18.04.1966

LESENBacke das O

Ein Glaubenszwist überzieht seit einem
Jahrzehnt Westdeutschlands pädagogische Provinz. Er verwüstet die Schönschreibhefte der Abc-Schützen und stürzt Kinder wie Lehrer und Eltern in Verwirrung.
Unüberbrückbar scheinen die Gegensätze zwischen den beiden feindlichen Lagern. Schulstreiks (so in Bonn 1958), Anfragen im Parlament (in Bayern 1965) und hektographierte Schmähschriften erhitzen die Schul-Schlacht. Gegenstand des Streits ist die Frage, welches der rechte Weg sei, Schulanfänger in der wichtigsten Kulturtechnik zu unterweisen: im Lesen.
700 000 Sechsjährige in neun Bundesländern und West-Berlin werden-in diesen Wochen mit der Schultüte einrücken. Und je nachdem, welcher Erstlesemethode ihr Lehrer anhängt, werden sie an der Wandtafel und in der Fibel als erstes aufgemalt sehen:
- einzelne Buchstaben wie "i", "o" oder "m", die sich erst in späteren Lektionen zu "miau" und "muh" und noch später zu längeren Wörtern und Sätzen fügen - sie werden nach der Lautier- oder synthetischen Methode unterrichtet, die zunächst den Lautwert der Buchstaben lehrt und Wörter aus diesen Lautwerten zusammensetzen läßt, oder
- ganze Wörter wie "Baum" oder "Kuh" (mit den entsprechenden gezeichneten Symbolen) - in diesem Fall praktiziert ihr Lehrer die Ganzheitsmethode, bei der nicht einzelne Buchstaben, sondern gleich die Schriftbilder kompletter Wörter oder gar Sätze vermittelt werden. Befürworter der einen wie der anderen Lehrweise beschuldigen sich gegenseitig des Dogmatismus, der Unkenntnis in der Psychologie des Lesens und der Vergewaltigung des kindlichen Geistes. Die Schulfibel, so formulierte der Freiburger Pädagoge C. F. Schmitt, "ist zum Schibboleth zweier weltanschaulicher Lager geworden":
- Die Anhänger der Lautiermethode werfen den ganzheitlich unterrichtenden Lehrern vor, sie ließen ihre Schüler raten, statt, ihnen ordentliches Lesen beizubringen, und lasten ihnen die Verantwortung für ein angeblich massenhaftes Auftreten schwerer Lesestörungen an.
- Die Vertreter der Ganzheitsmethode hingegen sind überzeugt, das Lautierverfahren bringe den Schulanfängern die Schrift auf einem widernatürlichen Umwege bei und begünstige statt sinnvollen Lesens ein Herunterleiern der Texte.
Um diesen sachlichen Kern der Fehde wallt dichter philosophisch-ideologischer
Nebel: "Diese ungeistige Anschauung vom Lernen", wetterte etwa der Lautier-Anhänger Dr. Ulrich Kühn gegen die Ganzwortler, "zerstört die Lern- und Arbeitshaltung, den Charakter..."
Ganzheitspädagoge Professor Jakob Muth von der Pädagogischen Hochschule Kettwig dagegen erklärte die Methodenkontroverse zum "Politikum" und beschwor die rote Gefahr: Die synthetische Methode nivelliere den geistigen Fortschritt der Kinder, mache ihn "planbar" und entspreche mithin "der herrschenden Auffassung in den totalitären Systemen des Ostens".
In den Reihen der Anti-Ganzheitler bläst der "Verband für Aufbauendes Lesenlernen" zum Sammeln. Verbandsziel, formuliert vom Vorsitzenden, Hauptlehrer Hans Bschor: Es gelte, "die Gewaltherrschaft der Ganzheitsmethode" zu brechen.
Die Verfechter der Ganzheitslehre andererseits sind an den meisten Pädagogischen Hochschulen in der Überzahl. Folge: Die dort ausgebildeten Junglehrer bevorzugen zumeist den ganzheitlichen Leseunterricht.
So wird, wie aus einer im Aprilheft von "Westermanns Pädagogischen Beiträgen" veröffentlichten Untersuchung hervorgeht, an 74 Prozent der westdeutschen Erstklassen ganzheitlich unterrichtet. Zehn Prozent der Klassen lernen noch nach der synthetischen Methode lesen, die restlichen 16 Prozent nach Methoden, die Lautier- und Ganzheitsverfahren mischen.
