14.04.1965

TERRORBankiers unter Waffen

Der Bandit Carlos Ramirez (Spitzname: "Schwarzes Blut"; Kopfpreis: 10 000 Dollar) schlitzte mit seiner Machete einer schwangeren Frau den Leib auf, enthauptete das Ungeborene und tötete dann erst den Familienvater und drei Kinder, die dem grausigen Treiben hatten zusehen müssen.
Der Banditenüberfall auf ein Andendorf in der kolumbianischen Provinz Tolima, 160 Kilometer westlich der Hauptstadt Bogota, war ein Alltagsgeschehen in dem "Violencia" (Gewalttätigkeits)-Taumel, der dem 15-Millionen-Volk im Norden Südamerikas seit 1948 mehr als 300 000 Todesopfer abgefordert hat - weit mehr als Amerikaner im Zweiten Weltkrieg fielen.
Die Violencia-Wolke überzog Kolumbien am 9. April 1948. Damals konferierte in Bogota der amerikanische Außenminister George C. Marshall mit seinen lateinamerikanischen Kollegen.
Kommunisten, Nationalisten und Anarchisten des Subkontinentis schickten Randalierer und Agitatoren nach Kolumbien. Sie sollten Anti-"Yanqui" -Demonstrationen organisieren. Da wurde nahe dem Präsidentenpalast der linksliberale kolumbianische Journalist Eliécer Gaitán von einem politischen Gegner erschossen.
Minuten nach dem Mord verwandelte der Mob Bogota in ein Schlachtfeld. Allein vor den Toren des Regierungspalastes, in dem sich die Minister verbarrikadiert hatten, wurden über 500 Leichen gezählt. Das Gemetzel führte zum Bürgerkrieg zwischen Kolumbiens antiklerikalen Liberalen und den katholischen Konservativen.
Keine der beiden Parteien konnte gewinnen. So kam es im Mai 1957 zum Friedensschluß: Liberale und Konservative einigten sich, 16 Jahre lang alle Staatsämter und Parlamentssitze ungeachtet der Wahlergebnisse paritätisch aufzuteilen. Das Präsidentenamt sollte alle vier Jahre wechseln.
Doch aus dem Bürgerkrieg war in Kolumbiens entlegenen Provinzen längst ein privater Banden-Terror geworden. Die Banditen und Räuber kümmerten sich nicht um den Burgfrieden von Bogotá:
- Der Bandit Teófilo Rojas gestand,
seit seinem 13. Lebensjahr 592 Menschen ermordet zu haben;
- Carlos ("Schwarzes Blut") Ramirez
ließ 42 Omnibus-Reisende köpfen, ehe er, den Rosenkranz in der Tasche, während eines epileptischen Anfalls überwältigt wurde;
- der kaum 20jährige Bandenchef William Aranguren ließ eine Landlehrerin von 17 seiner Banditen zu Tode vergewaltigen.
1962 beauftragte Präsident Guillermo León Valencia seinen Kriegsminister, General Alberto Ruiz, die Armee zur Bandenbekämpfung zu mobilisieren.
Ruiz, der im Koreakrieg das Tausend -Mann-Kontingent Kolumbiens, befehligt hatte, bildete die 37 000 Soldaten seines Heeres für Guerilla-Bekämpfung aus. Anfangs erzielte die Armee Erfolge. Die Zahl der Überfälle und Morde sank.
Aber die Banditen gaben nicht auf, sondern änderten nur vorübergehend ihre Taktik: Statt sich wie bisher mit unergiebigen Überfällen auf arme Dörfler oder Reisende zu begnügen, begannen sie systematisch, reiche Kolumbianer zu entführen. Innerhalb eines Jahres zahlten 130 Entführte vier Millionen Mark Lösegeld.
Die neue Taktik droht die Wirtschaft des Landes zu ruinieren. Denn Tausende von Panik erfaßte reiche Kolumbianer haben inzwischen ihre Familien und ihr Geld ins Ausland geschickt.
Präsident Valencia appellierte an die Millionäre: "Wir müssen ausharren und Schulter an Schulter kämpfen." Die Armee begann, kostenlos Waffen an wohlhabende Kolumbianer zu verteilen. Millionäre wurden von der Polizei aufgefordert, Reisepläne geheimzuhalten und bei ihren täglichen Fahrten stets wechselnde Routen zu wählen. Bankiers haben in ihren Limousinen Maschinenpistolen neben sich liegen.
Doch Valencia wurde der Violencia nicht Herr. Ende März entführten 30 Banditen den deutschstämmigen Ex -Minister und Industriellen Harold Eder. Sie forderten das bisher höchste Lösegeld: 600 000 Mark.
Mit dem Erlös ihrer Kidnapping -Welle bewaffneten sich die Banditen neu und starteten wieder Terror-Anschläge. Bandenchef Manuel ("Sicherer Schuß") Marulanda überfiel im Andendorf Inzá an einem Tag einen Bus (17 Tote), eine Postsparkasse, eine Agrargenossenschaft, mehrere Läden und ein Munitionsdepot.
Als drei Bataillone Elitetruppen, unterstützt von Hubschraubern und Düsenjägern, in das vom "Sicheren Schuß" beherrschte Gebiet eindrangen - er nennt es "Unabhängige Sozialistische Republik Marquetalia" -, schossen die Banditen einen Hubschrauber ab.
Die Soldaten kehrten um. Monsignore Germán Guzmán, ein katholischer Geistlicher, der jahrelang in Kolumbiens Banditengebieten gelebt hatte, erklärte in seiner Schrift "La Violencia en Colombia" den Kampf gegen das Banditentum für aussichtslos: "Wenn man einen Anführer umbringt, kommt ein neuer. Um das Morden abzustellen, müßte man jeden Mann, jede Frau, jedes Kind in den Bandenterritorien umbringen."
Kolumbianische Bauern, toter Polizist
Violencia in den Anden

DER SPIEGEL 16/1965
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