04.04.1966

KOLLABORATEUREHäscher im Untergrund

Derbe Hände zerrten an Kleidern und Röcken. Das Johlen des Mobs von Paris übertönte das Wimmern von Frauen und Mädchen. Gewaltsam wurden sie ausgezogen, gewaltsam wurde
ihnen der Schopf geschoren. Fanatische Franzosen malten ihnen mit Teer oder Mennige Hakenkreuze auf Glatzen und Brüste.
Weil sie es angeblich mit den deutschen Besatzern gehalten hatten, wurden sie von ihren Landsleuten durch die Straßen getrieben, bespuckt, geschlagen und von angeblichen Patrioten öffentlich vergewaltigt.
Es war im Herbst 1944. Die blutigste Säuberungsaktion der französischen Geschichte hatte begonnen. Ihr fielen unter anderen 77 Schüler der "Ecole des Cadres de la Milice" zum Opfer. Außer ihrer Zugehörigkeit zu dieser deutschfreundlichen Ordnungstruppe konnte man ihnen nichts vorwerfen. Sie mußten in Viererreihen antreten und wurden in Viererreihen erschossen.
Im Hochgefühl des bevorstehenden alliierten Sieges über Hitler-Deutschland rechneten Patrioten aller Art - Kommunisten und Sozialisten, Bürger, Widerstandskämpfer und Gaullisten der ersten Stunde - mit jenen Männern und Frauen ab, die mit dem Feind aus dem Osten sympathisiert hatten oder auch nur der Kollaboration verdächtigt wurden.
Eine ordentliche Justiz gab es nicht. So wurden Hunderttausende - Arbeiter und Einzelhändler, Beamte und Journalisten, Professoren und Priester von zusammengerottetem Volk gelyncht oder von Häschern aus dem Untergrund verhaftet.
"Macht hatten nur diejenigen, die sich ihrer bemächtigten", schreibt
der französische Publizist Paul Sérant in seinem Buch "Les Vaincus de la Liberation", dessen deutsche Ausgabe jetzt erscheint*.
Sérant zieht erstmals eine Bilanz der Abrechnung mit den Kollaborateuren, die nach dem Abzug der deutschen Besatzer überall in Europa stattfand - in Belgien wie in Holland, in Norwegen wie in Dänemark.
In Frankreich war die Jagd am grausamsten. Sie begann bereits im Jahre 1942, als alliierte Truppen in Nordafrika landeten. Die ersten Opfer der Verfolgung waren die Anhänger der Regierung des Marschalls Pétain, die sich 1940 unter deutschem Einfluß in der mittelfranzösischen Bäderstadt Vichy niedergelassen hatte. Aber genauso gefährdet waren die Freunde des Generals Giraud, der auf seiten der Westmächte stand, in dem de Gaulle jedoch einen Konkurrenten sah.
In einem Gespräch mit Giraud erläuterte de Gaulles Haudegen, der posthum zum Marschall von Frankreich ernannte General Leclerc, den Standpunkt der Gaullisten: "Alle Zivilisten oder Militärs, die 1940 General de Gaulle nicht gefolgt sind oder sich ihm entgegengestellt haben, sind Verräter, die wie Verräter bestraft werden müssen."
Darauf Giraud: "Sie sind hart, Leclerc, denn das bedeutet, daß nach unserer Rückkehr die Guillotine in jedem französischen Dorf stehen wird und daß Massenexekutionen der Verdächtigen stattfinden werden."
Leclerc, eisig: "Ganz recht, Herr General, und ohne zu zögern."
Am 15. Oktober 1943 verschickten die gaullistischen Führer der "Vereinigten Untergrundbewegung" aus Algier an die Verbände der Resistance in Frankreich ein Rundschreiben, in dem genaue Verhaltensmaßregeln für den Tag X, den Tag der Befreiung, niedergelegt waren.
Es gelte dann, so betonten die Verfasser, "in wenigen Stunden ... die revolutionäre Ausrottung des Verrats gemäß den Vergeltungswünschen der Resistance-Kämpfer zu bewirken". Vergeltung wurde geübt - am namenlosen Heer der Mitläufer oder Unschuldigen ebenso wie an prominenten Politikern und Schriftstellern.
Antoine de Saint-Exupéry zum Beispiel, der berühmte Romancier ("Nachtflug"), weigerte sich, zwischen de Gaulle und Giraud zu wählen. Das genügte, um den Verkauf seiner Bücher zu verbieten. Da sein Flugzeug kurz darauf in der Nähe Korsikas ohne ersichtlichen Grund abstürzte, glauben seine Freunde, er habe sich selbst den Tod gegeben.