Die Gewaltherrschaft einer Methode gibt es an deutschen Schulen freilich nicht. Denn mit Ausnahme Bayerns, wo ganzheitlicher Leseunterricht vorgeschrieben ist, überlassen alle Bundesländer die Methodenwahl dem Lehrer.
Erste Versuche, die Ganzheitsmethode im Leseunterricht einzuführen, gab es in Deutschland schon in den zwanziger Jahren. Anstoß war der wachsende Unmut der Volksschulpädagogen über die Art, wie ihre Zöglinge beim Lesen die deutsche Sprache malträtierten.
"Es klingt wie aus dem Munde eines Polen oder Ungarn, wenn man in den deutschen Schulen lesen hört: Die Vö-gel kön-nen flie-gen", klagte schon zu Beginn dieses Jahrhunderts der Pädagoge Theodor Hauffe, und auch dem deutschen Schulhistoriker Göbelbecker waren das "Laut- und Silbenbellen sowie der abscheuliche Singsang" in den Schulstuben ein Greuel.
Die Lesereformer glaubten auch die Ursache dafür zu kennen, daß "in den Schulen durch Jahre hindurch, oft bis zur Entlassung, leiernd gelesen" werde, wie das "Handbuch der Psychologie" vermerkte. Die Lautiermethode, so meinen ihre Gegner, zerstückelt die Wortganzheiten in einzelne Buchstaben- oder Lautschnitzel und überläßt dem Kind das Puzzlespiel aus diesen Schnitzeln die Wörter zusammenzufügen.
Damit begehe der lautierend unterrichtende Lehrer zwei Kardinalfehler:
- Er zerstöre sinnvolle sprachliche
Einheiten - das Kind liest mechanisch und verständnislos;
- er ordne jedem Buchstaben einen bestimmten Lautwert zu, obwohl die Buchstaben, je nach Zusammenhang, verschieden gesprochen werden - aus dem Schriftbild allein kann das Kind die richtige Aussprache nicht entnehmen.
Viel Mühe und Erfindungsgeist haben die deutschen Volksschullehrer aufgewendet, um den Anfängern den wirren Buchstabensalat bei der Lautiermethode schmackhaft und verdaulich darzubieten.
Sie übten mit Empfindungslauten ("o - wie wunderlich, ei - wie fein"), mit Sinnlauten ("O ist ein zerschlagenes Ei") und Naturlauten ("S ist der Sauser"). Ein ganzes Kompendium von Eselsbrükken ersann um die Jahrhundertwende der Berliner Schulreformer Berthold Otto: "Ich weiß ein Wort, aus Zahnlippenbö, Zungenbrummen, Freudengetön und Vordergaumenbö." Die armen Kinder rieten: "F - l - ei - sch" *.
Andere Hilfsübungen sollten den Schülern das Verschmelzen einzelner Laute zu ganzen Wörtern erleichtern, so das Vokalisationsverfahren ("Rolle das o, summe das e - Rose", oder auch: "Backe das o, nase das e - Bohne") oder die Fingerlesemethode: Das Kind begleitet jeden Laut mit einer Gebärde und hält den Laut so lange an, bis durch eine weitere Gebärde der nächste Laut signalisiert wird.
Aus Verfahren, die der deutsche Taubstummenlehrer Malisch und der belgische Psychiater und Heilpädagoge Ovid Decroly um die Jahrhundertwende praktizierten, entstanden demgegenüber die modernen Ganzheitsmethoden, deren Vertreter sich freilich auf eine stattliche Reihe ehrwürdiger Vorläufer beruten können: Als erster sprach sich der mährische Pädagoge Jan Amos Komensky, genannt Comenius, im Jahre 1658 für ein Ganzwortverfahren aus, gefolgt von dem Abbe de Radonvilliers (1768) in Frankreich sowie dem Deutschen Friedrich Gedike (1779) und vielen anderen Unterrichts - Reformern des 18. und 19. Jahrhunderts.
