14.04.1965

CARRÉMenschlich am Feind

Hinter dem Mauerdurchschlupf "Checkpoint Charlie" liegt nicht Ost-Berliner Territorium, sondern die Dubliner Whiskydestille Jameson; die Mauer steht nicht in Berlin, sondern, 76 Meter lang und 170 000 Mark teuer, im Dubliner Stadtteil Old Liberties.
Vor der ersten Attrappe von Ulbrichts Westwall muß der britische Geheimagent Alec Leamas mit ansehen, wie einer seiner Ost-Berliner Spitzel vom Fahrrad geschossen wird. Beim Versuch, die zweite Nachbildung des deutschen Separationsmonuments zu übersteigen, wird Alec Leamas selber von der Mauerkrone geschossen.
Leamas, von Richard Burton gespielt, lebt und stirbt in Dublin vor der Kamera: Der amerikanische Regisseur Martin Ritt ("Carrasco, der Schänder") verfilmt dort den Weltbestseller "Der Spion, der aus der Kälte kam" des britischen Ex-Vizekonsuls (in Hamburg) mit dem Schriftstellernamen John le Carré (bürgerlich: David Cornwell).
Cornwell-Carré (SPIEGEL 14/1964) hatte in seinem Spionageroman mit dem meteorologischen Titel - die Kälte steht als Chiffre für den gefährlichen Geheim -Außendienst - das schlimme Schicksal des ergrauten Abwehrmannes Leamas geschildert. Ganz anders als lan Flemings königlich-britischer Gentlemankiller James Bond, der sich stets auf internationalem, hochgeglänzertem Parkett unter den oberen Tausend der Gangster- und Agenten-Society tummeln durfte, muß Leamas im Kalten Krieg Abwehrkleinarbeit leisten. Carrés Kommentar: "Je näher James Bond an den Feind kommt, um so grausamer wird er. Je näher Leamas kommt, um so menschlicher wird er."
Der menschliche, um seine Altersversorgung besorgte Leamas wird in Carrés Buch vom britischen Secret Service als Scheinverräter in die DDR geschleust. Er soll dort den Boß der Ost-Berliner Abwehr, einen kaltblütigen Karrieremacher namens Mundt, aus dem Chefsessel stürzen. Ins große Intrigenspiel nicht eingeweiht, erkennt Leamas erst spät, daß seine Unterwühlarbeit in Wahrheit die Position Mundts nur stärkt: denn auch Mundt ist Spitzel in Britanniens Diensten.
Für die allerletzte Erkenntnis schließlich - daß er geopfert werden soll - bleibt Leamas keine Zeit mehr. Als er mit seiner Geliebten, der nach Ost-Berlin gelockten englischen Jungkommunistin Liz Gold, über die Mauer nach West -Berlin springen will, werden beide erschossen.
Von diesem spannungs- und gefühlsgeladenen Roman wurden binnen 18 Monaten rund vier Millionen gebundene Exemplare verkauft; mehr als zwei Millionen Amerikaner kauften die Taschenbuchausgabe, und der Wiener Zsolnay-Verlag setzte bisher von der deutsch sprachigen Fassung 50 000 Stück ab.
Dem Regisseur Ritt gelang mit Carrés Buch ein geschäftlicher Coup, noch ehe eine Zeile des Filmskripts geschrieben war. Eines Abends im Oktober 1963 las Ritt den "Spion, der aus der Kälte kam", am nächster. Morgen erwarb er die Filmrechte für billige 144 000 Mark. Eine Woche später mußte die Filmgesellschaft Columbia für die Rechte des nächsten, noch unveröffentlichten Carre-Werks ("The Looking Glass War") bereits 1,6 Millionen Mark zahlen.
Ritt hatte seinen Kauf intuitiv getätigt: "Ich las die Fahnen, und sie gefielen mir. Das ist eigentlich alles", sagte er. "Warum das Buch ein Welterfolg geworden ist, weiß ich bis heute nicht. Ich nahm es, weil es Gedanken ausspricht, die sich mit den meinen decken."
Trotz der Kongruenz der Gedanken nahm sich der Regisseur die Freiheit, das Buch zum Film gehörig zusammenzustreichen. Ritt: "Wenn ich es von Anfang bis Ende verfilmt hätte, hätte die Aufführung vier Stunden gedauert."
Nicht nur die Überlänge unterscheidet indes das Roman- vom Filmmanuskript. Einige Szenen des Buchs erschienen dem Regisseur allzu dramatisch. So die Prügelei, bei der Leamas einen Ostabwehrler erschlägt; so die Handkantenmethode, mit der Leamas in London einen Kolonialwarenhändler zu Boden streckt. Ritt: "Das finde ich japanisch und übertrieben."
Schließlich mußte Ritt die literarische Vorlage jedoch gegen den Paramount -Verleih verteidigen. Die Geldgeber glaubten, es sei unnötig, Leamas samt Freundin an der Mauer sterben zu lassen - dem Verleih wäre ein Happy-End lieber gewesen. Ritt aber argumentierte, es sei bereits ein Happy-End, daß der Agent Leamas sich berufswidrig verliebe.
Daß die Romangeliebte Liz Gold Im Film Nan Perry heißt, hat einen anderen dramaturgischen Grund: für eine Gage von drei Millionen Mark plus Spesen übernahm Richard Burton die Leamas -Rolle. Ritt: "Wenn der im Film mit einer 'Liz' zärtlich wäre, würden die Leute an der falschen Stelle lachen."
Im Film spielt zwar nicht Elizabeth ("Liz") Taylor die Rolle der Nan Perry,
sondern die seit Chaplins "Rampenlicht" bekannte Claire Bloom (Gage: 600 000 Mark); bei den Dreharbeiten in Dublin aber war Burtons Liebes- und Lebensgefährtin Liz stets anwesend. Sie bewohnte im Luxushotel Gresham mit Burton, vier Kindern, zwei Gouvernanten, einem Hauslehrer, zwei Sekretären und einem Butler zwölf Zimmer.
Vorige Woche flogen die Burtons mit dem Filmteam in einer Chartermaschine nach München: Ehe die Dreharbeiten abgeschlossen werden, müssen noch etliche Filmkilometer in Garmisch, Amsterdam und London belichtet werden. Regisseur Ritt hofft, daß der schwarz weiße 120-Minuten-Film (Kosten: zwölf Millionen Mark) im Spätherbst uraufgeführt werden kann.
Der einzige bislang erkennbare Schönheitsfehler des halbfertigen, Spionagelichtspiels sind die nachgemachten Mauerbauten. In Berlin durfte nicht gedreht werden: Im Westen Berlins war noch die Erinnerung an den amerikanischen Journalisten Jack Paar wach, dessen Fernseh-Mauerschau mißfallen hatte; im Osten mißfiel Carrés Roman.
Die teuren Dubliner Berlin-Imitationen werden indes nicht alle abgerissen. Der Fabrikant Bart Cummings kaufte die Holzbaracken des falschen Checkpoint Charlie auf: Er will mit ihnen den Eingang zu seinen neuen Galvanisierungswerken schmücken.
Filmkulisse Checkpoint Charlie in Dublin: "Japanisch und übertrieben"
Film-Szene "Der Spion, der aus der Kalte kam"*: Liz wurde umbenannt
* Mitte: Richard Burton als Leamas.

DER SPIEGEL 16/1965
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Menschlich am Feind