23.06.1965

AKTIENKrebs an der Börse

Bonns Volksaktien-Minister Dollinger war der einzige Wertpapiermakler, der stürmische Nachfrage melden konnte. Abseits vom Run auf Dollingers neue Veba-Papiere welken die westdeutschen Aktienkurse.
Obwohl zahlreiche Gesellschaften für das vergangene Jahr mehr Dividende verteilten, obwohl das Konjunktur -Hoch anhält und Schlüsselindustrien wie die Chemie-, Auto- und Elektrobranchen auch für 1965 glänzende Geschäfte melden, regte sich an den Börsen nichts. Der Kursindex lag in der vergangenen Woche niedriger als zu Beginn des Jahres, niedriger auch als Anfang 1964 (siehe Graphik).
Der Kursverfall erscheint den Börsenexperten nachgerade so unheimlich und rätselhaft wie den Ärzten der Krebs, und sie stellen immer neue Listen möglicher Ursachen auf. Die "Zeit" zählte "allein zwölf Argumente, mit denen Banken, Börsendienste und Zeitungen den Aktionären klarzumachen suchten, warum es so und nicht anders kommen mußte". Der Katalog reichte von den konjunkturdämpfenden Maßnahmen der Bundesbank über die Angst vor einem SPD-Wahlsieg bis zu de Gaulles Europa-Kapriolen und Englands Währungsnöten.
Solche Ursachenbündel, jeweils aus den Tagesmeldungen herausgesucht, erklärten die Krankheit jedoch nicht erschöpfend. Die deutschen Aktienkurse sind schon viel länger marode, als es die Pfundkrise oder die Kuponsteuer gibt.
Der Index hat bisher den Gipfelpunkt nicht wieder erreicht, geschweige überschritten, auf dem er im Sommer 1960 angekommen war. Wer vor fünf Jahren Aktien kaufte, hat dabei in der Regel einen bis heute nicht wettgemachten Vermögensverlust erlitten.
Damit ist ein alter Erfahrungssatz der Börse in Frage gestellt. Bisher galt als ausgemacht, daß zwar die Kurse nach einem langen Anstieg zunächst wieder fallen, dann aber in der nächsten Hausse den jeweils zuvor erreichten Höchststand übertreffen. Demonstrationsbeispiel für die These ist Amerika (siehe Graphik).
Ernst Matthiensen, Aufsichtsratsvorsitzender der Dresdner Bank, bekräftigte zu Beginn dieses Jahres: "Es spricht einiges dafür, daß sich in diesem Trend langfristig keine andere Entwicklung zeigen kann."
In Westdeutschland jedoch ist gerade der Rekord von 1960 die Hauptursache dafür, daß es zu einem neuen und höheren Aufschwung nicht kommen will: Die Bundesbürger haben den Kater immer noch nicht überwunden, der jener Kurs-Orgie folgte.
Angelockt von dem über Jahre stetigen und schließlich hektischen Wertanstieg der nach dem Kriege zunächst vernachlässigten Aktien, hatten sich Bezieher mittlerer und kleiner Einkommen immer zahlreicher auf die scheinbar risikolosen Wertpapiere gestürzt. Die durch Volksaktien-Aktionen und Schalterpropaganda der Banken eifrig geförderte "Popularisierung der Aktie" tat ein übriges, auch solche Anleger zu interessieren, die bis dahin die Börse eher als unmoralische Anstalt betrachtet hatten.
Die Welle war gerade richtig in Schwung gekommen, als die Kurse kippten. Über den "schwarzen Dienstag"
- am 29. Mai 1962 schrumpfte der Wert
der börsennotierten Aktien um mehr als zehn Prozent oder etwa sechs Milliarden Mark - und die Kubakrise rutschten die Kurse in den Keller. Zahlreiche Neulinge, die zu Höchstkursen gekauft hatten, verloren binnen eines Jahres die Hälfte ihres Einstandes.
Die Aktien der August-Thyssen-Hütte etwa fielen zwischen 1961 und 1962 von 320 auf 160 Punkte, die der Bayerwerke von 818 auf 377.
Der Schock trieb das gerade erst erschienene Publikum zur Massenflucht. Nach Feststellungen der Bayrischen Hypotheken- und Wechsel-Bank wären von den Netto-Aktienkäufen (Käufe abzüglich Verkäufe) im Hausse-Jahr 1961 über 53 Prozent auf Rechnung privater Haushalte gegangen; 1963 waren es nur noch 5,7 Prozent.
Die Aktienumsätze in den drei Spitzenjahren 1958 bis 1960, zum Nominalwert gerechnet, sind seither nie wieder erreicht worden; im ersten Quartal dieses Jahres wurden an den deutschen Börsen nicht einmal halb so viele Aktien umgesetzt wie 1959 und sogar weniger als 1955.
