23.06.1965

NORDRHEIN-WESTFALENOpas Radio

Er ist 22 Zentimeter hoch, 37 Zentimeter breit und 19 Zentimeter tief, hat ein rotbraunes Bakelitgehäuse mit Stoffschallwand und soll an arme alte Deutsche verschenkt werden: der neue Volksempfänger.
Das Äther-Almosen steckt dem nordrhein-westfälischen SPD-Chef Heinz Kühn, 53, im Sinn. Er möchte mit der 15-Millionen-Gabe 120 000 nordrhein-westfälische Altbürger über 65, die weniger als 250 Mark Monatseinkommen haben, "stärker in das gesellschaftliche und mitmenschliche Geschehen integrieren".
Die Ur-Idee stammt allerdings von jemand anderem - von dem Intendanten des Westdeutschen Rundfunks (WDR), Klaus von Bismarck. Er wertete es als ein "Zeichen für hochgradige soziale Isolierung", daß viele betagte
Bürger - wie sich bei statistischen Erhebungen über die Hörerdichte ergab - kein Rundfunkgerät besitzen.
Der Intendant sann auf Abhilfe. Zuerst dachte er daran, den Alten gebrauchte Rundfunkgeräte zur Verfügung zu stellen. Dann wandte er sich an den Fachverband der Rundfunk - und Fernsehindustrie mit der Anregung, ein spezielles Gerät für alte Leute zu konstruieren, da die "auf dem Markt befindlichen Geräte ... in der Bedienungstechnik oft zu kompliziert und auch zu empfindlich" seien.
Nur eine Firma griff den Vorschlag bisher auf: Das Saba-Werk in Villingen präsentierte ein Gerät, das - nur mit Empfang im UKW-Bereich und zusätzlichem Kopfhörer - nach Definition des WDR "einfach, leicht bedienbar, stabil, klangvoll und schön, vor allem aber preiswert ist". Das Rentner-Radio soll 118 Mark kosten.
Diesen Preis hoffte WDR-Intendant Bismarck mit Hilfe von Zuschüssen ("Ich dachte, auch der Sozialminister würde uns beistehen") noch erheblich zu senken. Doch das Düsseldorfer Ministerium teilte dem Kölner Funkherrn mit, für solcherlei Sozialhilfe stünden im Haushalt keine Mittel zur Verfügung. Mit dieser Absage schien Opas Radio tot zu sein. Nun aber griff Oppositionschef Kühn den Einfall auf und suchte seinerseits nach einem potenten Finanzier - und kam schließlich auf das Funkhaus selbst.
Der WDR erzielt Jahr für Jahr erhebliche Überschüsse (1964: 25 Millionen Mark), die er laut Rundfunkgesetz für kulturelle Zwecke ausgeben muß. Er unterstützt damit Theater und junge Schauspieler, fördert die Forschung oder erwirbt in Einzelfällen Gemälde für Museen.
Kühn erkannte, daß "diese Mittel sich durchaus eignen", ein Fünf-Jahres-Programm zu finanzieren: Bei einem jährlichen Aufwand von drei Millionen Mark sollen in jedem Jahr 25 000 betagte Bürger kostenlos mit einem Volks -Gerät bedacht werden.
Wenn der WDR-Verwaltungsrat dem Plan seines stellvertretenden Vorsitzenden Kühn zustimmt, könnte der SPD -Chef im April nächsten Jahres die ersten Volksempfänger verteilen - etwa ein Vierteljahr vor den Landtagswahlen.
SPD-Politiker Kühn, Rentner-Radio
Almosen aus dem Äther

DER SPIEGEL 26/1965
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