: "Meine Eltern haben mir das Leben genommen"