07.04.1965

„DIE KIRCHE STEHT IM FEUER FALSCHER ANGRIFFE“

neue bildpost
Bödefeld (Sauerland)
"Der Spiegel" bemängelt, daß zu keiner Zeit (des Dritten Reiches) ein, deutscher Bischof im Gefängnis saß. Was wäre aus der verlassenen Herde der deutschen Katholiken geworden, wenn ihnen ihre Hirten,weggenommen worden wären? Oft genug war es nahe genug daran.
Aber was weiß jemand, der offensichtlich außerhalb der Kirche lebt, schon von solchen Dingen? Was weiß er davon, daß es oft schwerer ist, für Christus, für die ihm Anvertrauten zu leben, als für sie zu sterben?
Gericht über unsere Bischöfe zu halten, ist eine Modesache geworden. Die Bischöfe werden das überstehen, genau wie sie die Nazis überstanden haben.
RuhrNachrichten
Dortmund.
In seinen Dankesworten anläßlich eines Empfanges des Metropolitankapitels nahm Kardinal Jaeger (Erzbischof von Paderborn) auch zur Kritik mancher Kreise über das Wirken der Kirche in der NS- und Kriegszeit Stellung.
Der Kardinal bezeichnete es als eine Verletzung eines wichtigen Grundsatzes der Geschichtswissenschaft, wenn das Denken und Handeln eines Menschen nicht aus der Gesamtsituation seiner Zeit beurteilt werde. Es sei unzulässig, das Verhalten der deutschen Bischöfe in den dreißiger Jahren nach den Maßstäben der heutigen Zeit zu messen.
"Ich bin überzeugt, daß dann allen Bischöfen, von denen viele schon in der Ewigkeit ruhen, Gerechtigkeit widerfahren wird", erklärte Dr. Jaeger. Er fügte hinzu, daß ohne den Widerstand des Episkopats die -Politik der Nationalsozialisten sich viel schneller und verheerender ausgewirkt hätte.
DER DOM
Paderborn
Der Erzbischof von München und Freising, Julius Kardinal Döpfner, hat die Sucht verurteilt, einseitige Vorstellungen über die Kirche hochzuspielen.
Die Kirche, so sagte der Kardinal bei einem Gottesdienst in der Münchner St.-Helena-Kirche, stehe zur Zeit "im Feuer falscher Angriffe". Magazine, Illustrierte und Massenblätter zeigten die eigenartige Tendenz, das Große herabzuziehen: den Staat, die Familie, die sittliche Ordnung und mit ganz besonderer Vorliebe die Kirche.
Wörtlich führte Kardinal Döpfner weiter aus:- "Wir erleben in den letzten Jahren und in den letzten Monaten in einer gesteigerten Fülle, wie etwa das Verhalten der Kirche, der Bischöfe, der Priester, der Laien in der Zeit des Nationalsozialismus besonders beleuchtet wird. Dabei läßt sich an soundso vielen Fällen zeigen, wie diese Dokumentierung mit Perfidie, mit einer bösartigen inneren Haltung so gestellt wird, daß das Bild der Kirche möglichst ungünstig wird."
DER PILGER
Speyer
Rolf Hochhuths Pamphlet "Der Stellvertreter" war das erste Warnsignal. Ihm ging es darum; Papst Pius (XII.) im Stil und Geist der kommunistischen Gottlosenpropaganda als gewissenlosen Kapitalisten und Geschäftemacher anzuprangern.
Jetzt kommt die Reihe an die deutschen Bischöfe. Der jüdische ]Professor Guenter Lewy hat - nach "Spiegel"GGeleitbrief - "zwölf Monate Archive, Büchereien und Ordinariate (!) in Deutschland durchforscht" und die Ergebnisse zu einem Buch verarbeitet, das höchst einseitig die deutschen Bischöfe zu Angeklagten stempelt.
Die Rolle des Ansagers für Lewys Buch hat das Hamburger Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" übernommen. Leider läßt schon der Untertitel auf die Absichten schließen. Die Katholische Kirche Deutschlands war nie in Gefahr, zwischen Kreuz und Hakenkreuz zu wählen. Sie stand und blieb unter dem Kreuz.
Irreführend wie Haupt- und Untertitel ist auch die Bebilderung. Die Fotos zeigen geistliche Würdenträger und Hitleruniformen in trautem Verein wie selten kam das in Wirklichkeit vor!
petrusblatt
Berlin
Guenter Lewy, der durch Hitlers Rassenverfolgung gezwungen war, in der Jugend seine deutsche Heimat zu verlassen, ist der Rolf Hochhuth der akademischen Welt. Sein Buch ist der "Stellvertreter" in Prosa.
Beide Werke - typische Erzeugnisse der Nachkriegsgeneration - zeigen die Vielschichtigkeit der nichtkatholischen europäischen Auffassungen über die Stellung des Vatikans und der Kirche in der Weltpolitik. Lewys Folgerungen sind ebenso ungünstig wie Hochhuths Botschaft. Nach seiner Auffassung hat die Kirche schon in der Vorkriegszeit ihre geistliche Aufgabe durch schweigende Billigung des Hitler-Regimes verraten.
MANN IN DER ZEIT
Augsburg
Ein Teil der gemachten öffentlichen Meinung unseres Landes hat Mühe, seine Freude darüber zu unterdrücken, daß er endlich Verantwortliche und Schuldige für das Geschehen in Deutschland zwischen 1933 und 1945 entdeckt zu haben glaubt: Bischöfe, Papst, die Katholische Kirche schlechthin.
Das Fehlen unbezweifelbarer Veröffentlichungen staatlicher und kirchlicher Akten und unanfechtbarer Untersuchungen über einzelne Vorgänge und Persönlichkeiten dieser Zeitspanne hat die Verbreitung schiefer, unvollständiger und falscher Ansichten in einem bedenklichen Ausmaß zugelassen.
Dieser Umstand erklärt auch, weshalb immer mehr Historiker Publizisten und Journalisten ohne persönliche Erfahrung und ohne erschöpfende Kenntnisse der äußerst umfangreichen Aktenbestände sich an dem in Mode gekommenen Thema versuchen. Bei nicht wenigen schlagen eine eingewurzelte Feindschaft gegen die Katholiken -und eine hämische Freude darüber durch, der Kirche eines auswischen zu können.
KirchenZeitung
Köln
Ob Lewy so mit wissenschaftlichen Methoden sein Thema angegangen ist, wie man es nach den Worten Augsteins vermuten sollte, bleibt ebenfalls offen. Aus eigener Anschauung kennt er weder den deutschen Episkopat noch das Hitlerregime - schließlich war er bei der, Machtübernahme erst ein Kind von zehn Jahren.
Welcher Religionsgemeinschaft Lewy angehört, auch das ist fraglich. War er etwa Jude, weil er nach Palästina emigrierte? Ob man bei all diesen offenen Fragen noch von wissenschaftlicher Objektivität sprechen kann?
Kardinal Jaeger

DER SPIEGEL 15/1965
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