05.05.1965

ELIZABETHNachts auf den Gleisen

Als Königin Victoria vor 120 Jahren
die preußischen Rheinprovinzen besuchte zählte zu ihrem Gefolge - so besagt die Anekdote - eine Kuh. Die Königin mochte die gewohnte Milch nicht missen.
Wenn Victorias Ururenkelin: Königin Elizabeth, Mitte Mai nach Deutschland kommt, führt ihr Gefolge englisches Wasser mit. Die Königin soll ihren Tee wie gewöhnlich trinken.
Bis aufs Wasser darf Bundesdeutschland alles an kulinarischen Genüssen, Ehrerbietungen und Gunstbezeigungen aufbieten, was dem Ereignis angemessen scheint. Prickelnde Unruhe hat sich der Protokoll und Sicherheitsorgane in. acht Bundesländern und 18 Städten bemächtigt. Und noch herrscht verbreitet Unklarheit darüber, was man der. Queen in den elf Tagen ihres deutschen Aufenthaltes schenken und zumuten, sagen und singen, wie man sie bewachen und bewundern kann.
Nichtsdestoweniger bereitet sich die Nation mit Herz und teutonischer Gründlichkeit, vor der den Engländern im Krieg immer und nicht selten auch im Frieden graust, auf die Krone vor. Während des glänzendsten und langwierigsten Staatsbesuchs In der Geschichte der Bundesrepublik harren Ihrer Majestät - unter anderem - eine Bundesregierung, acht Länderregierungen, acht Parlamentspräsidenten, 15 Stadtoberhäupter und 14 kalte Büfetts.
In Schillers Geburtsstadt Marbach ließ sich Bürgermeister Zanker für 5000 Mark eine neue silberne Amtskette anmessen. Dem Marbacher Schiller-Museum rieten Beamte des Auswärtigen Amtes, Erstausgaben von "Maria Stuart" beiseite zu räumen, damit der Königin historische Assoziationen erspart blieben.
In Niedersachsen übte Bereitschaftspolizei im Raum Ahlhorn-Wildeshausen-Vechta, wie ein fremdes Staatsoberhaupt (für das die Übungsleitung, den Decknamen Jakobowski wählte) vor. subversiven Elementen zu bewahren ist; die Subversiven waren Polizisten.
In Münchens National-Theater wurde der Requisitenkammer ein Prunktisch entnommen, damit der Theaterrestaurateur darauf probeweise die Delikatessen auftürme, an denen sich die Königin am Abend des 21. Mai in der Pause einer Galaaufführung des "Rosenkavaliers" erlaben wird. Nach der Probe sollten arme Künstler die königlichen Leckerbissen auf Kosten der Illustrierten "Revue" verzehren. Doch die bayrische Staatskanzlei legte ihr Veto ein: Ein derartig würdeloses Vorkauen müsse man im Hinblick auf den hohen Rang der Gäste wirklich als zu delikat empfinden. Die Probe wurde abgeblasen.
Die deutschen Fernsehanstalten bereiteten insgesamt 50 Programmstunden mit Besuchsübertragungen vor. Als Stuttgarter Double von Königin Elizabeth schrieb die Sekretärin des Südfunk-Fernseh-Chefredakteurs im Probelicht auf dem Fernsehturm ihren gutbürgerlichen Namen Anneliese Motzer in ein Gästebuch.
Drei Dinge vor allem werden der Monarchin und ihrem Prinzgemahl bei der Marathontour vertraut, die sie nacheinander nach Bonn, Koblenz, Wiesbaden, München, Stuttgart, Köln, Düsseldorf, Duisburg, Berlin, Hannover und Hamburg führt: deutsche Happen, der deutsche Händedruck und die deutsche Bundesbahn.
Elizabeth und der Herzog von Edinburgh reisen fast ausschließlich auf dem Schienenweg. Von zehn Nächten auf deutschem Boden werden sie sieben auf Bahngleisen zubringen und nur drei unter einem Dach: zwei in dem für sie völlig reservierten Petersberg-Hotel (135 Betten) und eine bei Prinz Philips Schwester Theodora von Baden auf Schloß Salem.
