26.05.1965

DIE RUSSEN IN BERLIN 1945

3. Fortsetzung
Das letzte Ritterkreuz, das in der Wehrmacht verliehen wurde, erhielt ein Franzose: Unteroffizier Eugene Vaulot; er gehörte zur Division "Charlemagne", in der französische Freiwillige zusammengefaßt waren, die auf der Seite des Dritten Reiches kämpften.
Der französische Unteroffizier und seine Kameraden waren auf seltsame Weise zum Finale in die Reichshauptstadt gekommen. Ihr Abenteuer hatte im Spätherbst 1944 begonnen.
Damals wurden auf dem Truppenübungsplatz "Wildflecken" die im Bereich der Wehrmacht kämpfenden französischen Freiwilligen zu einer Grenadier-Division "Charlemagne" ("Karl der Große") formiert und unter deutscher Führung ausgebildet.
Die Wehrmachtführung gab im Februar 1945 Order, die Division - sie war noch ohne schwere Waffen und Nachrichtengerät - nach Pommern zu werfen. Dort wurde "Charlemagne" im Raum von Belgard und Köslin, zusammen mit drei Divisionen des Heeres, bald von sowjetischen Panzerkräften eingeschlossen und zerschlagen.
Etwa tausend Franzosen konnten sich retten und wurden daraufhin unter ihrem Kommandeur, SS-Brigadeführer Dr. Krukenberg, in Neubrandenburg beim Stellungsbau eingesetzt; zugleich aber sollte französischer Ersatz herangeführt und damit der Rest von "Charlemagne" wenigstens wieder zu einem kampffähigen Sturmregiment aufgefrischt werden.
Den Franzosen wurde von ihrem Kommandeur freigestellt, entweder weiterhin gegen die Sowjets zu kämpfen oder die Waffen niederzulegen und nur noch Schanzarbeit zu leisten. Als die Franzosen - ebenfalls aus dem Munde Krukenbergs - vom Wiederaufbau eines freien Frankreichs durch de Gaulle erfuhren, erklärten 60 Prozent der Division, nicht mehr kämpfen zu wollen.
So entstand aus Freiwilligen der Freiwilligen eine Truppe von etwa 400 Franzosen, die sich noch gegen die Sowjets schlagen wollten - ermuntert von dem französischen Divisionsgeistlichen Monsignore Comte Mayol de Lupé, der dem Kampf bis zum Ende das Wort redete.
In der Nacht vom 23. auf den 24. April erreichte den Brigadeführer Krukenberg der Befehl, nach Berlin zu kommen, um dort das Kommando über eine andere Ausländer-Division, die "Nordland", zu übernehmen, deren bisheriger Kommandeur keine rechte Lust mehr zu haben schien, sich an dem aussichtslosen Unternehmen der Berlin-Verteidigung zu beteiligen.
Dem General Krukenberg wurde bedeutet, es gehe nur darum, für wenige Tage die westlichen Zugangswege nach Berlin offen- und die Sowjets von der Stadt fernzuhalten, bis die westlichen Gegner, "mit deren Armeestäben man bereits Verbindung aufgenommen" habe, Berlin erreicht hätten.
Krukenberg: "Diese Aufgabenstellung leuchtete mir ein." Er wußte, was seine Freiwilligen wert waren, die ein ganz persönliches Verhältnis zu ihm unterhielten. Er bildete einen "Stab" aus ihnen und nahm sie mit. Das war am:
24. April 1945
Mit zwei Pkw, drei Lkw, Munition, Panzerfäusten und 90 Mann startet Krukenberg um 9.30 Uhr in Strelitz. Zahlreiche Personen- und Lastwagen mit deutschen Soldaten begegnen ihnen unterwegs, die zurückflutenden Landser wundern sich, daß es noch Kameraden gibt, die nach Berlin hinein wollen.
Krukenberg erfährt, daß Sowjetpanzer schon bei Oranienburg stünden. Darauf ändert er seine Richtung, biegt bei Löwenberg nach Neu-Ruppin ab und erreicht ungehindert die Chaussee Hamburg - Berlin bei Friesack.
Er kommt mit seinen fünf Fahrzeugen nur sehr langsam voran, alle Kreuzungen sind verstopft durch deutsche Truppen, die gen Norden streben - weg von Berlin. Krukenberg trifft auch auf die Nachrichtenabteilung eben jener Division "Nordland", deren Führung er in Berlin übernehmen soll; er hört, ihr sei befohlen, sich nach Holstein abzusetzen.
Krukenberg: "Wiederholt trafen wir singende Soldaten, die als Grund für ihre gute Stimmung angaben, der Krieg sei für sie zu Ende, da die Sowjets auf Grund von Abmachungen mit den Verbündeten nicht weiter folgen könnten und die Westmächte sie sicher gleich entlassen würden."
In Nauen wird Krukenbergs Einheit von Flugzeugen angegriffen, in Wustermark kommt sie wegen Artilleriebeschusses nicht weiter, sie kehrt um, benützt Seitenstraßen und beobachtet in der Gegend von Paretz, wie sich beiderseits der Straße sowjetische Infanteristen mit großer Vorsicht einander nähern. Krukenberg erlebt den Beginn der Einschließung Berlins wie im Bilderbuch.
Er weiß von einer Brücke, die bei Falkenrehde über den Schiffahrtskanal führt, und erkennt, daß er weder vorwärts noch rückwärts könne, wenn die Brücke gesprengt sei.
Sie ist nicht gesprengt, aber sie fliegt in die Luft, als Krukenbergs Franzosen sie gerade betreten wollen. Er muß abladen lassen, mit Fahrzeugen kommt er jetzt nicht mehr über den Kanal.
Auf der anderen Seite trifft er drei Volkssturmmänner, denen es sehr leid tut, daß sie ihre Brücke vor deutschen Kameraden in die Luft haben gehen lassen. Sie hatten von dieser Seite nichts anderes mehr erwartet als Russen.
Die nächsten 20 Kilometer, an Schloß Marquart vorbei, über Glienicke-Gatow und Pichelsdorf, wandert Krukenberg mit seinen Männern, einige Verwundete und einen Teil der Munition mit sich schleppend. Auf diesem langen Marsch begegnen ihnen nur drei Hitlerjungen mit Panzerfäusten auf Fahrrädern, sonst ist kein Soldat zu sehen.
Berlins wichtigste Brücken über die Havel bei Spandau sind zwar durch Barrikaden versperrt, aber unbewacht. Krukenberg und seine französischen Offiziere fragen sich, was man in Berlin unter Verteidigung verstehe.
Beim Reichssportfeld finden sie ein Verpflegungsmagazin der Luftwaffe; die Franzosen sind besonders über größere Vorräte an Schokolade erfreut. In den Häusern an der Heerstraße, es ist Nacht geworden, geht es lustig zu, Musik tönt aus den offenen Fenstern, Soldaten lärmen fröhlich herum. Es hat den Anschein, als werde hier schon der Ausbruch des Friedens gefeiert.
Krukenberg beschafft sich ein Auto und fährt mit seinem Adjutanten, dem Hauptmann Pachur, durch den Westen Berlins zur Reichskanzlei, wobei ihm "Soldaten oder Verteidigungsmaßnahmen irgendwelcher Art auf diesem Wege nicht begegnet" sind.
In der Voßstraße steht ein Posten am Bunkereingang zur Reichskanzlei. Krukenberg erinnert sich: "Obwohl wir dem Posten völlig unbekannt waren, wurden wir auf meine Frage nach General Krebs ohne jegliche Kontrolle in das Innere der Räume geführt." Krebs ist nicht in seinem Büro.
Nach dreistündigem Warten werden Krukenberg und der Adjutant zu Krebs geführt, der seine Überraschung kaum verbergen kann. Krebs: "Wir haben in den letzten 48 Stunden vom OKW aus an eine ganze Reihe von Offizieren, aber auch an Truppeneinheiten außerhalb Berlins Befehl gegeben, zur Verstärkung der Verteidigung unverzüglich hierherzukommen. Sie sind der einzige, der eingetroffen ist."
Der Chef des deutschen Heeres-Generalstabes freut sich herzlich darüber daß wenigstens ein General mit 90 Mann hergefunden hat, um gegen eine Million Sowjetsoldaten mitzukämpfen.
25. April 1945
Krukenberg meldet sich am Hohenzollerndamm beim Stab des Kampfkommandanten:
Der Morgen graute. Es war kühl. Der Himmel war klar. Westberlin lag völlig ruhig da. Kräfte des Verteidigungsbereiches sahen wir nicht... Der Betrieb im Gebäude des Generalkommandos machte einen durchaus friedensmäßigen Eindruck."
