28.04.1965

SCHIWAGOEisberge in Madrid

In der Nähe des Kreml rumoren zweitausend Demonstranten. Sie singen die "Internationale", das alte Trutzlied der Kommunisten. Sie singen nur sekundenlang, bis zum Refrain "Völker, hört die Signale".
Dann bereitet Polizei ihrem Protest ein plötzliches Ende. Zaristische Kosaken zu Pferd mit blankem Säbel ziehen auf, spanische Guardia civil zu Fuß schreitet ein.
Ort des Zusammenstoßes: der Stadtrand von Madrid, zehn Autominuten vom Flugplatz Barajas. Dort steht eine Kreml-Fassade vor zehnstöckigen Mietskasernen für spanische Arbeiter; dort produziert der Italiener Carlo Ponti für den amerikanischen Verleih Metro -Goldwyn-Mayer den farbigen Film "Doktor Schiwago" nach dem Roman des sowjetischen Nobelpreisträgers Boris Pasternak.
Regisseur David Lean, 57 ("Die Brücke am Kwai", "Lawrence von Arabien"), hatte den Tumult vorm falschen Kreml bis ins Detail geplant - nur die spanische - Polizei hatte er vergessen. Ihr Auftritt stand nicht im Drehbuch, die Guardia civil platzte selbständig in die Szene: Die Obrigkeit im Franco -Staat glaubte ihre Bürger gefährdet, als 25 Jahre nach dem Spanischen Bürgerkrieg und auf neutralem Filmgelände linksrevolutionäre Weisen ertönten. Regisseur Lean muß die "Internationale" in der Synchronanstalt in London nachsingen lassen.
Das Gelände bei Madrid, auf dem 780 Arbeiter binnen fünfeinhalb Monaten ein täuschend ähnliches Zaren-Moskau errichtet haben, mißt einen halben Quadratkilomieter. Für die russische Fassadenhauptstadt wurden 120 000 Quadratmeter Sperrholz und Hartfaserplatten verbaut und drei Tonnen Farbe mit 820 Pinseln vermalt. Das Blaubasaltpflaster wiegt 500 Tonnen, der Schnee darauf ist aus Gips und Marmorgrieß.
So entstand eine 400 Meter lange Straße mit Läden und Apotheken, Uhrmachern, Modesalons, Juwelieren, Versicherungsagenturen, Bürgerhäusern und Palästen, mit Polizeiwache und Hotel, mit Nebenstraßen und einem Platz, auf dem 50 Tauben dreimal täglich gefüttert und so ansässig gemacht wurden.
Auf der Hauptstraße rattert eine Straßenbahn, die, vor fünfzig Jahren in England erbaut, in alle Länder Europas bis nach Moskau exportiert wurde und bis vor kurzem in einem Vorort Madrids verkehrte. Der Verleih kaufte sie der Stadtverwaltung ab und transportierte sie in ihre nachgemachte historische Umgebung.
Die Filmrechte für das Spektakel vor dieser naturgetreuen Kulisse hatte Produzent Ponti beim Mailänder Verleger Feltrinelli bereits eingehandelt, als der Schiwago-Roman noch kein Welterfolg war. 1963, Pasternaks Buch hatte eine Weltauflage von drei Millionen erklettert, schickte Ponti ein Exemplar zum Erfolgsregisseur David Lean. Der Regisseur las es während einer Schiffsreise nach New York. Sein Urteil: "Ein wunderbarer Stoff."
Der Roman behandelt, vor dem Hintergrund der russischen Geschichte von 1900 bis 1950, Leben und Liebe, Heirat und Verderben des Arztes Jurij Schiwago, seiner Frau Tonja und des Eisenbahningenieurs und späteren Revolutionärs Pawel Antipow und seiner Frau Lara. Sie wird mit siebzehn Jahren vom Rechtsanwalt Komarowski verführt (Komarowski-Darsteller Rod Steiger über seine Rolle: "Komarowski ist der erste Russe, der 'Playboy' gelesen haben könnte").
Im Ersten Weltkrieg wird Schiwago Frontarzt. Er trifft Lara wieder, die Krankenschwester geworden ist. Als die Revolution ausbricht und die Fronten sich auflösen, zieht Lara nach Juriatino hinter dem Ural, wo dann auch Doktor Schiwago samt Familie eintrifft. Dort erkennen die beiden, daß sie sich lieben; dort wird Schiwago von Partisanen gezwungen, ihr Truppenarzt zu werden. Erst nach zwei Jahren kann er fliehen. Da er seine Familie nicht mehr findet (sie ist aus Rußland verbannt worden), lebt er fortan mit Lara zusammen, bis auch sie entflieht: mit Hilfe ihres Verführers Komarowski nach dem fernen Osten. Allein und einsam schreibt Schiwago lange Gedichte und Abhandlungen, kehrt nach Moskau zurück, verkommt und stirbt.
Schiwago-Autor Pasternak geriet 1958 mit diesem Roman in die Zone des Kalten Krieges: Sein Manuskript wurde aus der Sowjet-Union herausgeschmuggelt, seine Schriftstellerkollegen zwangen ihn, den Nobelpreis abzulehnen, der ihm für "Doktor Schiwago" verliehen worden war. Diese mittlerweile sieben Jahre alte und halbvergessene Publicity soll dem Film noch als Vehikel dienen. Regisseur Lean: "Alle Leute, die das Buch gekauft, aber nicht gelesen haben, werden sich den Film ansehen, um zu erfahren, was eigentlich drin steht."
