11.04.1966

VIETNAM / REGIERUNGKleiner Ky

Wer behauptet, daß er die Situation hier versteht, der ist einfach schlecht informiert Der amerikanische Botschafter in Saigon, Henry Cabot Lodge.
Wann immer sich im vergangenen
Monat Gelegenheit bot, zog der drahtige südvietnamesische Ministerpräsident, Luftwaffen-General Ky, 35, Zivil an. Anstelle der obligaten Tropenuniform oder der von ihm bei Frontflügen bevorzugten schwarzen Fliegerkombination trug er modische Einreiher in dezenter Farbe.
Ky, der sich zum Zeichen dafür, daß er kein Handarbeiter ist, nach altem chinesischen Brauch den Nagel des kleinen Fingers der linken Hand lang wachsen läßt, verließ hin und wieder sogar seinen schwerbewachten Amtssitz im Zentrum Saigons, auf dessen Vorplatz stets ein startbereiter Hubschrauber steht. In seinen ungewohnten Zivilkleidern promenierte er dann demonstrativ über den Blumen-Boulevard, eine der Hauptstraßen seiner Hauptstadt.
Die Modenschau des Chefs der von buddhistischen Mönchen, kommunistischen Rebellen und erbitterten Studenten gleichermaßen bedrohten Militärregierung Südvietnams nutzte nichts. Die Forderung, eine demokratisch gewählte Zivilregierung müsse die Macht in dem von Krieg und Bürgerkrieg zerrissenen Land übernehmen, war - wie sich letzte Woche zeigte - mit Gesten des Generals nicht mehr abzufangen.
Die Militärregierung hatte schon vor Monaten die Ausarbeitung einer Verfassung versprochen und später, unter dem Druck der öffentlichen Meinung, sogar zugesagt, einen politischen Kongreß einzuberufen, der über eine neue Verfassung beschließen sollte. Aber diese Beruhigungsmittel halfen nun nichts mehr: In den großen Städten des Landes, in Saigon, Hué, Da Nang und Nha Trang, brachen Aufstände los.
Die Unruhen konzentrierten sich auf den nördlichen Teil Südvietnams, auf den Bereich des I. Korps, der einen Teil des früheren indochinesischen Staates Annam umfaßt*. Die Hauptstadt von Annam, die alte Kaiserstadt Hué, ist von jeher das geistige und religiöse Zentrum Vietnams. In diesem Gebiet sind ständig autonomistische Bestrebungen am Werk - jegliche Zentralgewalt wird abgelehnt, Korruption und Unmoral in Saigon entrüstet verdammt.
In Hué regierte bis Anfang März als Korps-Kommandeur der Fallschirmjäger-General Thi, 43, der, wie alle Korps-Kommandeure, auch Mitglied des zehnköpfigen Direktoriums der Militärregierung war. Wie seine Kollegen kümmerte er sich kaum um die Anordnungen aus Saigon: Er führte den Krieg gegen die Kommunisten, wie er es für richtig hielt, und verwaltete seine bevölkerungsstarken Provinzen nach eigenem Gutdünken. Selber Buddhist, pflegte er gute Beziehungen zu den buddhistischen Führern und unterstützte deren Verlangen nach einem Regierungswechsel. Von seinem Premier sprach sr verächtlich als "dem kleinen Ky".
Ky, besorgt über den zunehmenden Zerfall jeglicher Regierungsautorität im Lande, suchte seit langem nach einer Gelegenheit, den mächtigen Rivalen auszubooten und dadurch zugleich gegenüber allen anderen allzu mächtig gewordenen Korps-Kommandeuren ein Exempel zu statuieren. Ky zum SPIEGEL, "Thi ist zwar ein guter Freund, aber der Ungehorsam mußte aufhören."
Nachdem Ky von Präsident Johnson im Februar auf der Konferenz in Honolulu zum Schoßkind der Amerikaner erhoben worden war, machte er sich ans Werk, im Einverständnis mit seinen amerikanischen Beratern, die über die zögernde Kriegführung This enttäuscht waren. Ky versicherte sich der Unterstützung der führenden Buddhisten in Saigon, die antikommunistischer eingestellt sind als ihre Glaubensbrüder in Hué, und begann zusammen mit seinem Stellvertreter, dem Verteidigungsminister Co, der als Preuße Vietnams bezeichnet wird, die übrigen Mitglieder des Direktoriums zu bearbeiten. Schließlich stellte er ein Ultimatum: Entweder gehe Thi, oder er, Ky, trete ab.
Die Generäle entschieden sich für Ky. Sie wollten die schwere Vertrauenskrise vermeiden, die ein Sturz des Premiers zwischen Saigon und Washington auslösen würde. Denn sie befürchteten, daß dann in Amerika die Stimmung für eine Liquidierung des Vietnam-Engagements wachsen würde. Außerdem war ihnen klar, daß ihre Militärherrschaft nur noch schneller zu Ende gehen würde, wenn der einigermaßen populäre Ky abtreten müßte.