Auch General Weidling, Berlins dritter Kampfkommandant, freut sich, den Kameraden Krukenberg zu sehen, und weist ihn in seine Pflichten ein: Die Division "Nordland", deren Befehl er an Stelle des für unzuverlässig gehaltenen SS-Brigadeführers Ziegler zu übernehmen habe, liege irgendwo in der "Hasenheide", Fernsprechverbindung dorthin bestünde nicht mehr.
Krukenberg fährt nach Neukölln, und als er nahe der "Hasenheide" vor einem Haus zahlreiche Militärfahrzeuge stehen sieht, denkt er: Das könnte der Divisionsgefechtsstand sein. Er ist es.
Im Gespräch mit Ziegler, der seiner Ablösung mit Ruhe entgegensieht, ergibt sich, daß die Division "Nordland" noch über 70 an der "Front" eingesetzte Männer verfügt. Dagegen nehmen sich die von Krukenberg mitgebrachten 90 französischen Freiwilligen stattlich aus.
So beginnt der letzte Kampf einer Handvoll Freiwilliger, die in Neukölln und dann im Zentrum der Stadt die vorgehenden Sowjets empfindlich stören, und zwar durch den Mut und die Geschicklichkeit, mit denen sie auf Panzerjagd gehen.
Schon im Laufe dieses Tages schießen sie im "Raum Hermannplatz" 14 Panzer ab; zwei der Franzosen werden damit Anwärter auf die letzten im Zweiten Weltkrieg verliehenen Ritterkreuze.
Die Franzosen sind nicht die einzigen Ausländer, die Berlin verteidigen. Zu ihnen stoßen nun auch Dänen und Norweger. Die Division "Nordland" verfügt, obwohl sie auch nach ihrer Auffüllung kaum Bataillonsstärke hat, über zwei Regimenter: "Danmark" und "Norge".
Ihr Kommandeur vermerkt: "Erfreulicherweise fanden sich fortlaufend die verschiedensten Verstärkungstruppen bei uns ein, vor allem Angehörige anderer SS-Freiwilligen-Formationen, so daß mit der Zeit ganz Europa in unseren Reihen vertreten war."
Auf einer "Napola" (Nationalpolitische Erziehungsanstalt) bei Spandau liegen vorwiegend junge Ukrainer und Galizier, die als späterer Ersatz für die SS-Division "Galizien" vorgesehen sind. Auch diese Jungens wissen, was sie in der Gefangenschaft erwartet, und schlagen sich hart.
Nachdem Krukenberg in der Gneisenau-Kaserne noch zwei ausgeruhte, sogar mit schweren Waffen versehene Polizeibataillone entdeckt hat, die dort, von niemandem bemerkt, das Kriegsende abwarten wollten, verlegt er selbst seinen Gefechtsstand in die Keller der Staatsoper Unter den Linden. Er verbringt eine kurze Nachtruhe in einem Prunksessel der ehemaligen Hof- und damaligen Führerloge.
In dem Stadtteil, wo Krukenbergs französische Freiwillige zunächst auf Panzerjagd gingen, haust in irgendeinem Keller eine Frau, deren Aufzeichnungen den tiefsten Einblick in Stimmung und Erlebnisse der Bevölkerung Berlins vor der Kapitulation widerspiegeln.
Sie notiert: "Im Keller wiederum, gegen 18 Uhr. Konnte oben nicht länger ruhig liegen, bekam Angst, da Volltreffer nahebei und dicke Kalkbrocken auf meine Wolldecke gefallen sind. Hab' hier unter gedusselt, bis die Henni vom Bäcker kam und meldete, daß ein Volltreffer in die Drogerie neben dem Kino niedergegangen sei.
"Der Inhaber war gleich tot. Ob durch Splitter, Luftdruck oder Herzschlag, war nicht sofort feststellbar. Henni sagt, er hat nicht geblutet. Aus dem Drei-Schwestern - Pudding der schwarzen Damen erhebt sich eine und fragt mit vornehm gespitztem Mund: ,Ach bitte - wie ist der Mann kaputtgegangen?'
"So reden wir jetzt, so sind wir sprachlich heruntergekommen. Das Wort Scheiße rutscht uns leicht von der Zunge. Man spricht es mit Befriedigung aus, als könnte man inneren Unrat damit ausstoßen. Man kommt der drohenden Erniedrigung auch sprachlich entgegen."
An diesem Tag wird das noch nicht besetzte Reichsgebiet aufgetrennt. Die amerikanische 69. Division und die sowjetische 58. Gardedivision treffen sich bei Torgau an der Elbe. Sie fuhren einfach durch, bis sie sich in den Armen lagen.
In Berlin haben
- die Bombenschäden,
- die zerschlagenen Brücken und Überführungen,
- die "mit rührender Einfalt" (Artilleriekommandeur Wöhlermann) errichteten Panzersperren und Hindernisse sowie
- die herabhängenden Oberleitungen
und Lichtkabel
die Stadt zu einem für den Verteidiger fast unpassierbaren Dickicht gemacht.
26. April 1945
Die Nacht ist sternenklar. Die sowjetischen Flugzeuge sind dennoch nicht über Berlin erschienen. Das Wetter ist kühl. Nachdem der Vortag mit einem einstündigen Artilleriefeuer auf das Stadtzentrum begonnen hat, erwartet Berlin heute die Fortsetzung. Sie bleibt aus.
Rückblickend sagt der Kampfkommandant, General Weidling, über diesen Tag: "Der 26. April - der Tag der Hoffnung! Immer wieder rief Krebs an, und jedes Mal gab er irgendeine erfreuliche Nachricht durch: Einmal war die Armee Wenck, die mit ihren Spitzen schon Ferch südlich von Potsdam erreicht haben sollte, beträchtlich vorwärtsgekommen, dann war Ersatz in, Stärke von drei starken und gut bewaffneten Marschbataillonen eingetroffen, dann wieder hatte Großadmiral Dönitz versprochen, die Besten der besten Teile der Flotte auf dem Luftweg nach Berlin hineinzuwerfen."
Stabschef von Duvfing bemerkt dazu lakonisch: "Ich kann mich nicht entsinnen, daß ich diesen Optimismus teilte ... Das Durcheinander wurde immer stärker. Der Verteidigungswert der Alarmverbände war gering; die aktive Truppe hatte nur noch einige Panzer. Die Munition der Feldartillerie war verbraucht. Das alles stimmt uns so bedenklich, daß wir den 26. April nicht als einen
Tag der Hoffnung, sondern als einen Tag neuer Führer-Goebbels-Illusionen ansahen."
Da an diesem Tage der Luftraum über Berlin von feindlichen Maschinen so gut wie leer bleibt (nur am Vormittag erscheinen die Sowjets mit einem schwachen Verband über östlichen Teilen der Stadt und werfen ein paar Bomben), können einige deutsche Maschinen einfliegen.
Als erste landen gegen zehn Uhr zwei Ju 52 auf der Ost-West-Achse in der Nähe der Siegessäule, die alles unbeschädigt übersteht. Tiergartenbäume, um die sich Hitler sehr sorgte, und die Bronze-Kandelaber, deren Entfernung Speer bedauerte, hatten verschwinden müssen, um eine genügend breite Landeschneise zu schaffen.
Die Flugzeuge kommen heil auf den Boden, sie bringen panzerbrechende Munition, die im Streufeuer der Sowjets ausgeladen wird.
Die Begeisterung, mit der die militärische Führung diese Landung begrüßt, ist typisch für die Mentalität der Eingeschlossenen.
Aus einem Lazarett werden Verwundete herbeigefahren und, zum Teil auf Bahren, in die Laderäume geschoben. Der Start gelingt nur der einen Ju 52, die andere, kaum über dem Boden, streift mit der linken Flügelspitze ein Haus und stürzt ab.
Bald danach erscheinen Me 109 und werfen Versorgungsbomben ab, die hauptsächlich Sanitätsmaterial enthalten. Der Frontverlauf ist derart unübersichtlich geworden, daß einige der Fallschirme in besetzten Stadtteilen herabsegeln. Das geschieht nicht zum erstenmal.
Der Flugplatz Gatow jenseits der Havel, den die Sowjets bereits am Vortage einige Stunden besetzt haben, wird neuerdings bedroht. Bevor er ganz verlorengeht, landet vom Versorgungsflughafen Rechlin aus dort noch eine Kompanie Marineinfanterie, die über die Havelbrücke in die Stadt gelangt und im Garten des Auswärtigen Amtes zunächst eine sinnlose Stellung bezieht.