In Paris wurde ein angeblicher Saboteur vor die Ketten eines Panzers geworfen: Eifrige Patrioten hatten sein langes Fernrohr, mit dem er nach den Befreiern Ausschau hielt, als Gewehr angesehen. Seine Frau wurde - ebenfalls ohne richterliches Urteil - erschossen. Ein paar Tage später klebte ein kleines Plakat an der Haustür der Toten: Die Schergen bedauerten, sich geirrt zu haben, und baten um Entschuldigung. Der Gelynchte hatte des öfteren Resistance -Kämpfer vor den Deutschen verborgen.
Als Folterkammer diente, das "Institut dentaire", die Zahnklinik von Paris. Während der Besatzungszeit war es ein Stützpunkt der Gestapo, jetzt benutzten kommunistische Widerstandskämpfer es als Privatgefängnis. Wer hier eingeliefert wurde, dem war der Tod, zumindest aber ein Krüppeldasein auf Lebenszeit sicher.
Ein junger Freiwilliger der "Legion des Volontaires Francais", die an der Ostfront auf deutscher Seite gekämpft hatte, brach sich beide Beine, als er sich aus dem Fenster des Instituts stürzte. Seine Wächter hoben ihn auf und erschossen ihn - da er nicht stehen konnte - auf einer Bahre.
Zwar versuchte die Polizei nach einigen Wochen, das Institut zu übernehmen, um dort wieder legale Verhältnisse zu schaffen. Aber die Gendarmen mußten sich zurückziehen. Die roten Wächter drohten, alle Gefangenen sofort zu erschießen, falls die Polizei eindringe.
Gefängnisse wie das Pariser Institut gab es überall in Frankreich. Und überall griff die Résistance zur Selbsthilfe, sobald die Behörden wagten, gegen die Privatbastillen vorzugehen. Sérant: "Es kam vor, daß Gefangene bei ihrer Entlassung vor den Toren des Gefängnisses ermordet wurden. Andere Gefangene, die ihre Entlassung aufgrund eines - nach Meinung der 'Patrioten' - zu milden Urteils erwarteten, wurden schon in der Haftanstalt gelyncht."
Charles de Gaulles Memoiren enthalten nur ein paar Sätze über die große Säuberung bei Kriegsende. So schreibt der General: "In mehreren Gebieten kam es sogar zu offenem Aufruhr, um von den Gerichten Todesurteile zu erzwingen. Hier und da wurden die Unglücklichen - etwa zwanzig - auch massakriert."
In Wirklichkeit fielen den Massakern in Frankreich wahrscheinlich über 100 000 Menschen zum Opfer - wie viele genau, ist nicht mehr festzustellen
Die offizielle Liste der französischen Kriegsverluste verzeichnet 620 000 Opfer:
- 92 233 Frontkämpfer 1939 bis 1940;
- 57 221 Frontkämpfer in der Befreiungsarmee 1940 bis 1945;
- 24 440 Widerstandskämpfer der FFI*;
- 27 000 zwangsweise von der Wehrmacht Eingezogene;
- 10 000 Vermißte der oben angeführten Kategorien;
- 30 000 Kriegsgefangene;
- 150 000 Deportierte;
- 97 000 zivile Opfer aus verschiedenen
Ursachen;
- 55 000 zivile Opfer (Bombardement);
- 36 000 zivile Opfer ("Akten noch anzulegen");
- 30 000 Erschossene.
Die "zivilen Opfer aus verschiedenen Ursachen" und die zivilen Opfer, deren "Akten noch anzulegen" sind, ergeben die Summe von 133 000 Toten - eine Zahl, die ohne hunderttausend Gelynchte unerklärlich wäre.
Nach der Selbstjustiz übernahmen Sondergerichte die Abrechnung mit den Übriggebliebenen. 170 000 Verfahren wurden eröffnet, 120 000 Angeklagte verurteilt, darunter 4783 zum Tode. Mindestens 2000 Todesurteile wurden vollstreckt.
Die Jakobiner der Französischen Revolution von 1789 waren, so bekannte Justizminister Teitgen 1946 vor der Nationalversammlung, Waisenknaben gegen die Säuberer des 20. Jahrhunderts.
Die Gesamtzahl der während der Großen Revolution Exekutierten wird auf 17 000 geschätzt. Teitgen: "Nicht zu leugnen ist, daß die Säuberung von 1944/45 eine der blutigsten in der Geschichte Frankreichs war."
Für leichte Vergehen gab es bei Staatsdienern eine Skala von ächtenden
Disziplinarstrafen. 40 000 Offiziere, 30 000 Beamte, 12 000 Angestellte der Eisenbahnen und der Energieversorgung wurden gemaßregelt, von 200 Polizeikommissaren 100 entlassen und 70 verhaftet.