Ein mobiles Nachtquartier empfahl sich schon aus zeitlichen Gründen. Außerdem - so die Britische Botschaft
- erspare es zusätzlichen Aufwand, denn bei jeder Hotelübernachtung ergäben sich neue protokollarische Probleme.
Das Bundespräsidialamt koppelt für sie die gleich ausgestatteten Salonwagen des Bundespräsidenten und des Bundeskanzlers und einen Schlafwagen für das Begleitpersonal zu einem Sonderzug zusammen.
Wunsch der Königin war es, den Rhein hinauf und hinunter ein bißchen, mit dem Dampfer zu fahren. Am dritten Tag ihres Besuchs - die ersten beiden Tage gelten Bonn - wird sie sich von Koblenz aus auf der "Loreley" nach. Kaub einschiffen. Oberbürgermeister Macke jubelt für Koblenz: "Für den Fremdenverkehr eine solche Reklame! Da kommt es nicht darauf an, ob wir 10 000 oder 20 000 Mark für die Dekoration ausgeben."
Für Queen Victoria schossen im vergangenen Jahrhundert die 200 Kanonen von der Rheinfeste Ehrenbreitstein 2400. SchÜsse Salut, wie der Zeitgenosse und geborene Koblenzer Fürst Metternich überliefert. Für Elizabeth, die auf dem Rheindampfer im Blickfeld von einigen hundert prominenten deutschen Mitessern das Frühstück einzunehmen hat, wird das Protokoll des rheinland-pfälzischer Ministerpräsidenten Altmeier voraussichtlich ein Unterhaltungsquartett an Bord nehmen, nachdem man die Nationalhymnen am Ablegeplatz hinter sich gebracht hat.
Wiesbaden (am gleichen Abend) und München (am darauffolgenden 21. Mal), Salem (22. und 23. Mai), Stuttgart (24. Mai), Köln und Düsseldorf (25. Mai) erreicht die Königin mit dem Sonderzug. Von Düsseldorf abwärts vertraut sie sich erneut dem Rhein an: Mit dem Motorschiff "Stadt Duisburg" dampft sie in den 'Qualm des Reviers, wo sie am 25. Mai 50 Minuten lang das Hüttenwerk Huckingen der Firma Mannesmann studiert Das britische Protokoll kündigte allerdings an, Elizabeth werde sich bei der Besichtigung nicht den werksüblichen Plastik -Schutzhelm über die Locken stülpen. Anschließend landet sie in Duisburg unter dem Überschall einer Bergmannskapelle.
Düsseldorf und Duisburg danken diesen niederrheinischen Abstecher in erster Linie der britischen Woche, die beide Städte vor einem Jahr gestalteten. Daß die Königin nach einem Tag der Paraden und Inspektionen im britischen Armee-Revier bei Gütersloh mit ihrer "Andover of the Queens Flight" am. 27. Mai nach Berlin startet und dort sogar vor dem Schöneberger Rathaus eine
Ansprache hält, mutet hingegen viele
in Berlin wie ein Wunder an.
Auf britischen Wunsch stehen bei dieser Kundgebung Massen von Schulkindern im Vordergrund. Unpolitischer Charakter herrscht auch beim übrigen Programm vor: Es gipfelt in der Pflanzung einer aus England eingeflogenen Eiche im Englischen Garten Berlins. Königin und Prinzgemahl werden keine Gelegenheit finden, über die Mauer zu blicken, sondern nur in gemessenem Tempo eine Weile daran entlangfahren.
Nur in Berlin hat Ludwig Erhard einem Bürgermeister den Platz neben der Queen streitig gemacht. Brandt wird im Mercedes 600 - neben Prinz Philip der Königin gegenübersitzen. Nur in Berlin will man die deutsche Motorrad-Eskorte durch britische Kontingente verstärken. Nur dort kann keine deutsche Hymne gespielt werden. Statt dessen Paul Linkes "Berliner Luft" freizugeben, wie viele Berliner schriftlich raten, konnte das Protokoll mit seinem Gefühl für Stil nicht vereinbaren.