Die Einheit hebt dort Gräben unter zerfetzten Bäumen aus, wo kein Feind hinkommen wird. Später teilt man sie Krukenberg und seiner Division "Nordland" zu, die nach und nach wieder etwas Fasson gewinnt. Vom Kompaniechef der Marinesoldaten sagt Krukenberg, er habe "wie alle Seeoffiziere, einen ausgezeichneten Eindruck" gemacht.
Die Marineinfanteristen sind in Wahrheit ehemalige Teilnehmer eines Funkmeßlehrgangs auf der Insel Fehmarn, sind also angehende Ingenieure und hochspezialisierte Fachleute, die nie eine Waffe bedient haben und in Rostock in graue Uniformen gesteckt worden sind.
Diese Radartechniker wissen nicht mit ihren Handgranaten und Panzerfäusten umzugehen. Ihre Gewehre stammen aus Italien, Baujahr 1917.
Der Flugplatz Gatow sieht an diesem letzten Tag, an dem er noch angeflogen werden kann, berühmte Gäste. In der Absicht, ihn zum Nachfolger des verhafteten Göring zu machen, hat Hitler den Generaloberst der Flieger Ritter v. Greim zu sich in den Bunker befohlen. Ein Feldwebel fliegt Greim und die Testpilotin Hanna Reitsch mit einer Focke-Wulf 190 von Rechlin nach Gatow.
Von dort gibt es keine offene Landverbindung mehr zum Stadtzentrum. Hanna Reitsch und Greim fliegen mit einem Fieseler Storch zum Tiergarten. Auf diesem kurzen Flug wird Greim am Fuß leicht verletzt; er muß auf einer Bahre zu seinem Führer getragen werden.
Hanna Reitsch blockiert am nächsten Tag 20 Minuten lang die einzige Leitung, die es noch zwischen Führerbunker und OKW gibt, um dem Stabschef der Luftwaffe, Koller, ihre Abenteuer zu erzählen. (Heute trainiert sie Flugschüler in Ghana.)
Der Kampfkommandant hat geplant, seinen Gefechtsstand am 28. April vom Hohenzollerndamm in die Luftschutzkeller des OKW in der Bendlerstraße zu verlegen. Aber er sieht sich veranlaßt, schon heute umzuziehen, weil die Gebäude des Stellvertretenden Generalkommandos in der Morgendämmerung unter massivem Sowjetbeschuß liegen.
Die Verteidigung von Berlin wird danach von der Bendlerstraße aus geführt, die dem Führerbunker, näher ist als der Hohenzollerndamm. Weidling zieht bald darauf noch einmal um, in einen unmittelbar neben dem OKW-Block liegenden Hochbunker.
Denn: In dem Luftschutzkeller ist es nicht nur stickig, es wird dort auch eine Wand eingedrückt durch einen Panzerschrank, der während eines Artilleriebeschusses aus dem zweiten Stockwerk, alle Decken durchschlagend, herabstürzt, dabei eine Rotkreuzschwester erschlägt und eine andere schwer verwundet.
"Dieses junge eben noch blühende Menschenkind wurde sterbend auf unseren großen Kartentisch gelegt. Wir Männer, die wir in den Jahren des Krieges schon oft dem Tod ins Auge gesehen hatten, wurden doch dieses Mal von diesem sinnlosen Sterben eigentümlich berührt und erschüttert", erinnert sich Stabschef Refior.
Am Abend ist der Kampfkommandant zum Lagevortrag bei Hitler und entwickelt den Plan, alle Kräfte in der Stadt zusammenzufassen und nach Westen auszubrechen. Zwei Stunden vorher haben Hitler, Krebs und Burgdorf mit Jodl telephoniert und sich über die Lage informieren lassen.
Wenn sich der Ersatz-Kriegstagebuchschreiber des OKW, Joachim Schultz, nicht irrt, führt Hitler das letzte Gespräch mit dem Chef seines Wehrmachtführungsstabes. In dieser Unterhaltung steigern sie sich gegenseitig noch einmal in Illusionen hinein, und nicht zuletzt deshalb findet Weidling mit seinem Ausbruchsplan taube Ohren.
Aber Hitler sagt auch: "Ihr Vorschlag ist ja ganz schön. Aber was soll das alles? Ich bin nicht gewillt, irgendwo in den Wäldern als Umherirrender aufgegriffen zu werden." Er urteilt in diesem Punkt realistischer als seine Generale.
Die Division Müncheberg zieht sich am Spätnachmittag auf den Potsdamer Platz zurück. Der Kampfkommandant findet, daß sich die Lage an diesem "Tag der Hoffnung" am "Spätnachmittag bedeutend verschlechtert hat".
27. April 1945
Die Division "Nordland" richtet sich in ihrem Abschnitt "Stadtmitte" ein. Es wird Nachmittag, bis sich ihr Kommandeur, Brigadeführer Krukenberg, in der ihm von General Weidling angewiesenen Befehlsstelle im U-Bahnhof "Stadtmitte" einfindet.
Krukenberg: "Meine Enttäuschung war groß, als ich auch hier feststellen mußte, daß von den drei Monaten Verteidigungsvorbereitungen nicht das geringste zu bemerken war. Kein Licht, kein Telephon, ein mit zerbrochenen Scheiben zurückgelassener U-Bahn-Wagen, das war das, was die Bezeichnung ,Befehlsstelle Stadtmitte' der sogenannten ,Festung' Berlin trug. Wir standen mit dem Gefühl eines wirklich verlorenen Haufens da.
"Für die Verpflegung konnten wir uns auf Vorräte stützen, die unter Lebensmittelläden am Gendarmenmarkt gefunden wurden. Um Plünderungen vorzubeugen, waren sie unter Bewachung gestellt worden. Schnaps und schwerer Alkohol blieben bis zum Schluß gesperrt, was sich im Interesse der Ordnung bewährte."
Es bewährte sich jedoch als allgemeine Praxis nicht so sehr, daß die Alkoholvorräte der Reichshauptstadt weder ausgetrunken noch vernichtet wurden; dadurch fielen sie den Sowjets in die Hände und zeitigten böse Folgen.
"Panzerfäuste", schreibt Krukenberg weiter, "fanden wir zum Glück in der Reichskanzlei vor. Man erlaubte uns, sie von dort zu entnehmen. Unser Bedarf war so groß, daß in der Reichskanzlei, hätte deren Besatzung sie verteidigen wollen, auch keine einzige mehr zu finden gewesen wäre."
An diesem 27. April sollen die Schottenkammern des Landwehrkanals bei der Schöneberger und Möckernbrücke in der Nähe des Anhalter Bahnhofes durch "extra formierte Pionierkompanien des OKH" (so unter anderem die Chronik der Division "Müncheberg") gesprengt und dann geflutet worden sein.
Die Divisionschronik weiß zu melden: "Die Schächte der U-Bahn und der S -Bahn (die hier unter der Erde fährt) waren gefüllt bis zum Bersten mit Menschen und Verwundeten. Alles will unterirdisch vor dem Wasser fliehen.
"Diese Menschen stürzen über Schwellen, zertreten Kinder und Schwerverwundete, aber das Wasser ist schneller. Wer unten zu liegen kommt, ist verloren. Dann ist Totenstille. Leichen schwimmen zwischen dem Anhalter Bahnhof und der Friedrichstraße."
Tatsache ist jedoch, daß kein einziger Ertrunkener gefunden wurde, als man den S-Bahn-Tunnel im Oktober 1945 auspumpte. Was man an Toten fand, waren verstorbene Verwundete, die man mangels eines besseren Platzes auf die Gleise gelegt hatte.
In der Station Alexanderplatz, wohin auch - aus anderem Anlaß - Wasser gedrungen war, entdeckte - man Tote, die auf Strohsäcken nebeneinander lagen - wo sie nicht gelegen hätten, wenn sie vor Wasserfluten geflohen wären..
Senatsrat i.R. Fritz Kraft, der jahrelang für die Berliner U-Bahn verantwortlich war und auch die Wiederherstellungsarbeiten nach dem Kriege, leitete, kann nachweisen, daß die Tausende von Ertrunkenen im S-Bahn-Stollen eine Legende sind.
Kraft nannte dem SPIEGEL drei Wege, durch die Wasser in die unterirdischen Anlagen der U und S-Bahn geströmt war:
- Ein Bombentreffer machte die Decke
des U-Bahn-Stollens zwischen Märkischem Museum und Klosterstraße unter der Spree wasserdurchlässig, ohne sie zu durchschlagen.