Am Schiwago-Drehbuch arbeitete Lean ein Jahr lang zusammen mit Robert Bolt, 40, der für ihn schon das Skript zu "Lawrence von Arabien" verfaßt hatte. Obwohl viele Szenen und Personen Pasternaks gestrichen wurden ("sonst würde der Film drei Tage dauern"), wollen Lean und Bolt immer an der Vorlage entlang geschrieben haben.
Ein zweites Jahr verbrachte Lean damit, Schauplätze, Bauten und die Kostüme auszusuchen und die Schauspieler auszuwählen.
Der Prominenteste in der Besetzungsliste ist der Brite Alec Guinness. Als Lean ihm seine Rolle anbot, sagte er sofort zu, ohne zu wissen, wen und was er spielen sollte (er verkörpert den Schiwago-Halbbruder Jewgraf). Guinness hatte Grund zum schnellen Entschluß: er verdankt Lean einen Großteil seines Erfolgs; in Leans "Brücke am Kwai" erspielte er den ersten Oscar seiner Laufbahn.
Als Titelrollenspieler verpflichtete Lean den Ägypter Omar Sharif, 32 ("Dschingis Khan"), mit bürgerlichem Namen Michel Shalhoub. Seine Gage: 600 000 Mark. Lean: "Sharif hat die unbestimmte leise Melancholie des Schiwago." Das, gleiche Honorar bekommt Rod Steiger, der Darsteller des Verführers Komarowski.
Die Besetzung der weiblichen Hauptrollen machte dem Regisseur größere Mühe: "Alle bekannten Stars sind zu alt, um wie Zwanzigjährige zu spielen und auszusehen."
Schließlich holte sich Lean die Chaplin-Tochter Geraldine, 20, die bislang nur in einem französischen Film am Leinwandrand beschäftigt war, für die Rolle von Schiwagos Frau Tonja. Die Darstellerin der Geliebten Lara ist nicht einmal dem Familiennamen nach bekannt: Julie Christie, 24, hat in London Theater und im Film winzige Chargen gespielt.
Am 28. Dezember 1964 begannen dann mit den Dreharbeiten die Schwierigkeiten beim Verfilmen von "Doktor Schiwago". So manche Hindernisse, vor denen Lean immer wieder steht, sind als dramaturgische Schwächen bereits in der Buchvorlage erkennbar. Es sei zwar leicht, sagt der Regisseur, russische Atmosphäre entstehen zu lassen ("Masken und Kostüme tun da eine Menge"); die Charaktere der Romanpersonen aber entwickelten sich nicht: "Sie sind wie Eisberge, die einander treffen, abstoßen und weiterziehen."
Die meisten Probleme stellt sich Lean allerdings selber: Er ist in der Branche als minutiöser Bastler und Pedant ebenso berüchtigt wie berühmt. So geriet er beim Anblick eines Knopfes am Mantel eines spanischen Komparsen ins Nachdenken; erst als der Knopf zerbrochen war (wie nach einem Handgemenge), gab sich der Regisseur zufrieden.
Leans Methode kostet Zeit und das Geld des Verleihs - er selber hat es, so behauptet er, "Gott sei Dank nicht mehr nötig". MGM investiert in den Schiwago-Film rund 40 Millionen Mark.
Für einen nicht geringen Teil dieser Summe (21 Mark Gage pro Kopf und Tag) spielen 1500 spanische Soldaten und 200 Bürger des bei Madrid gelegenen Badeorts El Molar wilde Revolutionäre und verdrossene, verdreckte Deserteure. Die zuvorkommende spanische Armee hat ihre Statisten-Soldaten eigens mit original-russischen Gewehren ausgerüstet - mit Beutestücken aus dem Bürgerkrieg.
Zur Zeit zertrampeln die Soldaten und Deserteure in der Provinz Guadalajara das Feld des Bauern Francesco Alvarez (der dafür 3300 Mark Miete kassiert) In Madrid läßt Lean derweil das Kulissen-Moskau für die blutigen Oktobertage des Revolutionsjahrs 1917 umbauen und detailgetreu ausstatten: mit Barrikaden, Lenin-Porträts und Pappleichen.
Lean will bis zum August in Spanien bleiben. Obwohl er pro Tag nicht mehr als eine Filmminute fertigt, muß das Schiwago-Lichtspiel bis dahin abgedreht sein: Der Regisseur, der mit der "Brücke am Kwai" und mit "Lawrence von Arabien" insgesamt 14 Oscars errang, will mit "Doktor Schiwago" zur nächsten Oscar-Nominierung nicht zu spät kommen.
Kulissen-Moskau für "Doktor Schiwago": Das Singen der "Internationale" ...
"Schiwago"-Autor Pasternak
... durch Polizei verboten
"Schiwago"-Regisseur Lean
Pro Tag eine Minute Film
Darsteller Geraldine Chaplin, Sharif
50 Jahre aus dem Leben eines Arztes ...
... mit Marmorgrieß und Beutewaffen aus dem Bürgerkrieg: Lean-Film "Doktor Schiwago"

DER SPIEGEL 18/1965
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