Erst In letzter Minute verläßt die königliche Route den britischen Sektor. Auf dem zum amerikanischen Sektor gehörenden Flugplatz Tempelhof wird Elizabeth unter der Vorherrschaft amerikanischer Ehrenformationen Abschied nehmen und nach Hannover fliegen, wo man ihr zu Ehren abends im Schloßgarten von Herrenhausen ein geräuschloses Feuerwerk abbrennt und dazu Händels "Feuerwerksmusik" spielt.
Der Sonderzug, in dem die Königin das Reisekostüm mit der Abendrobe vertauscht und ihr Abendessen einnimmt, wartet auf einem Abstellgeleis, von dem aus man normalerweise den Betrieb auf der Ludwigstraße, dem Dirnenbezirk Hannovers, überschaut. Doch ist daran gedacht, diese Aussicht mit den Fahnen Großbritanniens, der Bundesrepublik, Niedersachsens und Hannovers zu verhängen.
Wahrhaft fürstliche Umkleidemöglichkeiten werden Elizabeth der Zweiten lediglich in München geboten. Dort, am vierten Tag ihres Besuchs, bezieht sie für einige Stunden eine mit englischen Kostbarkeiten und französischen Möbeln ausgestattete Zimmerflucht der ehemaligen bayrischen Residenz, in der sich auch schon General de Gaulle entspannte.
Die Königin aus dem christsozialen Staatszeremoniell auch nur für Minuten in den sozialdemokratischen Dunstkreis des Münchner Rathauses zu entlassen, entschloß man sich, in der bayrischen Staatskanzlei erst nach öffentlichen Protesten. Münchens sozialdemokratischer Oberbürgermeister Dr. Hans -Jochen Vogel wär ursprünglich angeraten worden, sich mit dem Goldenen Buch der Stadt beim staatlichen Empfang einzufinden.
Vogel weigerte sich: "Das Goldene Buch ist kein Poesiealbum, das man unterm Arm trägt." Bayerns Ministerpräsident Alfons Goppel, der seine Bereitschaftspolizei zur Begrüßung am Bahnhof die Bayernhymne intonieren läßt, gab nach. Elizabeth wird nun wie in anderen Großstädten der Bundesrepublik auch in München eine Viertelstunde dem Rathaus widmen.
Das bayrische Protokoll sucht den sportlichen Interessen der pferdeliebenden Queen zu schmeicheln: Auf dem sonst streng gehüteten Rasen vor dem Rokokoschlößchen Amalienburg wird eine deutsche Equipe unter Mitwirkung des Versandhändlers Neckermann (siehe Seite 118) zu Dressurübungen anreiten.
Hamburg, am, letzten Tage des Staatsbesuches, will dagegen die maritimen Interessen der königlichen Familie berücksichtigen. Auf dem Alsterrundfahrtschiff "Seebek", das man zur Zeit mit einem 3,50 Meter hohen Mast und komfortablen Sitzgelegenheiten veredelt, inspiziert die Königin eine Alsterregatta des Norddeutschen Regattavereins. Im neuen Gästehaus des Hamburger Senats an der Schönen Aussicht Nr: 26 reicht Elizabeth dann dem Sieger der zweitägigen Konkurrenz den von ihr gestifteten Pokal.
Ein anderer, mit Edelsteinen besetzter Riesenpokal englischen Ursprungs wird ihr später auf dem Frühstückstisch des Senats die Sicht verstellen. Er ist eine Reminiszenz des letzten britischen Monarchenbesuchs auf deutschem Boden. Eduard der Siebente verehrte ihn der Hansestadt vor 61 Jahren. Die patrizierhafte Strenge des Hamburger Protokolls bleibt der Monarchin erspart. Normalerweise ist es einem Hamburger Stadtregenten nicht erlaubt, Gästen weiter entgegenzugehen als bis zum obersten Treppenabsatz seines Rathauses: Kaiser Wilhelm II. mußte zum Bürgermeister hinaufsteigen, Staatspräsident de Gaulle, der Kaiser von Äthiopien und der Schah von Persien. Stadtstaatschef Nevermann brach erstmals mit der mehr als 400 Jahre alten Tradition: Er wird Elizabeth am Fuß der Rathaustreppe erwarten, denn - so "Bild"
- "Nevermann ist Kavalier".