- Der S-Bahn-Tunnel unter dem Landwehrkanal wurde gesprengt. Nur an der Einbruchstelle kam das Wasser schwallartig, dann verteilte es sich sogleich. Kein Mensch ertrank.
- Durch den Ausfall der an das Stromnetz angeschlossenen Grundwasserpumpen bildeten sich an einigen Stellen seichte Seen.
Das ist das Ende einer Legende.
An diesem 27. 4. besetzen die Sowjets Spandau, gehen in den Bezirken Schöneberg und Kreuzberg vor und errichten in Mariendorf ein Bürgermeisteramt. Der Flugplatz Gatow geht endgültig verloren.
Wasser wird jetzt aus der Spree gepumpt und filtriert. Die noch nicht zerstörten Brunnen reichen für den Bedarf nicht mehr aus. Warme Mahlzeiten werden in Berlin kaum noch zubereitet.
Es kommt zu einem ersten Feuergefecht zwischen Polizei und Wehrmacht. Ob Polizisten der Formationen beteiligt sind, die Krukenberg in der Gneisenaukaserne aus ihrer Ruhe aufgeschreckt hat, läßt sich nicht beweisen; die Wahrscheinlichkeit spricht dafür.
Die Fliegenden Standgerichte tauchen
auf. Die "Richter" sind meist blutjunge SS-Führer. General Mummert, Kommandeur der Division "Müncheberg", verbietet in aller Form die Tätigkeit von Standgerichten in seinem Verteidigungsabschnitt. Ihm geschieht nichts.
Angehörige der Division müssen sich vom Potsdamer Platz zurückziehen und stolpern unterirdisch neben den Gleisen im Dunkeln zum Nollendorfplatz. Auf dem Gegengleis tasten sich Rotarmisten kampflos zum Potsdamer Platz.
Bei der "Abendlage" im Führerbunker berichtet Staatssekretär Naumann, Himmler sei in Verhandlungen mit den West-Alliierten eingetreten. Sein- Vorschlag, einseitig zu kapitulieren, sei abgelehnt worden.
Augenzeuge Weidling berichtet: "Der im Innersten getroffene Führer blickte lange Dr. Goebbels an und murmelte darauf leise und undeutlich irgend etwas, was ich nicht verstehen konnte. Seit dieser Stunde sah man in der Reichskanzlei Himmler als einen Verräter an."
Hitler läßt v. Greim auf einer Bahre hereintragen, ernennt ihn zum Generalfeldmarschall und Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe. (Einige Quellen nennen frühere Daten für die Ernennung, die meisten Indizien sprechen aber für den 27. April.)
Generalstabschef Koller, nach kurzfristiger SS-Haft auf den Flugplatz Rechlin zurückgekehrt, erreicht Greim am Telephon. Koller erzählt: "Ich gratuliere, ihm zum Feldmarschall und füge hinzu, wegen der Ernennung zum Oberbefehlshaber der Luftwaffe könne ich ihm nicht gratulieren, sondern ihm nur zu dieser aussichtslosen Aufgabe mein Bedauern ausdrücken. Greim sagt: 'Ja, da haben Sie recht.'"
Boldt notiert an diesem Tage: "Fast acht Tage hausen die Berliner Frauen, Kinder, Greise, Kranke, Verwundete, Soldaten und Flüchtlinge nun schon ohne Unterbrechung in den Kellern und Ruinen der Innenstadt. Eine einigermaßen geregelte Versorgung gibt es nicht mehr. Der Durst ist noch schlimmer als der Hunger, denn seit Tagen gibt es kein Wasser. Dazu die dauernden Brände, Feuersbrünste und der erstickende Qualm."
An diesem Tag, den sie den "Tag der Katastrophe" nennt, erreicht die ungenannte Berlinerin, die ihre Erlebnisse aufschrieb, das Kriegsschicksal:
"Draußen fuhr ein endloser Troß auf. Pralle Stuten, Fohlen zwischen den Beinen. Eine Kuh, die dumpf nach dem Melker muhte. Schon schlagen sie in der Garage gegenüber ihre Feldküche auf. Zum erstenmal erkennen wir Typen, Gesichter: Breitschädel, kurzgeschoren, wohlgenährt, unbekümmert. Nirgendwo ein Zivilist.
"Noch sind die Russen ganz unter sich. Doch unter allen Häusern flüstert und bebt es. Wer es jemals darstellen könnte, diese angstvolle verborgene Unterwelt der großen Stadt. Das verkrochene Leben in der Tiefe, aufgespalten in kleinste Zellen, die nicht mehr voneinander wissen. Draußen Blauhimmel, wolkenloses Leuchten...
"Ich weiche in den Kellergang zurück, drücke mich über den Innenhof, meine schon, ich hätte den mir folgenden Russen abgeschüttelt, da steht er plötzlich neben mir und schlüpft mit in unseren Keller. Er taumelt von Balken zu Balken, leuchtet mit einer Stablampe die Kellergesichter ab, der Keller gefriert."
Diese Frau versteht etwas Russisch, sie kann sich mit den Siegern unterhalten. Es nützt ihr nichts an diesem Tag, so viel es ihr auch in den folgenden Wochen nützen wird:
"Ich schreie, schreie... Hinter mir klappt dumpf die Kellertür zu. Der eine zerrt mich an den Handgelenken weiter, den Gang hinauf. Nun zerrt auch der andere, wobei er mir seine Hand so an die Kehle legt, daß ich nicht mehr schreien kann, nicht mehr schreien will, in der Angst, erwürgt zu werden.
"Beide reißen sie an mir, schon liege ich am Boden. Aus der Jackentasche klirrt mein Schlüsselbund. Ich komme mit dem Kopf auf der untersten Stufe der Kellertreppe zu liegen, spüre im Rücken naßkühl die Fließen. Oben am
Türspalt, durch den etwas Licht fällt, hält der eine Mann Wache..."
Zur gleichen Stunde, als dies geschieht und hundertfach geschieht, kurz vor der "Mittagslage" in jenem Bunker, "wo der Himmel nicht blau ist und kein wolkenloses Leuchten über den Ruinen steht, sieht Weidlings Adjutant Hitlers Freundin Eva zum erstenmal.
Boldt notiert: "Sie saß mit Hitler und mehreren Männern seiner engsten Umgebung am Tisch im Vorraum und unterhielt sich lebhaft. Hitler hörte ihr zu. Sie trug ein enganliegendes graues Kostüm, das eine sehr gut gewachsene Frau erkennen ließ, geschmackvolle Schuhe, und mir fiel eine hübsche, mit Brillanten besetzte Armbanduhr auf."
28. April 1945
Die sowjetische Militarverwaltung wird eingerichtet, der grundsätzliche Befehl erlassen:
"Befehl Nummer 1 des Chefs der Besatzung der Stadt Berlin, 28. April 1945. Heute bin ich zum Chef der Besatzung und zum Stadtkommandanten von Berlin ernannt worden. Die gesamte administrative und politische Macht geht laut Bevollmächtigung des Kommandos der Roten Armee in meine Hände über.
"In jedem Stadtbezirk werden gemäß der früher existierenden administrativen Einteilung militärische Bezirks- und Revierkommandanturen eingesetzt.
"Ich befehle:
"1 die Bevölkerung der Stadt hat volle Ordnung zu bewahren und an ihren Wohnsitzen zu verbleiben.
"2. Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei und alle ihr unterstellten Organisationen (Hitlerjugend, NS-Frauenschaft, NS-Studentenbund usw.) sind aufzulösen. Ihre Tätigkeit wird hiermit verboten...
"Binnen 72 Stunden haben sich ebenfalls alle in der Stadt verbliebenen Angehörigen der deutschen Wehrmacht, der SS und der SA zwecks Registrierung zu melden.
"Die Inhaber von Druckereien, von Schreibmaschinen und anderen Vervielfältigungsapparaten sind verpflichtet, sich bei den militärischen Bezirks- und Revierkommandanten zwecks Registrierung zu melden. Es ist kategorisch verboten, jegliche Dokumente ohne Erlaubnis der militärischen Kommandanten zu drucken, zu vervielfältigen, auszuhängen oder in der Stadt in Umlauf zu setzen...
"8. Der Bevölkerung der Stadt ist verboten: zwischen 22.00 und 08.00 Uhr morgens Berliner Zeit die Häuser zu verlassen, auf den Straßen und Höfen zu erscheinen, sich in unbewohnten Räumen aufzuhalten und dort irgendwelche Arbeit zu verrichten ...
