18.04.1966

QUICKLied der Nibelungen

Auf ihrer Titelseite kündigt die Münchner Illustrierte "Quick" diese Woche eine neue Serie an: "Als alles in Scherben fiel." Im Innern des Blattes kündet das Impressum von internen Scherben: Diedrich Kenneweg, 71, Herausgeber und Verleger, ist nun auch Chefredakteur.
Denn am Dienstag vor Ostern hatte der bisherige Chefredakteur Karl-Heinz Hagen, 46, dem Verlag Th. Martens & Co. in Münchens Brienner Straße 26-28 fristlos seine Dienste aufgekündigt.
Hagen räumte seinen Schreibtisch, hinter dem er in drei Jahren die Auflage der "Quick" um 330 000 Exemplare hochgepeitscht hatte. Er schied ebenfalls als Herausgeber des Schwesterblattes "Revue", das der Martens-Verlag im Sommer 1965 für sieben Millionen vom Verlag Helmut Kindler gekauft hatte.
Mit Hagen verließ auch sein Stellvertreter, Günter Prinz, 36, die Stätte redaktioneller Schlachten um Auflage und Anzeigen. Ein Angebot des Verlegers, selbst Erster zu werden, schlug der Stellvertreter aus - dieser Prinz hielt seinem Hagen die Nibelungen-Treue.
Im März dieses Jahres hatten sich die gebürtigen Berliner (genannt "Wedding Brothers" oder "Moabiter Keulenriege") Hagen und Prinz in das Berliner Hilton-Hotel zurückgezogen, um über eine ultimative Forderung ihrer Verleger Diedrich Kenneweg und Theodor Martens nachzudenken: neues Redaktionsprogramm für die "Quick" bei gleichzeitiger Kürzung des Jahresetats von zwölf auf 9,6 Millionen Mark.
Kenneweg und Martens hatten ihre Redaktions-Manager auch wissen lassen, was sie künftig in der "Quick" anders sehen möchten: weniger Busen und Po.
Damit rannten sie bei ihren Chefredakteuren allerdings offene Türen ein. Nur widerstrebend hatten beide im Sommer 1964 die Verlags-Forderung aufgegriffen, auf der von der "Neuen Illustrierten" hochgespülten Sex-Welle auflagentreibend mitzureiten. Hagen damals: "Die Halbnackten in der 'Neuen' zerschlagen, was wir in der ,Quick' mit Kennedy- und Johnson-Interviews mühselig aufgebaut haben: Glaubwürdigkeit am Kiosk."
Schließlich setzte Herausgeber Kenneweg seinem Chefredakteur noch einen politischen Posten auf die Rechnung: Die Freundschaft Hagens zu Franz -Josef Strauß schade dem Blatt, und die Unterstützung der Regierungspolitik durch "Quick" (Aktion Rufen Sie einfach den Minister an") habe nicht die erhoffte Wirkung gezeitigt - eine größere
Anzeigenflut aus der regierungsfreundlichen Industrie.
Im Gegenteil: Der Verlag Th. Martens & Co. erhielt im ersten Quartal 1966 für die "Quick" 22, für die "Revue" gar 118 Anzeigenseiten weniger als zur gleichen Zeit im Vorjahr. Die Konkurrenten "Stern", "Neue Illustrierte" und "Bunte Illustrierte" hingegen konnten bis zu 104 Anzeigenseiten zulegen.
Hagen und Prinz, die tagsüber ihren Kopf mit Pyramidon gegen den Föhn denkklar hielten und nachts Noludar nahmen, um Ruhe zu finden, legten in dieser Situation ihre Arbeit nieder, weil sie sich von den eigenen Verlegern daran gehindert sahen, ihr scheinbar in greifbare Nähe gerücktes Ziel zu erreichen: "Quick" zur größten deutschen Illustrierten zu machen.
Vier Illustrierte stehen an der Spitze der deutschen Bilder-Blätter: - "Stern", Auflage 1,8 Millionen;
- "Quick", Auflage 1,7 Millionen;
- "Bunte Illustrierte", Auflage 1,6 Millionen;
- "Neue Illustrierte", Auflage 1,5 Millionen.
In diesem Quartett nehmen die beiden letzten Bilder-Blätter die sichersten Positionen ein. Beide haben klare Redaktions-Programme, die sie von allen anderen Konkurrenten unterscheiden: Die "Bunte Illustrierte" ist das betuliche Heimehen am Herd; die "Neue Illustrierte" verkauft Arbeitern und Angestellten kaum verhüllten Sex.
Die beiden ganz Großen aber, "Stern" und "Quick", sind redaktionell ähnlich angelegt: politisch wie sexuell gleichermaßen interessierte Familien-Magazine. Im tödlichen Zweikampf drohen die Zwillinge einander zu zerfleischen. Denn dem Sieger in diesem Duell winkt ein solcher Lohn, daß ein Arrangement ausgeschlossen erscheint: Die jeweils größte deutsche Illustrierte wird von der Industrie automatisch jährlich mit zusätzlichen Werbe-Millionen bedacht.
Jahrelang rückte Hagen dem "Stern" -Chef Henri Nannen, 52, immer enger auf die Fersen, Der ehemalige Chefredakteur der Berliner "BZ" und der Hamburger "Bild"-Zeitung, der sich sonntags in die Schriften des Heiligen Augustinus vertieft, schonte sich dabei sowenig wie die Redaktion. Hagen: "Jeder Quick" - Redakteur hat Anspruch auf einen 24-Stunden-Arbeitstag." Gegen den Konkurrenten Nannen bediente er sich psychologischer Kriegführung. Hagen: "Ich bin nicht besser, aber ich bin zehn Jahre jünger als er."
Für die Endrunde im Kampf gegen den Herrn vom anderen "Stern" planten Hagen und sein Prinz im März auf dem Dachgarten des Berliner Hilton -Hotels bei Fachinger und ungestört von Telephonanrufen ein neues Redaktions-Programm. Erste Forderung: Keine Etat-Kürzung und mehr Seiten für die Redaktion. Schon immer war die "Quick" gegenüber dem "Stern" benachteiligt - sie ist dünner.
Aber selbst für den Endspurt um den ersten Platz wollten "Quick"-Verleger Martens und Henneweg nicht einen so hohen finanziellen Einsatz wie die "Stern"-Verleger Richard Gruner, Gerd Bucerius und John Jahr wagen.
Herausgeber Kenneweg blieb bei seiner Entscheidung: Keine Seite mehr, und statt 2000 Mark pro Illustriertenseite sollten künftig nur noch 1600 Mark investiert werden. Überzeugt, dann das Rennen mit dem "Stern" nie gewinnen zu können, räumte Hagen seinen monatlich mit 15 000 Mark gepolsterten Drehstuhl. Sein Prinz (10 000 Mark) zog mit. Für den "Stern" war das Nibelungenlied eine Sternstunde.
Ausgeschiedene "Quick"-Chefs Hagen, Prinz: Zuwenig Geld und Seiten
"Quick"-Titel
Zuviel Busen und Strauß

DER SPIEGEL 17/1966
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