14.04.1965

JAMES BONDLetztes Gefecht

James Bond 007 war schon oft so gut
wie tot - doch er wird seinen Erfinder für immer überleben.
Im zwölften Bond-Buch ("Du lebst nur zweimal") beispielsweise hatte Autor lan Fleming ("Goldfinger") seinen Bestseller-Agenten im Geheimdienst Ihrer britischen Majestät per "Times"-Nachruf als "vermißt, wahrscheinlich gefallen" gemeldet.
Der Nachruf erwies sich als verfrüht. Dennoch war auch für den Erfolgs -Autor Fleming zu dieser Zeit bereits das Problem aller langlebigen Thriller -Idole akut geworden: Wie kann der Autor seinen Dauerhelden vor Verschleiß bewahren, wie wird er ihn notfalls los?
Agatha Christies Lösung: Ihr verschmitzter belgischer Detektiv Hereule Poirot wird sterben - in einem Roman, den die Autorin letztes Jahr in einem Londoner Safe deponiert hat und der erst nach ihrem Ableben veröffentlicht werden darf.
Conan Doyle wollte das Problem der Helden-Ermüdung zu Lebzeiten lösen. Als er seinen Sherlock Holmes leid war, ließ er ihn zusammen mit dessen Erzfeind Professor Moriarty in einen Schweizer Wasserfall stürzen. Aber die Holmes-Fans protestierten, und Mutter Doyle schalt ihren Sohn roh - zwei Jahre später stand der großkarierte Meisterdetektiv wieder von den Toten auf; er hatte den Sturz überlebt und war, so erklärte Doyle, inzwischen in Tibet gewesen.
Und auch James Bond kam immer wieder: zuletzt im 13. Bond-Roman, "The Man with the Golden Gun" (Der Mann mit dem goldenen Revolver), der jetzt in England erschienen ist und Bond unwiderruflich leben läßt - Autor Fleming starb nach Fertigstellung des Manuskripts, August 1964, auf Jamaika.
Dort, in Flemings Ferienhaus "Golden eye" (Goldauge), wurde Bond einst gezeugt. Auf Jamaika besteht Flemings "amoralischer, arroganter Held" ("Daily Mirror") auch sein letztes Gefecht.
Ein Jahr nach dem "Times"-Nachruf aus Band zwölf taucht 007 in London auf. Der sowjetische Geheimdienst hatte ihn nach einem Japan-Einsatz gefangengenommen, einer Gehirnwäsche unterzogen und "umgedreht": Bond versucht nun, "M." zu töten, seinen früheren Chef, den Leiter des britischen Secret Service.
Indes, Bonds Zyanid-Ladung zerschellt an einer Panzerglasscheibe, die M. durch Knopfdruck aus der Zimmerdecke fallen läßt.
Ein Secret-Service-Neurologe dreht Bond auf Westkurs zurück. 007 bekommt die Chance, sich durch Erledigung eines Auftrags zu rehabilitieren, bei dem M. "sich fragte, ob er damit Bonds Todesurteil unterschrieben hatte": Bond soll Francisco ("Pistols") Scaramanga ausschalten, einen Profi -Killer, der im karibischen und mittelamerikanischen Raum - meistens für den Kreml und Kuba - mordet und schon sechs von M.s Männern "zum Frühstück verzehrt" hat.
Scaramangas Spezialität: Er feuert aus einem vergoldeten Colt Geschosse mit goldenem Kern, silbernem Mantel und Dumdum-Effekt.
007 fliegt nach Jamaika. Es gelingt ihm, sich von Scaramanga als Leibwächter anstellen zu lassen und an einer Gangster-Gipfelkonferenz teilzunehmen.
Er wird erkannt. Scaramanga arrangiert einen Picknick-Ausflug per Kleinbahn, bei dem Bond samt einer Brücke in die Luft gesprengt werden soll.
Auf dem fahrenden Zug liefern sich Bond und die Gangster ein Feuergefecht. Bond-Freund und US-Geheimdienstmann Felix Leiter schießt überraschend im Rücken des Feindes. Scaramanga entkommt schwer verletzt, der ebenfalls angeschossene Bond setzt ihm nach. In einem Sumpf, unter Schlangen und sengender Sonne, kommt es zum Schluß-Duell.
Dieses Finale bestätigt einen Verdacht, den die Lektüre des letzten Bond-Romans schon früher weckt: Flemings amoralisch-arroganter Held ist nicht mehr ganz der alte. Erst hatte er eine rasante Blondine verschmäht, nun streift ihn ein Hauch von Skrupeln, den schwerverletzten Gegner auftragsgemäß zu töten. Bond gestattet Scaramanga ein letztes Gebet.
"Vielleicht", mutmaßte der "Observer", "war lan Fleming schon sehr müde, als er dieses Buch schrieb."
Bond-Autor Fleming
Duell mit Skrupeln
Letzter Bond-Roman
Finale mit Gebet

DER SPIEGEL 16/1965
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DER SPIEGEL 16/1965
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