"11. Verbände der Roten Armee und einzelne Militärangehörige, die in Berlin eintreffen, sind verpflichtet, nur in den von den militärischen Bezirks- und Revierkommandanten angewiesenen Unterkünften Quartier zu nehmen.
"Angehörigen der Roten Armee ist ohne Erlaubnis der militärischen Kommandanten die eigenmächtige Aussiedlung oder Umsiedlung der Einwohner, Entnahme von Gütern und Werten und Haussuchungen bei den Stadteinwohnern verboten.
Chef der Besatzung und Stadtkommandant von Berlin, Oberbefehlshaber der
5. Armee
Generaloberst N. Bersarin
Stabschef der Besatzung
Generalmajor Kuschtschowe."
Im Führerbunker denkt man kaum über das Wohl und Wehe der Bevölkerung Berlins nach. Sie ist für die Menschen, die hier in einer Wahnwelt leben, nicht mehr vorhanden.
Schweres Bombenfeuer liegt auf der Reichskanzlei. Der Bunker zittert und dröhnt unter den Einschlägen. Die Ventilatoren saugen staubige, von den Geschoßexplosionen vergiftete Heißluft nach unten.
Hitler sorgt sich um seine persönliche Sicherheit und fragt Mitarbeiter, ob die Bunkerdecke halten werde. Er ist körperlich erschöpft. Entgegen seiner Gewohnheit, auf schlechte Nachrichten mit neuen Plänen und wortreichen Abschweifungen zu reagieren, bleibt er den Tag über ziemlich stumm. Eine Hiobsbotschaft nach der anderen erreicht ihn.
Die Drahtverbindung zum DKW ist abgerissen. Zwei Funkstellen, eine im letzten Büro des Propagandaministeriums eine beim Kampfkommandanten in der Bendlerstraße, übermitteln noch Meldungen und Befehle.
Die drei Phantome möglicher Rettung lösen sich im Laufe des Tages ins Nichts auf:
- Die eingekesselte 9. Armee im Süden Berlins scheint nicht einmal mehr in der Lage zu sein, sich selbst zu helfen, geschweige denn Berlin. (Ein Irrtum: Entgegen dem OKW vorliegenden Meldungen finden dann doch noch Teile der 9. Armee Anschluß an die Wenck-Armee und fliehen mit ihr über die Elbe.)
- Steiner bleibt mit seinen Einheiten
im Norden Berlins am Ruppiner Kanal endgültig liegen, wo die Truppen des Sowjetmarschalls Rokossowski nach Westen durchbrechen
- Wenck hält sich noch im Südwesten
von Berlin mit letzten Kräften, Front nach Osten, auf einer Linie Niemegk -Beelitz-Ferch im Bestreben, etwa doch durchbrechende oder durchsickernde Teile der 9. Armee aufnehmen zu können, aber er, kommt über diese Linie keinen Schritt mehr hinaus.
Führt jetzt Hitler seinen Selbstmordentschluß vom 22. April aus? Nein, er denkt nicht an Selbstmord, er denkt an Mord.
Die über Radio Stockholm aufgefangene Meldung. Himmler verhandle mit den westlichen Alliierten, findet gegen Abend Bestätigung durch eine ausführlichere, sogar übertriebene Reuter-Meldung, die BBC London ausstrahlt. Ein Beamter des Propagandaministeriums bringt die Niederschrift der abgehörten Nachricht in den Bunker.
"Hitler verfiel in einen haltlosen Wutanfall", schreibt Boldt. Der "Verrat" kommt ihm gelegen, auf seiner Suche nach Schuldigen hat er ein neues Opfer; zugleich trifft es ihn tief, da es sich um die SS-Führung und nicht um Wehrmachtsoffiziere handelt, denen er ohnehin nicht traut.
Himmler ist weit weg, er kann ihn nicht auf der Stelle erschießen lassen. Ein Ersatzopfer aber bietet sich an: Himmlers Verbindungsoffizier im Führerhauptquartier, der Reitlehrer und SS-Führer Fegelein, der mit Eva Brauns Schwester verheiratet ist.
Diese Beziehung nützt Fegelein nichts mehr; bereits am Vortag verhaftet und degradiert, weil er in Zivilkleidern angetroffen wurde, wird er Hitler vorgeführt, der ihn nach seiner Mitwisserschaft bei Himmlers "Verrat" befragt. Fegelein behauptet, nichts davon zu wissen, und wahrscheinlich weiß er auch nichts. Er wird vor dem Bunkerausgang erschossen.
Hitlers Rachedurst ist nicht gestillt. Im Bunker liegt noch der leicht verwundete neue Generalfeldmarschall v. Greim; seine munter plaudernde Begleiterin Hanna Reitsch wirkt in der allgemeinen Weltuntergangsstimmung erfrischend.
Feldmarschall v. Greim hat bis jetzt noch keine unausführbaren Befehle für die Verteidigung Berlins übernehmen müssen. Auf ihm lastet noch nicht des Führers Mißtrauen, das jetzt auch Keitel und Jodl gilt. Er scheint Hitler gerade der rechte Mann zu sein, der Himmler vor ein Standgericht bringen und mit dem Tode bestrafen wird. Mit diesem Auftrag soll er sofort ausfliegen.
Indes, der Fieseler Storch, mit dem Greim gekommen ist, liegt zerstört im Tiergarten. In der Nacht gelingt es einem wagemutigen Luftwaffenpiloten mit einem langsamen Schulflugzeug vom Typ Arado nicht nur zu landen, sondern auch Greim und Hanna Reitsch nach Rechlin zurückzubringen.
Die weiteren Ereignisse lassen es nicht mehr zur Ausführung des Mordbefehls kommen. Himmler wird sich selber umbringen.
Die Auflösung naht heran: Verbände der Berliner Polizei begeben sich mit weißen Fahnen in Gefangenschaft und schießen auf Wehrmachtsangehörige, die sie daran hindern wollen, sich zu ergeben.
Der Wehrmachtsbericht dieses Tages ist nicht nur, wie viele andere zuvor, ein mehr propagandistisches als sachliches Dokument, er bedient sich nun gar" offen der Sprache von Goebbels:
"In dem heroischen Kampf der Stadt Berlin kommt noch einmal vor aller Welt der Schicksalskampf des deutschen Volkes gegen den Bolschewismus zum Ausdruck. Während in einem in der neuen Geschichte einmaligen grandiosen Ringen die Hauptstadt verteidigt wird, haben unsere Truppen an der Elbe den Amerikanern den Rücken gekehrt, um von außen her im Angriff die Verteidiger von Berlin zu entlasten."
Die Insassen des Bunkers und die Verfasser dieser Phrasen wissen es besser Hitlers Heirat mit Eva Braun, die er in dieser Nacht vom 28. auf den 29. April mit Trauzeugen, Standesbeamten und Hochzeitsessen vollzieht, ist ein neues Eingeständnis seines Bankrotts als Politiker und Feldherr.
13 Jahre lang (Hitler kennt Eva Braun seit 1932) hat er daran festgehalten, er dürfe sich als "der Führer" den privaten Status eines Ehemannes nicht leisten. Der Katholik Hitler, weit entfernt davon, zölibatäre Vorschriften buchstäblich zu erfüllen, hatte durchaus begriffen, daß auch mit dem nur fortmal eingehaltenen Zölibat eine Autoritätssteigerung verbunden war.
Jetzt verzichtet er auf diese Tarnung. Durch diese Hochzeit im Keller bekennt er sich zu seinem Kleinbürgertum, zeigt er sich als der Prototyp seiner frühesten und unbeirrbarsten Anhänger.
29. April 1945
Der unermüdliche Weidling macht im Bunker neue Vorschläge für einen Ausbruch der "Garnison Berlin" nach Westen - zusammen mit dem Führer. Reichsjugendführer Axmann unterstützt Weidling durch eine Art Garantieversprechen für Leben und Sicherheit Hitlers, für die er die Hitler-Jugend verpfändet.
Je nach der Lage in der Stadt wechseln die Vorstellungen Weidlings und seiner beiden Stabschefs Refior und Dufving darüber, wie der Ausbruch noch praktisch geführt werden könne.
Es scheint nur noch einen Weg zu geben, sich herauszukämpfen: über die Heerstraße und die Havelbrücken bei Pichelsdorf und Spandau-West, wo die HJ fanatisch unter dem Obergebietsführer Schlünder und dem Major und ehemaligen HJ-Führer Theilhacker noch immer Panzerjagd in Ruinen betreibt, was die Sowjets dort auf der Stelle treten läßt - getreu ihrer Berliner Devise: Nur keine unnötigen Opfer mehr!