Die heute üblichen Ganzheitsverfahren unterscheiden sich danach, ob
zunächst nur einzelne Wörter oder gleich ganze Sätze als Einheit gelesen werden,
- mit dem Leseunterricht sofort bei Schulbeginn oder erst später begonnen wird,
- die Wörter in Buchstaben oder Silben zerlegt (analysiert) werden,
- diese Analyse durch pädagogische Tricks provoziert wird, oder ob man abwartet, bis die Kinder selber danach fragen, und ob
- mit Druck- oder mit Schreibschrift angefangen wird.
Insgesamt gibt es damit 32 mögliche Ganzheitsmethoden, die mit den verschiedenen Lautiermethoden konkurrieren. Über diese Methodenvielfalt sind in den letzten fünfzig Jahren in der ganzen Welt mehr als 10 000 Bücher und Abhandlungen - in Fachzeitschriften erschienen. Nur eine Minderheit der Autoren empfiehlt Lautierübungen - die meisten halten irgendeine Ganzheitsmethode für besser.
Seit dieser Zeit mühen sich auch die Psychologen - allerdings bislang ohne Erfolg - um die Klärung einer der theoretischen Grundfragen des Lesens:
- Nimmt der Lesende ein Wort sukzessiv auf, das heißt, liest er es Buchstabe für Buchstabe und setzt es erst hinterher zusammen, oder
- erfaßt er es mit einem Blick, simultan, ohne einzelne Buchstaben besonders zu beachten?
Einige Befunde sprechen dafür, daß der Lesende ganze Buchstabengruppen gleichzeitig wahrnimmt. So werden etwa die verschieden langen Buchstabenfolgen
- "in schönen Sommertagen"
- "ntgo"
von einem lesegeübten Erwachsenen in derselben Zeit aufgefaßt. Denn ein Durchschnittsleser kann, wie der Psychologe Cattell 1885 herausfand, in einer hundertstel Sekunde nur drei bis vier zusammenhanglose Buchstaben erfassen, aber er kann zwölf bis 15 Buchstaben lesen, wenn diese in sinnvollem Wortzusammenhang stehen.
Andere Psychologen, und zumal die Neurologen, glauben dagegen an ein sukzessives Lesen - die Buchstaben, so meinen sie, werden in derselben Reihenfolge gesehen, wie man die Laute beim Sprechen hört.
Eine dritte Gruppe von Forschern schließlich, vor allem der Sprachpsychologe Friedrich Kainz, glaubt, die Alternative Gleichzeitig - nacheinander sei sinnlos: Beide Formen der Wahrnehmung seien wechselweise am Lesevorgang beteiligt.
Fazit: Bislang ist unentschieden, auf welche Weise das menschliche 'Gehirn Gelesenes wahrnimmt und umsetzt. Und diese Ungewißheit wiederum machte es möglich, daß sich die Pädagogen dogmatisch für die eine oder andere Lese -Lehrweise entschieden - und die eine wie die andere in den Rang eines weltanschaulichen Bekenntnisses erhoben.
"Es gibt und kann nicht zwei gleich gute Unterrichtsmethoden geben", postulierte einst der Schweizer Jugenderzieher Pestalozzi, und Streiter im Kampf gegen das ganzheitliche Lesen berufen sich heute darauf: "Es ist nur eine gut, und das ist die, welche vollkommen auf den ewigen Gesetzen der Natur beruht."
Solch weihevoll tönende Kernworte im Ohr, verzichteten die streitenden Pädagogen weithin darauf, den Vorzug der einen oder der anderen Methode auf die nächstliegende Weise zu ermessen: am Erfolg - anhand vergleichender Statistiken.
Mit Befremden vermerkt der westdeutsche Psychologe Emil Schmalohr, daß erfahrungswissenschaftliche Untersuchungen im pädagogischen Meinungsstreit kaum eine Rolle spielen.
Die eingefleischten Anhänger der beiden Lese-Lager haben indes allen Grund, solche Erfolgsvergleiche zu mißachten. Denn als Fazit der bislang angestellten statistischen Untersuchungen ergab sich eine frappierende Erkenntnis, die - würde sie von den Streitenden akzeptiert - sogleich die Kontroverse um Lese-Lehrmethoden gegenstandslos machen würde:
> Unter allen Faktoren, die zum Schulerfolg eines Kindes beitragen, ist die Methode, nach der es lesen und schreiben lernt, der unwichtigste. In Deutschland stammen die beiden gründlichsten Untersuchungen über den Erfolg der Lautier- und der Ganzheitsmethode von den Experimentalpsychologen Emil Schmalohr, Neuß am Rhein, und Heinrich Müller, Professor an der Pädagogischen Hochschule Vechta. Die Erhebungen wurden in den Jahren 1958 bis 1960 veranstaltet, die eine in Krefeld, die andere in Wiesbaden und Frankfurt.
