05.05.1965

NIEDERLANDE / FERNSEHENMartini gezeigt

Ein Streit um die in den Niederlanden strikt verbotene Fernsehwerbung stürzte das Koalitionskabinett Marijnen.
Wenig später sahen die Holländer das Verbotene doch auf der Mattscheibe: Die Reklamesendung kam aus Györ, wurde vom niederländischen Fernsehen übertragen und war illegal.
In der ungarischen Provinzstadt kämpften Ungarns Fußballmeister "Vasas Györ" und der niederländische Ligaführer "DWS Amsterdam". Die holländischen Spieler kamen als Sandwichmänner aufs Feld: Ihre Trainingsblusen waren mit Emblemen der Zigarettenmarke "Winfield" verziert.
Die Planken am Spielfeldrand zeigten auf 160 Meter Länge 70 bis 120 Zentimeter hohe Reklametafeln holländischer und internationaler Produkte, darunter "Vermouth Martini".
Wijnand Maat, 34. Direktor des drittgrößten niederländischen Werbebüros "Hou Maet" in Amsterdam, hatte kurz vor dem Match die Werbetexte anbringen lassen. Auf einem Lastwagen hatte er die Spruchbänder nach Györ gebracht und war mit den Ungarn rasch handelseinig geworden. Er zahlte der Verwaltung des Stadions 60 Dollar pro Quadratmeter Spruch-Tuch.
Er selbst hatte für die verbotene Werbung, die 90 Minuten lang in holländische Heime flimmerte, 70 Dollar pro Quadratmeter kassiert und den holländischen "Prix de Joke 1965" für den besten Witz des Jahres erhalten.
TV-Schleichwerbung wurde daraufhin zum Sport der Werbeagenturen. Als bei einem Spiel der holländischen Nationalmannschaft gegen Nordirland in Belfast gleichfalls riesige holländische Werbetexte auftauchten, weigerte sich das niederländische Fernsehen, das Match zu übertragen. Nach einer Intervention bei der BBC mußten die Werbemänner ihre Sprüche aus dem Stadion entfernen.
Wendige Werber brachten wenig später bei der TV-Übertragung von Billardweltmeisterschaften wiederum einen Martini-Slogan vor die Kameras.
Auf die Finale-Sendung am 10. April warteten die Seher 20 Minuten lang. In dieser Zeit kämpften die Kameramänner um die Entfernung der Drink -Tafel von der Wand. Sie verschwand unter einem Tuch auf dem Jury-Tisch.
Doch nicht für lange. Immer wieder verstanden es Martini-Männer, das Tuch im Vorbeigehen so weit zurückzustreifen, daß die Firmenschrift zu sehen war.
Am Ostermontag spielte im 30 Kilometer nördlich von Amsterdam gelegenen Dorf Blokker die britische Beat -Band "The Pretty Things". Auf Verlangen der TV-Leute durften die zahlreich angereisten Schleichwerber rund um das Podium keine Slogans anbringen.
Als die Kameras auf das Pop-Publikum schwenkten, hingen die Slogans über den Köpfen der Menge.
Die TV-Manager des reklamelosen Königreiches konnten bis jetzt nur etwas gegen die Schleichwerbung aus dem Osten unternehmen. Sie setzten bei der "Europäischen Rundfunk-Union" in Genf durch, daß "Intervision", die Union der osteuropäischen TV-Gesellschaften, künftig die Reklame-Klausel der "Eurovision" einhält.
Eigens für Sportübertragungen angebrachte Werbetafeln sind verboten - werden sie trotzdem zugelassen, unterbleiben die devisenbringenden TV-Sendungen nach dem Westen.
Holland-Fußballer mit Werbeschrift*
Tricks bei Billard und Beat-Band
* Vor dem Viertelfinalspiel um den Europapokal der Landesmeister in Györ.

DER SPIEGEL 19/1965
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 19/1965
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

NIEDERLANDE / FERNSEHEN:
Martini gezeigt

  • Videoreportage aus Kassel: "Diesen braunen Dreck wollen wir hier nicht"
  • Doping für ewige Jugend: "So ein Körper ohne Steroide? Dumm!"
  • Videoaufnahmen aus Hongkong: Journalistin während Livebericht attackiert
  • Überwachung in China: Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind