14.04.1965

DISKOTHEKIrre laut

Die Tanz-Dielen erzittern. Trainiertes Jung-Volk hüpft, schlingert, stampft und zuckt nach Rhythmen, die aus allen Wänden, aus der Decke und sogar aus dem Fußboden zu quellen scheinen. Gedröhn, nahezu von der Lautstärke einer startenden Boeing, erfüllt ohne Pause jeden Kubikmeter des Etablissements und stimuliert die Anwesenden zu Körperübungen wie Letkiss, Watusi, Jerk und Mashed Potatoes oder auch zu so guten alten Tänzen wie Hully-Gully, Slop und Twist.
Der rhythmische Radau - erzeugt von Gitarren, Schlagzeug und Vokal -Künstlern und bis an die Grenzen menschlichen Durchhalte-Vermögens elektronisch verstärkt - ist Merkmal eines neuen Typs von Vergnügungsunternehmen, der sich derzeit gleich der Lärmschleppe eines Überschalljägers über Europas und Amerikas Städte ausbreitet Gattungsname der neuen Schall -Welle: Diskothek.
Tausende von Tanzlokalen in Amerika haben, dem neuen Trend folgend, umgerüstet - die Filmstern-Kneipe "Whisky à Go Go" am Hollywooder Sunset Strip ebenso wie der exklusive New Yorker "Stork Club". In Paris entsteht derzeit durchschnittlich jede Woche eine neue Diskothek. Und auch in bundesdeutschen Großstädten hat die akustische Automation schon dutzendfach die Twist-Arenen verwandelt: Wo früher kühle Combos oder milde Bar -Trios aufspielten, bedröhnen nunmehr phonmächtige High-Fidelity-Raumklang-Lautsprecher die Tanzfläche.
Die stereophonischen Volltöner werden von einem einzigen Diskjockey (des einen oder anderen Geschlechts) gesteuert. Ähnlich dem Tonmeister in einem Rundfunkstudio schaltet er, hinter einem knöpfe- und skalenreichen Mischpult und regelt Abfolge, Klangfärbung sowie Lautstärke des Schallplatten- oder Tonbandprogramms - feinfühlig der jeweiligen Stimmung im Saal angepaßt, im allgemeinen jedoch, wie das amerikanische Magazin "Cue" konstatierte, "so laut, daß niemand in die Verlegenheit kommt, nachdenken oder sich unterhalten zu müssen".
Jede Anlage ist mit mindestens zwei Plattentellern ausgerüstet, die abwechselnd beschickt werden können - während der Diskjockey die letzten Takte einer Platte ausblendet, erdröhnen schon die Anfangsdissonanzen der nächsten. Umschrieb der Hamburger Diskothekenbesitzer Ramon Preuß den durchdringenden Effekt solcher technischen Vorkehrungen: "Pausenlos wird gedonnert."
Erste Vorläufer der Lärm-Bewegung waren - schon vor einigen Jahren - in den Keller-Gehegen des Pariser Seine-Ufers entstanden. Doch erst als sich die amerikanische Vergnügungs - und Phono-Industrie des neuen Platten -Drehs bemächtigte, wurde ein Boom daraus.
So bietet beispielsweise die Chicagoer Juke-Box-Firma "Seeburg Corporation" an, für rund 12 000 Mark jede Dorfschenke und jeden Nachtklub innerhalb von zwei Stunden in eine komplette Diskothek mit Lautsprecheranlage und Musikmaschine zu verwandeln - einschließlich einer neuen Tanzfläche, phosphoreszierender Wandbehänge sowie einer Erstausstattung mit Servietten und Reklamematerial. Innerhalb von einem Monat konnten Seeburg -Abgesandte in den USA mehr als tausend Diskothek-Einrichtungen installieren.
Doch mittlerweile brechen sich die Stereo-Orkane auch schon am Schallgemäuer vieler europäischer Etablissements. Society-Clubs wie "St. Hilaire" in Paris, "Garrison" in London und "Pferdestall" in Düsseldorf ließen sich Diskotheken einrichten. Aber die Neutöner fanden auch Eingang in West -Berlins Teenager-Schuppen "Big Apple", in Schwabinger Studiker- und Teenager -Kneipen wie "Scotch Casino", "Gaslight", "Kuhstall" und "Pussycat" sowie in mehrere Hamburger Jungsegler- und Künstler-Treffs ("Ambassador", "Insel"). Auch in dem jüngst eröffneten Berliner Europa-Center wurden zwei Raumklang-Dielen eingerichtet, eine davon - in Daddy Blatzheims "Restaurant der Nationen" - unter dem Mehrzweck -Namen "Whiskothek".
Die Münchner Lokale "Scotch Kneipe" und "Pussycat" erfreuen ihre Besucher zusätzlich mit einer optischen Stereo -Darbietung, die "Scotch"-Inhaber Josef Kommer dem Hollywooder "Whisky à Go Go" abgesehen hat: Auf einer käfig ähnlichen Empore über den Köpfen des Tanzvolks turnt ein rankes, hüftweiches Mädchen - wie ehedem der Tanzmeister - die jeweiligen Slop-, Surf - oder Hully-Gully-Übungen vor.
Diskothek-Unternehmer Preuß begründet den explosionsartigen Erfolg der lautseligen Stereo-Lokale mit den gehobenen Ansprüchen schallplattenverwöhnter Twist-Fans. Die Diskjockeys, so erläutert Preuß, können die frischesten Hits und Modetänze, von Spitzenkapellen dargeboten, jeweils schon wenige Tage nach ihrem Erscheinen in das Programm mischen. Diskotheken, so urteilte ein Berliner Tanz -Twen, seien'nicht nur irre laut, sondern auch besser als die meist miesen Bands, die sonst in Tanzlokalen spielen".
Die amerikanische Musiker-Gewerkschaft glaubt denn auch bereits jetzt gegen eine bei zunehmender Tanzdielen-Automation drohende Arbeitslosigkeit ihrer Mitglieder vorsorgen zu müssen: Sie forderte, daß künftig jeder Diskothek-Besitzer sich verpflichten müsse, neben den Musikmaschinen lebende Musiker anzuheuern - eine Art Platz-Kapelle, die einzig für ihre Anwesenheit entlohnt wird.
Vortänzerin im Münchner "Pussycat"
In Deutschlands Twist-Schuppen..
Hamburger Diskothek "Ambassador"
... eine neue Schallwelle

DER SPIEGEL 16/1965
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