Die Ergebnisse zeigen: Die Schulkinder lernen nach allen Methoden lesen. Zu Beginn tun sich die Schwachbegabten' mit der Ganzheitsmethode (vor allem wenn sie gleich mit ganzen Sät-' zen anfängt) etwas schwerer, doch gleichen sich alle Unterschiede bald aus: Im 4. Schuljahr ist aufgrund der Leseleistung nicht mehr festzustellen, nach welcher Methode ein Kind lesen lernte.
Zu ähnlichen Ergebnissen kamen auch andere Forscher, vor allem im angelsächsischen Sprachraum. Eine der aufschlußreichsten Untersuchungen über den Einfluß der Lehrmethode auf den Schulerfolg wurde schon während der vierziger Jahre in Winnetka (US-Bundesstaat Illinois) vorgenommen:
25 Schulkinder erhielten während der ersten 18 Schulmonate keinerlei systematischen Unterricht. Um Rechnen und Schreiben kümmerten sich die Lehrerinnen auf Anweisung der Versuchsleiter überhaupt nicht, und gelegentliche Unterweisung im Lesen gaben sie nur. wenn die Kinder danach fragten.
Die Kinder wurden über mehrere Jahre beobachtet. Es zeigte sich:
- Nach drei Schuljahren konnten sie
bereits ebenso gut lesen wie jene, die von Anfang an systematisch - also nach einer der umstrittenen Methoden - unterrichtet worden waren, und
- im fünften Schuljahr glänzten sie gar mit überdurchschnittlicher Lesefertigkeit.
Schlußfolgerung: In einer angemessenen Umgebung, so scheint es, lernen Kinder das Schreiben und Lesen ebenso aus eigenem Antrieb wie etwa das Laufen, Sprechen und Hören.
So haben denn offenbar in dem Streit um die rechte Lehrmethode alle Kontrahenten unrecht. Die Behauptung, die Ganzheitsmethode führe zu Lesestörungen oder gar zu einer Bildungskatastrophe, ist unhaltbar, ebenso wie die Hoffnungen, die man auf sie setzte, trügerisch sind: Ganzheitlich unterrichtete Kinder lesen nicht schlechter als lautierend unterrichtete, aber auch nicht besser.
Angesichts dieser Befunde bezweifeln manche Pädagogen, ob sich der größere pädagogische Arbeitsaufwand, den der ganzheitliche Unterricht erfordert, überhaupt lohnt. So meint etwa der Berliner Psychologe Dr. Siegfried Schubenz, die Ganzheitsmethode - die für schwächere Schüler die Anfangsschwierigkeiten eher vergrößert - sei ein Luxus, den sich nur überdurchschnittlich befähigte Schulpädagogen leisten könnten. Und der Schulpsychologe Pietrowicz beklagte, daß diese "sicherlich anspruchsvollere und schwieriger zu handhabende Methode von den Junglehrern zwar oft mit allem Elan, aber oft mit genausowenig Sachkenntnis strapaziert wird".
Die wahren Gründe für etwaige Leseschwächen liegen offenbar in ganz anderen Bereichen. Der Münchner Heilpädagoge Franz Biglmaier stellte einen Katalog von Ursachen zusammen, die von der einen oder anderen Lehrmethode unbeeinflußt sind:
- Milieuschäden - mangelndes Lese -Interesse der Eltern, ungenügende Sprachkenntnis und geringer Wortschatz, Belastung durch gestörte Familien;
- Erziehungsfehler - autoritäre oder launische Erziehung, aggressive Haltung gegen die Eltern (die im Nichtlesen-lernen-Wollen zum Ausdruck kommt), zu frühe Einschulung;
- ungünstige Schulatmosphäre - Abneigung gegen den Lehrer, überfüllte Klassen, Schichtunterricht, Vernachlässigung schwächerer oder besserer Schüler;
- schlechte Fibeln - unangemessener, uninteressanter oder zu schwieriger Lesestoff.
