09.06.1965

BRANDT-SOHNVon Papa gelernt

Die Brille auf seiner Nase wippte vor Erregung: Zornig schlug der Sohn mit der Faust auf das Rednerpult. Auf der Jahreskonferenz der "Falken" im April protestierte er unter dem Applaus der Jung-Genossen "auf das schärfste gegen die fortwährenden militärischen Interventionen der USA gegen Vietnam".
Fast zur gleichen Zeit äußerte der Vater gegenteilige Ansichten. Begeistert zollte ihm die US-Presse Zustimmung, als er in Washington postulierte, die SPD gewähre der Vietnam-Politik Johnsons moralische Unterstützung.
Der politischen kontroverse folgte keine familiäre Auseinandersetzung: SPD-Vorsitzender Willy Brandt nimmt Rücksicht darauf, daß der Filius in einem Alter ist, da ihm "weder lange noch kurze Hosen passen". Mit 16 Jahren hat Oberschüler Peter Brandt - Geschwister: Lars, 14, und Matthias, 3 - Anschauungen, die mit denen des Vaters und Stadtvaters nicht übereinstimmen.
So verbreitete Sohn Peter, der die Schadow-Schule (11. Klasse, wissenschaftlicher Zweig) besucht, in der Schülerzeitung "Der Rote Turm", West-Berlin sei Frontstadt des Kalten Krieges, was mit der friedlichen Koexistenz (Chruschtschows atomare Überlebens-These) unvereinbar sei. Auch wetterte er gegen den vom Vater geförderten Boykott der unter DDR-Direktion stehenden S-Bahn, mit dem die West-Berliner auf Ulbrichts Mauerbau reagierten.
Und auf der vorletzten Maifeier vor dem Reichstag mußte Kanzler Ludwig
Erhard es hinnehmen, daß ihn die SPDFalken - fernsehweit ausgestrahlt - mit Pfiffen bedachten. Unter denen, die ihre Lippen spitzten, machte der auf Gemeinsamkeit bedachte sozialdemokratische Kanzler-Rivale den eigenen Sprößling aus.
Brandt, dem unlängst einige Gewerkschaftsführer den diffizilen Umgang mit der Jugend darlegten, bekannte auch prompt familiäre Schwierigkeiten: "Das ist mir nicht neu, das kenne ich von meinem Sohn."
Freunde des Regierenden Bürgermeisters suchen das Vater-Sohn-Problem im Hause Brandt damit zu erklären, daß der Junge den Widerspruchsgeist vom Alten geerbt haben müsse. Junior-Sozialist Willy Brandt, so erinnern sich Senior-Sozialisten, habe vor 1933 beharrlich gegen die Parteilinie gemeutert.
Der Brandt-Junior agitiert in den Reihen derer, die des Vaters Politik verketzern. Die Falken verwerfen die Annäherung der SPD an die CDU, die Kanzler-Kandidat Brandt gutheißt.
SPD-Chef Brandt: "Wie gut, daß mein Sohn Peter Willy und nicht Willy Peter heißt. Das könnte Anlaß zu Irrtümern geben."
Oberschüler Peter Brandt
Kurze oder lange Hosen?

DER SPIEGEL 24/1965
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BRANDT-SOHN:
Von Papa gelernt

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