Zwei Stoßkeile sollen sich beiderseits der Heerstraße vorkämpfen, links eine Kampfgruppe mit den Resten der 18. Panzer-Grenadier-Division als Kern, rechts die 9. Fallschirmjägerdivision. Weidling will an der Spitze, und zwar dort führen, wo sich die besseren Erfolgschancen entwickeln.
In der nachfolgenden Masse der Truppen sollen die SS-Kampfgruppe Mohnke, die Krukenberg-Division "Nordland" und die als Infanteristen zweckentfremdeten Radartechniker von der Insel Fehmarn das Leben des in der Mitte fahrenden oder marschierenden Führers schützen.
Wohin aber wollen die Offiziere mit Hitler? Ist er außerhalb Berlins besser aufgehoben als unter der Reichskanzlei? Wozu brauchen sie einen Mann überhaupt noch, den damals gehaßt und verachtet zu haben, sie später behaupten? Machen sie den Vorschlag, ihn mitzunehmen, nur deshalb, damit er ihnen die Erlaubnis zum Ausbruch gibt und sie auf diese Weise vielleicht doch in amerikanisch-englische statt in russische Gefangenschaft kommen können? Aber er spielt nicht mehr mit.
Soweit noch im Stadtkern und in der Gegend des Zoo punktartig gekämpft wird, bleibt die Truppe ohne jede Information über das, was zwischen Bendlerstraße und Führerbunker ausgehandelt wird.
Sie hätten, berichtet der Kommandeur der Division "Nordland", nicht einmal ein Funkgerät besessen, um sich über die Lage außerhalb Berlins zu informieren: "Menschenleer, wie die Stadt um uns war, drangen auch aus der Bevölkerung keine Nachrichten zu uns Von oben wurden wir noch am Sonntag, dem 29. April, mit optimistischen Erwartungen über die Armee Wenck und die Verhandlungen mit den Westmächten gefüttert."
Was Himmler als todeswürdiges Verbrechen angerechnet wurde - Verhandlungen mit den westlichen Alliierten -, gab man der Truppe als angestrebtes Ziel aus, um sie zu veranlassen, weiterzukämpfen.
"General Krebs", erzählt Weidling, "war an dem Durchbruchsplan sehr interessiert. Er rief im Laufe des Tages einige Male an, ließ sich unterrichten, wie unsere Arbeit fortschritte, und bat darum, daß der Chef des Stabes, Oberst von Dufving, mit den Unterlagen zu ihm käme."
Dufving meint in seinen "Notizen zum Kampfgeschehen", die Chancen auf einen Ausbruch seien auf ein Minimum gesunken: "Die Lage an den Brücken War unklar. Einige Meldungen lauteten, sie seien in unserer Hand; nach anderen waren die Brücken verlorengegangen."
"Als besondere Vertrauensperson schickte ich als Spähtrupp den O I des LVI. Panzerkorps, den Hauptmann Kafurke, mit einigen Unteroffizieren und Gefreiten des Korpsstabes zu den Brücken... Unklar war, was darin? Zur Elbe? Würden wir durchkommen? Würden unsere Kräfte langen?"
Der Kampfkommandant befiehlt am Abend seine Kommandeure in die Bendlerstraße zu einer Besprechung.
Es kommen nicht mehr viele. Dufving: "Das Thema war Ausbruch oder nicht mit oder ohne Hitlers Zustimmung, Beurteilung der Chancen. Das Ergebnis, soweit ich mich erinnere, war: Vorbereiten, dazu Erkundung ansetzen, wieder zusammenkommen am 30. April, zehn Uhr, zur Befehlsausgabe."
Die Bevölkerung folgt in ihrer überwiegenden Mehrzahl bereits anderen Befehlen. Oder Verlockungen. Oder dem Zwang und der Gewalt. Die Berlinerin in ihrem Keller notiert:
"Sonderbar ist, wie die Russen zuerst immer fragen: Hast du einen Mann? Sagt man nein, werden sie gleich schleckrig. Sagt man ja und glaubt, dadurch seine Ruhe zu bekommen, so geht die Frage weiter: ,Wo ist er? Ist er bei Stalingrad geblieben?'
"Ist ein lebendiger Mann vorhanden, den man ihnen vorführen kann, wie es die Witwe mit Herrn Pauli tut, obwohl er bloß ihr Untermieter ist und nichts weiter, so weichen sie erstmal einen Schritt zurück. An sich ist es ihnen egal, was sie kriegen, sie nehmen verheiratete Frauen genauso mit.
"Aber es ist ihnen lieber, wenn sie den Ehemann solange aus dem Weg bringen können, ihn wegschicken, einsperren und so. Nicht aus Angst. Die haben gemerkt, daß hier so leicht kein Ehemann explodiert. Aber es stört sie, solange sie noch nicht völlig blau sind.
"In der Pumpenschlange erzählt eine Frau, wie in ihrem Keller ein Nachbar ihr zugerufen habe, als die Iwans an ihr zerrten: ,Nu gehn Sie doch schon mit, Sie gefährden uns ja alle!'"
Von der bürgerlichen Welt bleibt äußerlich und innerlich nichts übrig. Aber zwei Dokumente, in denen der ganze Wahn der Nation unter Hitler noch einmal seinen Ausdruck findet, entstehen in dieser Nacht. Hitler diktiert seiner Sekretärin, Frau Gertrud Junge, sein privates und politisches Testament (siehe Auszug Seite 112/113).
Die Sowjets befinden sich noch 500 Meter von den Eingängen zur Reichskanzlei entfernt. Sie kämpfen verbissen im Reichstag, aber sie stoßen nicht bis zur Reichskanzlei durch, wo sie auf viel geringeren, vielleicht sogar auf gar keinen Widerstand mehr gestoßen wären.
Bersarin hat seine Aufgaben als Stadtkommandant übernommen, und während das Chaos in den noch nicht besetzten Teilen Berlins immer vollständiger wird, entsteht in allen übrigen Teilen bereits eine neue Verwaltung. Berlin zersplittert unter den Befehlen der Bezirkskommandanturen in kleinstädtische und städtische Gemeinden. Bewegung außerhalb der Grenzen ihres Wohnbezirkes ist der Zivilbevölkerung verboten.
Großberlin erlebt keinen "Punkt Null". Er wandert zwischen dem 23. April und dem 2. Mai, den vorrückenden Truppen folgend, gewissermaßen von Bezirk zu Bezirk. Als er seine Rundreise beendet hat und überall gewesen ist, hat sich bereits ein neues Berlin gebildet, das ohne Pause und unter sowjetischem Befehl darangeht, den Krieg und die Zerstörung zu überwinden.
Die Isolierung des Führerbunkers, der Mangel an zuverlässigen Nachrichten in Verbindung mit der immer neu genährten Hoffnung auf Hilfe von außen, veranlaßt junge Offiziere aus dem Stab von Krebs zu dem
Vorschlag, man möge ihnen den Ausbruch erlauben mit dein Ziel, den General Wenck über die Lage zu orientieren und ihn "zur Eile anzuhalten".
Dieser durchsichtige Plan findet die lebhafte, Unterstützung des Generals Burgdorf und des Reichsleiters Bormann. Kein Strohhalm Ist so dünn, daß die Verantwortlichen sich nicht an ihn klammern. Auch bei Hitler flammt noch für einen Augenblick Interesse auf. Er erkundigt sich, wer die Offiziere seien und wie sie herauskommen wollen. Dann gibt er die Erlaubnis.
Am 29. April um 13.30 Uhr verlassen Rittmeister Gerhard Boldt, Major Bernd von Freytag-Loringhoven und Oberstleutnant Weiss, Adjutant des Generals Burgdorf, die Reichskanzlei durch den Ausgang an der damaligen Hermann-Göring-Straße. Boldt: "Aus Richtung Potsdamer Platz zogen dunkle dicke Rauchschwaden zu uns herüber." Zwei kommen durch und geben sich den Amerikanern gefangen. Weiss gerät unterwegs in russische Gefangenschaft.
30. April 1945
Des Führers Todestag. Verbürgt ist, daß sich Adolf und Eva Hitler am Montag, dem 30. April 1945, zwischen 15 und 15.30 Uhr in jener Kammer des Führerbunkers das Leben nahmen, die Hitler als Wohnzimmer diente.
Sie hatte drei Türen. Die eine führte in Hitlers Schlafzimmer, die zweite in einen dem Kammerdiener Linge als Office dienenden Vorraum, die dritte in einen kleinen Vorflur, der durch drei weitere Türen in Bad, Toilette und in Eva Hitlers Wohn- und Schlafzimmer Zutritt gewährte.
