23.06.1965

BASFTimms Sterne

Es war in der Nacht vom 19. zum 20. März 1945, als die Amerikaner sich formierten, um die schwer zerbombte Stadt Ludwigshafen zu überrollen. Carl Wurster, Chef der Badischen Anilin- & Soda-Fabrik, hatte allen Mitarbeitern geraten, zu verschwinden.
Am Bunkerausgang gegenüber der Verwaltung jedoch traf Wurster noch auf einen hochgewachsenen Physiker, der seinem Befehl nicht gefolgt war und der in hartem Norddeutsch kundtat: "Ich glaube, jetzt wird's interessant. Außerdem kann ich ein paar Sprachen, wenn Sie einen Dolmetscher brauchen."
Wursters Dolmetscher von 1945 avancierte jüngst zum neuen Generaldirektor des Chemiekonzerns Badische Anilin- & Soda-Fabrik AG (BASF): Dr. phil. nat. Bernhard Timm, 56. Der alte BASF-Boß, Professor Carl Wurster, 64,
ging in Pension und übernahm den Aufsichtsratsvorsitz des Unternehmens.
Wurster lobt seinen Nachfolger als "Sprachgenie", denn Timm parliert englisch, französisch, italienisch, spanisch, holländisch und portugiesisch so perfekt, daß er sogar Dialekte beherrscht. Einer Gruppe römischer Wirtschaftsprüfer hielt Timm in Ludwigshafen in ihrer Sprache ein 45-Minuten -Referat über die Bilanzkniffe der BASF, die unter seinem Vorgänger die drittgrößte Chemiegesellschaft der Bundesrepublik wurde (nach Bayer Leverkusen und den Farbwerken Hoechst).
Carl Wurster hatte ebenso durch eigene Erfindungen wie durch sozialpolitische Alleingänge in der Branche von sich reden gemacht. Schon 1945 führte er den arbeitsfreien Samstag ein, die 48 Wochenstunden wurden auf fünf Tage verteilt. 1952 ordnete er für alle Lohnempfänger die Zahlung des vollen Lohnes im Krankheitsfall an. 1956 ernannte er 5600 bewährte Arbeiter zu sogenannten Werksangestellten und 4000 Arbeiter, die länger als 25 Jahre bei der BASF dienten, zu Ehrenangestellten und stattete sie mit vollen Angestelltenrechten aus.
Sein letztes Geschäftsjahr krönte Carl Wurster mit Rekorden. Der Umsatz war auf 3,76 Milliarden Mark und das Aktienkapital auf 1,1 Milliarden Mark gestiegen, die 226 000 Aktionäre kassierten eine 20prozentige Dividende. Von der Konzern-Neugründung im Jahre 1952 bis zu seiner Pensionierung hatte Wurster 4,06 Milliarden Mark in neue Forschungs- und Produktionsanlagen gesteckt.
Wursters Nachfolger Bernhard Timm ist der Sohn eines Pinneberger Getreidekaufmanns und wird in der BASF gelegentlich "der Sterngucker" genannt.
Der 1,82 Meter große Holsteiner hatte Mathematiker werden wollen. Aber schon nach dem ersten Semester Mathematik an der Heidelberger Universität war er zu Physik und Astronomie umgeschwenkt. Seine astronomischen Übungen absolvierte er an der Königstuhl-Sternwarte in Heidelberg:
Die astrophysikalische Doktorarbeit blieb unvollendet, statt dessen promovierte Timm als Physiker. Aber die Sterne ließen ihn nicht los: Sein Lehrer empfahl ihn als Assistent zur Privatsternwarte des Nobelpreisträgers Carl Bosch, der zugleich als Generaldirektor den IG Farben vorstand. Zwei Jahre observierte Bernhard Timm für Bosch die Sterne, dann trat er - 1936 - als Physiker in das Ammoniak-Laboratorium der BASF in Ludwigshafen ein.
Timm aus Pinneberg war ein Namenloser in einem Heer von Akademikern; eine Karriere zeigte sich "in keinster Weise" (Timm). Bei Kriegsende leitete er eine Forschergruppe, die samt ihm aus zwei Personen bestand.
Sein Stern ging erst auf, als er zu Wursters Dolmetscher und Mitarbeiter ernannt wurde: 1948 erhielt er Prokura, 1950 den Titel Direktor, 1952 - als der BASF-Vorstand neu bestellt und Carl Wurster Generaldirektor wurde - zog ihn Wurster sofort als stellvertretenden Generaldirektor und Kronprinzen nach.
Wurster betraute seinen Zögling schließlich mit der Leitung der gesamten BASF-Produktion. Timms Meisterstück: Aufbau der Rheinischen Olefinwerke auf einer grünen Wiese in Wesseling bei Köln, eines Ölchemie-Gemeinschaftsunternehmens mit der Shell AG.
Zu Beginn dieses Jahres gab Timm das Produktions-Ressort ab und übernahm das "Personal- und Sozialwesen", das er auch während seiner Generaldirektor-Tätigkeit behalten will. Timm: "Personalfragen sind alles."
35 Autominuten von Ludwigshafen entfernt, in Heidelberg, bewohnt der nue BASF-Chef auf einem 2000 Quadratmeter großen Hanggrundstuck ein Einfamilienhaus mit Blick auf die Stadt, das er allein mit seiner Frau Helma, einer Bayerin aus Neu-Ulm, bewohnt. Sein 28jähriger Sohn Bernhard Dieter arbeitet nach dem Studium als Betriebswirt in der Schweiz.
Sterngucker Timm, der gern, von Kompaß und Himmelsgestirn geleitet, nachts in den unwegsamen Vogesen wandert, sieht seine Aufgabe in Ludwigshafen klar: Allein während der nächsten vier Jahre gedenkt er in die Werke der BASF soviel Geld zu investieren wie Vorgänger Wurster in 13 Jahren - etwa vier Milliarden Mark.
BASF-Chefs Timm (l.), Wurster
Aufstieg aus dem Bunker

DER SPIEGEL 26/1965
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