18.04.1966

REPORTZunehmend keck

Emil Obermann, Fernseh-Chefredakteur des Süddeutschen Rundfunks,
trank eine Pikkolo-Flasche Sekt, trat vor
die Kamera und sprach "ein Wort in
eigener Sache". "Dieses 'Report'", so Obermann am 21. März, "war das letzte selbständige des Südfunks Stuttgart."
Erstmals am Montag nächster Woche wird die populäre Magazin-Sendung "Report", bislang abwechselnd vom Süddeutschen und Bayerischen Rundfunk zusammengestellt und von den jeweiligen Chefredakteuren kommentiert, beim Südwestfunk in Baden-Baden zubereitet und ausgestrahlt.
Dort herrscht seit Juli vergangenen Jahres als Intendant der Mann, der vor reichlich fünf Jahren - damals noch Abteilungsleiter beim Bayerischen Rundfunk in München - die Magazinsendung "Anno ...", später "Report", erfunden hatte: Helmut Hammerschmidt, 45.
"Report" wanderte mit, als Hammerschmidt 1961 zum Fernseh-Chefredakteur im Stuttgarter Funkhaus avancierte. Unter seiner Regie taten sich München, Stuttgart und der Westdeutsche Rundfunk in Köln zu vereintem "Report"-Team zusammen. Später schied Köln aus. München und Stuttgart machten alternierend ihre "Report"-Sendungen weiter, auch als Hammerschmidt vorübergehend als "Subkoordinator Politik" des Ersten Fernsehens nach Bonn ging.
In wöchentlichem Wechsel wetteiferten Montag abends "Report" und das Hamburger "Panorama", seit Mitte letzten Jahres auch das Freitags-Magazin "Monitor" aus Köln um die deutsche Gucker-Gunst. Hammerschmidt unterwies seine Reporter, "keine Vorurteile zu recherchieren", während die NDRSendung "Panorama" - zumindest in der Ära, da sie von den kämpferischen Meinungsmachern Gert von Paczensky und Rüdiger Proske gefertigt wurde oft voreingenommen war.
"Report" war (und ist) dabei keineswegs weniger kritisch als "Panorama". Es
machte durch "nüchterne Arbeit" ("Die Welt") von sich reden, fiel durch "zunehmende Keckheit" ("FAZ") auf und gab "viel Stoff zum Nachdenken" ("Stuttgarter Zeitung").
Letzte nachdenkliche "Report"-Keckheit: eine Sendung, in der "Report" dem Heidelberger Psychosomatiker Professor Alexander Mitscherlich das Wort zu einem psychoanalytischen Verriß des christdemokratischen Kanzler-Aspiranten Rainer Barzel erteilte. Mitscherlich über Barzel: "Ein Mensch der kommenden Angestelltenkultur."
Zwar gab es innerhalb der Redaktion Meinungsverschiedenheiten über diesen Beitrag; der Münchner Fernseh-Chefredakteur Dr. Hans Heigert, der an jenem Montag "Report" verantwortete, war von Mitscherlichs Barzel-Thesen "nicht überzeugt". Doch gab er die Sendung frei und befand, Mitscherlich habe "eine diskutable Meinung" vertreten.
In der besten Sendezeit des Ersten Fernsehens - entweder montags oder freitags zwischen 20.15 und 21 Uhr - soll vom 1. Juli an "Report" Woche für Woche eingeplant werden; nach dem derzeitigen Stand der Verhandlungen alternieren dann "Panorama" und "Monitor" an einem dieser beiden Wochentage.
Nach Beschluß der letzten Intendanten-Konferenz der neun deutschen Rundfunkanstalten soll München vorläufig 16 der jährlich 48 "Report" -Sendungen produzieren und verantworten - die anderen 32 werden von Baden-Baden ausgestrahlt. Zwar liefern der Süddeutsche, Hessische und Saarländische Rundfunk Beiträge, doch allein der Südwestfunk bestimmt, was in den 32 mal 45 "Report"-Minuten gesendet wird und was nicht.
Die Leitung der Sendung in Baden-Baden hat, zunächst für ein Jahr, der neue Südwestfunk-Programmdirektor Günter Gaus übernommen, dessen Prominenten-Verhöre "Zur Person" im Zweiten Deutschen Fernsehen und in "Report" künftig fortgeführt werden sollen. Das Duo Hammerschmidt/Gaus will "Report" außerdem durch Live-Diskussionen auffrischen und zumindest einmal im Monat die Magazinsendung nur einem einzigen Thema - unter verschiedenen Aspekten - widmen.
"Report"-Gründer Hammerschmidt
Für die kommende Angestelltenkultur...
"Report"-Vorspann im Ersten Programm
... Stoff zum Nachdenken

DER SPIEGEL 17/1966
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