09.06.1965

UNERTLPartisan in Passau

Franz Xaver Unertl aus dem niederbayrischen Birnbach atmete tief auf. Dann fuhr sich das CSU-MdB mit einem Taschentuch über den blanken Rundschädel und gelobte strahlend, das in ihn gesetzte Vertrauen auch weiterhin rechtfertigen zu wollen: CSU-Funktionäre des Bundeswahlkreises - Passau hatten soeben beschlossen, den Bonner Vorkämpfer des heimischen Gastwirts- und Viehhändlerstandes für eine weitere Legislaturperiode in das Parlament zu entsenden.
Fünfzehn Monate lang hatte Unertl, 53, um den Verlust seines politischen Fundaments gebangt. 1953 war er für den Wahlkreis Vilshofen in den Bundestag eingerückt, aber im Zuge einer Reorganisation hatte das Parlament just diesen Wahlkreis, als einzigen Niederbayerns, im Dezember 1963 liquidiert.
Unertl sah nicht nur seine christsoziale Repräsentanz, sondern auch die fidele Publizität bedroht, die er sich mit Kernsprüchen verschafft hatte wie "Du gottverreckerte Bauernsau" (zum Bürgermeister der Gemeinde Asbach), "Raubritterbua erster Klasse" (über den CSUFreiherrn Guttenberg) oder: "Ich geh Ostern nicht aufs Beichten. Was die katholischen Blätter über mich berichtet haben, ist gegen das achte Gebot. Was die nämlich über mich zusammenlügen in letzter Zeit, geht auf keine Kuhhaut."
Konrad Adenauer erhielt von Unertl den Rat, zu heiraten: "Eine adelige Dame aus Bayern wäre das beste." Der Bayerische Hotel- und Gaststättenverband distanzierte sich vom Kollegen Unertl, nachdem der Xaver verlangt hatte, hinfort sollten die Kellner sonntags 20 Prozent Trinkgeld erhalten. Und als er in Passau zum vierten Male wegen falschen Parkens gebührenpflichtig verwarnt wurde, revanchierte sich der Volksvertreter düster: Er werde zu einem Boykott der Donaustadt aufrufen.
Zu seinem Glück tat er das nicht. Denn nachdem sein Wahlkreis aufgelassen worden war, bot sich als neue politische Basis der benachbarte Wahlkreis Passau an. Von 1949 bis 1961 hatte Fritz Schäffer dieses Gebiet in Bonn vertreten. Nach Schäffers Rückzug aus der aktiven Politik vermochte sich die Passauer CSU zunächst keinen würdigeren Nachfolger vorzustellen als den örtlichen Verleger Hans Kapfinger ("Passauer Neue Presse").
Gerade um diese Zeit aber - im Frühling 1961 wurde eine Kuppelei-Anklage gegen den Zeitungskönig von Niederbayern populär. Die christsozialen Honoratioren entschieden sich ersatzweise für den Kapfinger-Angestellten August Ramminger.
Der Bäckersohn Ramminger, damals 61, hatte den größten Teil seines beruflichen Lebens in der engeren Heimat verbracht. Seit 1949 leitartikelte er, teils als stellvertretender Chefredakteur, teils als Ressortleiter für Politik und Wirtschaft, in der "Passauer Neuen Presse". Nun folgte er dem CSU-Ruf und wurde glatt gewählt.
Als Mann der Feder schrieb er weiterhin Leitartikel für das Kapfinger -Blatt, als Mann des Worts trug er die
gleichen Gedankengänge auf niederbayrischen CSU-Versammlungen vor. Nach der Ermordung des US-Präsidenten Kennedy kommentierte das MdB Ramminger zu Untergriesbach das Ereignis mündlich in einer Weise, die im Kapfinger-Blatt so referiert wurde:
"In Bonn habe man ... darauf gehofft, Kennedy könne nicht wiedergewählt werden. Er habe praktisch in seiner Politik versagt, und es sei damit zu rechnen gewesen, daß er die Wahl verloren hätte. Das sei im nächsten Jahr
zu erwarten gewesen. Nun sei er tot. So tragisch das auch sei, "müsse er doch sagen, daß damit das Problem Kennedy gelöst sei."
Die CSU-Landesleitung rückte von dem Nachruf ab und nannte Rammingers Rede "eine unmögliche Ausdrucksweise". Und nun griff auch die "Passauer Neue Presse" ihren August Ramminger wegen seiner Kennedy-Sprüche mehrfach vehement an und ergänzte schließlich - im Januar 1964 - ihre Attacken durch die Meldung, "weite Kreise" der CSU sprächen sich dafür aus, daß Ramminger im Herbst 1965 durch Unertl abgelöst werde.
Unertl, der sich gern rühmt, er habe "'s Ohrwaschl an der Bevölkerung", verbreitete ähnliche Informationen, aber zumindest im Wahlkreis Passau wünschten weite Kreise der CSU ihn keineswegs. Zwar propagierte Kapfingers Zeitung den Birnbacher ein Jahr lang überschwenglich, die Passauer jedoch bevorzugten einen CSU-Lokalmatador, den Studienprofessor Karl Fuchs.
Unertl erkannte, daß er sich auf sein Ohrwaschl allein nicht recht verlassen konnte, und lehnte sich noch enger an den CSU-Chef an. Schon im Mai 1963 hatte Ihn die Hamburger "Zeit" als "Strauß-Partisan" bezeichnet; jetzt verstärkte er sein Engagement und lobte den Parteivorsitzer lauter denn zuvor: "Daß wir vom Osten nicht aufgefressen worden sind, haben wir Strauß als Verteidigungsminister zu danken."
Am Aschermittwoch 1965 lohnte sich sein Einsatz. Strauß setzte seine Unterschrift auf ein Stück Papier, dessen Text die Verheißung enthielt: Der in Passau intern unterliegende Aspirant bekommt einen absolut sicheren Platz auf der CSU-Landesliste. Angesichts dieser schriftlichen Listen-Garantie trat Fuchs freiwillig zurück - und wurde dennoch Ende Mai nicht auf der CSU-Kandidatenliste placiert, obwohl er (wie die "Passauer Neue Presse" wußte) von Strauß "ehrenwörtlich gegebene Zusicherungen" hatte.
Unertl aber verkündete: "Mein Gegenkandidat war ein Oberstudienrat, ein Professor - den zu schlagen ist schon eine Leistung."
CSU-Vertreter Unertl
Ohrwaschl am Volk

DER SPIEGEL 24/1965
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