23.06.1965

VOLKSAKTIENEine statt fünf

"Ich bin es leid", murrte Finanzminister Dahlgrün in der Kabinettssitzung, "daß alle Augenblicke in dieser Sache bei mir angerufen wird."
Die Sache: Mehr als zwei Millionen Bundesbürger drängeln nach Veba -Volksaktien, und unter der schieren Erfolgslast des Wahlschlagers knistert es im Bonner Gebälk.
Nach Schatzminister Werner Dollingers Plan sollten von den 825 Millionen Mark Kapital der Vereinigten Elektrizitäts- und Bergwerks-AG (Bergbau, Chemie, Kraftwerke, Handel und Schifffahrt) 421 Millionen, also 51 Prozent, in Bundesbesitz bleiben; 404 Millionen Mark sollte das Volk bekommen.
Bis zu fünf der Papiere zum Stückpreis von 210 Mark durften bestellt werden, und fast alle Veba-Anwärter, die seit dem Zeichnungsbeginn am 24. Mai die Bank- und Sparkassenschalter belagern, verlangen das Maximum. Am Telephon wurde das Papier bereits zu Zukunftskursen von 270 Mark gehandelt.
In der vergangenen Woche - die Zeichnungsfrist lief noch bis zum 21. Juni - stand fest, daß statt fünf Aktien nur eine, allenfalls zwei für jeden Besteller übrigbleiben würden. Minister Dollinger hatte das Debakel kommen sehen.
Schon vor Pfingsten machte er seinen Ministerkollegen Schmücker, Blank und Dahlgrün am Telephon den Vorschlag, der Bund möge auf seine Mehrheit verzichten und weitere 25 Prozent des Veba-Kapitals, also noch 206 Millionen Mark, zum Verkauf stellen. Dann könne man jedem Interessenten immerhin zwei, vielleicht sogar drei Aktien zuteilen.
Blank und Schmücker stimmten zu, Finanzminister Dahlgrün versprach lediglich, den Plan zu prüfen.
Glatte Absagen holte sich Dollinger bei den Privatisierungsexperten der CDU, Professor Fritz Burgbacher und Hans Katzer. Burgbacher wollte den Bundeseinfluß auf die Energieversorgung erhalten sehen; Katzer - er ist Anführer des linken CDU-Flügels und Vorsitzender des Parlamentsausschusses für wirtschaftlichen Bundesbesitz - wollte den Schutz des Bonner Mehrheitsaktionärs für die künftigen Kleinstaktionäre nicht missen.
Am Mittwoch nach Pfingsten paßte auch Dahlgrün: Der Substanzwert des Veba-Papiers sei mit über 600 Mark ermittelt worden, und es sei unvertretbar, die Papiere in Bundesbesitz für 210 Mark zu verschleudern.
Dollinger preschte allein vor. Auf dem Wiesbadener Mittelstandstag der Christdemokraten am Freitag vorletzter Woche verkündete er: "Ich werde dem Kabinett vorschlagen, bis auf 26 Prozent Bundesanteil herunterzugehen."
Alsbald fielen Burgbacher und Katzer über den Minister her. Im CDU-Fraktionsvorstand erboste sich am vergangenen Montag der Energie-Professor: "Geschäftsgrundlage sind allein die 51 Prozent." Und Katzer: "Man kann nicht heute sagen, wir halten die Majorität, und kaum drei Wochen später alles über den Haufen werfen. Das verstößt gegen die guten Sitten."
Nach der Sitzung trat Dollinger auf Katzer zu: "Eine Hand können Sie mir wohl noch geben." Der tat's, knurrte aber: "Ob ich Ihren Plan morgen im Besitzausschuß erörtern lasse, das weiß ich noch nicht."
Der Plan wurde erörtert, und wieder unterlag Dollinger. Mit den Sozialdemokraten, die schon immer gegen die Privatisierung waren, und den Freien Demokraten, die nur eine völlige Privatisierung gutheißen, votierte auch die CDU geschlossen gegen zusätzliche Opfer des Bundes.
Dollinger jedoch focht weiter. In der Kabinettssitzung am Mittwoch letzter Woche verteilte er hektographierte Handzettel an die Minister: Es gelte, eine politische Chance zu nutzen. Von den Aktienbestellern gehörten 87 Prozent zur bevorzugten Gruppe 1, das heißt, sie verdienen weniger als jährlich 8000 Mark (Ledige) oder 16 000 Mark (Verheiratete).
Man dürfe sie keinesfalls mit "noch nicht einmal zwei Aktien abspeisen". Und selbst diese Quote werde sich kaum halten lassen, da noch die Ergebnisse von vier Zeichnungstagen ausstünden. Bei der VW-Privatisierung seien mehr als 40 Prozent des Kapitals in den letzten sechs Tagen gezeichnet worden.
Das bedrohliche Bild enttäuschter Wählerscharen machte Eindruck. Verkehrsminister Seebohm riet, man solle doch einfach die ganze Veba privatisieren. Dahlgrün, - des Streits überdrüssig, resignierte.
Es wurde beschlossen, weitere 25 Prozent der Veba auf den Markt zu werfen und dem Bundestag eine entsprechende Eilvorlage zuzuleiten, die er noch vor den Sommerferien genehmigen soll.
Um den zusätzlichen Verkaufserlös von 433 Millionen Mark entbrannte in der Kabinettsrunde sogleich reger Wettbewerb. Dahlgrün wollte ihn der Bundesbahn zuschanzen, um Subventionen zu sparen. Minister Stücklen beanspruchte ihn für seine Post. Zuruf aus der Versammlung: "Nein, für das Deutsche Gemeinschaftswerk!"
Vergangenen Freitag trat Volkskanzler Erhard selbst vor die Bonner Presse, um den neuen Aktiensegen anzukündigen.
Ehe er jedoch Wirklichkeit wird, muß das Parlament zustimmen, und bisher haben sich sowohl die CDU-Fraktion als auch der zuständige Ausschuß den Wünschen Dollingers versagt. Hans Katzer achselzuckend: "Ich wüßte nicht, wie das noch klappen soll."
Industriekurier
Das Volk will satt werden

DER SPIEGEL 26/1965
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