14.04.1965

ZDF-PROGRAMMLustbetonte Woge

Nur an den Montagen, da geistlicher
Zu- und Rundspruch ehern im Programmschema verankert ist ("Tagebuch - kath./ev."), ruhen die Waffen.
An allen übrigen Abenden der TV -Woche pulVern die Mainzer Fernsehschaffenden zur Spitzensendezeit (um 20 Uhr) Salven leichter Lock-Munition in den Äther: Mit geballten Unterhaltungsladungen kämpft seit Beginn dieses Jahres das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) um die Gunst des bundesdeutschen Schirmvolkes, das bis dahin den Sendungen des Ersten Programms weithin den Vorzug gegeben hatte.
Musical (Sonntag), Schlager- und Tanz-Show (Dienstag), TV-Spiel (Mittwoch), Musikalische Komödie (Donnerstag), Spielfilm (Freitag) und schlagerdurchsetztes Magazin-Allerlei (Sonnabend) - diese Programmfolge, wie sie für das vergangene Fernseh-Tagsiebt von den Mainzer Planern gemischt wurde, wiederholt sich mit geringen Abwandlungen Woche um Woche.
Gewichtigere Kost - etwa sozialkritische Dokumentationen oder aktuelle Politik - ist nahezu vollständig aus den Sternstunden des ZDF - Abendprogramms verbannt worden. "Die Tendenz ist eindeutig", registrierte die katholische "Funk-Korrespondenz": "Sehr weitgehende Konzessionen an den Massengeschmack ... .
Die Konzession, seit nunmehr einem Vierteljahr erteilt, brachte schon Gewinn. Die Mainzer TV-Akteure erreichen jetzt durchschnittlich an jedem dritten Abend, was noch vor einem Jahr jedesmal Grund zum Feiern war: daß sich die Mehrheit der westdeutschen Fernseh -Teilnehmer, die beide Programme empfangen können, auf den ZDF-Kanal einschaltet.
Solch wachsende Beliebtheit beim TV-Volk könnte der Mainzers Anstalt endlich den langersehnten Zuwachs an Fernseh-Werbe-Interessenten einbringen. Damit dämmert den ZDF-Buchhaltern erstmals die Aussicht, die schwere Schuldenbürde (derzeit über 100 Millionen Mark), die auf dem Mainzer Netzwerk lastet, ein wenig zu mindern.
Den Programmierern des Staatsvertrages, mit dem die Bundesländer 1961 das ZDF begründeten, hatte so blanker Programm-Frohmut offenbar nicht vorgeschwebt. Damals waren (im Paragraphen 2 des Vertragswerks) "objektiver Überblick über das Weltgeschehen" sowie ein "umfassendes Bild der deutschen Wirklichkeit" als geistige Fluchtpunkte des ZDF-Programmschemas gefordert worden.
Und auch vor nunmehr einem Jahr, am ersten Geburtstag der Mainzer Anstalt, versprach ZDF-Intendant Professor Karl Holzamer, seinem TV-Volk "Wirklichkeitssinn" und "soziales Verantwortungsgefühl" über die Röhre heimzustrahlen sowie "Freude am Geistesleben, weit über die Kreise hinaus ... die als traditionelle Träger des Kulturlebens anzusehen sind".
Tatsächlich hatten die Mainzer Programmplaner anfangs jeweils an drei Tagen der Woche die attraktivste Sendezeit unmittelbar nach 20 Uhr mit aktuellen oder dokumentarischen Sendungen gefüllt. Doch diesen politisch geistigen Bildungs-Mühen war wenig Erfolg beschieden: Das Zweite Deutsche Fernsehen blieb mit dem überwiegenden Teil dieser polit-beflissenen Dürr-Kost nahezu ohne Publikum. Oft mußten die Meinungsforscher, die das Seher-Echo regelmäßig registrieren, bei solchen Sendungen auf eine "repräsentative Bewertung" ganz verzichten, weil die Sehbeteiligung unter dem Fünf-Prozent -Schwellenwert geblieben war.
Die Hauptursache dieses chronischen Seher-Mangels wurde offenbar, als im letzten Sommer die ZDF-Abteilung "Programmauswertung und Meinungsforschung" die Psyche des durchschnittlichen westdeutschen TV-Konsumenten analysierte. Die Expertise schockte selbst die Pessimisten unter den Mainzer Kultur-Sachwaltern. Des Bundes -Fernsehers Gemüt, so erwies die Untersuchung, ist noch schlichter, sein Denkwille noch träger, sein Weltbild noch wirklichkeitsferner, als Holzamers professorale Weisheit sich je hatte träumen lassen. Die Umfrage ergab:
- Die Fernsehzuschauer erwarten
vom Fernsehen in ihrer Mehrheit Unterhaltung, Entspannung ... "
- Sozial- und gesellschaftskritische
Berichte werden als das genommen, was sie gerade nicht sind, nämlich als Kulturfilme, die Bilder aus fremden Ländern ins Haus bringen, die man von Urlaubsreisen her kennt ..."
- "Obwohl es nach demoskopischen Umfragen 30 Prozent politisch Interessierte gibt, zeigen die Zuschauer in ihrer faktischen Haltung eine apolitische Einstellung. Nicht nur, daß sie versuchen, politischen Sendungen auszuweichen. Die Zuschauer am Bildschirm nehmen Politik so auf, daß das eigentlich Politische abstrahiert wird und sich das Interesse aufs Unterhaltsame und 'Menschliche' konzentriert."
