28.04.1965

PUTSCHMinister in der Leitung

Die Rollen waren genauestens verteilt. Die Akteure hatten ihre Handgriffe auf Stunde und Minute abgestimmt. Tag des geplanten Auftritts: Mittwoch vorletzter Woche.
Doch wenige Tage vor der Aktion griff der sowjetische Geheimdienst in Bulgarien ein und verhinderte den ersten Militärputsch-Versuch in Europa seit Ende des Zweiten Weltkrieges, dessen Initiatoren die Generäle Dikoff und Trenski waren.
Die Putschisten rekrutierten sich aus den Reihen alter Partisanenkämpfer, die nach 1960 führend an der Entstalinisierung beteiligt waren. Hunderte Parteifunktionäre wurden damals gesäubert. In Sofia erschienen Aufschriften: "Lernt Stalin vergessen!"
24 Monate lang werkten 497 Volkspoeten an einer neuen Nationalhymne, in der alle Hinweise auf Stalin fehlten und die ein geläutertes Lob der Sowjet -Union erklingen ließ: "Alle Bulgaren sind Brüder. Moskau ist unser Freund!"
Der Freund, der Bulgarien im Jahre 1878 von der Türkenherrschaft befreit und 1944 dem kommunistischen Machtbereich einverleibt hatte, honorierte jedoch die Ergebenheit seines linientreuesten Satelliten nicht:
- Die Comecon-Planung degradierte das 8,2-Millionen-Volk zum Mais -Lieferanten Osteuropas.
- Chruschtschow Weigerte sich im letzten Jahr, an den Feierlichkeiten des 20. Jahrestages der Befreiung teilzunehmen.
- Auch die neue Sowjetführung schickte prominente Genossen wie Mikojan und Schelepin nach dem abtrünnigen Rumänien, vernachlässigte aber die folgsamen Bulgaren.
Nach diesen Demütigungen versammelten sich Ende März Partisanen -Kameraden aus dem Offizierkorps und der Partei. Sie entwarfen den Plan für einen Putsch, um Bulgarien auf einen titoistischen Kurs zu steuern. Termin: 14. April. Der Plan schien perfekt:
- Iwan Todoroff-Gorunja, Vorsitzender der. Hauptverwaltung für Wasserwirtschaft, sollte unter einem Vorwand der für den 14. April angesetzten ZK-Sitzung fernbleiben und die Stromversorgung blockieren.
- Der stellvertretende Verkehrsminister Makarski sollte die hauptstädtische Telephon- und Telegraphenzentrale stillegen.
- Vize-Verteidigungsminister General Trenski war angewiesen, die Flugplätze zu besetzen.
- Infanterie-General Wozaroff sollte die wichtigen Straßen sperren sowie die Rundfunkstationen sichern.
- General Zwetko Aneff, Stadtkommandant von Sofia, sollte die elf Politbüro-Mitglieder verhaften. Der alte Kämpfer Makarski arbeitete so vorzüglich, daß er bereits am 7. April ein Telephongespräch des Partei- und Regierungschefs Todor Schiwkoff mit
der Sowjetischen Botschaft mithören konnte. Thema des langen Telephonats: der geplante Staatsstreich, von dem sowjetische Agenten vorzeitig erfahren hatten.
Makarski warnte sofort seine Mitverschwörer. Todoroff-Gorunja erschoß sich, wenige Minuten bevor die Polizei in seine Wohnung eindrang. General Aneff wurde in einem Versteck in seinem Heimatdorf in der Nähe von Warza gefunden und verhaftet. General Trenski, Makarski und über hundert verdächtige Funktionäre und Offiziere wurden festgenommen.
Bulgarien-Premier Schiwkoff
Den Feinden eine Woche zuvorgekommen

DER SPIEGEL 18/1965
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 18/1965
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

PUTSCH:
Minister in der Leitung

  • Die Ü50-Mütter: Schwangerschaft statt Menopause
  • Filmstarts: Im Auftrag der Gerechtigkeit
  • Emotionaler Moment im EU-Parlament: Abgeordneter spielt "Ode an die Freude"
  • Seltene Ultraschallaufnahmen: Zwillinge "boxen" im Mutterleib