07.04.1965

ARRAUEs ist Wahnsinn

Mit fünf Jahren debütierte er im Konzertsaal, mit sieben ging er in die Hochschule, mit fünfzehn glaubte er, "alles gelernt zu haben, was zu erlernen ist". Deshalb nahm der chilenische Wunderknabe Claudio Arrau im Jahre 1918 zum letztenmal eine Klavierstunde (in Berlin) - und begann sofort wieder zu lernen: Er erarbeitete sich das größte Repertoire, das heutzutage auswendig auf dem Konzertflügel gespielt wird.
Bei seinen 19 Konzerten, die er im März und im April in der Bundesrepublik gab und gibt, konnte der inzwischen 62jährige Arrau nur einen Bruchteil dessen repetieren, was er auf den Tasten hat: Der 1,67 Meter große Virtuose mit dem Menjou-Bärtchen könnte, ohne sich im Programm zu wiederholen, 76 Soloabende geben und 63 Konzerte für Klavier und Orchester meistern. Der Sowjetrusse Swjatoslaw Richter, den die meisten Musikfachleute als besten Pianisten der Gegenwart feiern, hat 25 Rezitalprogramme präpariert. Arrau bezwingt, wie er sagt, das gesamte Klavier-Oeuvre von Bach, Beethoven, Mozart, Schubert, Weber und Chopin - etwa 1020 Werke - und die meisten Klavierstücke der Romantiker Brahms, Liszt, Schumann und Debussy.
Als ersten Zyklus hatte sich der Superprogrammatiker Arrau das wohltemperierte Klavierwerk Johann Sebastian Bachs angeeignet. Als er, nach zweijährigem Üben, den ganzen Bach beherrschte, war ihm, "noch ehe die letzte Note verklungen war" (Arrau). klar, daß er des alten Meisters Klavierschaffen nie mehr interpretieren würde. "Es ist ein Wahnsinn", gesteht Arrau, "auf dem Klavier zu spielen, was für das Cembalo gedacht war."
An dem Gedanken, ein Interpret werde einem Komponisten nur gerecht. wenn er dessen Gesamtwerk beherrsche, hielt Arrau indes fest. Er machte sich sofort an Mozarts Klavier-Opus und bot es ("lange vor Walter Gieseking") an fünf Abenden dar. Für die Aufführungen der 32 Klaviersonaten des anderen Wiener Klassikers, Ludwig van Beethoven, benötigte der Musiker sieben Abende. 1959, beim Beethovenschen Sonaten-Marathon in der Hamburger Musikhalle, mußte Arrau allerdings nach dem dritten Abend aufgeben: Ein Herzinfarkt hatte ihn gelähmt. Arrau: "Das war der Protest aus dem Unterbewußtsein. Man kann nicht ununterbrochen schöpferisch tätig sein."
Jahrelang hatte sich der Künstler - mit jeweils 150 rasch aufeinanderfolgenden Gastspielen in klimatisch so extremen Städten wie Tokio, München, London und New York - immer neuen Konzertsaal-Strapazen ausgesetzt. Er tat, was vor ihm nur ein Pianist gewagt hatte: Wie 1895 Eugen d'Albert spielte Arrau an einem Abend das erste und das zweite Klavierkonzert von Brahms - zwei Werke, die zusammen eine Stunde und 37 Minuten dauern und zu den schwierigsten Stükken der Klavierliteratur gehören.
Obwohl Claudio Arrau sich bei derlei Kunststücken "bemerkenswert oft
verspielt, und zwar meist gerade an den leichten Stellen" ("Süddeutsche Zeitung"), haben ihn Kritiker in aller Welt wegen seiner unterkühlten Darstellung lyrischer Pianostücke auf den ersten Rang der Virtuosen gehoben. Sie placierten ihn neben dem immer persönlich engagierten Ausdrucksmusiker Swjatoslaw Richter (SPIEGEL 24/1962) und dem stark romantisch spielenden Virtuosen alter Schule Artur Rubinstein, neben dem poetischen Techniker Arturo Benedetti Michelangeli und dem nervös donnernden Vladimir Horowitz.
Daß Arrau immer wieder zum besten Beethoven-Spieler der Welt hochgelobt wird, dafür hat der smarte Chilene selber gesorgt. Denn er leitet seine musikalische Herkunft direkt von Beethoven ab. Arrau: "Ich kann in der Beethovenschen Welt, die ich mir ganz zu eigen gemacht habe, mit vollen Lungen unbeschränkt atmen. Es muß sich um ein organisches Anpassungsvermögen zwischen Beethoven und mir handeln."
Gemessen am Beethoven-Spiel seiner Kollegen Rudolf Serkin und Walter Gieseking, bleibt Arraus Interpretation indes unverbindlich neutral. Bei der Wiedergabe der von ihm weniger favorisierten Meister Liszt und Chopin wird Arrau wiederum als einzigartig anerkannt: "Hier steht", schrieb der "Manchester Guardian" nach einem Arrau-Chopin-Konzert bei den Edinburgher Festspielen, "ein Chopin von männlicher Gestalt mit kräftigen Lungen und stählernen Muskeln, der endlich fähig ist, George Sand zu meistern."
Der Münchner Kritiker Joachim Kaiser, der in einer WDR-Sendereihe große Pianisten unserer Zeit gegeneinander ausspielt, urteilt: "Der nervöse und wilde Griff ist seine Sache nicht, ob es sich nun um Beethovens Moll-Sonaten oder um Chopinsche Bekenntnis-Musik handelt. Dafür entdeckt Arrau eine bewunderungswürdige Spannweite, ja eine beinahe magische Vielfalt der Nuancen und Farben im Bereich des Intimen."
Ähnliches Lob hatten schon Regierungsmitglieder in Arraus Heimatstaat Chile gespendet, als sie dem siebenjährigen Wunderkind, das bereits mit drei Jahren in einer Partitur "wie- in einem Bilderbuch blätterte" (Arrau), ein Staatsstipendium bewilligten. Vorher war Claudio Arrau allerdings an der Hand seiner Mutter von Parlamentarier zu Parlamentarier gezogen und hatte fingerflink Etüden vorgespielt. Arrau: "Wir mußten Stimmen sammeln." Die Geldgabe wurde dann immerhin so reichlich bemessen, daß das Wunderkind samt Mutter, Schwester und Bruder fast zehn Jahre lang in Berlin leben und studieren konnte.
Als der Stipendiat nach beachtlichen Konzerterfolgen mit den Dirigenten Arthur Nikisch und Carl Muck "vor dem Berliner Publikum und an kleinen Fürsten- und Großherzoghöfen" (Arrau) 1921 nach Chile zurückkehrte, überspielte er so rasch alle amerikanischen Klavierkollegen, daß die Konzertagenten in aller Welt nach ihm riefen. "Ich habe seither", sagt Arrau, "mehrmals in allen Ländern der Erde konzertiert."
Das rastlose Reisen, das ihm für seine Lehrtätigkeit so wenig Zeit ließ, daß ausgewählte Schüler ihn oft begleiten mußten, hat Arrau indes in den letzten Jahren eingeschränkt. Denn der Weltmeister in Klavierprogrammen will immer noch dazulernen:
"Ich werde jetzt einen Zyklus mit dem gesamten Klavierwerk von Debussy machen, und dann kommt die Ravel -Serie dran."
Chilenischer Pianist Arrau 63 Konzerte aus dem Gedächtnis

DER SPIEGEL 15/1965
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ARRAU:
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