14.03.1966

COUNTRY FESTIVALDie Kuh kalbt

Jetzt bin ich in Deutschland", freute
sich der US-Bürger John Cohen, als er in Frankfurt aus dem Flugzeug stieg. "Nun zeigt mir mal die deutschen Wälder."
Doch für einen romantischen Waldgang läßt der hart kalkulierte Tourneeplan weder dem Gitarristen Cohen noch seinen zwölf Mitreisenden, den Interpreten des "Festival of American Folk & Country Music", genügend Zeit. Die Balladensänger und Fidelstreicher, die von der Frankfurter "Konzertagentur Lippmann und Rau" zur ersten europäischen Präsentation der amerikanischen Country-Musik nach Übersee geholt wurden, treten allabendlich auf - in elf deutschen und fünf weiteren europäischen Städten.
Horst Lippmann, 38, und Fritz Rau, 35, Spezialisten für schwarzes Tongut, hatten bis dahin vor allem farbige Amerikaner, wie Oscar Peterson, Ella Fitzgerald und Duke Ellington, in Deutschland jazzen lassen und als erste Impresarios authentische Blues- und Gospelmusik importiert (SPIEGEL 1-2/1965). Den amerikanischen Berg-Swing beurteilten sie zunächst skeptisch. Die Hillbilly-Geräuschkulisse, mit der USArmeesender wie AFN täglich mehrere Programmstunden bestreiten, schien ihnen für kulturbewußte Konzertgänger wenig geeignet. Erst als die beiden Konzertagenten unverfälschte Country-Musik-Stücke abgehört hatten, planten sie die Tournee für diesen Monat ein.
Die ländliche Musik Amerikas wurde bislang außerhalb der Vereinigten Staaten selten gespielt; und auch in den USA wird sie außer auf Volksmusik-Festen nur in abgelegenen Landgebieten und Gebirgs-Siedlungen gesungen - beim Bohnenverlesen oder zu sonntäglichen Dorf tänzen.
Die Interpreten, mit denen Lippmann und Rau die alten, melodisch reichverzierten Pioniersongs zu Banjo- und Fidelklang vorstellen, kommen zwar aus einer "Welt der Entbehrungen" (so ein US-Kritiker), aber sie entbehren heute weder Beifall noch Honorar. Für das Europa-Gastspiel engagierte Horst Lippmann unter anderen
- die Stanley Brothers aus Virginia, die den aggressiven, swingenden "Bluegrass"-Stil vertreten;
- Cynthia "Cousin Emmy" May Carver, 63, die schon in den dreißiger Jahren mit Country-Musik so viel verdiente, daß sie sich einen Cadillac leisten konnte, und die außer dem Banjo, der Gitarre und der Mundharmonika auch Gummihandschuhen und Luftballons Volkstöne zu entlocken versteht;
- Roscoe Holcomb, 52, den für seinen "hohen, einsamen Klang" ("high lonesome sound") berühmten, seit einem Unfall arbeitsunfähigen Berg- und Bauarbeiter aus Kentucky;
- die New Lost City Ramblers aus New York, die schon zwölf Langspielplatten besangen; der Volksmusik-Forscher Alan Lomax nannte sie das "pro arte musica"-Ensemble der amerikanischen Volksmusik. Wie auf ihrer Europa-Tournee spielen die Country-Musikanten auch daheim hauptsächlich für Stadtbewohner auf. Das altertümliche Lied begeistert vor allem die College-Jugend; sein Ableger, der Country-and-Western-Schlager, bewegt Land- und Stadtvolk.
Seit sich die Station WARL in Washington vor rund zwanzig Jahren entschloß, von morgens bis abends Hillbilly-Aufnahmen zu spielen, gibt es wie die Zeitschrift "Variety" formuliert - "eine Country-and-Western-Explosion im amerikanischen Rundfunk und Fernsehen": 1800 Radio- und 130 Fernsehstationen strahlen den Farmer-Klang aus, manche 24 Stunden pro Tag. Die Bildschirm-Schau des Fernseh-Cowboys Porter Waggoner wird regelmäßig von sieben Millionen Amerikanern empfangen. Ein seit über 40 Jahren jeden Sonnabend veranstaltetes Country-Musik-Programm des Senders WSM in Nashville (Tennessee) übernehmen 400 Stationen in allen Teilen der USA.
In Nashville ließen sich schließlich so viele Banjo-Spieler und Fidler nieder, daß sich die Stadt (500 000 Einwohner) zur "Music City USA" und zum größten Produktionszentrum der Welt für populäre Musik entwickelte (jährliches Steueraufkommen: 140 Millionen Mark). In 20 Aufnahmestudios, die zum Teil an sieben Wochentagen 24 Stunden lang in Betrieb sind, und in vier Preßwerken stellen 26 Schallplattenfirmen das gegenwärtig lukrativste Produkt des amerikanischen Musikgeschäfts her: 1965 wurden für rund 400 Millionen Mark Country-and-Western-Platten abgesetzt.
Während die ersten Nashville-Musikanten so nah am rauhen Wildwest-Vorbild schrammelten, daß ihre Lieder noch heute von den Folklore-Puristen nachgespielt werden, hat sich der moderne Nashville-Sound weit vom Original entfernt.
Die Interpreten des "Festival of American Folk & Country Music" aber verbürgen originalen, alten Sang und Klang. Auch sonst halten sie es wie ihre Ahnen. Um immer der Scholle nahe zu sein, bestellen sie - wenn sie nicht singen - eigene Felder.
Sie sind so erdverbunden, daß beispielsweise die Ehefrau des City Ramblers Tracy Schwarz, die ihren Mann auf der Tournee begleitete, nach Amerika zurückflog, als sie per Telegramm erfuhr, daß auf der Schwarz-Farm in Delta (Pennsylvania) eine Kuh kalbe.
Country-Kapelle "Stanley Brothers" in Baden-Baden: Mit amerikanischem Berg-Swing ...
... in deutsche Städte: Country-Tanz-Gruppe in Baden-Baden

DER SPIEGEL 12/1966
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 12/1966
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

COUNTRY FESTIVAL:
Die Kuh kalbt

  • Videoreportage zu seltenen Krankheiten: "Du denkst, das Kind stirbt"
  • Drohkulisse in Shenzhen: Was bedeuten die Militärfahrzeuge an der Grenze zu Hongkong?
  • Trumps Interesse an Grönland: US-Präsident erntet Spott
  • Roboter im All: Russland schickt Humanoiden zur ISS