14.04.1965

ITALIEN / FILMGesicht unterm Stiefel

Als die 53. Motorisierte Abteilung der Kongolesischen Nationalarmee auf die Urwaldstadt Boende vorrückte, zählte sie 200 schwarze Krieger, 33 weiße Söldner, zwei Affen, einen Papagei und drei Gäste: den italienischen Filmregisseur Gualtiero Jacopetti ("Mondo Cane"), 45. Regie-Assistent Stanislao Nievo und Kameramann Antonio Climati.
Die Italiener waren auf Kongo-Greuel für ihren Dokumentarfilm "Africa addio" erpicht, die Söldner auf Star-Ruhm. "Wenn meine Männer wissen, daß sie morgen auf die Leinwand kommen", sagte Tshombé-Major Le Mercier damals, im vergangenen Oktober, "dann werden sie doppelt so tapfer kämpfen."
Im Morgengrauen des 24. Oktober kreuzten unweit des Tschuapa-Flusses drei zehn- bis zwölfjährige Negerjungen singend den Weg der Militärkolonne. Der südafrikanische Söldner Ben Louw entsicherte seine Maschinenpistole. Was dann geschah, beschrieb der italienische Afrika-Korrespondent Carlo Gregoretti später so:
"'Ready?' fragte Louw die Filmleute. Natürlich waren sie nicht fertig. Die drei Negerjungen waren zu plötzlich aufgetaucht und auch noch zu weit weg, um sie mit dem Normalobjektiv auf den Film zu bekommen.
"Louw drehte sich noch einmal um und fluchte, er werde jetzt so oder so schießen. Da gab ihm Climati durch Schnippen der Finger ein Zeichen: Der Motor der Arriflex-Kamera setzte gleichzeitig mit dem Rattern der Maschinenpistole ein. Die drei Negerjungen wälzten sich im rostbraunen Staub."
In einem zweiten Artikel gab Gregoretti seinen Informanten preis: Es war Jacopetti selbst.
Im Hotel "Memling" der Kongo -Hauptstadt Lépoldville habe, so Gregoretti, der Regisseur nicht nur den Kindermord, sondern auch noch andere "schmutzige Geschichten" seiner kongolesischen Filmerei zum besten gegeben. Danach
- filmte Kameramann Climati den
Todeskampf eines Rebellen, den ein Tshombé-Soldat erst ins Gesicht und dann in den Leib geschossen hatte - die letzten Gesichtszuckungen nahm er aus 20 Zentimeter Entfernung auf;
- wurde bei Erschießungen in Boende ein Todeskandidat, der an einen Baum gebunden war, auf Wunsch des Jacopetti-Teams an eine Mauer gestellt, weil dort die Lichtverhältnisse besser waren;
- traten Soldaten nacheinander einem
gefangenen Negerjungen ihre Stiefel ins Gesicht und ließen dabei von Jacopettis Leuten Erinnerungsphotos knipsen.
Anfang April erhob die römische Staatsanwaltschaft gegen Jacopetti und seine beiden Mitarbeiter Anklage wegen "Beihilfe zum vorsätzlichen Mord in drei Fällen". Weitere Zeugen und das vorhandene Filmmaterial hatten die Behauptungen Gregorettis bestätigt.
Durch die Absprache über den Zeitpunkt der Exekution - so die Staatsanwaltschaft - sei der Tatbestand der Beihilfe eindeutig erfüllt.
Dies waren nicht die ersten Schwierigkeiten Jacopettis mit der italienischen Justiz:
1955 wurde der damals 35jährige wegen angeblicher Entführung und Vergewaltigung des 13jährigen Zigeunermädchens Iolanda Caldaras ins römische Gefängnis Regina Coeli eingeliefert. Jacopetti wurde entlassen, nachdem er das Mädchen im Gefängnis geheiratet hatte. Nach italienischem Recht werden Sexualvergehen nicht verfolgt, wenn die Beteiligten sich zur Ehe entschließen.
Neun Jahre später wurde die Ehe auf Antrag der Ehefrau für ungültig erklärt: Iolanda gab an, sie sei von ihrer Pflegemutter unter Gewaltandrohung zur Heirat gezwungen worden.
In neue Mißhelligkeiten brachte Jacopetti seine Vorliebe für Minderjährige 1961 in Hongkong, wo er Szenen seines Schockers "Mondo Cane" drehte: Wegen Verführung dreier allzu junger Chinesenmädchen wurde er zu drei Monaten Gefängnis verurteilt.
Gegen die Anklage wegen Beihilfe zum Mord verteidigte sich Jacopetti seit einigen Wochen mit Dreharbeiten in Südafrika beschäftigt: "Wir haben niemanden getötet, weder direkt noch indirekt. Wir haben nicht geschossen. Das waren alles Menschen, die man ohnehin umgebracht hätte."
Angeklagter Regisseur Jacopetti*: Heirat im Gefängnis
Erschossener Kongo-Rebell in Jacopetti-Film: Tod vor der Linse
* Mit Ex-Gattin Iolanda (2. v. l.), Begleiterin Belinda Lee (3. v. l.) und der Pflegemutter Iolandas.

DER SPIEGEL 16/1965
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