Sozialkritische Analysen, so erfuhren die Meinungsforscher, widersprechen dem "Wunsch der Zuschauer nach Harmonisierung aller Konflikte"; Sendungen mit einem Happy-End hingegen werden, wie ZDF-Programmauswerter Hamm berichtete, von den Zuschauern "mit dem Summa-cum-laude-Prädikat 'Das war lebensnah'" bedacht. Hamm: "Die Schizophrenie eines Traumlebens auf dem Bildschirm und der eigenen selten so harmonischen Realität ist frappierend."
Entschlossen, das vom TV-Volk lange Zeit als "zweite Wahl" empfundene ZDF-Programm endlich in bundesdeutschen Wohnstuben heimisch zu machen, gaben die Mainzer Planer den schizophrenen Wünschen deutscher Seher nach und konzipierten das neuartige, vorwiegend lustbetonte Programmschema.
Reihenweise wurden Musicals, wie "Annie Get Your Gun", und bunte Schlager-Abende aufgenommen und produziert. Die Mainzer kauften Volksstücke und Zirkusnummern und setzten altgediente Show-Lokomotiven wie Peter Frankenfeld ("Vergiß mein nicht") und Lou van Burg ("Der goldene Schuß") wieder unter Dampf. Sie erstanden einen ganzen Jahresvorrat an Maigret -Krimis (52, Folgen) und lockten - mit der Aussicht auf bundesweiten Flimmerruhm und auf ein Monatssalär von 10 000 Mark - den Hamburger Schaubuden-Arrangeur Carlheinz Hollmann vom NDR-Regionalprogramm zu sich herüber. Hollmanns "Schaufenster"-Lächeln mit Maigrets dampfender Sinnier-Pfeife kombiniert fügten sich zu einem massen-attraktiven Sonnabendprogramm.
In der Tat kletterten schon bald nach der Umstellung am 1. Januar die Mainzer Sehbeteiligungs-Indizes beim "großen 20-Uhr-Start", wie die Programmplaner die neue ZDF-Masche benannten.
So schmolz etwa am 17. Januar die Sehergemeinde der Tagesschau im Ersten Programm auf ein knappes Drittel zusammen, als dort anschließend ein Kultur-Feature über "Schöpferische Menschen im Maschinenzeitalter", im Zweiten Programm hingegen ab 20 Uhr das Franz-Molnár-Luststück "Der Leibgardist" gesendet wurde. Mainzens Neuerwerbung Lou van Burg gewann prozentreich gegen das gleichzeitige ARD-Spiel "Der arme Mann Luther" (21. Januar), und ein Tucholsky-Porträt im Ersten Programm unterlag dein Käutner-Thrillerfilm "Das Geheimnis der 'Orplid'" (11. Januar): Nur sieben Prozent der Zuschauer, die beide Programme empfangen können, wahrten dem ARD-Kanal die Treue.
Die Rundfunk-Intendanten, die das Erste Programm gestalten, sahen sich, wie der ARD-Vorsitzende - Hessen -Intendant und Pfarrer Werner Hess - bekundete, von dem Frontal-Angriff aus Mainz anfangs "etwas überrumpelt". Hess räumte ein: "Wir wissen, daß wir jetzt Zuschauer verlieren." Und schon fürchteten die Fernsehkultur-Wahrer, auch das Erste Programm werde nun vom Sog der Mainzer Unterhaltungswoge mit fortgeschwemmt.
Doch diese Sorgen waren verfrüht: Im Januar beschlossen die ARD-Intendanten, ihr Programmschema beizubehalten und informierende sowie bildende Sendungen weiterhin in "Kernsendezeiten" (Hess) zu belassen. Mehr noch: Der Westdeutsche Rundfunk wird vom 21. Mai an alle vierzehn Tage unter dem Titel "Monitor" eine (neben "Panorama" und "Report") dritte politische Magazin -Sendung ausstrahlen.
Zum völligen Verzicht auf politische Darbietungen mochte sich freilich auch der Mainzer TV-Rat nicht entschließen. Vielmehr hoffen die ZDF-Planer, mit geschickter Lokomotiven-Anordnung - durch Placierung hinter unterhaltsame Zugstücke - auch den bislang zuschauerarmen Polt-Sendungen künftig zu größerer Beliebtheit zu verhelfen.
So konnte die ZDF-Interview-Serie "Zur Person", die im Durchschnitt des letzten Jahres nur wenig mehr als fünf Prozent der Bildschirmbesitzer zu fesseln vermochte, "durch eine gute Verpackung" (Holzamer) die Zahl ihrer Zuschauer nahezu verdreifachen: "Zur Person" wurde etwa dem "Deutschen Nationalzirkus" oder dem Frankenfeld -Quiz "Vergiß mein nicht" angekuppelt.
Doch selbst die zugkräftigsten Programm-Lokomotiven vermögen offenbar nur Bruchteile des bundesdeutschen Sehervolks bei der Polit-Scheibe zu halten. 48 Prozent der Mattscheiben -Besitzer mit Wahlknopf sahen das Frankenfeld-Quiz. Nahezu drei Viertel von ihnen schalteten um oder ab, als Günter Gaus anhub, den SPD-Fraktions -Chef Fritz Erler zu befragen.
ZDF-Showmaster Frankenfeld*: Bei Fragen zur Person wird abgeschaltet
ZDF-Musical "Annie Get Your Gun"*
Der Frontalangriff aus Mainz ...
ZDF-Krimi "Kommissar Maigret"*
... entriß dem Ersten Programm ...
ZDF-Showmoster Lou van Burg*
... Hunderttausende von Zuschauern
* In der Sendung "Vergiß mein nicht".
* Oben: Heidi Brühl, Robert Trehy. Mitte: Rupert Davies als Maigret. Unten: van Burg in der Sendung "Der goldene Schuß".

DER SPIEGEL 16/1965
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