23.06.1965

Datum: 21. Juni 1965 Betr. : Hochhuth als Ökonom

Datum: 21. Juni 1965 Betr. : Hochhuth als Ökonom
Was möchte sich einer unter der Meinung der Redaktion" des SPIEGEL vorstellen, einer Redaktion, von gut 80 Journalisten unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Bildung und Ausbildung, Lebens- und Berufserfahrung, von den Unterschieden der journalistischen Fachrichtung ganz zu schweigen? Zu jeder Frage von Belang wird es in dieser Redaktion nahezu jede mit Vernunft nachvollziehbare Meinung geben, niemand wird mit irgend jemand in allem einer Meinung sein - mit Rudolf Augstein nicht, und gewiss nicht mit Rolf Hochhuth. Doch gibt es Leser wie Joachim Gennerich, Bremerhaven, der an den SPIEGEL schreibt: "Da die Redaktion es an einschränkenden Hinweisen wie ,... gibt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder...' fehlen lässt, darf angenommen werden, dass Sie die Ansichten Herrn Hochhuths teilen." Andere Leser gehen, was Rolf Hochhuths Buchbeitrag "Der Klassenkampf ist nicht zu Ende" und den Vorabdruck in SPIEGEL 22/1965 anlangt, noch weiter: "... ist der SPIEGEL zu einer Polemik gegen Professor Erhard übergegangen" (Dr. Einecke, Benefeld); "... reitet das bürgerlich-liberale SPIEGELEIN eine Attacke gegen die Finanzaristokratie" (Hermann Lenke, Hoffnungsthal); "... SPIEGELbild unserer Wohlstandsgesellschaft" (stud. phil. Pinkert, Marburg); "....diskreditiert nicht nur den Autor, sondern auch den SPIEGEL" (Franz Dengler, München); "... meine Augen gerieben und mich vergewissert, dass ich den SPIEGEL vor mir hatte. Was ist eigentlich das SPIEGEL-Konzept?" (Franz Barth, Stuttgart).
Solche Stimmen überwiegen gegenüber Einsichten wie "... nicht auf der Linie des SPIEGEL, der stets den Erhardschen Kurs eines moderierten Laissez-faire unterstützte" (Günther Sander, Hohentengen) und gegenüber Fragen wie: "Identifiziert sich der Herausgeber des SPIEGEL im wesentlichen mit den Hochhuthschen Thesen?" (Dieter Ventzki, Göppingen).
"Der SPIEGEL hat es sich nicht nehmen lassen, dem Aufsatz zusätzliche Verbreitung zu verschaffen", mäkelte der "Industriekurier" (siehe "Der Mann mit dem Dolch im Gewande", Seite 47). Aus Leserkreisen ("Zuschriften stellen nicht unbedingt die Meinung der Redaktion dar") liess sich der "Industriekurier" schreiben: "... bedenklich, dass der SPIEGEL, dem immerhin ein ausreichender Stab gut informierter Wirtschaftsredakteure zur Verfügung steht, das Elaborat ohne jede Spur einer Distanzierung seinen Lesern präsentiert." Hochhuths Klassenkampf" ist, was nach dem Urteil einer Bühnenkritik im Berliner "Kurier" auch seine szenische Papst-Anklage war: "Eifernde Reportage mit Tendenz." Hier wie dort mischen sich Wahrheiten in aufrüttelnder Formelhaftigkeit mit schäumendem Ressentiment und einem Schuss Naivität zu einem nicht durchweg diskutablen, doch allenthalben spontan diskutierten literarischen Gebilde.
Inwiefern wäre es nicht das Metier des SPIEGEL, einem Autor wie Hochhuth die Rostra zu stellen? Und inwiefern bedürfte es umständlicher Vorsprüche, um klarzustellen - inwiefern auch überhaupt einer Klarstellung -, ob jemand im SPIEGEL einer Meinung mit Hochhuth ist?
Hochhuth

DER SPIEGEL 26/1965
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