14.04.1965

HESSENFlotter Schimmel

Sie trugen, wo sie gingen, stets eine Uhr bei sich. Denn wochenlang mußten hessische Staatsdiener auf die Minute genau über alles Buch führen, was sie getan und wieviel Zeit sie dafür benötigt hatten: fürs Händewaschen, fürs Aktenwälzen und für alle anderen Verrichtungen - dienstliche wie menschliche.
Diese unfreiwillige Selbstkontrolle war den Beamten und Angestellten im hessischen Wirtschaftsministerium vom Chef des Hauses, Albert Osswald, auferlegt worden. Sie sollte Anhaltspunkte für ein Spar-Programm liefern, mit dem Sozialdemokrat Osswald Parkinsons Gesetz auf den Kopf stellen will.
Die Therapie, die der Minister seinem Ressort dann verschrieb, war so konsequent wie die Untersuchung: Im hessischen Wirtschaftsministerium (das inzwischen Osswalds Parteifreund Rudi Arndt leitet) werden künftig nur noch drei statt der bisher acht Abteilungsleiter sitzen. Die Schar der Referenten wurde von 34 auf 24 dezimiert.
Außerdem erhielten 40 Bedienstete im Stellenplan des Ministeriums den Vermerk "KW" (Kann wegfallen): Falls die Gezeichneten durch Tod, Pensionierung oder Versetzung ausscheiden, werden ihre Posten nicht mehr neu besetzt.
Osswalds Abmagerungskur ist Auftakt einer Verwaltungsreform der hessischen Landesbürokratie. Die Regierung des sozialdemokratischen Musterlandes will endlich den schwerfälligen Amtsschimmel, der seit Jahren hinter der gesellschaftlichen Entwicklung herzockelt, auf Trab bringen.
So soll das Innenministerium von bislang zehn auf sechs gewöhnliche und zwei kleine Spezial-Abteilungen reduziert werden. Sozialininister Hemsath will von seinen acht Abteilungen sogar sechs abstoßen. Und Albert Osswald, der jetzt das Finanzministerium leitet, möchte auch sein neues Ressort gesundschrumpfen lassen.
Sorge bereitet den Reformern indessen die Frage, ob sich die Beamtenschaft der neuen, dem Vorbild des Industrie-Managements nachempfundenen Verwaltungsstromlinie anpassen wird. Osswald: "Eine solche Veränderung bedingt die Einführung eines entsprechenden neuen Verwaltungsstils."
Um Vergleichsunterlagen über die bisherige Effektivität der Verwaltungsarbeit zu bekommen, entwarf das hessische Innenministerium ein Fragebogen-Sortiment. Mit seiner Hilfe sollen die Beamten aller Verwaltungen über Art und Nutzen ihrer Arbeit Auskunft geben.
Auf dem Vier-Seiten-Formular für eine "Arbeitsplatzbeschreibung" fragen die Reformer beispielsweise jeden Beamten nach Aufgabengebiet, Grad der Selbständigkeit des Handelns, Zusammenarbeit mit Dritten und Weisungsbefugnis.
Jedes Tätigkeitsmerkmal wird mit einer bestimmten Anzahl Punkte bewertet. So erhält, wer "gleichförmige einfache Verrichtungen" versieht, null Punkte, wer "überwiegend gleichartige Vorgänge" bearbeitet, zwei und wer mit "fast nur verschiedenartigen Vorgängen" betraut ist, sechs Punkte.
Die Versuchung, den eigenen Arbeitsbereich über Wert einzustufen, ist einkalkuliert: Die Formulare müssen jeweils von den Vorgesetzten nachgeprüft und abgezeichnet werden. Staatssekretär Schubert vom Innenministerium: "Natürlich hat mancher versucht, sich hochzujubeln. Das ist ja menschlich." Auch den Abteilungsleitern bleibt keine Chance, unzulässige Punkte zu sammeln. Ihre Bewertungsbogen werden vom Kabinett kontrolliert.
Den Erfindern dieses Systems, mit dessen Hilfe der Wasserkopf der Verwaltung eingedampft werden soll, sind freilich die Mängel der Frageaktion, die Ende Mai abgeschlossen wird, nicht verborgen geblieben - etwa die Tatsache, daß sich die Effektivität eines Beamten nach einem Punkte-Schema nur annähernd ermitteln läßt.
Reform-Vorreiter Osswald begnügte sich deshalb nicht allein mit der Fragebogenaktion. Er engagierte den Gießener Magistratsrat a.D. Willy Rahn, Leiter der Gesellschaft für Organisationswesen und Wirtschaftlichkeitsprüfung.
Rahn durchkämmte zwei Wochen lang den sandfarbenen Bau am Wiesbadener Kaiser-Friedrich-Ring bis in den letzten Registratur-Winkel und prüfte im Gegensatz zur Dienstpostenbewertung, die nur Beamte betrifft, auch die Angestellten des Wirtschaftsministeriums auf ihren Arbeitsnutzen. 14 Tage lang mußte jeder aufschreiben, was er während der Dienstzeit getrieben hatte.
Osswalds Bedienstete leisteten passiven Widerstand. Ein Teil hielt die Arbeitsaufzeichnungen so allgemein, daß sich das Unternehmen um zwei Monate verzögerte. Rationalisierungsfachmann Rahn mußte zusätzlich ermitteln, Akten studieren und an einigen Arbeitsplätzen selbst die Angaben überprüfen.
Ergebnis der Rahn-Recherchen: Osswald-Nachfolger Rudi Arndt kann nach der Reduzierung der Abteilungen und Referate nun auch die Zahl seiner Beamten vermindern. Nach Rahns Plänen können von den insgesamt 279 Stellen 90 abgebaut werden. Jährliche Einsparung: rund 1,6 Millionen Mark.
Hessens Behördenchefs sollen dem guten Beispiel im Wirtschaftsministerium alsbald folgen. Vorerst freilich wird die Einsparung Geld kosten. Denn wenn sich etwa bei der Dienstpostenbewertung herausstellt, daß die Arbeit eines Regierungsrats auch von einem Inspektor bewältigt werden könnte, dann schützt das Beamtenrecht den Stelleninhaber vor Degradierung und Soldbeschneidung. Wird hingegen ermittelt, daß ein Oberregierungsrat die Arbeit eines Regierungsdirektors leistet, so soll er befördert werden.
Für derlei Fälle hat die reformfreudige Landesregierung im Etat vorsorglich drei Millionen Mark eingeplant.
Reform-Minister Osswald
Wasserkopf verdampft

DER SPIEGEL 16/1965
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