23.06.1965

NACH DEN PREUSSEN DIESMAL NICHT GERUFEN

Für jeden prachtvoll dekorierten Würdenträger Kleineuropas, der sich unter dem Baldachin vor Großbritanniens Botschaft aus dem Fahrzeug schälte, stieß, auf ein Zeichen, die Garde ins Horn. Rotfräcke Ihrer Britannischen Majestät holten den Schönen von Brüssel mit militärischem Griff die Nerze von der Schulter, denn es galt zu feiern, und da hatte niemand Grund zu frösteln. Schottische Krieger bliesen zum Tanz, riesige Dragoner und Coldstream-Gardisten zierten mit blanken Schwertern das Treppenhaus, britische Herzoginnen mit ihren Diademen den Salon.
Die Damen hatten Frisuren und Roben dem Umstand anpassen lassen, daß es sich um einen bereits etwas zurückliegenden Sieg handelte - einen, der Europa den Weg in unvergeßliche Walzerseligkeit geebnet hat.
In biedermeierlichem Après-Waterloo dreht man sich vor der Tafel mit dem kleinen, silbernen Reiterstandbild des Herzogs von Wellington, dessen Auge napoleonisch düster auf Bergen von Schweinepasteten und blutigem Roastbeef ruht. Unter den Lebenden erblickt man einen gesunden Nachkommen des Siegers und das lebenslustige Paar Albert und Paola als königliche Repräsentanz des belgischen Staates, der den Wellingtons Pension bezahlt, weil er ohne Waterloo vermutlich nicht entstanden wäre.
Nachfahren britischer Schulbuch-Helden, Kommandeure der Regimenter, welche die Ehre hatten, in der Schlacht zu verbluten, Erben von Fürsten, die von der Schlacht profitierten - eine gravitätisch rückwärts gerichtete Gesellschaft bevölkert an diesem Abend des 15. Juni 1965 das frisch verputzte Barock-Palais an Brüssels Rue Ducale Nummer 17.
Wer draußen auf dem Feld bei Waterloo das Denkmal für die gefallenen Hannoveraner und an der Meierei Haie Sainte die frisch vergoldete Inschrift zum Ruhme der Offiziere studierte, die "voll hannöverschen Heldenmuths" ins Gras gebissen haben sollen, kann nicht überrascht sein, beim mitternächtlichen Ballvergnügen auch Ernst August, dem galanten Schattenkönig von Hannover, zu begegnen.
Zum Schleifrhythmus eines English -Waltz gleiten Lord und Lady Gordon-Lennox dahin, unentbehrlich, weil Nachfahren des Herzogs und der Herzogin selig von Richmond, die das Fest, das man hier 150 Jahre nach der Schlacht als eine Art Dornröschen-Pantomime wieder ins Leben rief, seinerzeit in ihrem Brüsseler Haus gegeben haben - drei Tage vor der Entscheidung. Damen seien damals, heißt es, in Ohnmacht gefallen, als man dem Zecher Wellington Napoleons verfrühten Anmarsch meldete, und als Poeta laureatus betätigte sich Lord Byron, dessen Verse nunmehr durchs Mikrophon gehaucht werden, ehe man zum Slowfox übergeht. "Ein Brautfest scheint's .... doch horch, ein dumpfer Ton wie Grab-Laut hallt zurück."
Nur das Haus Preußen, dessen Blücher die Bataille rettete, und Frankreich sind nicht vertreten. General de Gaulles Botschafter in Brüssel hat es sich unter diplomatischem Vorwand versagt, in diesem Kreise festlich der Vernichtung Bonapartes zu gedenken. Und angesichts der Auswirkungen britischer Waterloo -Trunkenheit kann man ihm den guten Instinkt nicht absprechen.
Mit dem schwerhörigen Eifer eisenbahnspielender Väter haben Diplomaten und Militärs Ihrer Majestät den Geist des Schlachtfeldes beschworen und dabei nicht nur die empfindsamen Repräsentanten der Grande Nation zu unerquicklichen Assoziationen genötigt.
Für die Belgier, die 1815 teils mit, teils gegen Napoleon kämpften, ist Waterloo nicht unbedingt ein Schauplatz innerer Einigkeit. Der Unannehmlichkeit, daß ihre Ahnen 1815 für weniger als das Vaterland starben, versucht die Inschrift am belgischen Ehrenmal gerecht zu werden. Sie rühmt die "Mitstreiter für die Verteidigung der Fahne und die Ehre der Waffen".
Das Wahrzeichen der Walstatt, ein Denkmalslöwe auf künstlich aufgeschüttetem Erdkegel, wurde noch vor der Geburt des belgischen Staates von den Holländern errichtet. Dräuend blickt er vom Boden Walloniens in Richtung Frankreich, aber dabei kneift er seit mehr als 100 Jahren den Schwanz ein, der ihm, ein Ersatzstück, an den Hinterbeinen festgelötet wurde, nachdem das erste, nach oben gerichtete Exemplar angeblich den in Wallonien äußerst zahlreichen Verehrern Napoleons zum Opfer gefallen war.
