23.06.1965

RUSSENKaviar im Bus

Ein paar Dutzend Kurgäste fröstelten am Cuxhavener Steubenhöft. "Wenig Leute", sprach Natalia Mantorowa von der Kölner Vertretung der sowjetischen Reiseorganisation Intourist. "Wenn in Italien Schiff einläuft, halb Neapel arbeitet nicht."
Die Waterkant aber nahm am vorletzten Samstag gelassen hin, daß zum erstenmal in der Nachkriegsgeschichte eine größere Gruppe russischer Touristen in die Bundesrepublik einkehrte. Ein sprachkundiger Angestellter der Kai-Verwaltung entbot den 291 Sowjetmenschen an Bord der 5261 Tonnen großen "Baschkirija" über Lautsprecher ein Willkommen in der "Federatiwnaja Respublika Germanii".
Zur offiziellen Begrüßung hatte sich, von der Bonner Sowjetbotschaft mobilisiert, allein eine kleine Delegation des "Landesfriedenskomitees Hamburg" eingefunden. Zwei bezopfte Schulmädchen hielten rote Rosen in den Fäusten, ein Friedenskämpfer im Rentenalter trug ein Topfgewächs. Friedenskämpferin Clara Thomsen, 65 Jahre alt und "schon seit 1950 dabei", verkündete: "Als Schreckgespenst stehen bei uns Atomminengürtel und Notstandsgesetz vor uns."
Aussteigen durften die Russen zunächst nicht. Denn die sowjetische Reiseleitung wollte die Pässe ihrer 291 Schutzbefohlenen zunächst nicht aus der Hand geben und sie der deutschen Paßkontrolle gesammelt vorlegen. Die Deutschen aber bestanden darauf, daß (wie üblich) jeder Tourist seinen Paß selber vorzeigte - was German I. Wladimirow von der Bonner Sowjetbotschaft als einen "unverständlichen" Akt westdeutscher Bürokratie wertete.
Gleichwohl halfen die fast zwei Stunden Verzögerung, zaghafte deutschsowjetische Kontakte zu fördern. Eine deutsche Touristin entdeckte an der Reling eine attraktive Russin vom Simone-Signoret-Typ und konstatierte angesichts hochgesteckten Blondhaars: "Die sieht ja direkt gut aus."
Als hätten die Russen verstanden, schleuderten sie zunächst ein graues Spielhäschen, dann Süßigkeiten und schließlich ein Schaumgummipüppchen für ein deutsches Kleinkind namens Petra auf den Kai. Der höchstmögliche Grad der Verständigung war erreicht, als russischer Schnaps von Bord geflogen kam. Ein deutscher Bürger entleerte das Mini-Fläschchen vor den fleißig knipsenden Kameras der an der Reling aufgereihten Sowjet-Touristen.
Als die Russen endlich von Bord durften, übernahmen das Deutsche Reisebüro (DER) und Hapag-Lloyd die Organisation. Die Russen wurden erst nach Lübeck transportiert, wo sie etwa eine halbe Stunde lang in der Altstadt Backstein-Gotik, dann nach Hamburg, wo sie etwa eine Stunde lang am Rathaus Neurenaissance in Augenschein nahmen. Auf der Fahrt über Land überkam sie das Wundern, daß in Deutschland Leute noch in strohgedeckten Häusern wohnen müssen.
Ein Börsengericht im Hamburger Ratsweinkeller - preiswertes Stammessen - schlugen die Russen entgegen einem Hapag-Lloyd-Vorschlag aus. Die russische Reiseleitung wollte offenbar Devisen sparen und verabreichte ihren Landsleuten statt dessen Kaviar-Brote als Wegzehrung.
Am Abend desselben Tages waren die Russen wieder an Bord, um nach Kopenhagen weiterzudampfen. Sie hatten, in amerikanischem Tempo, Deutschland in elf Stunden bewältigt.
Wie man als Sowjetbürger in den Genuß einer 20tägigen Kreuzfahrt komme, wurde der Kapitän der "Baschkirija" gefragt. Ganz einfach: Es genüge "der Wunsch und Geld zu haben". Wieviel Geld erforderlich ist, wußte der Kapitän nicht zu sagen.
Russische Touristen in Cuxhaven: Deutschland in elf Stunden

DER SPIEGEL 26/1965
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