12.05.1965

ARPMuseum für Derdiedas

Den friedfertigen Schweizern der Stadt Zürich galt er als lockerer Unhold, revolutionierender Bösewicht, sittenroher Asiate": So erinnert er sich jetzt. Er war einer jener Radaubrüder, die vor einem halben Jahrhundert im Züricher "Cabaret Voltaire" mit viel Spektakel, Zynismus und Mummenschanz den Dadaismus kreierten.
Nun hat die Schweizer Stadt Locarno den alten Bürgerschreck zum Ehrenbürger gemacht: den Kunst -Pionier der Moderne, Hans Arp, 77, Bildhauer, Holzschneider, Maler und Lyriker.
Locarnos Huldigung war der Dank für ein großes Geschenk: Arp, der seit Jahren in Solduno bei Locarno wohnt - weitere Arp-Sitze sind Meudon (bei Paris) und Basel -, hat dem Tessiner Kurort am
Lago Maggiore 41 Bilder,
Reliefs, einen Wandteppich und Skulpturen vermacht, darunter 26 eigene Werke. So verhalf er der Stadt zu dem "Museum für zeitgenössische Kunst" im mittelalterlichen Kastell der Visconti, das nun als Gegenstück zum Picasso-Museum in der Hafenfestung von Antibes gelten kann.
Die Sammlung (Versicherungswert: drei Millionen Schweizer Franken) enthält, außer einem grotesken Arp-Porträt von Alexander Calder, nur abstrakte Stücke und spiegelt so den Stil des Stifters: Von gegenständlicher Kunst hat Arp nie viel gehalten.
Der Sohn eines Zigarren-Fabrikanten, 1887 als deutscher Staatsbürger Hans Arp in Straßburg geboren, nach dem Ersten Weltkrieg als französischer Staatsbürger in Jean Arp umbenannt, mochte den "genialischen Pinselhieb" nicht; er haßte "das Kunststück, die Eitelkeit, die Nachahmung" und fühlte sich "von Ölmalerei angewidert". Er erprobte statt dessen, klebend und webend, mit Säge und Meißel, neue Techniken und Materialien.
Mehr angewidert noch als von der Ölmalerei war der Elsässer Arp, der 1915 nach Studien in Weimar und Paris ins neutrale Zürich übersiedelte, von dem "höllischen Spuk irdischer Verwirrung", der gerade den Ersten Weltkrieg angezettelt hatte.
Um "mit Trommel- und Paukenschlägen ... den unfaßlichen Irrsinn dieses menschlichen Treibens sinnfällig zu machen", gründete Arp mit den deutschen Dichtern Hugo Ball, Emmy Ball -Hennings, Richard Huelsenbeck und mit den Rumänen Tristan Tzara und Marcel Janco 1916 das "Cabaret Voltaire" in der Alt-Züricher Spiegelgasse. Am 8. Februar um 18 Uhr fanden sie dort das Wort für ihre Protestbewegung: "Dada" (französisch für Holzpferdchen) war die erste Vokabel, die ihnen auffiel, als sie das Wörterbuch von Larousse aufschlugen. Und "Dada" wurde die Formel für ihren fortan sinnvoll betriebenen, später museumsreifen künstlerischen Unsinn.
Stammgast im "Cabaret Voltaire" war der "Gartenlaube"-Redakteur und Romancier Jakob Christoph Heer ("Der Wetterwart"), als Nachbar hatte sich, wenige Häuser weiter (Spiegelgasse 5), der russische Flüchtling Wladimir Iljitsch Lenin etabliert.
Der französische Dadaist Georges Hugnet beschrieb den üblichen Ablauf einer abendlichen Séance im "Cabaret Voltaire": "Auf der Bühne trampelte man auf Schüsseln und Flaschen herum, um Musik zu machen, bis das Publikum protestierte und nahezu verrückt wurde ... Eine Stimme unter einem ungeheuren Hut rezitierte Verse von Arp. Huelsenbeck schrie seine Gedichte mit zunehmender Lautstärke ins Lokal, während Tzara im gleichen Rhythmus und mit demselben Krach eine große Kiste bearbeitete; Huelsenbeck und Tzara tanzten mit dem Gegluckse junger Bären herum oder absolvierten in einem Sack mit einem Rohr auf dem Kopf wackelnd eine sonderbare Übung, die sie 'Schwarzer Kakadu' nannten."