Vor allem die Fibel-Autoren gehen, wie Professor Walter Schultze von der Hochschule für internationale pädagogische Forschung in Frankfurt konstatierte, an den Erfordernissen eines pädagogisch sinnvollen Leseunterrichts oft vorbei.
Die meisten der rund 50 verschiedenen Fibeln, die an bundesdeutschen Schulen in Gebrauch sind, enthalten zu viele und zu schwierige Wörter. Und oft schließen sich die Lesebücher des zweiten Schuljahres an die Anfangsfibeln nicht organisch an: Jedes zweite der in der Anfangsklasse mühsam erlernten Wörter kommt in den Büchern der folgenden Klasse nicht mehr vor. Der Frankfurter Pädagoge befürchtet, daß diese schlechte methodische Anlage der Fibeln einen Großteil der kindlichen Leseschwierigkeiten verursacht.
Schultze begegnete in den deutschen Fibeln einer Sprache, wie sie von normalen Menschen in keiner Altersstufe freiwillig gesprochen wird: Die Verfasser scheinen zu glauben, "daß Fibeln nur dann wirklich ,kindertümlich' seien, wenn sie im Stil einer tantenhaft verniedlichenden Babysprache geschrieben sind" (Schultze).
Jedes neunte Hauptwort tritt in der Verkleinerungsform auf; die Kinder mühen sich um die Aussprache von
- Lämmerlein, Flügelchen, Kartoffelfeuerchen, Sträuchelchen.
Kuriose Namen, Ausrufe und Tierlaute repräsentieren ein Gutteil aller Fibel-Wörter:
- hoppsassa, ile-mike-mi, tatscha, scharre-scharre-schnapp.
Hatten unvoreingenommene Wissenschaftler jenseits des Dogmen-Streits aufgedeckt, daß der totale Schulkrieg um Ganzwörter und Buchstaben im Grunde unnütz ist, so gingen einige Seelenforscher obendrein daran, den psychologischen Hintergrund der Fehde zu erhellen. Sie analysierten die Lehrer.
Es zeigte sich, daß eine Art priesterliches Sendungsbewußtsein offenbar der Motor des pädagogischen Glaubenskampfes ist. Die Aufgabe, unwissenden Kindern das Lesen beizubringen und sie damit in die Geheimnisse der Kultur einzuweihen, wird von Magistern, wie der Hamburger Psychologe Hofstätter ausführte, als eine Art "Initiations-Ritus" zelebriert - ähnlich dem heiligen Akt, mit dem bei primitiven Eingeborenen-Stämmen Knaben in die Gemeinschaft der Männer aufgenommen werden. Den Leseunterricht in deutschen Volksschulen von solch mystischem Ballast zu befreien, halten denn auch die kritischen Beobachter für dringlich. Der Lehrer, so empfiehlt etwa Psychologe Schmalohr, sollte weniger auf Dogmen und mehr auf seine Schüler achten: Dem einen fällt ganzheitliches, dem anderen lautierendes Lesen leichter. Lernspiele - wie Leselottos, Setzkästen, Lesekästen, Silbendominos und Quartette - könnten nach Ansicht Schmalohrs die Lernfreude der Kinder heben; gerade "in dieser Hinsicht", meint der Pädagoge, "bieten unsere Schulen in der Regel ein ärmliches Bild".
* Zahnlippenbö = "f" Zungenbrummen = "l"; Freudengetön = "ei"; Vordergaumenbö = "sch".
Leseunterricht in einer Schulanfänger-Klasse*: Die Unterweisung in der wichtigsten Kulturtechnik
Lautier-Fibel
... spaltete Deutschlands Pädagogen ...
Ganzwort-Fibel
in zwei feindliche Lager
Lautier-Anhänger Bschor
Ntgo zu lesen...
Lesemethoden-Forscher Schmalohr
... dauert genausolange...
Ganzwort-Anhänger Muth
... wie ein paar schöne Sommertage
Tagesspiegel
"Ich werde euch das Abc so verständlich
wie möglich machen, Kinder..."
* Nach der Ganzheitsmethode.

DER SPIEGEL 17/1966
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