Belgische Anbeter des Verlierers von Waterloo haben letzte Woche an allen Kampfplätzen des Schlachtfelds ihre Lorbeerkränze niedergelegt, während die Regierung in Brüssel sich an Frankreichs kühler Reserve ein Beispiel nahm und am regenfeuchten Tage der Schlacht nicht einen Mann zum großen Aufmarsch der britischen Waffenfreunde entsandte.
Nur noch eine Abteilung der königlich-niederländischen Armee nahm die gewünschte Hab-acht-Stellung im bunten Karree der Briten ein, die am Nachmittag vor den zum Altar getürmten Trommeln der Garde zum Feldgottesdienst bliesen.
Innerhalb des zerfallenden Ziegelwalles der Ferme Hougoumont - dort, wo sich 150 Jahre zuvor britische Garden, Nassauer und Hannoveraner den halben Tag lang im Nahkampf gegen die anstürmenden Mannen von Napoleons Bruder Jérôme gehalten haben, gaben nun vor Altar und Fernsehkamera tausend durchnäßte Männer aus vier Dutzend alten Regimentern, betend, inmitten von Kuhfladen ein Schauspiel ungebrochener militärischer Tradition. Nur das war übergeblieben von den britischen Plänen zur Rekonstruktion der Bataille, die am unsoldatischen Mißmut der alten Kombattanten scheiterten.
"Der Umstand, daß drei Kapläne, katholisch, anglikanisch und presbyterianisch, diesen Feldgottesdienst zelebrieren", beschwichtigte die Britische Botschaft in einem Kommunique, "erweist eindeutig den rein religiösen Aspekt der Feier".
Freilich, neben Wellingtons altem Stabsquartier in Waterloo haben die Engländer eine Ausstellung gestaltet, in der neben jedem Schottenschwert genießerisch von den damit geköpften oder halbierten Franzosen berichtet wird.
Gewehrfeuer, Kampfgeschrei und Hornsignale aus dem Deckenlautsprecher fördern die Kriegslust im Beschauer, dem begütigend mitgeteilt wird, die totale Abwesenheit von Ärzten hätten damals (nachdem mehr als 60 000 Soldaten in ihrem Blut lagen) die "Bemühungen der guten Damen von Brüssel ... in hohem Maße" wettgemacht. Nebenan, in Wellingtons Unterkunft, verkauft eine gute Dame Haubitzen für die Kinder.
Man habe ja erstmals so recht Gelegenheit, in Andacht an Waterloo zu denken, erläutert das Kommuniqué des Britischen Botschafters. Und warum? Zu guter Letzt wird es nun auch noch den Deutschen gegeben, die sich bemüht haben, es Franzosen und Briten recht zu machen: "Zum 100. und 125. Jubiläum fochten Briten und Franzosen auf belgischem Boden gegen einen gemeinsamen Feind ... "
Zwei Freiwillige aus einem belgischen Mechanikerkurs der Bundesluftwaffe hatten eigens ihre Uniformen aus der Heimat geholt, um am Tag von Waterloo als Handlanger der Heldenverehrung dienen zu können. Sie trugen die Lorbeerkränze mit den - vorsichtshalber - wortlosen Schleifen der Bundesrepublik. Der, deutsche Heeres- und der Luftwaffen-Attaché, die mit ihnen im Kombi von Denkmal zu Denkmal fuhren - zuletzt zum preußischen, das Bonn für teures Geld auf Hochglanz hatte bringen lassen, und gar nicht zum hannoverschen -, trugen auf der Brust die Orden des vergangenen Weltkriegs.
Nach den Preußen wurde diesmal nirgends gerufen. Sie haben keinen Kurs auf dem Jahrmarkt des Andenkenhandels. Ihre Rolle im Wachsfigurenkabinett und in den Schlachtenkinos von Waterloo ist die eines Hauptdarstellers ohne Gesicht. Ein paar Köpfe Wellingtons hält man auf alle Fälle in den Souvenir-Läden auf Vorrat. Von Blücher sah ich kein einziges Andenken. Napoleon ist der Sieger. Ein Kaiser für alles: als Schuhlöffel, Korkenzieher, Wettermännchen und rasender Kurzfilmheld im "Panorama" des dicken wallonischen Gastwirtes Norbert Brassine, der unter dem Zeichen "N" das Geschäft seines Lebens macht und, wie er sagt, auf einen Platz unter den Unsterblichen hofft.
Am Vorabend des 18. Juni beendete er in der Uniform eines napoleonischen Kürassiers einen selbstverordneten Gewaltmarsch von der Mittelmeerküste nach Waterloo. Dort küßte er, schweißnaß unter seiner schmutzigen Bärenmütze, die Honoratioren der dankbaren Schlachtfeldgemeinden und entzündete vor seinem Parkplatz eine ewige Propangasflamme für den Kaiser.
Dann veranlaßte er die Menge der Schlachtenbummler zum ersten und einzigen Jubelruf des gesamten Waterloo-Jubiläums: Vive la France!
Waterloo-Marschierer Brassine (l.)
"Horch, ein dumpfer Ton...
... wie Grab-Laut hallt zurück". Schotten bei der Waterloo-Feier auf dem Schlachtfelde*
* Im Hintergrund: der Löwenhügel.
Von Peter Brügge

DER SPIEGEL 26/1965
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