Arp war einer der emsigsten Ideenmänner und Dada-Ideologen. Er reiste zu seinen Gesinnungsgenossen nach Berlin, besuchte in Hannover den niederdeutschen dichtenden Dada-Meister Kurt Schwitters und machte mit dem Maler Max Ernst bei der Gründung der Kölner Dada-Gruppe "W/3" ("W" stand für "Weststupidien") Skandal. Arp dichtete damals:
Ich bin der große Derdiedas
Das rigorose Regiment
Der Ozonstengel prima Quo
Der anonyme Einprozent
Der "große Lärm und Spaß" war zu Beginn der zwanziger Jahre zu Ende: Dada hatte sich zu Tode gejuxt. Arp aber blieb, wie Max Ernst, durchaus lebendig. Mit der Schweizer Kunstgewerbelehrerin Sophie Taeuber, seiner 1943 gestorbenen ersten Frau, fertigte er gemeinsame Klebe-, Webe- und Strickarbeiten. Er avancierte zu einem Alleskleber, der auf die Kunst-Techniken der folgenden Jahrzehnte einen bedeutsamen Einfluß ausübte.
Arp experimentierte beispielsweise mit dem "Gesetz des Zufalls", indem er ausgeschnittene Formen zu unvorhergesehenen Konstellationen fügte. Er produzierte mit Bindfäden sogenannte Schnurreliefs und pappte Papierfetzen zu abstrakten Kompositionen zusammen.
1917 hatte er seine ersten Holzreliefs - aufeinandergeklebte und mehrfarbig bemalte Holzschichten - angefertigt; Anfang der dreißiger Jahre präsentierte er seine ersten Rundplastiken aus Holz, Marmor und Bronze. Es waren organisch-abstrakte Formen mit weich und frei fließenden Rundungen, denen unter anderen der englische Bildhauer Henry Moore einige Anregungen verdankte.
Arp suchte in diesen neuen "Synthesen des Vegetativen und Konstruktiven" - er nennt sie etwa "Stein von Menschenhand geformt", "Genesis", "Riesenkeimling", "Muschelkristall", "Eulentraum" - nach dem anonymen "Urmodell"; denn Kunstwerke, so findet Arp, "müßten anonym bleiben in der großen Werkstatt der Natur, wie die Wolken, die Berge, die Meere, die Tiere und die Menschen".
So wirkt denn auch der Titel der Arp-Bronze "Im Wald auszusetzen" wie eine Aufforderung an den Käufer - die allerdings nicht befolgt wurde: Die dreiteilige Skulptur ist in einer Amsterdamer Privatsammlung aufgestellt.
Den übrigen Skulpturen Arps, der 1954 auf der venezianischen Biennale den Internationalen Preis für Plastik erhielt, erging es nicht anders. Sie sind heute in europäischen und amerikanischen Privatsammlungen und Museen untergebracht; sie stehen bei der Kunstmäzenin Peggy Guggenheim aus der amerikanischen Guggenheim-Kupferdynastie in Venedig und im Guggenheim-Museum in New York, im Pariser "Musée d'Art Moderne" und in der Turiner "Galleria d'Arte Moderna", vor der Universität von Caracas und in der Harvard-Universität in Cambridge.
Ein Quentchen Arp ist jedoch für Locarnos Arp-Museum übriggeblieben: Zwischen Holzreliefs und Gemälden konnte das Vernissage-Publikum im Visconti-Kastell immerhin sechs der rund 200 Arp-Skulpturen bewundern.
Dada-Künstler Arp
Sinnvoller Unsinn
Gestiftete Arp-Werke: "Im Wald auszusetzen"
Arp-Museum in Locarno
Vom Bürgerschreck zum Ehrenbürger

DER SPIEGEL 20/1965
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