12.05.1965

JUDENFLUCHTSchatten achteraus

Am 24. Februar 1942 wurde der bulgarische Donau-Dampfer "Struma" im Schwarzen Meer nördlich der Bosporus-Einfahrt von einem Torpedo getroffen. Das seeuntüchtige, nur 16 Meter lange Schiff versank auf Position 41 Grad 26 Minuten Nord / 29 Grad
10 Minuten Ost. An Bord befanden sich 763 Juden, die sich im rumänischen Hafen Konstanza eingeschifft hatten, um dem NS-Machtbereich zu entkommen.
Am 5. August 1944 wurde der türkische Motorsegler "Mefkure" im Bosporus von einem aufgetauchten U-Boot angegriffen. Auf Position 42 Grad 03 Minuten Nord/ 29 Grad 08 Minuten Ost geriet das Schiff in Brand. An Bord befanden sich 300 Juden, ebenfalls auf der Flucht von Konstanza aus.
Beide Vernichtungsaktionen wurden der deutschen Kriegsmarine angelastet. Über den Untergang der "Mefkure" meldeten britische und amerikanische Rundfunkstationen schon während des Krieges, drei deutsche Schiffe hätten das Feuer auf den türkischen Motorsegler eröffnet, ihn in Brand geschossen und später auch noch auf Passagiere gefeuert, als diese mit Rettungsringen ins Meer gesprungen seien. Die "New York Times" schrieb, die "Mefkure" sei als Vergeltungsakt gegen den Abbruch der deutsch-türkischen Beziehungen durch die Türkei versenkt worden.
Über den Untergang der "Struma" tauchten ähnliche Versionen erst 1959 auf, als der sowjetzonale "Ausschuß für Deutsche Einheit" behauptete, Hitlers Gesandtschaftsrat in Ankara, Dr. Manfred Klaiber - jetzt Bonns Botschafter in Paris - habe den Überfall am Bosporus inszeniert und ein deutsches Schnellboot an den Tatort dirigiert, das den Ausrottungsbefehl vollstreckte.
Ähnlich schrieb die ungarische Zeitung "Uj Kelet" am 1. November 1960: "Sobald das Schiff vor Istanbul auftauchte, begann eine fieberhafte Tätigkeit in der deutschen Gesandtschaft. Der Botschafter von Papen in Ankara betraute den Herrn Rat Kelber (gemeint war Klaiber) mit der Abwicklung der Manipulation um die 'Struma' ... Sobald das Flüchtlingsschiff vom Hafen weit genug weg war, wurde es von einem deutschen Schlachtschiff mit ein paar gut gezielten Kanonenschüssen versenkt."
Dem war nicht so. Nach umfänglichen Recherchen hat der Leiter der Stuttgarter Bibliothek für Zeitgeschichte, Dr. Jürgen Rohwer, in einer jüngst veröffentlichten Untersuchung* festgestellt,
- daß die beiden Juden-Transporter nicht von deutschen, sondern von sowjetischen Kriegsschiffen versenkt worden, sind (und mithin die von Ost-Berlin gegen Botschafter Klaiber erhobenen Anschuldigungen falsch sind);
- daß das deutsche Auswärtige Amt und der Oberbefehlshaber der deutschen Kriegsmarine die Juden-Auswanderung aus Rumänien, vor allem vom Schwarzmeer-Hafen Konstanza, aus politischen Rücksichten gegenüber dem rumänischen Verbündeten kaum behinderten.
Wie die Nazis Ende der dreißiger Jahre noch daran interessiert waren, möglichst viele Juden aus dem Reichsgebiet in außereuropäisches Ausland "abzuschieben" (noch im März 1939 beispielsweise schleusten Gestapo-Leute Hunderte von Juden nach dem dalmatinischen Hafen Susak, wo die Flüchtlinge sich nach Palästina einschiffen konnten), so galt anfänglich auch im verbündeten Rumänien die Juden-Exilierung als probates Mittel. Erst mit der berüchtigten Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942, als Hitler die "Endlösung der Judenfrage" dekretierte, begannen deutsche Behörden, die Judenauswanderung systematisch zu verhindern.
Aber die Rumänen zügelten sowohl den eigenen Antisemitismus als auch die Tätigkeit der deutschen Endlöser in ihrem Lande - und das um so stärker, je mehr sie den Glauben an die deutschen Waffen verloren und Tuchfühlung mit den Alliierten suchten. Die Reichsregierung mäßigte sich denn auch, um den für die Öllieferungen und den Zusammenhalt der deutschen Balkanfront unentbehrlichen rumänischen Verbündeten nicht zu verprellen.