Bevor sich Hitler mit seiner Frau zu diesem letzten Schritt zurückzog, verabschiedeten sie sich von Hitlers Mitarbeitern. Er hatte zuvor Anweisungen für die Verbrennung seiner und Evas Leiche gegeben, die mittels Benzin im Garten der Reichskanzlei, einem Trümmerfeld, vor sich gehen sollte.
Bormann hatte den Befehl, Kanister bereitzustellen, an Chauffeur Kempka geleitet, der als Chef des Kraftfahrwesens über Benzin verfügte. Aber auch Kammerdiener Linge, der sich seit elf Jahren in Hitlers unmittelbarer Umgebung befand, und der Adjutant Günsche hatten sich um Benzin bemüht, das daher in größerer Menge (etwa zehn bis zwölf Kanister zu je 20 Liter) zur Verfügung stand. Der Kammerdiener Linge hatte überdies mehrere Wolldecken im Vorraum bereitgelegt, darin die toten Körper eingewickelt werden sollten.
Hitler und seine Frau konnten ihre persönlichen Zimmer nur durch diesen Vorraum betreten. Dessen Tür zu dem Stück Korridor, das als sogenanntes Lage- und Besprechungszimmer diente, ist die Stelle, an der Hitlers engster Kreis (Bormann, Goebbels, Burgdorf, Krebs, Axmann) und die Sekretärinnen ihren Führer zum letztenmal lebend sahen.
Kammerdiener Linge hielt die Tür offen, Hitler ließ seiner Frau den Vortritt: Linge war daher außer Eva Hitler der letzte Mensch, mit dem Hitler gesprochen hat. Hitler blieb in der Tür stehen, gab Linge die Hand und sagte zu ihm: "Nun, Sie brechen auch mit einer der Gruppen aus."
"Mein Führer", antwortete der Kammerdiener, "wofür sollen wir noch ausbrechen?"
Hitlers Antwort, für die sich der heutige Kaufmann Linge gegenüber dem SPIEGEL verbürgt, ist die einzige mündliche Äußerung, aus der zu entnehmen ist, daß sich Hitler mit einer Zukunft ohne ihn in positiver Weise gedanklich beschäftigte.
Was sonst überliefert ist, liegt auf der Linie: Nach mir die Sintflut. Aber zu Linge sagte Hitler auf die verzweifelte Frage, wofür sich denn das Weitermachen noch lohne: "Für den Mann, der nach mir kommen wird." Damit verschwand er für die Umwelt.
Der Besprechungsraum leerte sich, ratlos und verstört zogen sich die Eingeweihten in ihre Zimmer zurück. Kammerdiener Linge erlebte einen Augenblick geistiger Verwirrung.
In Panik rannte er die vielen Stufen des Treppenhauses hinauf. Oben angekommen, dem Lärm des draußen tobenden Artilleriefeuers nun so viel näher, kam er wieder zur Besinnung und fragte sich: Was will ich hier eigentlich?
Langsam, Stufe um Stufe, stieg er wieder hinab. Wohin sonst hätte er gehen sollen als an den Ort, wo er seine Pflichten so lange ausgeübt hatte: in sein Office. Vor der Tür hielt er an und hatte Mühe, sich klar darüber zu werden, daß er dieser Pflichten für immer enthoben sei.
Er öffnete die Tür einen Spalt und roch Pulverdampf. Daraus schloß er, daß der Selbstmord stattgefunden hatte.
Was dann geschah, beschreibt der Ex-Kammerdiener Linge dem SPIEGEL in einem minutiösen, wiewohl Zweifel weckenden Bericht so:
Linge zog die Tür wieder zu; er wollte nicht allein hineingehen. Er holte Bormann, gemeinsam betraten sie durch das Office Hitlers Wohnraum. Die Tür dorthin befand sich in der linken Ecke der inneren Längswand.
Wer die Tür öffnete, hatte in einem Abstand von 2,50 Meter die gegenüberliegende Wand vor sich. An ihr stand ein Sofa mit Lehnen, auf dem mit Mühe drei Personen hätten sitzen können, davor ein kleiner Tisch, rechts und links von dem Tisch je ein Stuhl.
Von Linge und Bormann aus gesehen, saß Hitler in der linken Ecke des Sofas, also unmittelbar gegenüber der Tür, Eva Hitler in der rechten Ecke. Zwischen beiden war ein leerer Platz.
Vor Hitler auf dem Tisch lag eine Walther-Pistole, Kaliber 7,65 Millimeter. Eine zweite Walther-Pistole, Kaliber 6,35 Millimeter, lag unter dem Tisch auf dem Spannteppich neben Hitlers Füßen. Hitlers Kopf hing nach rechts (Seitenangaben nun vom Standpunkt Hitlers und seiner Frau aus), ragte also, wenn man von der armhohen Lehne des Sofas eine senkrechte Linie gezogen hätte, etwas darüber hinaus.
Aus der rechten, dem Boden zugekehrten Schläfe tropfte noch Blut auf den Teppich herab. Das Blut hatte auf dem Teppich hart neben dem (von der Tür aus gesehen) linken Vorderbein des Sofas eine kleine Lache gebildet, und war hochgespritzt durch den Aufprall aus etwa 1,50 Meter Höhe. Das Holz des Möbels wies blutige Stellen auf.
In der linken Schläfe, die also, da der Kopf nach rechts hing, in die Höhe wies, war eine blutige Einschußöffnung zu sehen, aus der aber kein Blut tropfte.
Aus allen diesen Details ergibt sich für Linge keine andere Deutung als die: Adolf Hitler habe sich mit der Pistole, die auf dem Boden lag, mit der linken Hand in die linke Schläfe geschossen.
Diese Darstellung ist die einzige in sich schlüssige, wenn man unterstellt, er habe sich erschossen, und zwar eigenhändig. Die Version, die Von einem Schuß in den Mund und von geplatzten Schläfenadern spricht, konnte nie stimmen. Jeder Arzt kann bestätigen, daß der Schädel eines Mannes aufbricht, der sich durch einen Schuß in den Mund tötet.
Wenn sich Hitler überhaupt durch einen Pistolenschuß getötet hat, dann kann es nur auf diese Weise geschehen sein, da ja auch jene, die von einem Schuß in den Mund schreiben, Wunden an den Schläfen gesehen haben wollen. Herzschuß scheidet damit aus.
Die Aussagen darüber, welche Hand Hitlers während seines letzten Lebensjahres stärker gezittert habe, die rechte oder die linke, gehen auseinander. Daraus ist der Schluß zu ziehen, daß beide Hände zitterten: Es gibt Zeugnisse für das Zittern der einen und der anderen Hand.
Stimmt die Schilderung Linges, so hat Hitler die ohnehin unsicherste Methode des Selbstmords gewählt, die in seinem Fall noch unsicherer dadurch wurde, daß er seine Hände nicht ruhig halten konnte.
Hitler war kein Linkshänder, so daß man sich fragen muß, warum er, falls er sich erschoß, dazu die linke Hand benutzte, die zudem die vielleicht doch stärker zitternde gewesen ist.
Es bietet sich dafür eine einleuchtende Erklärung: Seine Frau saß links von ihm; wenn er sich mit der Rechten in die rechte Schläfe geschossen hätte, so wäre es möglich gewesen, daß die den Schädel durchschlagende Kugel Eva Hitler getroffen und verunstaltet hätte.
Aber es gibt noch eine zweite Möglichkeit: Nicht Hitler selbst hat sich, sondern seine Frau hat ihn erschossen und die Pistole auf den Boden geworfen, bevor sie Gift nahm. Es sind keine Fingerabdrücke von dieser Pistole genommen worden, und niemand wird diese Frage so oder so entscheiden dürfen. Daß sie bisher nicht einmal gestellt wurde, ist erstaunlich wie so vieles in diesem Zusammenhang.
Für die Möglichkeit, daß Frau Hitler ihrem Mann mit Rücksicht auf seine zitternden Hände diesen Dienst getan hat, sprechen zwei Überlegungen:
- Eine Frau, die in dieser Lage nach
Berlin kam, um mit dem Mann ihres
Lebens in den Tod zu gehen, war nicht ohne Entschlußkraft.
- Linge berichtet, Hitlers Hände hätten gleichsam in guter Ordnung auf seinen Knien gelegen. Es kann sein, aber es ist mindestens unwahrscheinlich, daß die Hand eines Mannes, der sich erschossen hat, vom eigenen Gewicht und vom Gewicht der Pistole gezogen, herabsinkt, daß die Pistole dem Griff der Finger entgleitet und daß diese Hand hernach mit dem Rücken nach oben auf dem Knie ruht.