Auf einer Direktoriumssitzung am 10. März wurde General Thi abgewählt. Es gab nur eine Gegenstimme. Sie kam nicht von Thi, der selber für seine Entlassung gestimmt hatte. Er ging aber nicht, wie verabredet, ins Ausland, sondern zog sich in sein Stammesgebiet im Norden zurück.
This Abwahl löste die gegenwärtigen Unruhen aus. Insbesondere die Buddhisten in Hué, an der Spitze der asketische Mönch und Thi-Freund Thich Tri Quang, sahen nun eine Chance für den Versuch, die Generäle in Saigon zu stürzen.
Tri, ein hagerer und undurchsichtiger Mann, dem US-Botschafter Lodge einmal Asyl in der Amerikanischen Botschaft gewährte, als er von der Geheimpolizei des 1963 ermordeten Ministerpräsidenten Diem verfolgt wurde, ist Führer und Organisator einer buddhistischen Untergrundbewegung in Vietnam, viele Amerikaner in Saigon halten ihn für einen heimlichen Kommunisten.
Tri selber, der lieber über philosophische als über politische Probleme plaudert, weist diese Behauptung zurück und erklärt seinen Besuchern, die Buddhisten würden schon mit den Kommunisten fertig werden, wenn es nur gelänge, endlich einmal wieder Ordnung in Vietnam zu schaffen. Ordnung aber heißt für Tri eine zivile Regierung, die unter buddhistischem und nicht mehr amerikanischem Einfluß steht und die den Krieg beenden statt ihn gewinnen will.
Die Buddhisten sind heute die einzige halbwegs organisierte Gruppe in Vietnam, die von sich sagen kann, daß sie noch Hoffnungen und Wünsche der Mehrheit der Bevölkerung repräsentiert. Diese Mehrheit hat keine andere Sehnsucht als die nach einer möglichst raschen Beendigung des Krieges, auch um den Preis einer Regierungsbeteiligung der Vietcong-Rebellen.
In Indochina wird seit über 20 Jahren gekämpft. Mehr als eine halbe Million Menschen wurde getötet, Tausende von Ortschaften wurden verwüstet. Die Zahl der Opfer steigt mit der Zunahme der Kampfhandlungen seit dem massiven Eingreifen der Amerikaner im Sommer letzten Jahres von Tag zu Tag. Zugleich ist aber auch die Hoffnung geschwunden, daß es den Amerikanern gelingen werde, die militärische Kraft der Vietcong schnell zu brechen.
Südvietnam wurde mehr und mehr ein politisches Niemandsland, in dem es keine öffentliche Ordnung und Sicherheit gibt und wo sich die Macht der Regierung fast nur noch auf die Verwaltung Saigons beschränkt. Gegen diesen Zustand rebellieren nun Buddhisten und Studenten. Seit der Entlassung General This sind in Hué die Schulen geschlossen, dann kam es zu Warnstreiks in den Städten des Nordens und - seit Donnerstag vorletzter Woche - auch zu schweren Unruhen in Saigon.
Dieser Tag, der 31. März, ist Vietnams Nationalfeiertag. Schon in den frühen Morgenstunden versammelten sich Hunderte von buddhistischen Boy-Scouts auf dem Marktplatz. Sie trugen Transparente mit Aufschriften wie "Vietnam gehört den Vietnamesen", "Nieder mit der amerikanischen Einmischung", "Wir wollen Unabhängigkeit und Souveränität". Soldaten mischten sich unter die Demonstranten. Buddhistische Mönche hielten Ansprachen, und schließlich wurden große Bilder mit den Köpfen von Ky und anderen Mitgliedern der Militärregierung an jene Erschießungspfähle genagelt, die auf Befehl der Regierung am Rande des Marktplatzes vor einer Sandsackbarriere in den Boden gerammt worden sind.
Von diesem Tag an steigerten sich die Demonstrationen und Unruhen in Saigon und im Norden des Landes in gefährlichem Tempo. Am letzten Dienstag flog General Ky mit 1000 Mann in das Zentrum der Unruhen nach Da Nang. Er mußte jedoch vor der Bereitschaft der Aufrührer, Widerstand zu leisten, kapitulieren. Nachmittags kehrte er nach Saigon zurück.
* Südvietnam ist verwaltungsmäßig in vier Korps-Bereiche und den Militärbezirk Saigon gegliedert. An der Spitze steht jeweils ein Korps-Kommandeur der die oberste zivile und militärische Gewalt Innehat. Die Korps zahlen von Norden nach Süden, sie umfassen jeweils mehrere Provinzen.
Ky-Rivale Thi
Ein Photo des Premiers ...
Thi-Freund Tri
... am Erschießungspfahl in Saigon

DER SPIEGEL 16/1966
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