So kam es gerade zu der Zeit, als Adolf Eichmann die ungarischen Juden in Auschwitz ablieferte, in Rumänien zu einer unfreiwilligen Zurückhaltung der braunen Juden-Häscher. Nach wie vor konnten Juden das Land von den Schwarzmeer-Häfen aus verlassen. Mehr noch: Der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Großadmiral Dönitz, befahl sogar (wie er Dr. Rohwer versicherte), die im März und April 1944 von Konstanza auslaufenden Juden-Transporter "Bella Citta", "Maritza" und "Milka" auf ihrem See-Treck "nicht zu behindern, sondern wie normale Schiffe zu behandeln". Die Seekriegsleitung wies deutsche U-Jäger an, die drei Schiffe durch die Minensperren zu bugsieren.
Den Motorsegler "Morina", der zusammen mit dem Todesschiff "Mefkure" am 3. August 1944 um 20.30 Uhr mit jüdischen Flüchtlingen Konstanza verließ, versah die deutsche Kriegsmarine sogar mit einem Passierschein. Der "Morina" wurde amtlich konzediert, "zur einmaligen Fahrt von Punkt 43 Grad 43 Minuten Nord/29 Grad 08 Minuten Ost das freie Seegebiet zum Bosporus" zu befahren.
Derlei Kulanz war für den Zeithistoriker Rohwer freilich ein Indiz von nur allgemeiner Bedeutung bei der Aufklärung der "Struma" - und "Melkure" -Zwischenfälle. Eindeutige Hinweise gewann er, als er Aufenthalt und Operationen der im Schwarzen Meer stationierten deutschen und sowjetischen Seestreitkräfte zum Zeitpunkt der Flüchtlings-Versenkungen vor dem Bosporus rekonstruierte.
Dabei ergab sich: Als die "Struma" am 24. Februar 1942 torpediert wurde, befand sich im Schwarzen Meer kein deutsches U-Boot. Die Seekriegsleitung hatte vielmehr Boote abkommandiert, die für einen Schießkrieg nur unzulänglich gerüstet waren: die Donau-Flottille. Zu diesem Verband gehörten der nur auf der Donau verwendete Flußmonitor "Bechelaren", neun nur beschränkt seefähige Flußräumboote, die ebenfalls nur beschränkt seefähigen Flußräumboot -Mutterschiffe "Kriemhild" und "Brünhild", das Werkstattschiff "Uta", die Schlepper "Alberich", "Romulus" und "Forsch", der beschränkt seefähige "Sperrbrecher 191" und sechs Marinefährprahme.
Und als am 5. August 1944 die "Mefkure" von einem U-Boot versenkt wurde - der Kapitän, der sich mit vier Mann der Besatzung und fünf Passagieren retten konnte, sah es "300 Meter achteraus" als "schwarzen Schatten" -, operierten im Schwarzen Meer nur die sechs Unterseeboote der 30. Flottille. Keines dieser Boote war zum fraglichen Datum - dem 5. August 1944 - in der Nähe der "Mefkure", wie Rohwer akribisch nachwies (siehe Graphik Seite 68):
- U-9 läuft am 15. Juli 1944 von Konstanza aus und operiert vom 18. bis 25. Juli vor der Südspitze der Krim, anschließend bis Anfang August vor der Kaukasus-Küste in Höhe von Kap Kodor und Sotschi. Am 6. August dreht das Boot auf Heimfahrt und trifft am 11. August 1944 wieder in Konstanza ein.
- U-18 läuft am 25. Juli 1944 von Konstanza aus und operiert vor der Kaukasus-Küste und im Gebiet von Poti. Das Boot torpediert am 2. August einen Frachter von 1500 BRT, versenkt am 11. August einen Dampfer von ebenfalls 1500 BRT und greift am 13. August ein sowjetisches Motor-Kanonenboot an. Am 16. August trifft es wieder in Konstanza ein.
- U-19 liegt vom 8. Juli bis zum 25. August 1944 in der Werft. Das Boot wird zur Erprobung des Unterwasser -Abschusses von 21-Zentimeter-Raketen mit Abschußgestellen ausgerüstet.
- U-20 liegt vom 11. Juli bis zum 19.
August 1944 zur Reparatur in der Werft, U-23 vom 7. Juni bis zum 16. August.
- U-24 läuft am 13. Juli 1944 von Konstanza aus und operiert vor der Kaukasus-Küste. Am 21. Juli schießt es einen Torpedo gegen einen Motorsegler ab, verfehlt aber das Ziel. Am 31. Juli geht es ohne weitere Feindberührungen nach Konstanza zurück, wo es am 4. August 1944 um 9.15 Uhr eintrifft.
