12.05.1965

US-INTERBENTIONSchlag vom Boxer

Zwei kriegsstarke Divisionen - mehr
als 25 000 Mann - schickte US -Präsident Johnson in den beiden letzten Wochen gegen einen Staat von der Größe Niedersachsens mit 3,4 Millionen großenteils arbeitslosen und analphabetischen Einwohnern: In der Dominikanischen Republik hatten Teile der Bevölkerung und der Armee gegen die regierende Militärjunta geputscht.
In der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS*), die von Johnson nicht informiert worden war, belebte der amerikanische Blitz-Schlag gegen ein Mitglied die affektgeladenen Erinnerungen der Lateinamerikaner an die US -Kanonenboot-Diplomatie des "Big Stick" (Großer Knüppel) in den ersten 30 Jahren dieses Jahrhunderts.
Vor dem UN-Sicherheitsrat attackierte der Sowjet-Delegierte Fedorenko die "verbrecherische Aggression", Frankreichs UN-Botschafter Seydoux sprach von einer "echten bewaffneten Intervention".
Die erste Begründung Johnsons, die Truppen seien zum Schutz der US -Bürger auf der Insel entsandt worden, reichte zur Erklärung des monströsen Aufwandes nicht aus. Die zweite war klarer. Johnson: "Ich will kein zweites Kuba in unserer Hemisphäre."
Das kubanische Trauma des US-Präsidenten war durch zweifelhafte Meldungen des US-Geheimdienstes hervorgerufen worden, die dominikanischen Putschisten seien unter die Kontrolle von kommunistischen Revoluzzern geraten.
Im Kriegsraum des Pentagon wurden die Vietnam-Karten zur Seite geschoben und die Aktion gegen die Bananen -Republik gestartet.
Vom Flugzeugträger "Boxer" landeten vorletzten Freitag 1800 US-Ledernacken der Einsatz-Truppe 124 auf dem roten Sand eines ehemaligen Poloplatzes vor der Landeshauptstadt Santo Domingo. Unter Panzer-Deckung kämpften sie sich über die "Unabhängigkeits-Allee" zur US-Botschaft durch. Ihr Erscheinen munterte Brigadegeneral Wessin y Wessin, 40, den kettenrauchenden Kommandeur der juntatreuen dominikanischen Truppen, zur Fortsetzung des bereits verlorengegebenen Kampfes auf.
1500 Mann der 82. US-Luftlandedivision stießen Stunden später vom nordwestlich Santo Domingos gelegenen Militärflugplatz San Isidro über den Ozama River am Stadtrand vor und vereinigten sich mit den Marinern.
Mit Maschinengewehren und Bazookas säuberten die US-Soldaten Rebellen-Nester, kesselten die Aufständischen in der Innenstadt ein und errichteten eine 35 Quadratkilometer große Sperrzone für das von Ausländern und Diplomaten bewohnte Viertel. 2700 Amerikaner und 1400 andere Ausländer wurden evakuiert.
Nach 31 Jahren standen damit erstmals wieder Ledernacken in Lateinamerika im Einsatz.
- Von 1915 bis 1934 hielten die Mariner den Nachbarstaat der Dominikanischen Republik auf der Insel Hispaniola, Haiti, besetzt.
- Von 1916 bis 1924 okkupierten Ledernacken im Auftrag US-Präsident Wilsons, des Verfechters des "Selbstbestimmungsrechts der Völker", die Dominikanische Republik.
- Von 1911 bis 1925 besetzten Marinefüsiliere Nicaragua und kassierten sämtliche Zolleinnahmen zur Abdeckung amerikanischer Forderungen.
Weitere Opfer von Yankee-Interventionen waren Kuba (1901) und Kolumbien, das dem US-Präsidenten Theodore Roosevelt ("Sprich leise, aber halte einen großen Knüppel bereit") 1903 die Panama-Kanalzone abtreten mußte.
Die Ursachen für den jüngsten Putsch, der die Amerikaner zum zweitenmal in die Dominikanische Republik einmarschieren ließ, liegen in der blutigen Geschichte des Landes.
Franzosen und Spanier beuteten es als Kolonie aus. 1821, gerade unabhängig geworden, wurde es vom benachbarten Haiti für 22 Jahre besetzt. 22 Revolutionen brachten in den folgenden 70 Jahren einen Despoten nach dem anderen an die Macht.
Der amerikanischen Besetzung folgte für 31 Jahre das Terror-System des katholischen Diktators Rafael Leonidas Trujillo. Der von den USA unterstützte Trujillo-Clan besaß schließlich 65 Prozent der lebenswichtigen Zuckerproduktion und 35 Prozent des Ackerlandes der Insel. Er hielt vom Salzmonopol bis zur Armee-Wäscherei sämtliche Verdienstquellen besetzt. Trujillos Geheimpolizei folterte und ermordete Zehntausende Dominikaner in Spezial-Verliesen.
Nach der Ermordung Trujillos wurde 1962 der Exil-Schriftsteller Juan Bosch unter internationaler Aufsicht in den ersten freien Wahlen der 141jährigen Geschichte des Landes zum Präsidenten gewählt. Der liberale Staatschef genoß das Vertrauen des amerikanischen Präsidenten Kennedy, aber nicht das der dominikanischen Militärs.
Seine Sozialreformen machten Kürzungen des Militäretats notwendig und brachten die Generalität um hohe Provisionen. Nach siebenmonatiger Amtszeit wurde er von Offizieren, an deren Spitze General Wessin y Wessin stand, außer Landes gejagt.
Am Montag vorletzter Woche revoltierten die unterdrückten Bosch-Anhänger. KP-Agitatoren - 58 nach Angaben Washingtons - mischten sich unter die Aufständischen. Der dominikanische Kongreß ernannte Mitte vergangener Woche den Putsch-Obristen Francisco Caamano zum provisorischen Staatschef. Aber Johnson, verstrickt in eine Demonstration amerikanischer Machtpolitik, erkannte diese Entscheidung nicht an.
Eine nach einwöchigem Widerstand der Lateinamerikaner mit knapper Mehrheit beschlossene Friedensstreitmacht der OAS-Staaten soll zusätzlich auf die Insel entsandt werden.
Die Folgen, die Johnsons Eingreif -Politik für Südamerika haben könnte, beschwor derweil Ex-Präsident Juan Bosch in einem TV-Interview: "Die amerikanische Intervention wird mindestens 100 000 junge Lateinamerikaner in die Arme des Kommunismus treiben."
* OAS-Mitgliedstaaten sind: Argentinien,
Bolivien, Brasilien, Chile, Costa Rica, Dominikanische Republik, Ecuador, Guatemala, Haiti, Honduras, Kolumbien, Mexiko. Nicaragua, Panama, Paraguay, Peru, El Salvador, Uruguay, USA, Venezuela.
US-Marine-Infanterie in Santo Domingo: Zum großen Knüppel gegriffen

DER SPIEGEL 20/1965
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