28.03.1966

FRIEDENSNOTEDrei Namen

Sowjetbotschafter Andrej Smirnow, 60, wünschte dringend den Bundeskanzler zu sprechen. Seinetwegen versäumte Ludwig Erhard am letzten Donnerstag den Beginn der Starfighter-Debatte im Bundestag - voller Erwartung, was der Diplomat zu übermitteln habe.
Moskaus Emissär brachte nur kleine Post ins Palais Schaumburg: einige Mondbilder, photographiert von der Raumsonde Luna IX; dazu einen kurzen Begleitbrief mit knappen Höflichkeitsformeln von Sowjet-Premier Alexej Kossygin an den deutschen Regierungschef.
Ludwig Erhard wußte den seltenen Besuch dennoch zu schätzen. Das Rendezvous bot dem Kanzler willkommene Gelegenheit, dem Sowjetmenschen eine 48 Stunden zuvor angekündigte Bonner Friedensoffensive zu erläutern. Und genau zu diesem Zweck hatte sich Smirnow mit den Mondbildern Zugang ins Palais Schaumburg verschafft.
Denn noch am Abend jenes Donnerstag reiste Smirnow im Kurswagen des Fernzugs Paris-Moskau in die sowjetische Hauptstadt. In seinem Gepäck befand sich ein Memorandum über die Bonner Ostpolitik, das er nach mehreren Gesprächen mit Außenminister Schröder, dessen Staatssekretär Carstens und Bonns neuem Moskau-Botschafter von Walther ausgearbeitet hatte.
Auch der deutsche Kanzler hatte in den vergangenen Wochen über einem außenpolitischen Papier gebrütet. Die Öffentlichkeit erfuhr davon erst letzten Dienstag auf dem CDU-Parteitag, als Ludwig Erhard "deutsche Vorschläge für eine konstruktive Friedenspolitik" noch für die laufende Woche ankündigte. Seitdem hat das Papier seinen Namen: Friedensnote.
Die Verbreitung dieser Note ist nicht weniger weltweit als die einer päpstlichen Friedensenzyklika: Der zehnseitige Text wurde am letzten Freitag nahezu hundert Staaten in Ost und West übermittelt.
Inhalt: Frieden auf Erden und den Deutschen das Wohlgefallen der Welt.
Der Einfall einer solchen weltweiten Good-will-Aktion in Form einer diplomatischen Kampagne kam Ludwig Erhard im Dezember vergangenen Jahres, als er mit Außenminister Schröder im Bonner Kanzler-Bungalow seine Weihnachtsreise zu Präsident Johnson vorbereitete.
Unter dem heimischen Christbaum am Tegernsee verlieh der Kanzler seinem Plan während der Frieden kündenden Feiertage Konturen. Nach Rückkehr aus
dem Urlaub beriet er sich noch einmal mit Schröder; dann wurde das Außenamt angewiesen, ein Exposé zu entwerfen.
Als Ur-Verfasser fungierte Schröders Amts-Poet, der Vortragende Legationsrat 1. Klasse Dr. Erwin Wickert, Autor der historisierenden Romane "Der Auftrag" und "Der Purpur".
Den Außenamts-Referenten, die diesen ersten Entwurf abrundeten, assistierte Ministerialdirigent Osterheld, Chef des Außenpolitischen Büros im Kanzleramt, der auch den Kanzler auf dem laufenden hielt.
Ludwig Erhard schaltete sich mehrmals in die Arbeit ein und legte schließlich auch Hand an die Endfassung. Dem Bundeskabinett wurde zwar der Inhalt, nicht aber der Text mitgeteilt. Der Bundesverteidigungsrat dagegen billigte ihn; die Vorsitzenden der drei Bundestagsfraktionen wurden eingeweiht.
Ludwig Erhard wollte die westdeutsche Außenpolitik aus ihrer starren Abwehrposition auf einen offensiven Kurs bringen: "Es ist geradezu ein Phänomen, daß der Osten das Wort Frieden ganz für sich okkupiert."
Die Friedensnote, mit der Bonn außenpolitisch wieder beweglich werden und zugleich seiner internationalen Isolierung vorbeugen will, fand in der US-Botschaft zu Mehlem eine betont freundliche Resonanz: "Das ist ein entschiedener Schritt nach vorn."
Botschafter Smirnow hingegen rügte bei seiner Kanzlervisite am Donnerstag: Mit Befremden habe seine Regierung registrieren müssen, daß man in Reden auf dem CDU-Parteitag "in den alten Ton der Feindseligkeiten zurückgefallen ist".
Nachdem dort Konrad Adenauer als Privatmann die Sowjets in den Kreis der "Völker, die den Frieden wollen" aufgenommen hatte, war er von Ludwig Erhard zurechtgewiesen worden: Die Sowjet-Union solle ihre Friedensbereitschaft erst einmal "hier in Europa" beweisen, ihre "ungeheure militärische Kraft richtet sich demonstrativ gegen Westeuropa".
So aufmerksam die Sowjets den sparsam dosierten "new look" in der Bonner Ostpolitik jenseits von Parteitagen beobachten, so wenig machen sie ein Hehl daraus, wem zunächst ihr volles Interesse gilt. Ein Sowjet-Diplomat, auf ein mögliches Zusammentreffen der beiden Außenminister Schröder und Gromyko angesprochen: "Ich will Ihnen etwas sagen: Außenpolitik besteht für uns fürs erste aus drei Namen - de Gaulle, de Gaulle und noch einmal de Gaulle."
Friedensnoten-Autor Wickert
"Ein Phänomen, daß der Osten
Friedensnoten-Autor Osterheld
... das Wort okkupiert hat"

DER SPIEGEL 14/1966
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