Nicht alle verschreckten Börsen-Novizen schworen dem Aktienkauf gänzlich ab. Die Investmentgesellschaften, deren Fonds von Bankexperten für die Anteilseigner verwaltet werden, melden trotz der Kursmisere alljährlich gute Absatzerfolge für ihre Zertifikate.
Auch neu ausgegebene Volksaktien genießen eine Sonderstellung. Ihr von Bonn festgesetzter Preis hat sich in der Vergangenheit stets als so niedrig erwiesen, daß den Käufern ein sicherer Kursgewinn winkt, sobald die Aktien an der Börse gehandelt werden.
Solcher Ausnahmen ungeachtet, scheut die Masse der westdeutschen Sparer seit vier Jahren den Aktienerwerb. Den Bundesbörsen fehlt damit jene Stütze, auf die sich New Yorks Wall Street verlassen kann: das Privatpublikum, das Aktien mit eigenem Sachverstand und von Maklerfirmen beraten als Daueranlage erwirbt und sich durch Kursschwankungen nicht so leicht in Panik versetzen läßt.
Auch einer anderen potenten Käufergruppe muß der westdeutsche Aktienmarkt entraten. In der Bundesrepublik haben Pensionsfonds der Industrie, Stiftungen oder treuhänderische Nachlaßverwaltungen, die in den USA stets als Aktienkäufer am Markt sind, nur einen bescheidenen Umfang.
Das Stimmungsbild, das Siemens -Vorstand Dr. Heribald Närger Anfang dieses Jahres von den deutschen Börsen zeichnete, entspricht somit seit langem der tristen Wirklichkeit: "Die Börse kommt mir vor wie ein Etablissement, in dem die Oberkellner aus Langeweile Billard spielen, weil die Gäste ausbleiben."
Bisher ist noch kein Mittel gefunden worden, das die Gäste wieder zurückbringt. Genausowenig wie durch gute Wirtschaftsnachrichten ließen sie sich durch die im Mai vom Bundestag verabschiedete Aktienrechtsreform beeindrucken. Dabei enthält dieses Gesetz so aktionärsfreundliche Bestimmungen wie die, daß die Hauptversammlung über die Verwendung von 50 Prozent des Jahresgewinns entscheiden kann. Auch wurde der Mindestnennwert für eine Aktie von bisher 100 auf 50 Mark herabgesetzt.
Die Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Wertpapierbörsen beschloß Anfang Juni, künftig schärfer darauf zu achten, daß die Gesellschaften mit börsennotierten Aktien ihrer Publizitätspflicht voll nachkommen. Arbeitsgemeinschafts-Vorsitzender Albert von Metzler- kündigte darüber hinaus an: "Die Börsenpräsidenten möchten... Maßnahmen anregen, die einem weiteren Kursverfall entgegenwirken und zu einer gewissen Entspannung am Kapitalmarkt führen."
Ihre Anregungen hüllten die Börsen-Chefs "in voller Absicht in ein mystisches Dunkel" (Kurt Forberg, Düsseldorfer Börsenpräsident). Andere Experten sind nicht so zurückhaltend. Ernst Matthiensen von der Dresdner Bank plädiert seit langem dafür, auch in Deutschland die in Amerika vorherrschende nennwertlose Aktie einzuführen. Damit würde anstelle der für Börsen-Laien oft verwirrenden Kursnotierung in Prozenten des Nennwerts der Stückpreis in Mark und Pfennig treten; die Dividende, ebenfalls als Barsumme je Aktie ausgedrückt, stünde in leicht faßlichem Verhältnis zum Stückpreis.
Angesichts der sturen Aktien-Abstinenz der bundesdeutschen Sparer versprechen zwar weder mystische Maßnahmen der Börsenpräsidenten noch die nennwertlose Aktie sicheren Erfolg. Dennoch blieben Berufsbörsianer auch in der tiefsten Kurs-Lethargie optimistisch.
Commerzbank-Vorstand Paul Lichtenberg wies hoffnungsfroh darauf hin, daß "sich nun schon seit längerem viel anlagebereites Kapital in Wartestellung" befinde. Ernst Matthiensen maß die deutschen Börsenchancen an der Tatsache, daß Amerikas Kursbarometer, der Dow-Jones-Index, vor dem Ersten Weltkrieg auf 60 stand und im vergangenen Monat auf über 900 geklettert war.
Versicherte Matthiensen: "Aktienanlagen können kurzfristig gutgehen, langfristig müssen sie eigentlich gutgehen."
Hamburger Börse, Juni 1965; Kater beim Publikum
Die Zeit
"Alle rauchen - nur der Eine nicht?"

DER SPIEGEL 26/1965
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