28.04.1965

COMPUTERBald krumme Linien

Gelber einem Zeichentisch, auf dem mit
Tesafilm weißes Papier befestigt ist, bewegt sich ein Roboterarm. Mit dem Tuschestift in der Faust zeichnet er graphische Figuren auf die Unterlage: Dreiundzwanzigecke, rutenähnliche Linienbündel und Netzwerke aus Strichen, die wie der Schaltplan eines Fernsehgeräts aussehen. Während dieser Tätigkeit gibt die Apparatur Waschmaschinengeräusche von sich.
Der kombinierte Rechen- und Zeichenautomat ("Graphomat") ist eine jener neuen pseudoschöpferischen Maschinen, die dem Menschen nicht nur beim Subtrahieren, Multiplizieren, Wurzelziehen und Differentialrechnen helfen, sondern bereits selber Lyrik schreiben, Romane verfassen, Sonaten komponieren, aus dem Chinesischen übersetzen, Schach spielen und ihren wissenschaftlichen Herren als Gesprächspartner dienen.
Der künstliche Zeichenkünstler, bislang ausschließlich mit der Herstellung geradliniger Graphik beschäftigt, steht in einem Zimmer des Recheninstituts der Technischen Hochschule Stuttgart und wird dort von einem wissenschaftlichen Assistenten, dem Mathematiker Frieder Nake, 26, beaufsichtigt. Nake: "Wir sind dabei, jetzt auch Graphik mit krummen Linien zu machen."
Der "Graphomat" zieht seine Linien nach einem Programm, das ihm ein Lochstreifen in der Maschinensprache "Algol" mitteilt*. Die Befehle in dieser mathematischen Zeichensprache lauten zum Beispiel: "Für M von O (in Schritten von 15) bis 285: für U von 0 (in Schritten von 15) bis 195: JA wird M+1, JE wird M+l4; A wird J; X wird A; JA wird U+1; JE wird U+l4; B wird J; Y wird B; P; für T von 1 (in Schritten von 1) bis 11: (JA wird M + 1; JE wird M + 14: X wird J;S;JA wird U + 1; JE wird U + 14; Y wird J; S); X wird A;Y wird B; S."
In die Landessprache rückübersetzt heißt das: "Zeichne, im Figurquadrat irgendwo beginnend, einen abwechselnd horizontal und vertikal - in der Horizontalen zufällig nach links oder rechts, in der Vertikalen zufällig nach oben oder unten - innerhalb des Figurquadrats verlaufenden Streckenzug mit 23 Teilstrecken zufälliger Länge. Verbinde Anfangs- und Endpunkt des Streckenzugs geradlinig."
Das Ergebnis ist eine geometrische Figur mit 23 Ecken.
Der geistige Urheber dieser Computergraphik ist indes nicht der "Graphomat", sondern Georg Nees, 38, Diplom-Mathematiker, zur Zeit im Forschungszentrum der Siemens-Schuckertwerke in Erlangen tätig.
Nees versuchte, mit der Zeichenmaschine den praktischen Beweis für eine professorale Theorie zu liefern. Denn Max Bense, 55, Ordinarius für Philosophie und Wissenschaftstheorie in Stuttgart, hält jedes Kunstwerk für das "Produkt einer Bewußtseinstätigkeit". Bense: "Kunst beruht auf dem frivolen Wesen der Überraschung."
Das Beispiel liefert der Professor selber: "Wenn ein Maler sein Bild beginnt, weiß er zwar, daß er 'Leda mit dem Schwan' malen will. Er hat ein makro-ästhetisches Konzept. Aber wie das Bild schließlich in allen mikro ästhetischen Einzelheiten aussehen wird, weiß er erst, wenn er den letzten Pinselstrich getan hat. Ich erinnere an Bonnard: Als er zum erstenmal seine Bilder im Louvre ausstellte, schlich er sich immer wieder hin, um noch einen Farbtupfer anzubringen."