Die zweite Pistole, sagt Linge, habe Hitler für den Fall einer Ladehemmung der ersten bereitgelegt.
Vor Eva Hitler lag auf dem sonst leeren Tischehen die kleine, einem Nadelbüchschen ähnliche Hülse aus Kunststoff, die Linge durchaus bekannt war,
denn sie stellte die Reichseinheitspackung der mit Zyankali gefüllten Glaskapseln dar, die für prominenten Selbstmord in Partei-, Regierungs- und Militärkreisen damals verteilt wurden.
Frau Hitler saß, ihrem Mann etwas zugekehrt, mit hochgezogenen Beinen in ihrer Sofaecke wie eine Studentin, die, auf ihrer Couch sitzend, Platten hört. Nur die zusammengepreßten Lippen und eine gewisse Verfärbung an den Nasenflügeln verrieten - außer der Hülse auf dem Tisch -, daß sie sich vergiftet hatte.
Bormann ging durch Office und Lageraum in das Zimmer der Wachmannschaften und befahl drei SS-Männern, Linge bei dem zu helfen, was jetzt zu tun war. Linge stellte währenddessen das Tischehen und die Stühle beiseite und breitete von den im Vorraum bereitliegenden grauen Woilachs erst einmal zwei so auf dem Boden aus, daß sie sich zur Hälfte überdeckten.
Die SS-Männer und Linge füllten den kleinen Raum. Andere, die jetzt neugierig hereinschauten, zum Beispiel Axmann, konnten allenfalls durch die Verbindungstür zwischen Totenzimmer und Office noch einen letzten Blick auf die Leiche des Führers erhaschen, die in Wolldecken eingeschlagen wurde.
Die SS-Männer, Linge und Kempka trugen die Toten hinauf. Vielleicht hat auch Adjutant Günsche dabei geholfen. Im Garten der Reichskanzlei wurden die Leichen in eine meist als "Splittergraben" bezeichnete längliche Vertiefung zwischen Mauerbrocken und Holztrümmer gelegt.
Niemand scheint sich später Gedanken darüber gemacht zu haben, warum man drei Meter vor einem bombensicheren Großbunker einen 1,20 Meter tiefen Splittergraben angelegt hatte. Es war kein Splittergraben, es war eine angefangene Baugrube; eine Betonmischmaschine stand daneben und Schalbretter lagen herum.
Die Kopflosigkeit aller Beteiligten findet der ehemalige Kammerdiener Linge noch heute bemerkenswert. Für Benzin war zwar gesorgt worden; aber daß Benzin, wenn es in aufgebrochenes Erdreich gegossen wird, einfach versickert und daß ein Körper, der nicht auf einem Rost oder auf einem Scheiterhaufen liegt, durch darübergegossenes Benzin nicht vernichtet werden kann, war nicht vorher bedacht worden.
Wie aussichtslos die Lage auch gewesen sein mag, es ist unwahrscheinlich, daß SS-Leute den Wunsch empfanden, Selbstmord neben ihrem Führer zu begehen, indem sie aus Kanistern Benzin in ein brennendes Feuer gossen.
Auch der ehemalige Fuhrparkchef Kempka beweist durch sein erfreuliches Lebendigsein, daß er auf diese Weise nichts zur Vernichtung der Leiche seines Führers beigetragen hat. Dergleichen aber wird behauptet.
Tatsächlich wurden die eingehüllten Leichen in dieser länglichen Vertiefung, die den Luftzutritt hemmte, mit Benzin aus mehreren Kanistern übergossen; dann versuchte man, mittels Zündhölzern das Feuer zu entflammen. Nichts ist leichter, als auf diese Weise eine mit Benzin durchtränkte Wolldecke zum Brennen zu bringen, aber nur, wenn das Zündholz selbst zuvor brennt.
Der im Garten der Reichskanzlei herrschende sturmwindartige Luftsog, der von ringsum zum Himmel emporschlagenden Bränden entfacht war, verhinderte aber, daß die nervösen Leichenbestatter ein brennendes Zündholz mit den Wolldecken von oben her in Berührung bringen konnten.
Sich in den Graben zu begeben, wäre aber höchst unzweckmäßig gewesen, denn es war mit einer explosionsartigen Entzündung des allmählich oberflächlich verdampfenden Benzins zu rechnen. Es stieg auch niemand zu den Leichen hinunter.
Vielmehr kehrten die Männer eilig in den Bunkereingang im kleinen Wachtturm zurück. Dort drehte Linge aus einem Stück Papier einen Fidibus, brannte diesen im Windschatten des Eingangs mühelos an und warf ihn nun
- so nahe war der "Splittergraben" -
auf die Leichen.
Die Flammen breiteten sich über das ganze benzindurchtränkte Erdreich ringsum aus und schlugen bläulich züngelnd hoch mit qualmenden Spitzen, um aber alsbald ihr Vernichtungswerk bedächtiger zu betreiben und ohne den beabsichtigten Zweck zu erreichen.
Als der SPIEGEL Linge fragte, aus welchem Papier er den Fidibus gedreht habe, machte er Instinktiv eine Bewegung mit der rechten Hand zum linken Unterarm seines grauen Geschäftsanzugs.
Er erklärte die Geste: Seine Uniform habe hohe Ärmelaufschläge besessen, die er als Taschen für Meldungen und Formulare benutzte. Solche Papiere, die ohnehin wertlos geworden waren, seien für den Fidibus verwendet worden. Übrigens habe er den Fidibus gedreht und geworfen, angezündet aber habe ihn Bormann.
Später, als man feststellte, daß das Benzinfeuer die Leichen nicht verzehrt hatte, befahl Bormann, es habe vom SS-Begleitkommando ein Trupp von acht Mann anzurücken und sie zu verscharren. In diese Beerdigung wurden auch noch die vergifteten Hunde Blondi und Wolf einbezogen. Die Bestattung fand in einem Bombentrichter statt, der vier Meter von der Verbrennungsstelle entfernt war.
Auch diese SS-Männer hatten keine Lust, für Tote zu fallen, und erledigten die aufgetragene Arbeit so rasch wie möglich. Nur eine dünne Schicht wurde auf dem Grund des übermannstiefen Trichters über die Leichen geschaufelt; ein Gemenge von märkischem Sand, Steinbrocken, von bombenzerfetztem Holz, es war mehr Schutt als Erde. Irgend jemand warf im Laufe der Nacht oder des nächsten Tages noch eine Panzerfaust in den Trichter - vielleicht tat das bereits ein die Reichskanzlei durchstreifender Sowjetsoldat.
Berlin kapitulierte, Kampfgruppe Mohnke, Führer-Begleitkommando, Führer-Kriminal-Begleitkommando und alles, was sonst noch in der Reichskanzlei lebte, zog in Gefangenschaft. Kein Deutscher blieb in den Bunkern zurück.
Es kamen dann jene ersten Maitage, wo man jeden Tag zwei andere tote Führer" fand, wie General Boltin, Mitherausgeber der offiziellen sowjetischen Kriegsgeschichte, dem SPIEGEL erklärte. Für ihn ist Hitlers Leiche noch heute nicht gefunden. Darin aber irrt General Boltin.
Jene Sowjets, die wissen, daß und wie Hitlers Leiche gefunden wurde, bezweifeln ihrerseits, daß Kammerdiener Linge Blut aus Hitlers linker Schläfe habe tropfen sehen können.
Dort sei, argumentieren sie, kein Loch im Schädel gewesen, durch das Blut hätte tropfen können, und zwar deshalb nicht, weil Zyankali keine Löcher in Schläfenknochen frißt. Sie haben ihre eigene These über den Tod Adolf Hitlers, die besagt: Der Führer habe sich vergiftet.
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"Hast Du einen Mann?"
Hitler-Schwippschwager Fegelein*: Stellvertretend erschossen
Erschossene Deserteure*: "Was soll das alles?"
Bunker-Bewohner Hitler*: Vergiftet?
* Mit seiner Gattin Gretel (r.) und deren
Schwester und späteren Hitler-Gattin Eva Braun.
* Deutsche Soldaten, die sich im April 1945 in Zivilkleidern von ihrer Truppe entfernen wollten und von SS liquidiert wurden.
* Mit dem Chef des Heeres-Personalamtes, General Burgdorf, und seinem Kammerdiener Heinz Linge (r.).
Von Erich Kuby

DER SPIEGEL 22/1965
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DIE RUSSEN IN BERLIN 1945

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