Insgesamt - so ermittelte Sérant - spülte die Säuberungswelle etwas mehr als zwei Millionen Franzosen in den Tod oder in ein geächtetes Dasein.
Ähnlich hart wie die Franzosen gingen Italiener gegen Kollaborateure und Faschisten vor. Vor einer
Kirche in Florenz trieben Partisanen junge Leute im Alter vom 15 und 16 Jahren zusammen. Zwar hatte das Alliierte Oberkommando Massenhinrichtungen verboten, aber innerhalb weniger Minuten türmten sich auf dem Kirchenvorplatz die Leichen. Die Ermordeten hatten angeblich auf die Befreier geschossen.
In Ferrandina zertrampelte der Mob den Kopf- des faschistischen Bürgermeisters Caputi, und in Rom warf die Menge den angeblich deutsch freundlichen Gefängnisdirektor Carreta in den Tiber. Carreta schwamm ans Ufer zurück. Er wurde erneut ins Wasser gestoßen, und während er ertrank, heulte das Volk vor Freude auf.
Allein in Mailand wurden innerhalb von zehn Tagen 1700 Menschen ermordet; in Rom und Umgebung 7000 Frauen niedergemetzelt, 500 weitere ins Gefängnis geworfen, 20 000 geschoren und vergewaltigt. Bilanz des Schreckens: mindestens 100 000 Tote.
In Holland hielt sich die Volkswut im Zaum, Sondergerichte verhängten etwa 200 Todesurteile, aber nur 38 Verurteilte wurden hingerichtet.
Gefängnisstrafen erhielt jedoch, wer lediglich "illoyaler Haltungen" schuldig war, was bedeutet, daß die Tat des Angeklagten nicht näher definiert zu werden brauchte. Als illoyale Haltung galten beispielsweise die Delikte:
- gemeinsames Essen mit Deutschen;
- die einem minderjährigen Sohn erteilte Erlaubnis, in eine deutsch freundliche Organisation einzutreten oder mit Deutschen zu verkehren;
- öffentlich bekundeter Stolz auf deutsche Abstammung.
"Das Ausmaß der Massenverhaftung", so faßt Sérant seine Ermittlungen zusammen, "scheint in allen Ländern gleich gewesen zu sein." Aber die Inhaftierten wurden in Frankreich anders behandelt als in Italien oder Holland.
Der Kampf gegen die Kollaborateure dauerte zuweilen zehn und mehr Jahre. In Belgien war die Zahl der politischen Gefangenen noch 1956, also elf Jahre nach der Befreiung, fast zehnmal so hoch wie in Frankreich.
Und in Frankreich erzwangen ehemalige Résistance-Leute noch 1957 die Absetzung des Schauspiels "La Reine de Césarée" vom Spielplan des Théâtre des Arts in Paris.
Autor des - unpolitischen - Stückes ist der Schriftsteller Robert Brasillach, der 1945 als Verfasser angeblich deutsch freundlicher Schriften zum Tode verurteilt worden war und dessen Begnadigung de Gaulle abgelehnt hatte.
Sérant: "Durch die Absetzung des Stückes wollte man ausschließlich die Person des Autors treffen" - zwölf Jahre nach seinem Tode.
* Paul Sérant: "Die politischen Säuberungen in Westeuropa". Stalling-Verlag, Hamburg/Oldenburg; 344 Seiten; 24 Mark.
* FFI = Forces Francaises de Interieur, die Organisation des französischen Widerstandes.
Kollaborateurinnen in Frankreich: Vom Mob gezeichnet
Kollaborateurin in Frankreich: Von Patrioten vergewaltigt
Hinrichtung belgischer Kollaborateure in Mecheln: Vor dem Gefängnis ...
... lauerte das Lynch-Kommando: Verhaftete Kollaborateurinnen in Dänemark
Kollaborateurinnen in Frankreich: Vom Mob gezeichnet
Kollaborateurin in Frankreich: Von Patrioten vergewaltigt
Kahlgeschorene Kollaborateurin mit Säugling in Frankreich: Nach dem Abzug der deutschen Besatzer eine Guillotine ...
... in jedem Dorf: Kollaborateure in Frankreich

DER SPIEGEL 15/1966
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 15/1966
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KOLLABORATEURE:
Häscher im Untergrund

  • Anschlagsserie in Sri Lanka: Video zeigt weitere Explosion
  • Meereswissenschaft: Durch die Augen eines Weißen Hais
  • "Heilige Treppe" in Rom: Freie Sicht auf den Leidensweg Jesu
  • Parabel-Flug: Promi-Party in der Schwerelosigkeit