Um dieses Zusammenspiel von ästhetischer Planung und Zufall zu demonstrieren, wurde der "Graphomat" benutzt. Die Maschine plant die künstlerische Extravaganz ein: Sie wählt den idealen Ausgangspunkt für die Liniengraphik, der, laut Benses "numerischer Ästhetik", objektiv schön ist. Bense: "Es ist wie bei einer Schönheitskonkurrenz: Da gibt es auch Idealmaße für Popo, Busen und Beine, nach denen geurteilt wird."
Ein "Zufallsgenerator" im Rechengehirn des einarmigen mechanischen Graphikers sorgt dafür, daß bei der mathematischen Kombination von Programm und Zufall jene "Unvorhersehbarkeit" mitspielt, die Bense als Kriterium des Kunstwerks ansieht.
Der Zufall bei diesem maschinellen Schöpfungsakt macht es dem Computer zum Beispiel unmöglich, eine Zeichnung identisch zu wiederholen. Er fabriziert am laufenden Band Originale mit "pseudoindividueller" oder "pseudointuitiver" Note (Bense).
Als Bense und Nees im Stuttgarter ästhetischen Colloquium des Professors einige Originale des "Graphomaten" vor Mathematikern, Philosophen, Kunsthistorikern und württembergischen Künstlern (unter ihnen die Maler und Graphiker Trökes, Stankowski und Kapitzki) exponierten, reagierten die Kunstschaffenden äußerst unfroh. Bense: "Die Künstler waren sauer, sie fühlten sich in ihren Schöpfungsmöglichkeiten bedroht."
Den Zorn eines anderen Künstlers konnte die Maschine nicht mehr erregen, weil er vor rund drei Jahrhunderten gestorben ist: Max Bense stellte mit Computers Hilfe fest, daß Rembrandt schlechter malte als Rubens.
Um die Bilder der beiden ehrwürdigen Malmeister zu werten, erhob Bense den elektronischen Graphiker zum Kritiker. Je zehn Bilder von Rembrandt und Rubens wurden Punkt für Punkt abgetastet, und dann errechnete die Maschine aus dem ihr eingefütterten Material den sogenannten ästhetischen Koeffizienten. Resultat: Rubens schnitt besser ab als Rembrandt.
Mit derselben Methode wurden zwei Rembrandtsche Handzeichnungen von Hendrickje Stoffels miteinander verglichen: das "Schlafende Mädchen" und das "Mädchen am Fenster". Hendrickje im Schlaf bekam den Kunst-Koeffizienten 0,0167, Hendrickje am Fenster brachte es nur auf 0,0076.
Zum Schutz der lebenden und toten Künstler vor der maschinellen Kunst und Kritik streitet allerdings der Mathematiker Frieder Nake gegen die Bense-Theorie.
Nake behauptet, Bense irre, wenn er glaube, daß die (vom "Zufallsgenerator" ermöglichte) Entscheidungsfreiheit des Computers zu vergleichen sei mit dem willkürlichen Farbtupfer des Künstlers. Da in der Mathematik alles berechenbar sei, handle es sich um Pseudo-Zufallszahlen. Nake: "Jede Möglichkeit muß sich theoretisch einmal ergeben, während es sich der Künstler je nach Lust und Laune in jedem Augenblick anders überlegen kann."
Nakes eigene Überlegungen führten zu handgreiflichen Ergebnissen. Er vertreibt "Graphomat"-Produkte bereits auf Postkarten und prophezeit, daß man mit der künstlichen Kunst bald einen ähnlich flotten Handel treiben werde "wie mit Klosettpapier, Schallplatten oder Zahnbürsten. Es muß nur das Bedürfnis geweckt werden".
* "Algol" - Abkürzung für "Algorithmic Language": Mathematische Sprache für Maschinen, in der Programmabläufe notiert werden.
"Graphomat"-Graphik mit 23 Ecken
"Die Künstler waren sauer"
"Graphomat"-Künstler Nake
Befehle in Maschinensprache ...
Wissenschaftstheoretiker Bense
... zur Herstellung künstlicher Kunst

DER SPIEGEL 18/1965
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