Die königliche Jacht "Britannia" (5679 Tonnen) ankert um diese Zeit schon im Hafen. In ihren Salons sollen sich am Abend des 28. Mai die Spitzenfiguren von Bonn und Hamburg noch einmal mit Frack und Orden vor Elizabeth zeigen. Kein Salutschuß wird ertönen, wenn das weiße Luxusschiff gegen 21 Uhr die Anker lichtet. Hamburgs Brauch will es so, seit es sich als offene Handelsstadt empfindet. Ein Sprecher des Hamburger Senats: "Seit dem Mittelalter ist in Hamburg nicht mehr Salut geschossen worden. In Hamburg wird höchstens von Schiffen Salut getutet."
Während des gesamten Staatsbesuches sieht sich Elizabeth II. mithin eingespannt in einen mit der Stoppuhr bemessenen Reiseplan.
Für die wenigen vom Protokoll ausgesparten Stunden hat das Besucherpaar Elizabeth und Philip ein eigenes Programm gemacht: Besuche bei Verwandten in Salem, bei Prinz Ludwig von Hessen auf Schloß Wolfsgarten und Fürst Hohenlohe-Langenburg auf Schloß Langenburg bei Crailsheim.
Für den Kontakt der Gäste mit dem deutschen Volk haben die Protokollchefs der deutschen Länder Grundregeln aufgestellt, die auch für das in England urübliche Händeschütteln Raum lassen. In Hamburg wird sogar damit gerechnet, daß Elizabeth jedem der 260 Gäste des opulenten Senatsfrühstücks die Hand reicht. Sonst aber sollen der Königin und dem Herzog nur eine beschränkte Anzahl Honoratioren oder von ihnen speziell gewünschter Gäste - wie in Hannover der Nobelpreisträger Max Born - vorgestellt werden.
Während man beim Abendempfang des Bundespräsidenten auf Schloß Brühl (2500 Gäste) oder bei Willy Brandts Mittagsempfang Im Charlottenburger Schloß (500 Gäste) diese Privilegierten mit Damen und Orden zwanglos entlang eines durch rote Läufer markierten königlichen Weges aufstellt, soll beim Empfang, den Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Meyers in der Duisburger Mercator-Halle gibt (1200 Gäste), ein namentlich ausgestelltes Billet 30 Auserwählten ermöglichen, zur Königin vorzudringen.
Handküsse sind unerwünscht. "Es geht hygienisch zu", sagt ein Beamter des hessischen Protokolls. Ein Hofknicks der Damen wird mit Rücksicht auf die deutschen Verhältnisse von der Monarchin nicht erwartet, doch raten die Protokoll-Experten der meisten Länder von ihm nicht grundsätzlich ab.
Aus einem Dilemma aber sieht das deutsche Protokoll vorerst keinen Ausweg. Da die Königin seit dem Englandbesuch von Theodor Heuss Trägerin der höchsten Stufen des Bundesverdienstkreuzes Ist, fehlt es an angemessenen Auszeichnungen: Die Deutschen haben an Elizabeth keinen Orden mehr zu vergeben.
Königin-Double Anneliese Motzer*
Hofknicks geduldet
Lagebesprechung der Hamburger Polizei vor dem Königin-Besuch: Handkuß unerwünscht
Königliche Jacht "Britannia" (vor Portsmouth): In Hamburg wird gesegelt
* Bei einer Probe des Königin-Besuchs auf dem Stuttgarter Fernsehturm, wo sich Elizabeth in das Gästebuch eintragen soll.

DER SPIEGEL 19/1965
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 19/1965
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ELIZABETH:
Nachts auf den Gleisen

  • Mutter und Topsportlerin: "Wie wäre es, wenn wir wirklich verrückt träumen?"
  • 1,9 Millionen Euro pro Dosis: Teuerste Arznei der Welt zugelassen
  • Aggressionsforschung: Wie entsteht Gewalt?
  • FPÖ-regierte Stadt Wels: "Von der FPÖ bin ich nicht enttäuscht, wieso?"