So unwahrscheinlich es war, daß ein Überwasserschiff der deutschen Donau -Flottille 1942 die "Struma" versenkt hatte, so ausgeschlossen war es mithin auch, daß deutsche U-Boote die "Mefkure" vernichtet hatten. Was wirklich geschehen war, konnte Rohwer schließlich aus sowjetischen Annalen über die Kriegführung im Schwarzen Meer und anhand von Korrespondenz russischer Militärs feststellen*.
Am 24. Februar 1942 torpedierte das sowjetische U-Boot SC-213 - nach Moskauer Angaben - 14 Seemeilen nordnordöstlich der Bosporus-Einfahrt auf der Position 41 Grad 26 Minuten Nord/ 29 Grad 10 Minuten Ost einen Transporter, der in wenigen Minuten unterging. Diese Angaben wurden dem Zeithistoriker Rohwer vom Chef der kriegsgeschichtlichen Abteilung der sowjetischen Marine, Kapitän 1. Ranges W. J. Ackasow, am 19. Juni 1962 brieflich bestätigt. Der rote Marine-Offizier teilte mit, das russische U-Boot habe seinerzeit einen Transporter versenkt, "dessen Name nicht festgestellt wurde". Das einzige Schiff aber, das an diesem Tag im Gebiet des Bosporus überhaupt versenkt wurde, war die "Struma".
Ähnlich genau ließ sich das Schicksal der "Mefkure" rekonstruieren. Rohwer entdeckte, daß die deutsche Peilstelle Pomorie im Golf von Burgas am 5.
August 1944 um 02.00 Uhr auf 116 Grad das sowjetische Unterseeboot SC-215 anpeilte und einen Funkspruch des Kommandanten, Kapitän 3. Ranges Strizak, auffing,
Der deutsche Pellstrahl schnitt die nach der Kursanweisung an das Judenschiff "Morina" vorgeschriebene Länge 29 Grad 08 Minuten Ost an fast genau der Stelle, an der sich der Juden -Dampfer "Mefkure", der mit der "Morina" gemeinsam Konstanza verlassen hatte, um etwa 1.20 Uhr am 5. August 1944 befand. Der Funkspruch wurde 45 Minuten nach dem Beginn des Angriffs auf die "Mefkure" und etwa 15 Minuten nach dem Sinken des Motorboots ausgestrahlt.
Und der sowjetische Soldatenbuch -Verfasser W. J. Dmitrijew, Marine-Offizier und Historiker, beschrieb später in seinem Werk "Atakujut podvodniki" ("U-Boote greifen an"), wie die "Mefkure" unterging - ohne zu wissen, daß sein Epos wesentlich zur Einstellung eines Ermittlungsverfahrens der Ludwigsburger zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen wegen angeblicher deutscher Kriegsverbrechen beitrug.
Dmitrijew schrieb: "Am gleichen Tage (30. Juli 1944) lief von Batum das U -Boot SC-215 unter dem Kommando von Kapitän 3. Ranges A. I. Striiak aus. Auf den Zufahrtswegen nach Burgas operierend, vernichtete das U-Boot in der Nacht zum 5. August mit Artillerie einen großen Schoner, auf dem bis zu 200 bewaffnete Leute bemerkt wurden."
* "Die Versenkung der Jüdischen Flüchtlingstransporter Struma und Mefkure im Schwarzen Meer". Historische Untersuchung, bearbeitet von Jürgen Rohwer; Bernard & Graefe Verlag, Frankfurt; 152 Seiten; 11,70 Mark.
* Die rote U-Boot-Sollstärke im Schwarzen Meer betrug bei Ausbruch des Krieges 63 Unterseeboote; davon wagten sechs kleinere Boote zu Schulzwecken per Bahn an das Kaspische Meer transportiert worden, 13 Boote waren noch nicht einsatzbereit, einige der älteren wurden gerade überholt. Bis Ende September 1944 verloren die Sowjets mindestens 32 U-Boote; neun Neubauten stellten sie während des Kriegs in Dienst.
Zeithistoriker Rohwer
SC-215 war der Täter

DER SPIEGEL 20/1965
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 20/1965
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

JUDENFLUCHT:
Schatten achteraus

  • Neue iPhones im Test: "iPhone 11 ist ein No-Brainer"
  • Surfvideo aus China: Ritt auf der Gezeitenwelle
  • E-Zigaretten-Verbote in den USA: Ist das Dampfen zu gefährlich?
  • Video aus Saudi-Arabien: "Man sieht sich als Opfer einer brutalen Anschlagsserie"